Amokläufe und Terrorismus – Eine Annäherung an das Phänomen

KOMMENTAR: Das Ergebnis der R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2016“ zeigt, wie die Angst vor terroristischen Anschlägen anwächst: Im 25. Jahr der Studie liegt der Wert auf 73 Prozent und nimmt damit in einem Jahr um 21 Prozentpunkte zu. Damit markiert die Angst vor Terroranschlägen den ersten Platz des Angstindex. Dabei beinhalten diese Zahlen nicht einmal die neusten Entwicklungen: Ein Einkaufszentrum und ein Schnellrestaurant in München oder ein Zug bei Würzburg – überall kann die undefinierbare Gefahr zuschlagen. Sogar ein Minderjähriger kann mit einer Axt das ganze Land in Schrecken versetzen.

Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was als Terrorismus begriffen wird – nämlich definitionsgemäß Angriffe auf die öffentliche Ordnung – und Amokläufe, die vielmehr als Taten von Einzelnen zu verstehen sind. Allerdings zeigt die Betrachtung des Phänomens Attentat deutlich, dass es hier grundsätzlich keine Trennungsschärfe zwischen den Begriffen gibt. Da Terror eine ideologische Aufladung einer Tat bedeutet, die auf die Motivation des oder der Täter abhebt, ist sie dem Vollzug meist nicht abzulesen. Terror zeigt sich nämlich als getragen durch Symbole. Findet man bei einem Täter eine selbstgezeichnete IS-Flagge, so scheint der Fall klar: Die Psychologisierung macht den Täter zum Terroristen.

Aber auch, wenn sich Organisationen nachträglich zu Anschlägen bekennen und sie damit für sich vereinnahmen, wird der Tat eigentlich nur ein Symbol beigefügt, was auf die eigentliche Funktion von Terror hindeutet. Es ist keine militärische Strategie im klassischen Sinne, es wird kein Raum in Anspruch genommen, vielmehr geht es um das Erschaffen und das Schüren von Angst auf Seite der Betroffenen. Gleichzeitig sollen dabei – wie eine Art Bumerang-Effekt – die Sympathien derer gestärkt werden, die sich bereits im ideologischen Umfeld der Organisationen herumtreiben. Terror ist demnach ein Prinzip der Kommunikation. Er liegt sehr nahe am Feld des politischen Widerstandes und traditionsgemäß wird damit auch auf Oppositionelle verwiesen. Eindrucksvoll ist dies derzeit in der Türkei zu sehen, wo nach einem gescheiterten Militärputsch der türkische Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan eine „Säuberungsaktion“ durchführt.

Aber wie kann ein Anschlag, bei dem Menschen sterben, in jemandem Sympathien wecken? Um dies zu verstehen, muss grundsätzlich ein Weltbild angenommen werden, das eben nicht darauf abzielt, alle Menschen als gleichwertig zu verstehen. Vielmehr muss für einen Sympathisanten ein gewisses, arbiträres Merkmal vorhanden sein – und Religion ist hierfür nur das populärste Beispiel – welches alle diejenigen abwertet, die dieses Merkmal nicht teilen. Eine solche Weltsicht impliziert ein Denken in Schubladen, das uns alle berührt. Ob man sich nun für besonders hält, weil man Deutscher ist, oder Veganer – ein jeder interpretiert gewisse Eigenschaften als Beleg für die eigene Überlegenheit. Besonders relevant werden diese Eigenschaften vor dem Hintergrund von Diskriminierungserfahrungen, die sich oftmals gerade auf solche besonderen Merkmale beziehen.

