Durchfallquote und Sexnotruf – Die Satiregruppe „Die LISTE“ im Universitätswahlkampf

Wer eine Weile lang an einer deutschen Hochschule eingeschrieben war – und sich dabei regelmäßig auf dem Campus aufgehalten hat – der kennt sie: Flyer, Plakate, Informationsstände, auf denen politische Hochschulgruppen ihre Inhalte bewerben. Besieht man sich allerdings die Wahlbeteiligung der Universitätswahlen, mag man dem Gedanken erliegen, dass diese Wahlkämpfe an den meisten Studenten einfach vorbeigehen: Zur Wahl gehen selten einmal mehr als 25 Prozent der wahlberechtigten Studierenden. Hat Hochschulpolitik ein Imageproblem?

Wahlkampf: "Die LISTE" und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Wahlkampf: „Die LISTE“ und die Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim (Foto: privat).

Mit solchen Oberflächlichkeiten hält sich die Mannheimer Hochschulgruppe „Die LISTE“ nicht auf. Als der Satirepartei „Die PARTEI“ nahestehende Gruppe scheint sie mehr damit beschäftigt, den Studierendenalltag aufs Korn zu nehmen – und das offenbar mit Erfolg: Nach Gründung im Jahr 2013 hatte die LISTE bereits innerhalb einer Woche mehr als 1.000 Likes auf Facebook errungen. „Bei den Studiosi der Uni Mannheim kamen wir sehr gut an“, teilt eine Vertreterin der LISTE auf Anfrage mit, „die anderen Hochschulgruppen allerdings waren wenig begeistert. Sie befürchteten, dass sie Sitze im Studierendenparlament an uns verlieren würden“. Das Studierendenparlament der Universität Mannheim umfasst 23 Sitze, von denen 2013 kein einziger an die LISTE entfiel. Damals hatte man zwar Wahlkampf gemacht, zur Wahl angetreten war die LISTE allerdings nicht.

Nachdem bekannt geworden war, dass eine andere Hochschulgruppe im Wahlkampf ihre Unterstützerschriften gefälscht hatte, wurde bereits ein halbes Jahr später erneut gewählt. Die LISTE hatte damals mit parolenartigen Statements wie „Erstis raus!“ und mit Forderungen nach der Exmatrikulation hässlicher Menschen oder nach FKK-Hörsälen um Stimmen geworben – und erreichte mit diesen Kreativleistungen aus dem Stand drei Sitze im Studierendenparlament. Aufgrund des Wahlergebnisses war die LISTE nun plötzlich für die anderen Hochschulgruppen ein ernstzunehmender Akteur der Mannheimer Hochschulpolitik geworden. Denn eine Koalitionsbildung ohne die LISTE war zu diesem Zeitpunkt weder für den Block aus Jusos und grün alternativer Hochschulgruppe (GAHG), noch für den Block von RCDS und der liberalen Hochschulgruppe (LHG) möglich. Ohne Inhalte – aber mit Humor und Dreistigkeit – hatte sich die LISTE in eine Koalition mit den Jusos und der GAHG manövriert; infolge der Verhandlungen durfte die junge Hochschulgruppe einen eigenen Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses – kurz AStA genannt – stellen und ein eigenes Referat für Öffentlichkeitsarbeit besetzen.

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Verwirrend: Die Wahlkampfauftritte der LISTE (Foto: privat).

Nun stehen die Wahlen in Mannheim wieder kurz bevor: Gewählt wird am kommenden Dienstag, 21. April und Mittwoch, 22. April. Um einen Wiedereinzug in die Gremien scheint sich die LISTE bislang keine Sorgen zu machen. Freimütig haben sie auch in den vergangenen Tagen den hochschulpolitischen Alltag mit Verwirrung, Unfug und Anarchie angereichert. So warb die LISTE etwa für Einführung einer „Durchfallquote“ für die Mannheimer Mensa, richtete einen Sex-Notruf ein und nahm gesammelte Wahlflyer konkurrierender Gruppen in Empfang – um die Spender mit Bier zu entlohnen.

