Wo die Freiheit endet

Abgehört? Von Email bis Telefonaten soll die NSA mitlauschen (Foto: T.Gartner)

Abgehört? Von Email bis Telefonaten soll die NSA mitlauschen (Foto: T.Gartner)

Wir werden beobachtet. Keine Mail, die ungelesen, kein Telefonat, das ungehört, kein Internetaufruf, der unbemerkt bliebe. Der Abhörskandal der NSA beschäftigt noch heute Medien und Politik. Seit Juni diesen Jahres deckt der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden immer wieder neue Fakten das Spionageprogramm PRISM betreffend auf . Ein wichtiges Ziel scheint dabei Deutschland zu sein. Spiegel online berichtete, dass Deutschland als „Partner dritter Klasse“ bezeichnet werde und ähnlich stark abgehört werde wie Irak oder China. In der Regierung will niemand etwas gewusst haben, doch genutzt hat der BND die Informationen angeblich ja doch.

Stellt sich die Frage, ob wir damit leben können, täglich ausgespäht zu werden, zu wissen, dass kein digitaler Schritt von der Überwachung aus Amerika ausgenommen wird. Selbst Telefonate sind nicht sicher. Steigen wir also wieder um auf Briefverkehr? Immerhin sollen anscheinend Terroraktionen verhindert worden sein. Nur wie und wo und was lässt sich vom Bürger nicht nachvollziehen. Und erzählen kann die NSA ja viel.

Die Nachfrage an Email-Verschlüsselungen ist durch die PRISM-Affäre gestiegen. Was hat es die USA auch zu interessieren wie viele Gurken meine Mutter mir mitbringen soll. Habe ich etwas zu verbergen? Entblößen wir uns im Web 2.0 nicht ohnehin alle digital auf Facebook, Twitter, Google+ und Co? Ist der ganze Wirbel für die Katz, wenn doch unsere Kanzlerin im Wahljahr meint, das Internet sei Neuland?

Zugegeben, in einer alternden Gesellschaft, von der ein Teil Schwarz-Weiß-Fernsehen miterlebt hat – von den ersten Computern ganz zu schweigen – sind die sogenannten „digital natives“ noch in der Unterzahl. Doch selbst unsere Eltern arbeiten Tag für Tag am Computer, mit Intranets und dem Internet. Und in den sozialen Netzwerken bestimmen wir selbst, was wir einstellen, was wir preisgeben und wissen hier auch, dass wir oft nicht ausschließen können, dass diese Informationen dabei auch an andere gehen, als die, die wir im Auge hatten. Daneben aber hat jeder wohl viel zu verbergen. Und das hat nichts mit Terrorismus oder Gesetzesübertretung zu tun, sondern mit Privatsphäre.

Was zu verbergen? Die Freiheit auf Privatsphäre hat nichts mit Terrorismus zu tun (Foto: Obermann)

Was zu verbergen? Die Freiheit auf Privatsphäre hat nichts mit Terrorismus zu tun (Foto: Obermann)

Wenn wir diese zugunsten einer vermeintlich sichereren Welt aufgeben, sind unzählige Dystopien an uns vorbeigegangen, ohne Eindruck zu hinterlassen. Der Autor George Orwell warnt uns in 1984gerade vor der Gefahr eines alles sehenden „Big Brothers“. Sicherheit durch Überwachung geht immer mit dem Verlust von Freiheiten einher. Und diese Option ist einfach nicht verhandelbar. Denn unsere Freiheit haben wir uns erkämpft, haben dafür gelitten und gesehen, wie totalitäre Überwachungsstaaten die Welt verschlechtern.

Was können wir aber tun gegen den allmächtigen Staat USA, gegen den sich nicht mal unsere Regierung wagt, Einspruch zu erheben? Viel. Und alles ist besser, als nichts. Seit Juni protestieren immer wieder Menschen gegen den Überwachungsskandal. Die Internetorganisation Campact ruft immer wieder zu Petitionen auf und organisiert Demonstrationen. Vor allem junge, netzaffine Bürger empören sich und zeigen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Bespitzelung.

Und auf der anderen Seite gibt esdie, denen es schlichtweg egal ist. Die sagen: „Was soll man gegen Amerika schon machen?“ und „Wenn die interessiert, wie viele Brötchen ich beim Bäcker kaufe, sind die selber Schuld“, oder auch „wenn’s gegen den Terrorismus hilft“. Es sind Stimmen von Gleichgültigkeit und Ignoranz. Solche Stimmen wird es immer geben. Und es kann sich ja auch nicht jeder gleich empören. Doch auch nach vier Monaten lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob wir bereit sind, mit eingekniffenem Schwanz aufzugeben, wenn es um unsere Freiheit geht. Die Amerikaner, für die die Freiheit über allem steht, würden rasen, wäre die Sachlage anders herum.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra über die ewigen Skeptiker und ihr Auswirkung auf das Zwischenmenschliche.