Eine Zurückweisung der Besonderheit löst in Betroffenen häufig eine Überbetonung aus. Studien, wie die vom Bundeskriminalamt 2004 in Auftrag gegebene, legen weiterhin nahe, dass ein potenzieller Attentäter von seinem schützenden verwandtschaftlichen Umfeld abgelöst ist – also einer relativ geringen sozialen Kontrolle, aber auch Fürsorge unterliegt. Sprich: Er hat nichts zu verlieren. Prototypisch folgt darauf die Suche nach einer Ersatzfamilie, die – und hier wird das überbetonte Merkmal wiederum interessant – auf ungeahnte Weise das widerzuspiegeln scheint, was der Suchende in sich für besonders hält. Diese gemeinsame Interessenslage verknüpft der vormaligen Einzelgänger dann mit Werthaltungen, die das Verhalten regulieren und die Anpassung begünstigen. Sie bieten dem Suchenden eine Art Ergänzung zu dessen Identität an. Häufig schließen die Gruppen damit auch an bereits gegebene Problembewältigungsmuster an, wie das Konsumieren von Drogen oder Gewalt. Sehr häufig hört man in solchen Zusammenhängen, dass die betreffenden Personen in das Umfeld „hineingerutscht“ seien. Das erklärt sich wiederum – wenn auch nicht ausschließlich – aus Schutz- und Wiedererkennungsfunktionen. Der Suchende stellt dann die Ideale der Gruppe und deren Ideologie über das eigene Leben und schon kann aus ihm ein Täter werden.

Meist geschieht dies im Verborgenen. Es entzieht sich auch der Nachvollziehbarkeit für den Einzelnen und zeigt sich oft erst dann, wenn es zu spät ist. Prozesse der Radikalisierung verlaufen hochgradig individuell und können deshalb nie pauschalisiert werden. Nichtsdestoweniger übernehmen radikalisierungsanfällige Personen oft die ideologische Rhetorik einer solchen Gruppe. Dies kann als Ansatzpunkt gesehen werden, aber nicht als Beleg bestehen. Der Einzelne scheint immer nur noch Halt und Zustimmung zu streben und Werthaltungen sind nicht sichtbar oder regulierbar. Dabei hat es schon immer Terrorismus und Angriffe auf die gesellschaftliche Ordnung gegeben, weil es immer Ungleichheit in der selbigen gibt. Diese werden auch nicht einfach wegzureden sein.

Sinti und Roma – Nirgendwo zu Hause

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha  / pixelio.de )

Ewige Nomaden? In solchen Planwagen sollen sich Roma früher fortbewegt haben (Foto: Annamartha / pixelio.de )

„When the road bends you can‘t walk straight“ – so lautet ein Sprichwort der Roma, das wohl kaum treffender ihren traurigen Leidensweg beschreibt. Wie oft mussten Roma andere Wege einschlagen, weil sich nicht erwünscht waren und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Wie tief muss  die anhaltende Ausgrenzung und Demütigung der Roma in ihren Köpfen festsitzen? Wie kamen die Menschen dazu, schon vor Hunderten Jahren Roma zu diskriminieren, zu versklaven und zu verfolgen? Wieso missfiel ihnen gerade die Lebensweise dieses „fahrenden Volkes“? Eine irreführende Bezeichnung, wo viele Roma teilweise schon mehrere Hundert Jahre in Frankreich oder Spanien aber auch in Deutschland leben. Und oftmals weiter zogen, weil sie nicht geduldet wurden. Wieso haben sie bis heute mit so viel Hass und Vorurteilen zu kämpfen?

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Koeln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung von Roma und Sinti sitzt tief (Bild: Berthold Bronisz  / pixelio.de)

Stolperstein vor dem Historischen Rathaus Köln: Das Trauma der Verfolgung und Tötung sitzt bei den Sinti und Roma tief (Bild: Berthold Bronisz / pixelio.de)

Roma bestehen aus verschiedenen Gruppen, die ihre Herkunft sowie Sprache verbindet, zu denen auch die Sinti zählen, deren Vorfahren vor etwa 600 Jahren in den deutschsprachigen Raum zogen. Ursprünglich migrierten Roma vor über 1000 Jahren aus Indien nach Europa und lebten über einen längeren Zeitraum hinweg in Persien,  Armenien sowie im Byzanz. Das spiegelt sich in der Sprache Romanes wieder, die unter anderem indische, aber auch persische, armenische sowie griechische Wörter aufweist. Über die Herkunft der abschätzigen Bezeichnung „Zigeuner“ gibt es verschiedene Quellen und Belege. Im Byzantinischen Reich nannte man die Roma „Athingani“ (Unberührbare). Irrtümlicherweise glaubte man bei der Ankunft der ersten Roma in Europa, dass diese aus Ägypten stammten, weshalb man sie als „Giptoi“ (Ägypter) (abgeleitet von dem Ort Gyp(p)e) bezeichnete. Heute weckt die Bezeichnung „Zigeuner“ böse Erinnerungen, ist zudem eine Fremdbezeichnung und wird von den meisten Roma und Sinti abgelehnt, da sie in einem rassistischen Kontext steht. In Europa ließen sie sich in verschiedenen Ländern nieder, wo sie zumeist eine Minderheit darstellten. Je nach Land und Kultur haben die Roma häufig Sprache aber auch Mehrheitsreligon des jeweiligen Landes, in dem sie sich niederließen, angenommen.

