Mit Dating-Apps zum Erfolg?

Mit Dating-Apps kann man ungezwungen Leute kennenlernen – da sind sich die beiden Studenten Katja (26) und Tobias (27) einig. Katja hat bereits Erfahrungen mit den Apps „Tinder“, „Once“ und „OkCupid“ gesammelt und durch letztere ihren derzeitigen Freund gefunden. Auch Tobias hat schon einige Dating-Apps ausprobiert; seiner großen Liebe ist er dadurch jedoch noch nicht begegnet.

Erstmals genutzt hat Katja eine Dating-App während eines Aufenthaltes in Rumänien, weil sie dort niemanden kannte und Kontakte gesucht hat. Tobias hingegen hat sich auf Empfehlung von Freunden, die auf diese Weise ihren Partner getroffen haben, bei verschiedenen Dating-Apps angemeldet. Als jahrelanger Single dachte er, dass dies seine Chance erhöhen würde, interessante Frauen kennenzulernen. Doch wie hilfreich sind Dating-Apps wirklich und wie unterschiedlich sind die Erfahrungen mit den digitalen Kupplern?

Katja: Viele haben ja Vorurteile, was Dating-Apps angeht, aber ich finde, dass es damit nicht „besser oder schlechter“ ist als jemanden in der „realen“ Welt kennenzulernen.

Dating mal anders: Romantisches Date per Smartphone? (Foto: S. Holitzner)

Tobias: Ich fand „Lovoo“ ziemlich niveaulos. Alles andere war okay. Natürlich gab es auch da sehr seltsame Sachen: Fake-Accounts, Werbung, pornographische Inhalte und schlüpfrige Angebote. Aber dem ist man als Frau bestimmt noch mehr ausgesetzt.

Katja: Wahrscheinlich. Das liegt aber bestimmt auch daran, dass es zum Beispiel bei „Tinder“ deutlich mehr Männer als Frauen gibt. Selbst ohne aktiv etwas zu tun, wurde ich von Männern angeschrieben.

Tobias: Bei „Tinder“ sind sicher mehr die Typen aktiv, die sich im realen Leben nicht trauen, Frauen anzusprechen und dann einen auf dicke Hose machen. Also gibt es da doch viele notgeile Typen, die nur ne schnelle Nummer schieben wollen und dementsprechend direkt oder versaut schreiben, oder?

Katja: Ich hatte eher das Gefühl, dass es zwei große „Gruppen“ gab: Die, die auf schnellen Sex aus waren, und ganz viele ganz Schüchterne. Also klar gab es auch Männer „dazwischen“, aber viele, die eben in eine dieser Gruppen passen. Ich denke aber, dass die Typen, die nur auf eine schnelle Nummer aus sind, Frauen auch in Bars auf diese Weise anflirten würden. Aber gab es keine Frau bei dir, die „schnell zur Sache“ kommen wollte?

Tobias: Ja, bei mir gab es auch Frauen, die schnell zur Sache kommen wollten. Eine schrieb mir, dass sie mit mir Sex will. Als ich dann meinte, dass ich nicht auf One-Night-Stands aus wäre, schrieb sie, dass man es ja auch zweimal treiben könne. Das war schon wieder so krass, dass es fast amüsant war.

Katja: Oha. Ich glaube, so direkt war da niemand bei mir. Es war dann doch noch ein bisschen mehr „durch die Blume“.

Tobias: Mein Eindruck ist, dass es nur wenige gibt, die eine Beziehung suchen und dies auch so formulieren.

Katja: Das finde ich aber auch schwierig, das von Anfang an so zu formulieren. Es ist immer noch „nur“ ein Weg, um Leute kennenzulernen, und nicht mehr. Mich hat es immer sehr unter Druck gesetzt, wenn ich nach kurzem Chatten die „Ansage“ bekommen habe, dass der andere eine Beziehung sucht.

