Face2Face enthüllt: Ein Blick hinter die Kulissen einer aufstrebenden Militärdiktatur

Als „harmlosen Blödsinn“ beschrieb eine Speyrer Lokalzeitung am Dienstag, 24. April 2012 die Umtriebe des Sizilianers Salvatore Maria di Calandrucci in Römerberg/ Heiligenstein. Doch mit harmlosem Blödsinn hat das, was dort seit ein paar Monaten geschieht, nichts mehr zu tun: Von einem am Ortsrand gelegenen, inzwischen zu einer Art Festung ausgebauten Großbauernhof aus hat di Calandrucci eine regelrechte Militärdiktatur in dem gerade einmal 3.000 Seelen großen Dorf errichtet. Dort herrscht inzwischen ein Klima der Angst, und nicht einmal mehr in den Hinterhöfen traut man sich heute noch, über die beängstigende Wandlung zu sprechen, die die Gemeinde heimgesucht hat wie eine aggressive Seuche. Menschen, die man bei aktuellem Entwicklungsstand der Lokalpolitik durchaus als „Regimekritiker“ bezeichnen kann, werden am helllichten Tage auf offener Straße verschleppt und bleiben wie vom Erdboden verschluckt. In einer Art Heereslager auf einem aufgegebenen Weinberg sammeln sich seit Anfang Dezember hunderte Sizilianer und nachts patroulieren di Calandruccis Schlägertrupps in den Straßen Heiligensteins. Die Polizei scheint weitgehend machtlos und im naheliegenden Speyer spekuliert man längst über eine großangelegte Unterwanderung der Behörde durch di Calandruccis Männer.

Auslöser für all das war – so unglaublich es klingen mag – ein Nachbarschaftsstreit, der sich bis heute so weit extremisiert hat, dass gar schon angrenzende Ortschaften um ihre hegemoniale Existenz bangen müssen.

Unter Einsatz seines Lebens hat es der – inzwischen auf der Flucht befindliche – Face2Face-Politik-Redakteur Fabio Lampone (Anm. d. Red.: Name zum Schutz von Leib und Leben des Redakteurs geändert.) geschafft, sich in die Reihen di Calandruccis einzuschleusen. Mit dem Vorschlag, ein regimeeigenes Propagandablatt zu publizieren, konnte Lampone das Vertrauen des 71-Jährigen gewinnen und hat sich seitdem – bis zum Zeitpunkt seiner Demaskierung – als Chefredakteur des „il guerriero“ im engsten Kreis des Padrone bewegt. Schließlich sollte es Lampone gelingen, den Mafia-Warlord mit verstecktem Mikrofon zu seinen Plänen zu befragen. Exklusiv bei Face2Face – Salvatore Maria di Calandrucci im Interview!

Face2Face: Padrone, auf dem Weg nach Heiligenstein bin ich heute Abend an einer Straßensperre von schwer bewaffneten sizilianischen Zöllnern aufgehalten worden, die letztlich mein Auto durchsucht haben und mir einen Wegzoll in Rechnung gestellt haben. Was hat das zu bedeuten?
Di Calandrucci: Die Erhebung von Wegzöllen ist einer der Schritte, die die Familie (Anm. d. Red.: Wenn di Calandrucci von „Familie“ spricht, meint er für gewöhnlich das Verbrechersyndikat, welches er anführt) für nötig befindet, um die lokale Infrastruktur zu schwächen. Die Erhebung von Wegzöllen und die teilweise durch uns verhängten Spontanabriegelungen einiger wichtiger Straßen in und um Heiligenstein schaden dem wirtschaftlichen Geflecht der Region nachhaltig.

Face2Face: Die Infrastruktur schwächen? Der Wirtschaft schaden? Wie können solche Schritte in eurem Interesse liegen?
Di Calandrucci: Die Destabilisierung Römerbergs ist ein erster Schritt, um unsere Herrschaft über die Straßen auf eine rechtliche Basis zu stellen. Sobald die Region vorm wirtschaftlichen Kollaps steht, wird ein kompetenter Investor den Kontakt zum Gemeinderat suchen und ihm den Börsengang Heiligensteins…
Face2Face: Den Börsengang Heiligensteins?
Di Calandrucci: …anbieten. Unterbrich mich nicht, Fabio! Unser Mann in Frankfurt hat bereits alles für diesen einzigartigen Schritt in die Wege geleitet. Der Gemeinderat steht längst auf meiner Gehaltsliste. Und sobald das marode Heiligenstein in Frankfurt notiert ist, schlagen wir zu und übernehmen das Dorf.