Im zweiten Weltkrieg fielen alleine in Deutschland Hunderttausende Roma dem Nazi-Regime zum Opfer. Sie wurden sterilisiert, menschenverachtende Experimente wurden an ihnen durchgeführt und in Konzentrationslagern starben sie einen qualvollen Tod. Die Demütigung der Roma scheint sich über Hunderte von Jahren zu erstrecken. Wirklich willkommen scheinen sie nirgendwo zu sein.

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung Belgrad, der Haupstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche  / pixelio.de)

Leben in Baracken: Eine Romasiedlung in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens (Foto: Julian Nitzsche / pixelio.de)

In Europa leben heute circa 12 Millionen Roma. Sie stellen die größte Minderheit in Europa dar, die jedoch auch mit den größten Vorurteilen konfrontiert ist. Fast unsichtbar leben sie oftmals am Rande von Städten in illegalen Siedlungen und hausen in notdürftigen Baracken. Anderen Bewohnern sind sie ein Dorn im Auge. Nicht selten werden diese Siedlungen auf Geheiß von Regierungen zerstört oder zwangsgeräumt. Wie schlecht steht es um die Roma wirklich, wenn sie an Stadtgrenzen gedrängt werden, kein richtiges Dach über dem Kopf haben, ihre Kinder keine Schulen besuchen? Wählen sie freiwillig den geringsten Weg des Widerstandes, die Isolation, weil sie aus jahrhundertelanger Unterdrückung wissen, dass viele Europäer Vorbehalte gegen sie hegen und sie fast tagtäglich Beschimpfungen wie „dreckige, faule Zigeuner“ über sich ergehen lassen müssen? Weshalb erniedrigen wir seit so vielen Jahren ein Volk, über das wir im Grunde genommen kaum etwas wissen? Über welches kaum Schriftquellen existieren, oder wenn nur solche, die von Nicht-Angehörigen der Sinti und Roma verfasst wurden.

Roma haben maßgeblich den spanischen Flamenco geprägt. Um 1425 kamen sie nach Spanien, wo sie vielen Repressalien ausgesetzt waren. Mit Gesetzen sollten sie zum Sesshaft-Sein gezwungen werden und durften außerdem keine traditionellen Berufe ausüben. Gitanos, wie Roma in Spanien genannt werden, haben in den Flamencoliedern ihr Leid und ihre Trauer zum Ausdruck gebracht. Diese Musik erlangte schnell große Beliebtheit über die Grenzen Spaniens hinaus. Die Gitanos waren es, die dem Flamenco zu seinem Erfolg verhalfen. Heute scheinen Gitanos in Spanien relativ anerkannt zu sein. Die Mehrzahl lebt in Wohnungen, ihre Kinder gehen zur Schule auch wenn trotz allem nur 1 % von Ihnen an einer Universität studiert.

Romajunge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Junge in Sarajevo, Bosnien: Viele Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt oder verkaufen Schmuck, Taschentücher oder anderes um etwas Geld zu verdienen (Foto: Mätzke-Hodzic)

Romamädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Roma-Mädchen in Guca, Serbien (Foto: Mätzke-Hodzic)

