Lesen zwischen Spaß und Pflicht

Ich gestehe, der Jahreswechsel war bei mir eher unspektakulär. Mit meiner Tochter mit Orangensaft auf dem Sofa, während der Große mit seinem Papa Wunderkerzen im Garten abgebrannt hat und der Kleinste alles verschlafen konnte. Doch als Buchbloggerin bedeutet der Jahreswechsel immer wieder einiges an tatsächlichem Neuen. Denn mit jedem Silvester gibt es neue „Lese-Challenges“, die neue „Challengeseiten“ brauchen und mein Lesejahr zumindest abstecken.

Blogger und Deutsch

Grundidee: Gemeinsam lesen (Foto: LubosHouska / pixabay.de)

Grundidee: Gemeinsam lesen (Foto: LubosHouska / pixabay.de)

Dabei finde ich das Wort Lese-Challenge  einfach grausig. Auf meinem Blog heißt der Überbegriff darum schlicht „Leseaufgaben“. Und auch das ist noch nicht wirklich genial. Denn „Lese-Challenges“ gibt es in allerlei Formen und Ausprägungen. Die Grundidee ist die, dass die Leser gemeinsam Büchern lesen und als kleiner Ansporn wird ermittelt, wer am schnellsten war oder die meisten Bücher gelesen hat. Initiiert werden die Challenges auch meist von Bloggern, ab und an aber auch von Verlagen selbst, oder aber in Zusammenarbeit. Vor allem geht es mir dabei um die Gemeinschaft. Sehen, was die anderen zu den Vorgaben gelesen haben oder feststellen, dass die gleichen Bücher gelesen wurden. Und auch das Stöbern in den Rezensionen der mitlesenden Blogger. Manche dieser Herausforderungen sind sehr frei, andere eher eng gefasst. Manchmal liest es sich in ganzen Gruppen „gegen“ andere, wie bei der „Human-Vampire-Magic-Challenge“.  Die gelesenen Bücher der Mitmachenden werden hier addiert und mit denen der anderen Gruppen verglichen. Auch das erzeugt eine Art von Gemeinschaftsgefühl. Im Grunde eine Art großer Buchclub, bei dem entweder nur Themen oder auch die einzelnen Bücher von den Veranstaltern vorgegeben werden. Dann wird über das Gelesene in verschiedenen Gruppen gesprochen oder auch nur auf Blogs rezensiert und kommentiert.

Macht das noch Spaß?
Macht das noch Spaß? Was wenn es beim Lesen nur noch um Quantität geht? (Foto: moritz320)

Macht das noch Spaß? Was wenn es beim Lesen nur noch um Quantität geht? (Foto: moritz320)

Gerade zu Beginn 2017 habe ich einige Buchblogger gefunden, die sich gegen die Aufgaben wehren. Nicht etwa, weil sie nicht gerne lesen, sondern weil ihnen der Leistungsgedanke dahinter missfällt. Das kann ich durchaus verstehen. Ich habe schon erlebt, dass Leser über 20 Bücher im Monat lesen oder es zumindest behaupten. Je nach Lebenslage ist das auch machbar – aber oft sind drei bis  sechs Bücher einfach eher machbar. Vor allem, wenn nicht nur eine „Lese-Challenge“ angegangen wird oder eben noch andere Bücher auf dem Stapel ungelesener Bücher warten. Das Belohnen  der „Fleißigsten“ mit Buchgewinnen oder ähnlichem sehe ich also kritisch. Nach der Buchmesse letztes Jahr riefen  ein paar Blogger eine Buchmesseblues-Challenge ins Leben. Da hat dann jedes gelesene Buch Lose gebracht und am Schluss wurden zwei Mitlesende gezogen. Das System fand ich viel besser, denn auch wer nur ein Buch zu den Themen lesen kann, hat doch mitgemacht und sollte die gleiche Chance bekommen, wie der Dauerleser schlechthin.