Face2Face: Aber glaubt ihr, dass die Bevölkerung und die Behörden einen erzwungenen wirtschaftlichen Abbau ihrer Heimat hinnehmen werden?
Di Calandrucci (lacht): Es wird ihnen kaum etwas anderes übrig bleiben. Die Heiligensteiner Bevölkerung hat ihre Ohnmacht längst begriffen.

Face2Face: Tatsächlich erweist sich ein Blick auf die Straßen als ausgesprochen aufschlussreich über die neuen Machtverhältnisse in Heiligenstein. Wie, Padrone, seid ihr in diese Position gelangt?
Di Calandrucci: Auf dem Nachbarhof ist vor einigen Jahren eine neapolitanische (di Calandrucci spuckt auf den Boden) Großfamilie sesshaft geworden. Mehrfach trieb der unverschämte Kerl, der den Hof neu eröffnet hatte, sein Vieh auf meine Weide und stahl schließlich sogar meine Weintrauben im großen Stil. Schließlich versuchte er sogar, meinen Traktor zu entwenden – sein Pech, dass an jenem Abend eine große Familienfeier auf unserem Hof stattfand. Schnell war sein Hof umstellt und der Räuberbande blieb nichts anderes übrig, als zurück in die neapolitanische (di Calandrucci spuckt erneut aus) Gosse zu kriechen, aus der sie hervorgekommen war. Doch ließen die Vertriebenen neben ihrem Hof noch etwas ganz anderes zurück – ein Gefühl der Macht, das uns alle ergriffen hatte. Uns wurde klar, wie stark, wie mächtig wir sind, wenn wir zusammenstehen. „Das können wir!“, begeisterte sich mein Neffe. Wir wollten an unsere Grenzen gehen, sehen, wie weit wir gehen können. Nachdem die Behörden es anfänglich verschlafen hatten, gegen die Expansion der Familie in Heiligenstein vorzugehen, waren wir bald schon zu mächtig geworden, als dass dies noch möglich gewesen wäre.

Face2Face: Beeindruckend. Aber wozu das alles, Padrone? Was beabsichtigt ihr hier zu erreichen?
Di Calandrucci: Nachdem sich Heiligenstein unter unsere Kontrolle befindet, werden wir zunächst das tief gespaltene Römerberg (Anm. d. Red.: Römerberg gliedert sich in die Gemeinden Berghausen, Heiligenstein und Mechtersheim) wieder vereinen. Nachdem wir die beiden übrigen Gemeinden annektiert haben, werden wir auf dem Fleckchen Erde, das den schandhaften Namen „Römerberg“ trägt Palermo Nuovo errichten. Und dann steht einer Expansion unserer sizilianischen Exklave nichts mehr im Wege. Dudenhofen verfügt über eine ähnlich ausgeprägte Unterwelt wie die, die wir gerade errichtet haben, und um Widerstand im Keim zu ersticken, werden wir das Dorf wohl brandschatzen müssen. Liegt Dudenhofen erst einmal in Trümmern, heißt unser nächstes Ziel Speyer. Und dann? Wir werden sehen. Mannheim, Frankfurt, Berlin… Die Träume eines alten Mannes…

betterDate.de – das Dating-Portal mit dem Zalando-Prinzip

„Wo Frauen Männer shoppen“, mit diesem Slogan wirbt das Dating-Portal betterDate.de im Internet.
Damit soll offensichtlich gezielt eine ganz bestimmte Zielgruppe angesprochen werden: Frauen, die unter Zwang stehen, unabhängig von ihren tatsächlichen Bedürfnissen, einkaufen zu müssen – sogenannte Shopaholics. Diesmal sind damit jedoch keine Schuhe gemeint, sondern die Ware in Form von Männern. Wir leben zwar in einer emanzipierten und toleranten Gesellschaft, aber Männer im Rahmen einer potentiellen Partnerschaft als Produkte zu bezeichnen, geht deutlich zu weit! Wo ist denn da die Grenze zur Prostitution?

Die Single-Shopaholics können mithilfe der Dating-Plattform gezielt auswählen, wer zu ihnen passen könnte und wer sie kontaktieren darf. Die mittels dieses Prinzips ausgewählten Männer können dann als Produkt in den Warenkorb gelegt werden . Erste dann ist es den Männern möglich mit den Damen in Kontakt zu treten.

Frauen besitzen sie das Privileg die völlige Kontrolle über den gesamten Dating- und Kennenlern-Prozess zu haben. Dagegen hat das starke Geschlecht die wichtige Rolle als Produkt Teil der Plattform zu werden. Dies bedeutet natürlich auch: Je besser das Produkt gepflegt, beschrieben und fotografiert ist, desto mehr Interesse erregt es bei den Single-Frauen .