 

Der Wert des Wassers

 

Tee trinken. Ohne Wasser nicht möglich (Foto: Obermann)

Morgens, bevor der Tag richtig angefangen hat, brauche ich viel Wasser. Der erste Toilettengang, Hände waschen, Zähne putzen, vielleicht duschen, schließlich Tee kochenund die Spülmaschine einräumen. Und das alles, bevor ich meinen Sohn zum Kindergarten und mich selbst zur Uni bringen kann. Ohne Wasser hätte ich echt ein Problem. Problematisch wird es auch, wenn mein Wasser plötzlich zur Marktware wird.

Der Plan der Wasserprivatisierung hat einen Sturm der Empörung entfesselt. Dutzende Petitionen wettern dagegen, Medien berichten kritisch wie schon lange nicht mehr, und doch scheint die Idee bei vielen noch nicht angekommen zu sein. Unser Wasser könnte bald die Ware sein, deren Preise hart verhandelt werden. Bei jedem Tropfen aus dem Hahn müssen wir uns dann überlegen, wie viel er kostet. Wasser sparen ist ja schön und gut, aber wenn manche sich die Dusche nicht mehr leisten können, wo kommen wir dann hin? Mal abgesehen von dem Glas Trinkwasser aus dem Hahn.

Teures Gut? Unser Trinkwasser (©Sara Hegewald / pixelio.de)

Die ganze Idee kommt aus Brüssel. Dank einer neuen EU-Richtlinie, sollen Kommunen in speziellen Fällen zur europaweiten Ausschreibung ihrer Wasserversorgung gezwungen werden können. Was aus der Eurokrise zur Geldeinsparung in den Kommunen entstanden ist, kann aber ganz schön nach hinten los gehen. Die online Petitions-Organisation Campact berichtet, dass sich in Portugal in Folge der Wasserprivatisierung in einigen Regionen der Wasserpreis vervierfacht hat. Kein schöner Effekt. Denn was wir mit den steigenden Strom- und Energiepreisen schon lange erleben, kann auch mit Wasser in Zukunft zu unserer Realität gehören.

Allein die Vorstellung reicht, um viele Menschen wütend zu machen. Nicht nur bei Campact läuft eine Petition. Auch die Organisation right2water sammelt Unterschriften gegen die Wasserprivatisierung. Bei der Gewerkschaft Verdi kann man sogar für das europaweite Bürgerbegehren unterzeichnen. Und der erste Erfolg zeichnet sich ab. Laut ARD protestieren mittlerweile über 1,3 Millionen Europäer. Ob sie Erfolg damit haben, bleibt abzuwarten. Denn gleichzeitig meldet der Fernsehsender, dass die Bundesregierung die Pläne aus Brüssel auch weiterhin richtig fände. Soviel also zur Demokratie. Das Volk sagt nein, die Regierung trotzdem ja. Ein trauriges Bild und eine enttäuschende Erkenntnis über unsere Regierung.

Wie die Geschichte endet, steht noch nicht fest. Das Bürgerbegehren hat zwar sogar in Brüssel Eindruck gemacht, doch weiterhin zählt jede Stimme, um der drohenden Wasserprivatisierung entgegen zu wirken. Denkt doch beim nächsten Toilettengang, beim nächsten Tee oder Kaffee, beim Geschirr und Wäsche waschen mal daran, wie es wäre, wenn Konzerne mit dem Wasserpreis spielen und ihn nach oben treiben könnten. Eine Szenerie, die mich wirklich ängstigt.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Alexandra von ihrem Leben in einer WG.


Unsere Stimme für unser Morgen – Online Petitionen

Wer das Wort „Petition“ hört, denkt an Menschen in Fußgängerzonen, die an Klapptischen mit riesigen Plakaten Unterschriften für hungernde Kinder oder gequälte Tiere sammeln. Manch ein Unterhaltungsfernsehsender hat schon aufgedeckt, dass manche dieser Organisationen nichts als Schein sind und die Menschen, die sich ihre Füße wundstehen wie Sklaven behandelt werden. Nicht alle natürlich, das ist klar.