Tobias: Stimmt, so Ansagen wie „Beziehung gesucht“ sind manchmal nicht einfach und setzen unter Druck. Aber man weiß dann, woran man ist und kann entsprechend damit umgehen. Und erzwingen kann man sowieso nichts.

Katja: Aber wenn du jemanden in einer Bar oder sonstwo kennenlernst, dann stellt sich die Frage nach einer Beziehung auch nicht nach drei Sätzen, oder? Ich glaube etwas „Ungewissheit“ gehört auch einfach dazu und da sind Dating-Apps für mich auch nicht anders als das reale Leben. Ich hatte einmal ein Date mit jemandem, der ziemlich „offen“ und wahrscheinlich auch ein bisschen verzweifelt eine Beziehung gesucht hat. Während des Dates habe ich richtig gemerkt, wie er manche Themen „abgeklopft“ hat, um zu schauen, ob es passt. War super unangenehm.

Tobias: Ich sage meinen Dating-App-Dates schon, dass ich nicht zum Spaß hier bin. Also ich bin nicht auf One-Night-Stands, Abenteuer, Affären oder so aus. Wenn wir uns sympathisch sind, können wir uns mal treffen. Und dann muss man sowieso mal sehen, ob es in eine freundschaftliche Richtung geht oder ob vielleicht mehr daraus wird. Es ist gar nicht so einfach, den guten Mittelweg zwischen „Ausfragen“ und lockerem Gespräch zu finden, weil einfach die Situation schon erzwungen ist.

Katja: Ja, das stimmt. Ich war aber auch jemand, der sich immer relativ schnell treffen wollte, weil ich nicht so hohe Erwartungen haben wollte.

Tobias: Ich kann vielfach von Frauen berichten, die irgendwann nicht mehr zurückschreiben oder kurz vor einem ersten Treffen grundlos absagen und nicht mehr reagieren. Finde das immer ein wenig charakterlos, weil man ja schreiben kann, dass man „kalte Füße“ bekommen hat, jemand anderes kennengelernt hat oder kein Interesse mehr besteht.

Katja: Das geht gar nicht! Ist mir aber auch mit Männern passiert.

Tobias: Ich glaube, manche suchen die Bestätigung und ihnen reicht, wenn man sich mit ihnen treffen will. Oder sie treffen lieber jemand anderes, weil sie parallel mit anderen schreiben. Für mich ist das erste Treffen auch immer ein Kennenlernen bzw. Beschnuppern, weil man sich eben noch nicht persönlich kennt. Erst danach, wenn man sich nochmal trifft, würde ich von einem Date reden.

Katja: Okay. Ich habe da nie wirklich einen Unterschied gemacht. Ich fand meinen Freund nach dem ersten Treffen noch nicht so cool. Ich habe ihn über „OkCupid“ kennengelernt. Er hat mich angeschrieben und er war mit Bild drin. Ich war bei dieser ganzen Online-Dating-Sache ziemlich unverkrampft und hatte einfach Lust, mich mit ihm zu treffen. Das war jetzt aber kein erstes Date, wo es gleich mega gefunkt hatte. Es war nett, aber mehr halt auch nicht. Und ich war zu dem Zeitpunkt auch eigentlich gar nicht so interessiert, aber er hat da nicht locker gelassen. Ich habe es die ersten Treffen nicht so ernst genommen und dann ist mir langsam gedämmert, dass ich ihn schon mag und daraus ist mehr geworden.

Tobias: Das hat sich ja dann gelohnt, dass er drangeblieben ist. Mit wie vielen Männern hast du dich vorher getroffen?

Katja: Mehr als zehn. Und du?

Tobias: Ich habe mich mit weniger als zehn Frauen getroffen. Vermutlich neige ich dazu, manchmal zu lange mit Frauen zu schreiben. Und dann entstehen beidseitig schon irgendwelche Erwartungen bzw. Hoffnungen. Wenn dann bei einem Treffen nicht so der Funke überspringt vom optischen Eindruck her oder weil man nicht so die Gesprächsthemen findet, ist die Enttäuschung irgendwo beidseitig schon vorhanden.

