Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Zurück zum Ursprung – Mein Besuch auf dem Toten Hosen Konzert

Am Donnerstag, 29. August waren Die Toten Hosen für ein Open Air Konzert auf der Trabrennbahn in Barenfeld in Hamburg und ich war für euch live dabei.

Einer der letzten Sonnentage in diesem Sommer fand auf der Trabrennbahn in Barenfeld statt. Gefühlt tausend Menschen verschiedener Altersstufen pilgerten dort hin, um eine der erfolgreichsten Rockbands Deutschlands zu feiern. Es war kurz vor 18 Uhr, der Staub wurde durch die vielen Besucher aufgewirbelt und bildet einen dünnen Nebel in der Luft. Es war warm und mit einer frischen Prise wirkte es nahezu harmonisch auf dem Konzertgelände. Eine riesige Bühne wurde für die Supportbands und die vielen Menschen an diesem Donnerstag Abend errichtet.

Pünktlich um 18 Uhr kamen ZSK, eine Punkband aus Berlin, auf die Bühne, um den Massen mit politischen Texten und lauter Gitarrenmusik einzuheizen. Zwei Meter vor der Bühne, mit all den jungen und alten Punk-Musikliebhabern um einen herum, fühlte man sich in seine frühste Jugend zurückversetzt, als man selbst noch ungezähmt war und Punk das Einzige war, woran man glaubte. Alle tanzten, einige sangen mit und es bildeten sich mehrere Pogokreise in der Menge. Von Song zu Song verloren sich die Fans mehr in der Musik – 30 Minuten um eine ganze Meute aufzuwecken und dazu zu animieren lauthals mitzusingen und die Meinung zu teilen.

„Unsere Faust gegen Nazis. Unsre Hand für die, die mit uns kommen, denn wir gehen diesen Weg nicht alleine. Es gibt nichts, was uns aufhalten kann!“, schallte es zum Schluss aus dem Publikum.

Die gute Laune breitete sich regelrecht aus, als ZSK schlussendlich von der Bühne musste, um die nächste Vorband willkommen zu heißen.

Die Umbaupause nutzten alle, um sich mit Getränken einzudecken und nochmal schnell auf der Dixitoilette zu verschwinden. Alles in allem wirkte der Abend nicht wie ein durchschnittliches Konzert, sondern eher wie ein kleines Festival, man könnte auch behaupten wie ein großes Familientreffen.

Zum Anklang in die zweite Runde lud die Oi- und Punkband Broilers vor die Bühne. Es ging los und alle bewegten sich zum Klang des Saxophons und zur melodischen und doch harten Stimme des Frontsängers Sammy Amara. Die Euphorie machte sich in den Gesichtern der Besucher deutlich bemerkbar. Alle lächelten freudig zur Bühne, um den Künstlern darauf zu signalisieren, dass sie das, was sie machten, gut taten.

Nach einer Stunde völliger Ekstase verließen die Broilers die Bühne, um Platz zu machen für die Headliner des Abends – Die Toten Hosen.

Die Bühne wurde großzügig hergerichtet mit einem aufwendigen Bühnenbild und ausgearbeiteter Bühnenbeleuchtung. Alles in allem dauerte die Umbaupause eine gute halbe Stunde, bis dann schließlich die Meister selbst auf die Bühne kamen.

Die Menge wirkte als wäre sie nach dem Umbau gewachsen, doch das war nur der äußere Eindruck, denn natürlich sind nicht mehr Menschen dazugekommen, sie sind nur alle versammelt vor die große Bühne getreten, um sich das Spektakel anzusehen.

Seit über 20 Jahren sind die Toten Hosen bereits auf der Bühne und dennoch oder vielleicht gerade deswegen, haben sie keine Energiereserve eingebüßt. Die Show ist fantastisch und reißt alle mit. Jeder bekannte Song, von „Eisgekühlter Bommelunder“ bis hin zu „Hier kommt Alex“, wurde gespielt und im Chor von den vielen Bewunderern mitgesungen.

Zwei Stunden gaben sich die Toten Hosen die Ehre und verursachten tiefste Zufriedenheit und Glücksseligkeit bei den Menschen.

„Ich hab die Toten Hosen schon so oft live gesehen und bisher wurde ich nie, nicht einmal ein bisschen, enttäuscht!“, sagte ein Besucher nach dem Konzert zu mir.

Vorschau: Und kommenden Samstag findet ihr an dieser Stelle eine Review zum neuen John Meyer Album.

 

Das war „Rock am Ring 2012″

Teil 1: Flunkeyball, „Star Wars“ und Party auf dem Dixiklo

Von Melanie Denzinger und Johannes Glaser

„Alle müssen trinken!“, grölt jemand – und die Gruppe stimmt ein: „Alle müssen trinken!“ Und alle trinken. Ganze fünf Tage lang feiern etwa 85.000 Besucher am Nürburgring zum 27ten Mal das Musikfestival „Rock am Ring“. Die Konzerte beginnen erst Freitag, 1. Juni 2012, doch die Campingplätze öffnen bereits dienstags mittags ihre Tore. Von da an tobt die Party auf den Campingplätzen beinahe eine Woche lang.

Buntes Treiben herrscht in den Zeltstädten: Überall wird gefeiert, getrunken, gelacht, getanzt. Unzählige Musikanlagen beschallen die Campingplätze rund um die Uhr mit Musik, so dass auch nachts fröhlich gefeiert werden kann. Und Feiern, das wollen hier alle. Bereits der Marsch über die Wege des Campingplatzes erweist sich als alles andere als unproblematisch, denn auf ihnen wird vornehmlich „Flunkeyball“ gespielt – ein Festivalspiel, bei dem es darum geht, einen Gegenstand umzuwerfen und im Anschluss ein Bier schneller leer zu trinken als das gegnerische Team.