Aufgaben und Listen
Die Aufgabe? Bücher der BartBroAuthors lesen (Foto: Obermann)

Die Aufgabe? Bücher der BartBroAuthors lesen (Foto: Obermann)

Mittlerweile bin ich selbst dazu übergegangen, mich zu beschränken. Viele Ideen sind toll, aber wenn ich meine Auswahlmöglichkeiten durch so viele Aufgaben immer mehr erweitere, schaffe ich das nicht, was ich mir eigentlich erhoffe: Etwas mehr Struktur in meiner Bücherauswahl. Denn es gibt so viele gute Bücher, dass ich manchmal dastehe und einfach nicht weiß, was ich als nächstes lesen soll. Mein Kleiderschrank macht mir wesentlich weniger Probleme . Wenn ich dann aber auch die Monatsaufgabe der „Motto-Challenge“ von Weltenwanderer   schaue, fällt mir die Auswahl leichter. Oder ich orientiere mich etwas fachlicher mit der „Frauen-Lese-Challenge“ von Wortlichter. Die passt mir sehr gut, weil ich hier das Lesen für die Dissertation mit dem Blog verbinden kann. Toll finde ich aber auch Leselisten. Die „Bücherkultur-Challenge“ beispielsweise führt Klassiker (auch moderne). Die „100-Books-Bloggeredition“ ist ähnlich gestrickt und stellt sehr gute Bücher vor. Besonders freue ich mich 2017 meine eigene Liste eingeführt zu haben. Die der BartBroAuthors, zu denen ich mich seit Dezember 2016 zählen darf. Hier finde ich gerade junge, noch weniger bekannte Autoren und auf die werfen Blogger immer gerne ein Auge. Ich finde es sehr toll, durch meine kleine „Challenge“ auch weniger bekannte Bücher und Autoren auf den Plan zu rufen. Denn auch dabei geht es bei „Lese-Challenges“  immer wieder: Neues entdecken und tolle Bücher lesen.

Blogger-Koller – als Buchbloggerin auf der Buchmesse

Was für Autonarren die IAA, für Spielsüchtige die Gamescon und Technikliebhaber die IFA ist für Bibliophile die Buchmesse in Frankfurt. Dieses Jahr konnte die Frankfurter Buchmesse nicht nur ein Plus von zwei Prozent bei den Besuchern vermelden, sondern zum ersten Mal war auch ich dabei – als Buchbloggerin. Das schöne ist, dass ich so ein Fachticket bekommen habe und an jedem der Messetage hätte durch die Hallen schlendern können. Das Leben neben dem Blog hat es mir dann aber doch nur am Samstag möglich gemacht.

Ach auf der Buchmesse zu finden: Blogger für Flüchtlinge (Foto: Blogger für Flüchtlinge)

Ach auf der Buchmesse zu finden: Blogger für Flüchtlinge (Foto: Blogger für Flüchtlinge)

Irgendwo zwischen Fachbesucher der ersten Liga und buchtrunkenen Besuchern liegen wir, die Blogger. Mit einer Akkreditierung bei der Pressestelle der Messe, die mit einem gut geführten Blog kein Problem ist, gibt es die Fachkarte. Doch Reinzukommen ist die leichteste Übung. Dann ist Organisationstalent gefragt, denn ein bisschen was soll ja auch für den Blog abfallen. Viele führen Interviews, lassen sich mit Autoren fotografieren und suchen nach neuen Rezensionsexemplaren. Auch immer ein Thema auf der Buchmesse: Blogger für Flüchtlinge. Eine Aktion, bei der Blogger auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam machen, Geld sammeln und die Flüchtlingshilfe in den Fokus stellen.