"Bier für Flyer": Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

„Bier für Flyer“: Alternative Strategien bei Stimmenjagd (Foto: privat).

Man mag nun mit einiger Berechtigung fragen: Was soll das? Die LISTE ist um eine Antwort nicht verlegen: „Unsere Aufgabe ist es, auf aktuelle Missstände in der Hochschulpolitik aufmerksam zu machen und die verkrusteten Strukturen zu lösen. Satiregruppen gibt es an der Universität schon genug – etwa der RCDS“.

„Heute ist alles so ernst“ – Dustin Hoffmann im Interview, Teil 2

Im ersten Teil des Interviews mit Dustin Hoffmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der PARTEI des Landesverbandes Berlin, gewährte er den Lesern bereits einen Einblick in seinen persönlichen Werdegang: von der PARTEI-Karteileiche bis zu den Büroräumlichkeiten des Europaparlaments in Straßburg und Brüssel, wo er seit Dienstag, 1. Juli 2014, tätig ist. Auch die PARTEI-Sicht auf aktuelle Mauerbauvorhaben in der Ukraine präsentierte er exklusiv – noch vor der offiziellen Stellungnahme des fraktionslosen Neuparlamentariers und PARTEI-Vorsitzenden Martin Sonneborn. Die PARTEI beweist sich regelmäßig durch Positionen, die recht absurd anmuten. In diesem zweiten Teil des Interviews stellt Face2Face die rhetorischen Fähigkeiten von Dustin Hoffman auf die Probe:

Face2Face: Haben Sie einen Lieblingspolitiker außerhalb der PARTEI?

Hoffmann: Interessante Frage. Ich bin Fan von Frau Beatrix von Storch aus der AfD. Sie ist immer mit interessanter und konstruktiver Kritik zur Stelle – etwa in Familienfragen. Oder sie stellt Geschäftsordnungsanträge.

Face2Face: Die AfD bringt scheinbar viele charismatische Menschen in die Politik. Das erinnert doch an das Konzept der Satire-PARTEI. Angesichts der Wahlergebnisse muss hier die Frage erlaubt sein: Plagiiert die AFD das Konzept der Partei, nur erfolgreicher?

Hoffmann: Was heißt denn erfolgreicher? Diese Partei verfolgt vor allem ein ganz anderes Konzept als wir: Ganz im Gegensatz zu uns, versuchen sie Inhalte zu vermitteln – manchmal auch unter dem Deckmantel der Inhaltslosigkeit. Aber immerhin haben sie das Potenzial, eine Lücke zu füllen: Gerade erst ist die FDP aus den allermeisten Regierungsämtern und Parlamenten entbunden worden.

Face2Face: Welche Emotionen weckt die „FDP“ in Ihnen?

Hoffmann: Mitleid, denn man muss das ja so sehen: die FDP war immer auch ein gewisser Garant für Unterhaltung und schon in fünf Jahren werden wir sagen: „Ha, wisst ihr noch die 18 Prozent-Kampagne von der FDP?“ Und irgendwann werde ich auch meinen Kindern davon erzählen: „Damals gab es so eine tolle Spaßpartei, heute ist alles so ernst!“

Face2Face: Wenn sich auf politisch-strategischer Ebene kein Vergleich anbietet: Wie ist es bei einer physischen Auseinandersetzung? Was schätzen Sie, wer wäre der oder auch die Stärkste im Plenarsaal des Europaparlaments?

Hoffmann: Wiederum eine interessante Frage. Unsere Nachbarn aus Österreich sehen sehr schlagkräftig aus. Aber grundsätzlich ist es so, dass das alles keine Preisboxer sind. Ich sehe die Voraussetzungen für eine solche Eskalation momentan noch nicht gegeben. Aber vielleicht mag das noch kommen. Darüber haben wir uns aber noch keine Gedanken gemacht.