Viele Vorurteile über Roma halten sich hartnäckig – sie seien Diebe, faul, mysteriöse Wahrsager, ewige Nomaden, exotisch, primitiv. Wenn sie nicht gerade diskriminiert werden, dann wird in den höchsten Tönen von ihrer Musikalität geschwärmt. Ein Extrem scheint das nächste zu jagen, wenn wir von diesem Volk sprechen, das viele Fragen aufwirft und über welches doch so viel Unwissen herrscht. Musik spielt für einige Roma durchaus eine wichtige Rolle. Sie jedoch nur darauf zu stigmatisieren, scheint ihnen nicht gerecht zu werden. Der Filmregisseur Tony Gatlif, in Frankreich wohnhaft und in Algerien geboren, hat algerische sowie Roma-Vorfahren. In seinen Filmen widmet er sich den Lebensumständen der Roma in unterschiedlichen Ländern, in all seinen Facetten, setzt sich mit deren vielfältigen Traditionen, ihrer Geschichte und Herkunft auseinander. Durch seine Filme verdeutlicht er, wie heterogen Roma sind und leben. In einem aktuellen Film von ihm, „Liberte“ (in der englischen Fassung auch – Korkoro – was Frieden in der Romane-Sprache bedeutet), nähert er sich dem grausamen Kapitel des Völkermords an den Roma in Frankreich zur Zeit des 2. Weltkrieges.

Je fremder den Menschen ein Volk ist, umso misstrauischer stehen sie diesem oftmals gegenüber. Es bleibt  zu hoffen, dass die Roma in Zukunft mehr Anerkennung erlangen. Dass wir ihnen endlich den Frieden (zurück)geben, den sie verdienen. Uns von verstaubten Vorurteilen und Stereotypen, die bis in das Mittelalter zurückreichen befreien. Den Roma ihre Würde aber auch eine Stimme geben. Vielleicht wollen sie dann ja bleiben…

Vorschau: Nächste Woche erwatet Euch hier ein neuer Text von Anne!

Die Welt ändert sich eben

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Es weht ein frischer Wind: Die Debatte um die Ehe für alle wächst weiter (©manwalk / pixelio.de)

Oh nein, höre ich euch rufen. Nicht noch ein Beitrag zur Befürwortung der Ehe-für-alle, in manchen Kreisen auch Homo-Ehe genannt. Seit die Iren mit über 60 Prozent „Ja“ gesagt haben, liest der aufmerksame Mensch ja nichts anderes mehr. Petitionen und offene Briefe, Kolumnen (na eben wie diese) und Leitartikel, alles dreht sich nur noch darum. Der Korruptionsskandal der Fifa, die unerklärliche Wiederwahl und der Rücktritt von Blatter, die Geheimdienstaffäre der Republik, alles tritt da in den Hintergrund und alle machen munter mit.

Und ja, sie ist wichtig, logisch und eigentlich selbstverständlich, das Zögern der CDU/CSU ein Zeichen einer vergangenen Ära. Oder? Immerhin waren es doch die erzkatholischen Iren, die so ihre Probleme mit Abtreibung haben, die zugestimmt haben. Und im europäischen Vergleich hinken wir, ausgerechnet wir, die einst einen homosexuellen Außenminister hatten, eine Frau an der Spitze der Regierung und sowieso und überhaupt doch so aufgeschlossen und modern sind, knallhart hinterher.

Aber warum tun sie sich eigentlich so schwer, die Konservativen, die christlichen Demokraten, wo doch sogar die Kirche Homosexualität nicht mehr so verschärft sieht, auch wenn der Vatikan sich noch mal anders gemeldet hat (die wissen ja auch nicht mehr, was sie wollen). Immerhin sind sich die Befürworter der Ehe-für-alle einig, es ändert sich nichts für alle andern, Kinder haben damit sowieso kein Problem damit und die Welt wäre ein bisschen gerechter und schöner.

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Zeichen der Liebe: die Ehe sollte wie die Liebe nicht von Geschlecht abhängen (©E.-Kopp / pixelio.de)

Tatsache ist, die Ehe-für-alle ist nicht nur ein Problem für die CDU/CSU und die Bundeskanzlerin, weil einige Politiker es hinterm Mond gemütlicher finden, sondern weil ein Teil der Wählerschaft vehement dagegen ist. Und Wähler wird die Partei brauchen, sollten die Menschen bei der nächsten Bundestagswahl mal merken, dass die großen sozialen Projekte der Legislaturperiode eher weniger auf ihr Konto gehen. Gleichzeitig kann sie aber auch Wähler verlieren, wenn sie sich jetzt querstellt, wichtige, junge Wähler. Ein echtes Dilemma. Da unsere Gesellschaft aber so viel ältere Menschen umfasst, dass wir im weltweiten Vergleich im Schnitt die niedrigste Geburtenrate haben, vermute ich stark, die sogenannten christlichen Demokraten werden es aussitzen wollen, abwarten, hoffen, dass der Sturm vorüber geht, ein paar Zugeständnisse, die ohnehin geplant waren, absegnen und es dabei belassen. Schwach.