Blogger trifft Autor: Unsere Kolumnistin mit Autorin Sonja Rüther (Foto: Obermann)

Blogger trifft Autor: Unsere Kolumnistin mit Autorin Sonja Rüther (Foto: Obermann)

Ich habe am Samstag erst mal das Bloggerfrühstück des dotbooks Verlags besucht. Der hatte mich im August zur Bloggerin des Monats ernannt, wodurch dann auch meine Fahrtkosten zur Buchmesse und wieder zurück erledigt waren. Beim Bloggerfrühstück selbst gab es dann nicht nur Verpflegung und die Möglichkeit gleich mehrere Autoren kennenzulernen, sondern auch gut gefüllte Tüten mit dem Verlagslogo. Damit war uns die Aufmerksamkeit schon einmal sicher. Schon blieben die ersten stehen und fragten verschmitzt, wie sie denn auch so einen Beutel bekommen könnten. Doch hier hieß es: Nur für geladene Gäste. Immerhin hat sich der Pressevorteil gelohnt, denn neben allerlei Kleinigkeiten vom Verlag und einem Smoothie von Skoobe mit Testzugang gab es auch ein Buch vom Aufbau-Verlag, der dieses Jahr beim Bloggerfrühstück mit dabei war.

Beutel für Blogger: lovelybooks hatte einen Berg für seine Mitglieder gerichtet (Foto: Obermann)

Beutel für Blogger: lovelybooks hatte einen Berg für seine Mitglieder gerichtet (Foto: Obermann)

Doch wer jetzt denkt, die Blogger griffen einfach nur ab, der hat sich noch nie mit der Arbeit um einen Blog auseinandergesetzt. Buchblogger beispielsweise lesen und rezensieren, sie machen also Werbung für die Bücher, oft auf mehreren Ebenen, weil sie in verschiedenen Netzwerken ihre Rezensionen zusätzlich einstellen, um untereinander besser in Kontakt zu bleiben. Eines dieser Netzwerke ist lovelybooks, bei dem ich am Samstag auf dem Bloggertreffen war. Ein ziemlich chaotisches Unterfangen. Eine richtige Bloggermeute quetschte sich vor dem Stand. Bald hatte sie nicht nur Schaulustige angelockt, sondern auch solche, die ahnten, dass es da noch etwas geben musste. Denn auch hier wurden Taschen mit Lesezeichen, Leseproben und Büchern ausgegeben. Nach einer halben Stunde war der Berg an Beuteln fort und ich bin mir ziemlich sicher, dass hier nicht nur lovelybooks-Mitglieder beschenkt wurden. Das ist dann für alle ärgerlich, die sich angemeldet hatten, aber leer ausgegangen sind.

Quetschgefahr: Die vielen Blogger auf der Buchmesse (Foto: Obermann)

Quetschgefahr: Die vielen Blogger auf der Buchmesse (Foto: Obermann)

Viele Bloggertreffen fanden aber schon vor dem Öffnen der Messe für die privaten Besucher statt. Immerhin ist es dann noch nicht so voll und die Neugierde der Fachbesucher hält sich etwas in Grenzen. Mein restlicher Messetag war dann fast schon geprägt vom Verteilen meiner Blog-Visitenkarten für Pressekontakte und Gewinnspielvorbereitungen. Noch ein paar Rezensionsexemplare fanden den Weg in meine Tasche, dutzende Kataloge habe ich mitgenommen, mit gefühlten hundert Pressemenschen gesprochen. Schön war aber, immer wieder andere Blogger zu treffen. Die, die mit mir beim Bloggertreffen fast zerquetscht worden wären, die, die ich beim Vorbeigehen an ihren Taschen und Presseschildern erkannt habe. Eine Subkultur, die immer wichtiger wird. Immerhin beschäftigt die Diskussion, ob Blogger „nur“ Rezensenten oder „auch“ Kritiker sind immer wieder die Fachwelt. Karla Paul, die mit dem Blog Buchkolumne mittlerweile Eingang in Funk und TV gefunden hat, ist ein Paradebeispiel, dass Buchblogger durchaus Fachleute sind. Ein Status, den auch die Buchmesse uns durch die Fachbesuchertickets verleiht.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anne über das Reisen als Berufung.