 

Face2Face: Abschließend sei die Frage erlaubt: Wie viel Geld würden Sie denn für ein solches Interview normalerweise in Rechnung stellen?

Hoffmann: Normalerweise. Heißt das, dass ich das hier nicht mehr in Rechnung stellen kann? (Lacht) Nein, wirklich – Wir haben großen Respekt vor der Presse. Ich würde mich höchstens in Essen und Champagner bezahlen lassen. Das ist die Währung im Europaparlament.

Face2Face: Vielen herzlichen Dank für das Interview!

„Jede Mauer ist eine gute Mauer“ – Teil 1 des Interviews mit dem stellvertretenden PARTEI-Vorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann

Es ist Samstag: An diesem Tag hat der Büroleiter; der „Mann im Europabüro in Brüssel“ – so stellt Dustin Hoffmann seine Tätigkeit vor – frei. Gut gelaunt begrüßt mich der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative in Berlin – kurz: die PARTEI –, der gerade in seiner Heimat zugegen ist, am Telefon. Bereits 2011 war der 27-Jährige in Wahlwerbespots mit den Rappern K.I.Z. zu sehen, in denen sie gemeinsam die politische Landschaft „aufmischten“. Im exklusiven Interview gewährt  Hoffmann sowohl einen Einblick in den ganz normalen Alltagswahnsinn im Europaparlament wie auch ganz persönliche Eindrücke.

Face2Face: 2009 führte Sie Ihr Weg zu der Partei „die PARTEI“. Wie sind Sie denn genau dazu gekommen?

Gemeinsame Planungsaktivität: der Parteivorsitzende Martin Sonneborn (links), gemeinsam mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann (rechts). (Foto: © Anne Fischer)

Gemeinsame Planungsaktivität: der Parteivorsitzende Martin Sonneborn (links), gemeinsam mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Landesverbandes Berlin, Dustin Hoffmann (rechts). (Foto: Anne Fischer)

Hoffmann: Eigentlich wurde ich bereits 2007 Mitglied der Partei, allerdings war ich zunächst zwei Jahre eine Karteileiche. Als dann aber 2009 der Partei durch ein Verbot die Möglichkeit abging, für die Bundestagswahlen zu kandidieren, blieb mir mein demokratisches Herz beinahe stehen. Das konnte meiner Meinung nach nicht so stehenbleiben, also passte ich den ehrwürdigen Parteivorsitzenden, Martin Sonneborn, im Kino ab.

Face2Face: Welchen Film haben Sie denn gesehen?

Hoffmann: Den Kinofilm „die PARTEI – der Film“ versteht sich! Der kam 2009 in die Kinos und ich war mir sicher, dass Martin Sonneborn sich jede Vorstellung ansehen würde – und ich hatte Glück.

Face2Face: An dieser Stelle übrigens Gratulation zum Abschluss Ihres Studiums der Rechtswissenschaft! Welche Zusatzqualifikationen ergeben sich denn aus ihrer frisch abgeschlossenen Ausbildung?

Hoffmann: Es ist ja ohnehin so, dass sich Juristen grundsätzlich anmaßen, jedwede Tätigkeit – bis hin zum politischen Betrieb – ausführen zu können. Und das maße ich mir jetzt natürlich selbst an.

Face2Face: Und wer hat sich für Sie als Unterstützer – oder in Ihrer Terminologie – als „Steigbügelhalter“ am besten bewährt?

Hoffmann: Das funktioniert in der Partei folgendermaßen: Alle Mitglieder werden gleichermaßen von unserem Parteioberhaupt gefördert. Wir haben einen großartigen Stab an Leuten und jeder der vorankommt, wird natürlich vom Vorsitzenden befördert. Wir sind ja eine harmonische Partei, in der das einfach gut funktioniert – schließlich sind wir nicht bei den Piraten.