Wäre das Wetter nicht so schlecht, es wäre geradezu paradiesisch auf den Campingplätzen. Aber bereits in den frühen Abendstunden des Dienstags setzt ein schweres Unwetter ein und überschwemmt die Campingplätze. Auch die nächsten Tage regnet es immer wieder, bis vor allem die Wege sonntags einer Sumpflandschaft gleichen.

Und trotzdem wird gefeiert und gelacht. Frieden und Freude liegen in der Luft und es herrscht ein großes Miteinander, wo man auch hinsieht. Gut gelaunt marschieren die Ringrocker durch die Zeltreihen, begrüßen sich lauthals durch “Helga“- und „Slayer“-Rufe und fiebern gemeinsam den Konzerten entgegen.

Ganz egal, zu welcher Uhrzeit man über die Campingplätze schreitet, ob alleine oder in der Gruppe: Das nächste Bier ist nie weit entfernt, und die meisten Festivalbesucher freuen sich über Gäste in ihren Camps.

Auch in den Partyzelten ist der Wahnsinn ausgebrochen. In einem naheliegenden Festzelt läuft von Dienstag-Abend bis Montag-Morgen ununterbrochen ein und dasselbe Lied, eine etwa 30-sekündige Coverversion eines „Star Wars“-Soundtracks, unterlegt mit einem kurzen Sprachpart. Doch selbst gegen Ende des Festivals stört sich keiner an der Dauerschleife, stattdessen wird fröhlich dazu getanzt.

Und sogar auf den verhassten Dixiklos wird gefeiert. Sage und schreibe 14 Mann inklusive Ghettoblaster quetschen sich – einer spontanen Eingebung folgend – in die enge Toilettenkabine, um die Wände zum Wackeln zu bringen.

Umso näher jedoch das Ende des Festivals rückt, umso mehr kippt die Laune auf den Campingplätzen. Einige Zelte werden demoliert oder gar angezündet und überall fliegt Müll durch die Luft. Der Gedanke ans baldige Ende der Dauerparty drückt die Stimmung ganz beachtlich.

Trotzdem vergehen die Tage auf dem Campingplatz bis auf einige wenige Ausnahmen friedlich. Und dann sind da ja noch die Konzerte…

Teil 2: Rockt den Ring!

Von Bernd Föhr

…Endlich war die Zeit gekommen: „Tenacious D“ hatten ihren ersten Auftritt in Deutschland. In Mänteln betreten die beiden die Bühne und die Fans bringen ihnen eine bisher ungekannte Huldigung entgegen: Im Vorfeld des Festivals wurde auf „Facebook“ zu einem Flashmob aufgerufen. Zum Start des Konzertes sollte das ganze Publikum auf die Knie fallen und die Jungs mit „Praise the D!“-Rufen willkommen heißen – was im vorderen Bühnenbereich auch wunderbar funktionierte. Die Show um „The Rise of the Fenix“ begann und war wohl für viele Besucher ein Highlight – mit Liedern wie „Low hangin‘ Fruit“, „Deth Starr“, „Kickapoo“, „Fuck her gently“ und „Tribute“.

Als Headliner für samstags Abends waren die Rocklegenden „Metallica“ geladen – für viele ein unverzichtbares Konzert. Doch auch das Parallelprogramm auf der „Alternastage“ konnte sich sehen lassen. Zeitgleich zu „Metallica“ spielten dort „The Hives“, die die Stille zu ihrem größten Feind erklärten. So war das erklärte Ziel der Rockgruppe, „Metallica“ zu übertönen.

Und obwohl der Sänger einmal den Affront beging, „Rock am Ring“ mit dem kleineren Schwesterfestival „Rock im Park“ zu verwechseln, lieferten sie doch eine ganz überragende Show. Neben Songs des neuen Albums „Lex Hives“ wurde auch zu alten Hits wie „Hate to say I told you so“, „Walk idiot walk“, „You got it all wrong“ und „It won’t be long“ gerockt. Einen würdigen Abschluss lieferten die Schweden mit eine „Freeze Out” zu ihrem Song „Tick Tick Boom”, bei dem die ganze Band plötzlich ganz still auf der Bühne stand. Beim Publikum blieb kaum ein Wunsch unerfüllt.

„Die Toten Hosen“ bildeten Sonntagabend den Abschluss von „Rock am Ring“ und der Auftritt war ein ganz besonderer, feierte die Band mit ihm doch ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Die Hosen spielten viele Songs ihres neuen Albums „Ballast der Republik“, wie etwa „Tage wie diese“, „Schade wie kann das passieren“ und „Das ist der Moment“. Aber auch Klassiker wie „Bonnie & Clyde“, „Pushed again“ und „Zehn kleine Jägermeister“ wurden in der zweistündigen Show nicht ausgelassen. Frontmann Campino ließ es sich nicht nehmen, zur Melodie von „Korn, Bier, Schnaps und Wein“ zu Crowdsurfen. Um eine Wette zu gewinnen, wollte Campino sich von den Armen der Menge in Rekordzeit zum zweiten Wellenbrecher tragen lassen. Anschließend kletterte er auf das Gerüst der Lichtmaschinen und zündete in luftigen Höhen ein bengalisches Feuer. Auch die Fans waren mit Bengalos ausgestattet und zündeten einen nach dem anderen.

Nach der zweiten Zugabe bildete „You never walk alone“ den Abschluss des Konzertes, und die meisten „Ringer“ machten sich auf den Heimweg.

Großartige Konzerte und viel Action auf den Campingplätzen – Mit „Rock am Ring“ hat die Festivalsaison 2012 eine würdige Eröffnung gefunden.

Vorschau: Nächste Woche berichten wir über ein Latin Festival.