Aber seien wir ehrlich, natürlich ändert sich etwas, wenn die Ehe-für-alle erlaubt wird. Sehr viel für jeden von uns. Die Eltern müssen ihren Kindern nicht mehr nur erklären, wo die Babys herkommen, wieso Meryem so anders spricht und Ben so dunkle Haut hat sondern auch wie die Tina zwei Papas haben kann und der Jonas gar keinen – und wo dann die Babys hergekommen sind. Puh. Das schlimmste aber – das allerschlimmste – ist, dass wir selbst umdenken müssen. Mit der Ehe-für-alle wird endgültig die Norm der Zweierbeziehung von „er und sie“ abgeschafft. Die Frage, wann ein Heterosexueller gemerkt hat, dass er auf das andere Geschlecht steht, ist kein Kalauer mehr. Nach der Frage: „Sind sie verheiratet“, wird erst das Geschlecht und dann der Name des Ehepartners erfragt. Wir werden ein Stück gleicher. Wir müssen umdenken. Und, oh Gott, das klingt doch furchtbar anstrengend.

Liebe CDU/CSU, ja es ist anstrengend, seine Meinung zu ändern, sich zu öffnen und umzudenken. Aber, ganz sicher, ist es diese Anstrengung wert. Gerade die Frau Bundeskanzlerin sollte das wissen. Und darum ist es wichtig, dass wir Artikel schreiben, Kolumnen und Kommentare, dass wir Unterschriften sammeln und offene Briefe veröffentlichen, so lange, bis wir genug genervt haben, bis das Umdenken da ist, bis endlich die Ehe für alle möglich ist.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

BeSINGLEiche Festtage: Diskriminierung von Singles in der Weihnachtszeit

Als Single seinen Mann oder seine Frau zu stehen, ist an jedem Tag im Jahr eine echte Herausforderung. Da können die Leute mir erzählen, was sie wollen. „Jetzt brauchst du noch Niemanden an deiner Seite, du bist doch jung, genieße einfach deine Freiheit, wenn du dich auf andere Dinge konzentrierst, wird er schon ganz von alleine kommen!“, sind nicht nur inflationär angebrachte Binsenweisheiten, sondern leiten auch Argumentationsstränge ein, die ich unter normalen Umständen erstmal wirklich nicht aushebeln kann. Schließlich sieht man sich im als „beste Zeit seines ganzen Lebens“ deklarierten studentischen Alltag tatsächlich allerhand aufregenden Einflüssen ausgesetzt – eine Geburtstagssause hier, ein Kneipenabend da. Theoretisch bieten solcherlei Veranstaltungen natürlich Gelegenheit genug, um immer neue Bekanntschaften zu machen, wenn nicht gar vom Fleck weg mit ihnen anzubandeln, nur damit man sie kurze Zeit später wieder fallen und die Spiele von Neuem beginnen lassen kann.

Von dieser Warte aus gesehen ist das Single-Dasein also sicher ein Prächtiges, wie wahr. Pünktlich zu Beginn der Vorweihnachtszeit soll sich das allerdings ändern. Zu jeder Weihnachtsfeier erscheinen die vormals Freiheit proklamierenden Freunde urplötzlich nur noch paarweise. Eine solche Härteprobe überstehen Alleinstehende nur mit einer geballten Portion Zynismus, mindestens einer Zweier-Portion vom Buffet und einigen, die mitleidigen Blicke abwehrenden menschlichen Schutzschilden – geteiltes Leid ist eben manchmal eben doch halbes Leid – am Katzentisch. Mit dem Glühwein-Ausschrank auf dem Weihnachtsmarkt wird die für Single-Frauen und -Männer besonders ungemütliche Jahreszeit eingeläutet.