Face2Face: Das bringt uns auch schon direkt in das Europaparlament: Sie leben dort mit dem Parteivorsitzenden zusammen – so zitiert die „Deutsche Welle“ Martin Sonneborn in ihrem Artikel von Donnerstag, 03. Juli 2014. Wie gestaltet sich Ihre Partnerschaft bisher?

Hoffmann: Für mich ist es natürlich eine außerordentliche Ehre, unter der Weisung des großen Vorsitzenden zu arbeiten. Die Arbeit gestaltet sich sehr angenehm – wie gesagt, das Europaparlament ist kein richtiges Parlament, vielmehr handelt es sich dabei um ein Spaßparlament. Das einzige Problem im Parlament ist, dass wir nicht so tolle Nachbarn haben, aber man kann ja nicht alles haben. Leider bin ich selbst bei den Sitzungen eher nicht zugegen. Nur die Parlamentarier und die Putzkräfte dürfen da rein. Ich verfolge die Sitzungen häufiger auf den kleinen Fernsehern, die es in jedem Büro gibt. Dort erscheint ohnehin alles viel bedeutungsvoller und besser, denn das Plenum ist nur zu Abstimmungen voll besetzt, danach stürmen alle davon. Das sieht man allerdings nur, wenn man selbst vor Ort ist.

Face2Face: Fühlen Sie sich denn als Nummer Zwei – hinter Martin Sonneborn?

Hoffmann: Selbstverständlich nicht! Ich bin ja nur der Mann im Europabüro in Brüssel. Die Nummer Zwei müsste man im Bundesvorstand suchen. Allerdings finde ich es schwierig von einer Nummer Zwei zu sprechen, denn als Vorsitzender ist Martin Sonneborn klar die Nummer Eins, aber weiterhin würde ich da eigentlich nicht von Nummern sprechen wollen.

Face2Face: Zu Ihren Aufgaben gehört es unter anderem, die Beziehungen zur koreanischen Halbinsel zu gestalten. Sind Sie schon in Kontakt mit dem nordkoreanischen Herrscher Kim Jung Un gekommen?

Hoffmann: Wir arbeiten daran! Bisher ist es uns noch nicht gelungen. Die nordkoreanischen Diplomaten scheinen etwas zurückhaltend zu sein. Aus Südkorea allerding bekamen wir schon Gratulationspost und eine Einladung. Das erhoffen wir uns auch von Nordkorea.

Face2Face:In dieser Woche erreichten uns beunruhigende Nachrichten über den Gesundheitszustand von Kim Jung Un. Sehen Sie darin einen guten Ansatzpunkt für eine zukünftige Einflussnahme auf das Land?

Hoffmann: Wir denken ja eher daran, von Kim Jung Un zu lernen – in seiner Funktion als absoluter Herrscher. Wir können ihm nur anbieten, dass wir eine humanitäre Mission einleiten, ihn besuchen und ihm eine Packung Aspirin vorbeibringen.

Face2Face: Wie ergeht es Ihnen denn im Hinblick auf interessierte Lobbygruppen? Wurden Sie bereits bestochen?

Hoffmann: Oh, darüber kann ich natürlich nicht reden. Aber gefühlt belagern die Lobbyisten das Europaparlament. Sie sind überall und sie sind nett zu einem. Bisher herrscht eine vorsichtige Distanz vor, die sie noch zu überwinden haben, aber hoffentlich folgen auf die zahllosen Beglückwünschungen in naher Zukunft Umschläge mit gedeckten Schecks. Da wir als einzige Partei offen zugeben, korrupt zu sein, wird sich da sicherlich ein Anschlusspunkt finden lassen.

Face2Face: Bezüglich ihrer Mauerbau-Pläne: Zum 25-jährigen Gedenken an den Fall des Eisernen Vorhangs plant die Ukraine, einen Schutzwall gegen Russland zu erbauen . Stielt Ihnen die Ukraine damit die Show?