Katja: Ich glaube, dass es hilft, einfach nicht so krampfhaft nach irgendwas zu suchen. Habe ich auch eine Zeit gemacht und es ist ziemlich danebengegangen.

Tobias: Es gab sicher Phasen, in denen ich zu krampfhaft gesucht habe. Die Tatsache, dass ich nicht so die Erfahrungen mit Frauen habe, macht es auch nicht besser. Wenn man mit jemandem schreibt, weiß man halt auch gar nicht, wer am anderen Ende sitzt. Die Emotionen fehlen und das persönliche Kennenlernen ist das A und O. Auch die Optik spielt definitiv eine Rolle und lässt sich nur zum Teil durch Fotos beurteilen, was ja auch oberflächlich ist. Mir gefällt der Spruch: „Die Optik ist die Eintrittskarte und der Charakter die Dauerkarte.“ Aus dem Grund habe ich für mich nun auch gemerkt, dass diese Apps für mich nicht geeignet sind und mich mittlerweile überall abgemeldet. Allerdings hatte es für mich auch nicht nur Schlechtes. Ich habe darüber eine richtig gute Freundin kennengelernt. Da war aber schon beim Schreiben vor dem ersten Treffen klar, dass es rein freundschaftlich ist.

Ob Liebe oder Freundschaft – sowohl Katja als auch Tobias haben über verschiedene Dating-Apps jemanden kennengelernt. Jetzt wollen wir von euch wissen: Welche Erfahrungen habt ihr mit Dating-Apps gemacht?

Der Algorithmus kann mich mal!

Zugegeben, ich tue mich schwer mit unserem Monatsthema. Dating-Apps. Wie das schon klingt. Als könnte man bei Bedarf einfach auf dem Handy tippen und schwupps taucht der passende Partner mit dem passenden Geschlecht auf, Geigenmusik ertönt, ein aphrodisierendes Essen wird serviert, während die App daran erinnert, sich auch ja in die Augen zu blicken. Verabredung nach Maß, Verlieben nach Klick, Partnerschaft nach Berechnung. Der Algorithmus brummt. Ich weiß, dass es bei einigen hervorragend funktioniert, aber das System dahinter schmeckt mir ganz und gar nicht.

Verlieben ist alles

Ohne Partner? Das geht in unserer Gesellschaft so gar nicht (Foto: iAmMrRob / pixabay.de)

„Alle zehn Minuten verliebt sich ein Single“ – was für eine Ansage. Immer der gleiche? Verliebt sich auch jemand in ihn oder sie? Die Aussage wackelt gewaltig und ihr steht etwas gegenüber, das keine Zahlen nennen kann. Die analoge Welt, in der sich meiner reinen Vermutung nach, viel öfter als alle zehn Minuten ein Single verliebt. In jemanden, den er oder sie gerade getroffen hat, schon länger kennt, von dem er es nie erwartet hätte, bei dem die Frage, ob sich diese Person zurückverliebt genauso groß ist. Denn das Verlieben, seien wir ehrlich, ist selten unser Problem. Das zeitgleiche ineinander Verlieben schon eher. Und unser Leben ist auch durchaus lebenswert, ohne dass uns jemand erklärt, wir wären nur eine „bessere Hälfte“. Wir sind absolut glücklich mit dicken Freunden, finden Erfüllung in unserer Berufung, genießen die Freiheit nicht auf Kompromisse einer Beziehung eingehen zu müssen. Und doch schallt es von allen Wänden: wir müssen uns verlieben, nur als Paar ist der Mensch komplett.