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Stille Nacht, eilige Nacht: Unterm Weihnachtsbaum rotten sich auf einmal alle paarweise zusammen (Foto: Perlowa)

Jene Wochen der vorgeblichen Besinnlichkeit treiben Ungebundene nun nicht mehr in das nächstgelegene fremde Bett, in dem es nach Abenteuer und muffigen Laken riecht, sondern geradewegs in eine Spirale der Sinnlosigkeit. Schuld daran geben wir wie immer den anderen: Die in der Regel ohnehin immer die armen Singles diskriminierende Werbeindustrie, die kompromittierenden Familienfeste – „Kind, wann heiratest du denn endlich?“ – das Umfeld, das uns in den Ohren damit liegt, dass es noch immer auf der Jagd nach dem perfekten Geschenk für ihre Partnerinnen und Partner sei. Oder sind in Wahrheit wir es, die sich Heiligabend nur zum Anlass für ein weiteres Klagelied nehmen? Ist es nicht vielleicht gar Teil unseres Überlebenstrainings, dass wir stillschweigend unser selbstbeschertes Päckchen tragen, getreu dem Motto „Stille Nacht, heilige Nacht?“

Alles, was ich weiß, ist, dass es im vergangenen Jahr anders, nicht aber unbedingt einfacher war. Ich hatte erstmals zu dieser Zeit einen Freund und mit ihm eine zweite Familie, die zum heiligen Fest ihrerseits natürlich ebenfalls nach kleinen materiellen Aufmerksamkeiten verlangte. Und so schön es auch war, sich über die Weihnachtstage nicht allein, sondern gemeinsam die Bäuche vollzuschlagen, Geschenkpapier aufzureißen und der lieben Verwandtschaft mehr oder weniger aus dem Herzen kommende gute Wünsche auszurichten: Geändert hat das an meiner generellen Abneigung gegenüber der kommerzialisierten, artifiziellen Nächstenliebe leider wenig. Noch immer wollte ich mich pünktlich zum 24. Dezember in den grünen Grinch verwandeln und dem Christmas-Kitsch ein Ende bereiten.

Dass ich nur wenig später auch meiner Beziehung ein Ende bereiten würde, war dato zwar noch nicht absehbar, aber für den dreitägigen Ausnahmezustand zum Jahresende im Grunde auch völlig irrelevant. Ich hatte es gehabt, dieses vermeintlich erstrebenswerte Weihnachtsfest mit Partner an meiner Seite und statt mich von der Diskriminierung endlich ausgenommen und somit über alle Maßen „oh so fröhlich und oh so selig“ zu fühlen, war ich genauso genervt von den überkandidelten Veranstaltungen wie an allen anderen Geburtstagen Christi auch.

Offenbar ist es also Tatsache, dass sich der Winter mit Wärme im Herzen zwar deutlich weniger kalt, Weihnachten dabei aber nicht minder anstrengend anfühlt. Single zu sein bleibt für Singles alle vier Jahreszeiten hindurch eine nervenaufreibende, aber zuweilen auch aufregende Zeit, die von Lametta und Christbaumkugeln weder verschlimmert noch beschönigt werden kann.

Ich glaube, Single zu sein, das ist, was es eben ist – für so manchen Vermählten eine nostalgische Erinnerung an feucht-fröhliche Feten und sorglose Unabhängigkeit und für das ein oder andere einsame Herz ein Grund, sich nach besseren Tagen, nach Zugehörigkeit zu sehnen. Über die Weihnachtszeit ist letztere ohnehin schon zwangsläufig gewährleistet, schließlich bleibt Familie in dieser Hinsicht ebenfalls etwas, das man nicht ändern, aber auch nicht verleugnen kann. Die Bedeutung des Festes der Liebe liegt somit nicht in der (romantischen) Liebe selbst. Sie liegt hier, in deftigem Essen, einem „Kevin allein Zuhaus“-Marathon vor dem Fernseher und der extended Version von Whams „Last Christmas“ bei Kerzenlicht.

 Vorschau: In der nächsten Wochen begrüßen wir mit Kolumnist Sascha zwar das neue Jahr, verabschieden uns jedoch vom Betriebssystem Windows XP. Und auch für mich heißt es Abschied nehmen: Liebe Kolumnen-LeserInnen, es war schön mit euch!