Hoffmann: Nein, wir haben bereits diplomatischen Kontakt aufgenommen, wir begrüßen das Vorgehen. Schließlich geht es nicht nur darum, einen Schutzwall zu errichten, sondern Mauern zu bauen. Und wenn sich das ukrainische Volk dafür entscheidet, können wir nur unsere Glückwünsche aussprechen.

Face2Face: Wenn ich einen Satz beginne: Jede Mauer ist…

Hoffmann: Jede Mauer ist eine gute Mauer, denn sie verbindet.

Die anderen Gewinner

Kommentar: Die politische Institution Europa scheint nicht einmal jeden zweiten Deutschen zu interessieren: Gerade einmal knapp 48 Prozent der Wahlberechtigten hat es vor zwei Wochen in die Wahllokale getrieben. Dass die Nichtteilnahme an einer Wahl prinzipiell kleine Parteien begünstigt, ist allgemein bekannt. Und siehe da: Mit dem Wegfall der Sperrklausel sind es statt sieben Parteien, die Deutschland in das Europaparlament entsendet, plötzlich vierzehn. Reizthema nach der Wahl ist das Erstarken der eurokritischen Alternative für Deutschland, die beachtliche sieben Sitze erreichen konnte. In diesem Glanz scheint ein anderes Phänomen unterzugehen: Der Triumph der Satirepartei Die PARTEI.

Mit 0,6 Prozent gelang es der Spaßpartei aus dem Umfeld des Satiremagazins Titanic, einen Sitz in Straßburg zu erringen. Der Erkenntnisgewinn auf politischer Ebene ist von mäßigem Interesse. Hier bestätigt sich das, was längst bekannt ist: Der Europawahl wird nicht mit gebührendem Ernst begegnet – immerhin haben knapp 185.000 Wähler ihr Kreuz bei der Partei Die PARTEI gesetzt.

Aufschlussreicher erscheint es da, den größeren, kulturellen Rahmen zu betrachten, sofern eine solche Trennung überhaupt vollzogen werden kann. Ernste, politische Ziele sind es kaum, die den Spaßmachern ihren Sitz beschert haben. Niemand wird ernsthaft daran interessiert sein, die Schweiz einzumauern. Politische Nichtpolitik – Blödeleien mit politischem Anstrich – ist es, die sich die Partei auf ihre Banner und vor allem auf ihre Plakate schreibt: G1-Schulsystem, Faulenquote, Markus Lanz und vieles mehr.

Es sind Sätze wie „Kein deutscher Manager ist mehr als 25.000 mal mehr wert als ein beliebiger Arbeiter“, die die Erklärung der Forderung nach Begrenzung von Managergehältern auf das 25.000-fache eines Arbeiterlohns illustrieren und den Charme der Organisation charakterisieren: Die PARTEI greift Kontroversen auf, reagiert mit absurden Forderungen und stellt politisch inkorrekte bis menschenverachtende Erklärungen nach. Was andere Parteien Kopf und Kragen kosten würde, ist hier Erfolgsrezept: Die Parolen sind so grotesk, dass sie eine eigene politisch-unpolitische Gegenwelt erschaffen. In ihr wird das politische Treiben durch gewitzten Einsatz politischer Sprache und gekonntem Schauspiel so dermaßen karikiert, dass jeder noch so grobe Unfug sofort vergeben wird.

In dieser Groteske demonstriert sich die PARTEI als wahrer Meister politischer Popkultur: Die Nonsensstatements referieren regelmäßig auf mehr oder weniger aktuelle Streitthemen, Geschichte und Erinnerungskultur sowie politische und außerpolitische Prominenz. Vielleicht – so kann man schlussfolgern – muss die Partei mehr als Mediensatire denn als Politiksatire gelesen werden. Vor allem das mediale Auftreten politischer Größen nämlich ist es, das die Partei – allen voran Chefsatiriker Martin Sonneborn – persifliert. Unterstrichen wird das durch ein gehöriges Maß an geradezu dreister Selbstinszenierung. Dass es einer solchen Gruppe nun gelingt, ins Europaparlament einzuziehen – das ist ganz große Kunst, die das politische System ad absurdum führt. Es ist kein politisches, sondern ein unterhalterisches Kapital, mit dem die PARTEI die Interessen der Bevölkerung bedient.