Doch in multimedialen Zeiten und der Internetgesellschaft ist das Sammeln von Unterschriften auf neue Ebenen gestiegen. Vielen sind Online-Petitionen allerdings nicht geheuer, sie zögern, ihre Adressen und ihren Namen anzugeben. Datenschutzdebatten klingeln noch in ihren Ohren. Andere kennen Organisationen wie ‚Avaaz‘ oder ‚Campact‘ nicht und was der Bauer nicht kennt …

Dabei können Online-Petitionen tatsächlich etwas bewirken und die junge Generation weißt das. 2007 wurde das Kampagnennetzwerk ‚Avaaz‘ gegründet und sammelt seitdem global Stimmen für Petitionen und organisiert unter anderem Flashmobs. In 14 Sprachen arbeitet das Netzwerk und sammelte beispielsweise 2010 über 110 000 digitaler Unterschriften gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken in Deutschland. Finanziert werden die Kampagnen über Spenden aus der ganzen Welt. Über zwölfeinhalb Millionen Mitglieder hat Avaaz im Februar 2012, noch im Herbst 2011 berichtete der „Fluter“ von zehn Millionen Aktiven. Kein schlechter Schnitt. Mitglieder registrieren sich für den Newsletter, in dem auf aktuelle Petitionen und Aktivitäten hingewiesen wird, unterschreiben Petitionen, die sie wichtig finden, leiten die Petitionen an Freunde weiter oder teilen sie über Facebook und Twitter. So viele Mitglieder zeigen, dass Online-Petitionen keine ziellosen Ideen sind. Im Januar 2012 erst vollbrachte es eine Petition von Avaaz in 36 Stunden 500 000 Unterschriften von Indern für eine umfassende Reform in Indien zu sammeln. Die Aktion folgte auf die Ankündigung Anna Hazare, sollte die Regierung keinen Entwurf für ein Anti-Korruptionsgesetzt erlauben, bis zu seinem Tod zu fasten. „Innerhalb von 4 Tagen brachte der öffentliche Aufschrei Indiens Regierung dazu, eine schriftliche Vorlage aller Forderungen Hazares zu unterzeichnen. Wir haben gewonnen!!“ schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Mit über 500 000 Mitgliedern ist das Netzwerk ‚Campact‘ zwar kleiner als Avaaz, allerdings arbeitet ‚Campact‘ nur in Deutschland und fokussiert wichtige Themen unseres Landes. Ende 2004 ging ‚Campact‘ an den Start, 2009 half ‚Campact‘ mit, die Aussaat von Genmais zu verhindern. Momentan sammelt das Netzwerk Stimmen gegen das Atomendlager in Gorleben und für Regelungen zur effizienteren Energienutzung. Die Metapher des globalen Dorfes trägt die Fußgängerzone in unser Wohnzimmer, an unseren PC. Niemand muss das Haus verlassen, um seine Unterschrift unter eine Kampagne zu setzen, die er unterstützen will. Ganz im Geheimen kann er das tun und sich in Ruhe aussuchen, was er interessant findet. Mitmachen statt über die Zustände zu schimpfen, so lautete die Devise der Kampagnennetzwerke. Mitmachen und Bewegen. Wer keiner Partei so schnell seine Stimme leihen will, kann selbst sagen, was er gut und lohnenswert findet. Und wir kommen tatsächlich dank ‚ Organisationen wie Avaaz‘ und ‚Campact‘ an einen Punkt, wo wir sagen können: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.

Zusammen stark: Kampagnennetzwerke leben vom Engagement ihrer Mitglieder (Foto: Beutler)

Wer aber immer noch Angst vor Datenschutzmängeln hat und gesichtslosen Internetseiten nicht traut, sollte erst einmal einen Blick auf die Netzwerke werfen, ehe er seine Meinung bildet. Strenge Datenschutzrichtlinien werden sowohl bei ‚Avaaz‘, als auch bei ‚Compact‘ verfolgt und eingehalten. Der Newsletter ist schnell wieder abbestellt, ein persönliches Passwort bei ‚Compact‘ bietet noch mehr Schutz. Tatsächlich sind diese Netzwerke wesentlich übersichtlicher und sicherer, als manche Unterschriftssammlungen in der Fußgängerzone. Wichtig ist aber auch hier: Wir müssen mitmachen, müssen unsere Stimme nutzen und dank ‚Avaaz‘ und ‚Campact‘ können wir das auch.

 

 

Vorschau: Nächste Woche startet unser neuer Kolumnist Sascha mit seinem Text über die Männer unserer Zeit.