Also gut

Die Sucht nach Nähe. Sie steckt oft tief in uns (Foto: aitoff / pixabay.de)

Ja, ich und mein hohes Ross, auf dem ich nach über zehn Jahren Beziehung mit Hochzeit und Kindern und so sitze. Mea culpa. Und doch ändert das nichts an meiner Meinung dazu. Es braucht keinen Partner und keine Partnerin, um „anzukommen“. Es darf ihn aber geben. Nun stecken wir in dieser Gesellschaft, die uns ständig fragt, wann es denn bei uns soweit ist, mit Partner, Kind und so weiter. Rollen wir mit den Augen und gestehen uns ein, dass der Mensch so oder so nach Nähe giert. Sex und Kuscheln, ausgiebiges Quatschen, Küssen und Händchenhalten. Das tut uns gut, ich hör ja schon auf zu meckern. Uns wird gesagt, wir brauchen Partnerschaft und vielleicht ist das auch so und an der Stelle möchte ich erweitern: Egal wie viele Partner, welches Geschlecht sie haben und wie lange es „hält“. Der Mensch als Rudeltier. Trotzdem meckere ich über Dating Apps, dann erst recht.

Der Mensch, ein Zahlenmeer

Verwandelt uns in ganze Zahlen: der Algorithmus (Foto: geralt / pixabay.de)

Dating Apps laufen mit Algorithmen, die aus den Daten, die wir eingeben, Berechnungen darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir zu bestimmten Menschen passen. Je mehr Daten, desto genauer und mit der Zeit haben diese Algorithmen dazu gelernt. Dass regionale Faktoren berücksichtigt werden müssen, dass manche Punkte wichtiger sind, als andere, dass wir uns selbst manchmal nicht so gut kennen, wie wir glauben. Der Algorithmus aber will uns ganz genau kennen. Besser als wir uns selbst. Bei dem Gedanken läuft es mir schon eiskalt den Rücken herunter. Wo entblößt man sich mehr, als bei Partnern? Gerade diese Details erfasst der Algorithmus. Wir werden nicht nur gläsern, wir werden zu einem Zahlenmeer, das radikal kategorisiert wird. Schubladen deluxe. Und aufgrund dieser Schubladen werden wir mit den passenden Socken – äh – Partnern zusammengesteckt. Ja, das widerstrebt mir zutiefst, denn wie die Mischung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden für einen Menschen sein muss, damit aus einer Verabredung eine Bindung (vielleicht auf Lebenszeit) wird, kann nicht berechnet werden. Weil Menschen sich ändern. Vielleicht nur in Nuancen, aber dafür stetig, ohne Unterlass. Und ohne System.

Der digitale Schutzraum

Nur einen Klick entfernt? Möglich, aber mit einem Haken (Foto: stevepb / pixabay.de)

System gibt es dagegen bei den Dating-Apps zur Genüge. Die Treffer passen auf den ersten Blick, persönliche Treffen sollen das vertiefen, denn (na sowas) nur digital ist scheinbar auch nicht gut. Was aber fehlt, ist dieser kleine Funke der Annäherung. Bei einer Dating App weiß ich, dass der andere auch sucht und was er sucht. Ich muss mir nicht die Mühe machen, mich vorzustellen und mich bemühen, eine Annäherung zu schaffen. Das übernimmt die App. Praktisch, praktisch, wenn es nicht mehr um langsames Aufeinanderzugehen geht. Funktioniert schneller, man weiß, woran man ist (wenn alle ehrlich sind) und wir riskieren im ersten Moment weniger. Der digitale Schutzraum ist eine Blase, die es uns einfacher macht, ohne Frage. Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass es einfach sein soll. Gerade am Anfang nicht. Ich glaube, Verabredung auf Knopfdruck ist wie Instant-Kaffee oder eine Fertig-Lasagne. Manchmal ok, manchmal sogar richtig, richtig gut, aber oft leider wesentlich schlechter als ein frisch gemahlener Espresso oder eine heiße Lasagne, die man selbst gekocht hat. Ohne Frage, es gibt sie. Die, die nur dank Dating Apps ihre große Liebe finden und ich gönne es ihnen aus tiefstem Herzen. Das System dahinter finde ich dennoch hochproblematisch.