Verlässt man die Ebene des Scheinbar-politischen und kehrt zurück auf die Ebene des Tatsächlich-politischen, kann man – natürlich mit einiger Berechtigung – fragen: „Was ist denn damit nun gewonnen?“ Zunächst einmal recht wenig: Wie subtil die Satiriker ihren Holzhammer auch schwingen mögen, es ist eben doch ein Holzhammer, der geschwungen wird. Die PARTEI mag polarisieren – man findet sie lustig oder nicht. Die Frage nach Identifikation mit Inhalten – oder vielmehr mit Gegeninhalten – stellt sich aber kaum. Ein vorhandenes Unrechtsbewusstsein mag bedient werden, geweckt wird es aber durch die Äußerungen noch lange nicht. Dafür sind diese eben doch zu absurd.
Umsonst ist der Wahlerfolg der Gruppe aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Einerseits besteht natürlich die Chance, dass sich amüsierte Politikverdrossene durch Interesse an den Äußerungen indirekt mit politischer Materie auseinandersetzen. Andererseits aber – und das ist die viel größere Chance – kann die PARTEI über die kommende Legislaturperiode dem gesamten Wahlvolk massiv auf die Nerven gehen. Treibt die mögliche Empörung über Unfug im Europaparlament bei den nächsten Wahlen auch nur ein paar Wähler mehr in die Wahllokale, ist eine ganze Menge erreicht – und ganz nebenbei, das ist nicht zu vergessen, verspräche das ja auch einige Unterhaltung.

„Inhalte abschaffen“ – die Hochschulpartei Die LISTE im Interview

In den vergangenen Wochen mischte eine Partei den Hochschulwahlkampf der Universität Mannheim kräftig auf: Sie provozierten, parodierten, deformierten, echauffierten und stürmten Wahlkampfveranstaltungen. Sie warben mit Wahlkampfparolen wie „Externe angreifen“, eine „Männerquote in Geisteswissenschaften“ oder ein „Aussageverweigerungsrecht in Klausuren!“ – die Rede ist von der Hochschulpartei Die LISTE – Liste für Individualethik, Studium, Tierliebe und Eschatologie. Eine Welle der Begeisterung erhob sich und brachte dem Parteisprössling der Partei Die PARTEI über tausend neue Facebook-Anhänger. An der Wahl haben sie allerdings nicht teilgenommen. Face2Face ist es gelungen, den sogenannten „Propagandaminister“ Phillip Stremlau zum Werdegang und zur weiteren Zielsetzung des Projekts zu befragen.

Visionär: Die Liste "Die LISTE" der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Visionär: Die Hochschulpartei „Die LISTE“ der Universität Mannheim (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Face2Face: Was hat euch motiviert eine eigene Hochschulpartei ins Leben zu rufen?

Stremlau: Das waren ganz klar die ehemaligen Hochschulgruppen. Wir haben einfach gesehen, dass da in der Vergangenheit sehr viel falsch gelaufen ist und konnten nicht länger schweigen. Vielen der bräsigen Fotogesichter auf den Werbeplakaten der anderen Initiativen schien auch schlicht der Ernst abzugehen, den gute Hochschulpolitik verlangt. In Anlehnung an unser bundespolitisches Vorbild der Partei Die PARTEI haben wir deshalb die Liste Die LISTE aufgestellt.

Face2Face: Wie habt ihr euren Wahlkampf gestaltet?

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Haushalt: Zeit für eine Genderdebatte (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Als moderne und zukunftsorientierte Turbopartei haben wir von konkreten Inhalten so weit wie möglich Abstand genommen und sind populistisch gegen den politischen Gegner ins Feld gezogen. Mit unseren Forderungen nach einer Maut für ausländische Studierende, nach Körpergewalt gegen Externe und der vollen gesellschaftlichen Akzeptanz von Wirtschaftspädagogik-Kommilitonen haben wir auf jeden Fall starke Signale gesetzt und die Hochschulpolitik ein Stück weit auf den richtigen Weg zurück gebracht.

Face2Face: Wie ist das Ergebnis der Hochschulwahlen aus eurer Sicht zu bewerten?

Stremlau: Das Wahlergebnis halten wir für ungültig. Wir haben die Nichtigkeit der Wahl auch schon öffentlich erklärt. Den sechs antretenden Parteien kann ohne große Recherchemühe die Ernsthaftigkeit abgesprochen werden und eine Wahlbeteiligung von circa drei Prozent ist nicht repräsentativ. Außerdem häufen sich Vorwürfe von Wahlbetrug und Korruption – dabei hat uns niemand etwas gezahlt.

Face2Face: Was sind eure langfristigen Ziele? Wo seht ihr euch in der Zukunft?

Stremlau: In Zukunft wollen wir die Macht im Allgemeinen und Speziellen, Konkreten und Abstrakten und überhaupt. Danach werden Schritte für eine Verbesserung des Studienlebens der Studiosi an der Universität Mannheim erlassen: die Abschaffung der Studieninhalte, Einführung eines Aussageverweigerungsrechts in Prüfungssituationen zur Vermeidung von Selbstbelastung und verbindliche Einführung der Uni-Uniform. Zudem wollen wir mit unserer neuen Währung, der „UniMark“, die Weltwirtschaft unter unsere alleinige Kontrolle bringen, um diese nachhaltig zu destabilisieren.

Face2Face: Globalpolitisch gesprochen – würdet ihr euch mehr nach Russland oder nach Amerika orientieren?

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Wahlprogramm: Als Hochschulgruppe bezieht die LISTE zu allen möglichen Wahlkampfthemen Stellung (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Stremlau: Hier möchten wir unbedingt auf das Programm unserer Mutterpartei der Partei Die PARTEI verweisen, die sich mit ihrem Slogan zur Europawahl „Ja zu Europa! Nein zu Europa!“ ganz klar positioniert hat. Mauern werden auf jeden Fall auch international an Bedeutung gewinnen.

Face2Face: Wie sieht eure Lösung für die Endlagerproblematik in Deutschland aus?

Stremlau: Bei der Entscheidung über mögliche Endlager wollen wir starke Feindbilder aufbauen und uns verachtungsvoll von anderen Bildungseinrichtungen absetzen. Das funktioniert unabhängig von Themengebiet und Position und ist besonders in einem emotional aufgeladenen Thema wie der Atomkraft ein probates Wahlkampfmittel. Folgerichtig werden in unserer Amtszeit Endlager in den Kellern der DHBW, der Musikhochschule und der Popakademie ausgebaut werden – nach Möglichkeit auch irgendwo in Ludwigshafen, aber der genaue Standort soll aus Angst vor Angriffen geheim bleiben.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Hochschulpartei Die LISTE im universitären Politzirkus etabliert. Beliebt ist sie unter den Studenten zwar, aber als außerparlamentarische Opposition hat sie einen schweren Stand. Schließlich bleibt sie von den Entscheidungen der Verfassten Studierendenschaft – als eigene Teilkörperschaften öffentlichen Rechts – ausgeschlossen.

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Hochschulpolitik: Die noch junge Liste Die LISTE ganz vorne mit dabei (Foto: Die LISTE Uni Mannheim)

Machtphantasie und Eschatologie, eine Rebellion gegen Konservatismus und Ernsthaftigkeit – damit bringt die Partei frischen Wind in die Hochschulpolitik Mannheims, die es im Urnengang Anfang April nur zu einer Wahlbeteiligung von 17 Prozent brachte.