Wie es auf der Webseite von betterDate heißt, sollen Männer die Vorgehensweise als Chance sehen. Das Motto scheint zu lauten: Wer sich verstellt und sich statt Feinripp-Felix als Luxus-Lukas ausgibt , auf den stürzen sich die Frauen. Der Kampf beim Sommerschlussverkauf ist nichts dagegen! Also putzt euch raus, liebe Männer, und werdet zum Kassenschlager! Frauen wird es einfach gemacht: Im Shop registrieren, Kundenprofil ausfüllen und eigenes Profilbild hochladen,Produkte (= Männer) durchforsten,Lieblingsteile in den Einkaufswagen legen.

Erst dann dürfen die „Produkte“ die „Kundin“ kontaktieren. Für Männer funktioniert es ähnlich: Im Shop registrieren, Profil mit Produktdaten füllen, sogenannte „Produktfotos“ hochladen,auf die Einkaufsliste von Frauen setzen. Mit Anleitungen wie „wenn sie dich dann in ihren Einkaufswagen legen, darfst du sie kontaktieren“ gibt das Portal Verhaltens-Tipps. Auf Spontankäufe der Frauen zielen – wer sich anstrengt, wird sofort genommen und erhält die direkte Kontakterlaubnis zur potentiellen Partnerin.

Durchforstet man das Netz nach Stimmungen und zu „betterDate“, fällt die Resonanz eher gering aus, gerade einmal 460 Facebook-Anhänger verfolgen das Portal. Im Vergleich zu anderen, weitaus seriöser wirkenden Dating-Angeboten, wie beispielsweise Paarship, ist diese Anzahl sehr gering.

„betterDate“ preist ihre fragwürdige Idee als „Revolution in der Datingbranche“ an. Alles ist auf dem Prinzip shoppingsüchtiger Frauen und Klischees über diese aufgebaut. Der sensible Vorgang der Kennenlern-Phase wird einem Einkaufsbummel gleichgesetzt und büßt so seine wichtige Bedeutung zu Beginn einer Beziehung ein.

Vorschau: Am Dienstag, 13. November berichtet die Panorama-Redaktion über PC-Kurse für Senioren.

Finanzhunger, Teil 3: Kopfsache

Im ersten Teil der „Finanzhunger“-Serie haben wir uns mit dem Verhältnis zwischen humanitärer Hilfe und wirtschaftsstabilisierenden Maßnahmen beschäftigt, während der zweite Artikel die Situation strukturschwacher Nationen hinterfragt hat. Dieser letzte Artikel soll nun – in aller Kürze – das Wesen der Wirtschaft betrachten und aufzeigen, warum es auch anders ginge.

„Wirtschaft“ ist einer dieser typischen Ausdrücke, die ständig gebraucht werden, aber kaum erklärbar sind. Wie jedes abstrakte Konstrukt entzieht sich der Begriff jedem Versuch, ihn in einem überschaubaren Rahmen präzise zu erfassen. Ganz genau aber diese Tatsache, also die abstrakte Natur des Wirtschaftbegriffs, ermöglicht einen Ausweg aus der zuvor beschriebenen Misere.

Denn: Die Wirtschaft an sich ist nicht einfach „da“. Sie ist menschengemacht und untersteht damit dem Wohlwollen aller Wirtschaftsträger, das heißt vor allem dem Wohlwollen der Angehörigen der Wirtschaftsstaaten. Nur solange diese Menschen an die Wirtschaft glauben und in sie Vertrauen, kann sie überleben.

Als beispielhafte Erklärung für dieses religionsähnliche Gebilde soll jenes Gut dienen, welches ganz zentral für die Wirtschaft ist: Das Geld. Geld ist prinzipiell erst einmal nichts anderes als ein Medium, ein „Mittler“. Es hat die Funktion, Werte zu übermitteln und ist wohl als Weiterentwicklung des einfacheren Tauschhandels zu verstehen: Anstatt Konsumgüter direkt zu tauschen, also zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Zigaretten gegen einen Kaffee, einigt sich die geldverwendende Gesellschaft darauf, den Gütern – zumindest theoretisch mit den Produktionskosten zusammenhängende – Werte zuzuschreiben. So erübrigt sich die Frage nach dem Tauschverhältnis von Kaffee zu Zigaretten. Viel wichtiger ist aber, dass niemand ständig potentielle Tauschgüter mit sich führen muss.

Aber auch Geld ist ein Abstrakt; Münzen und Scheine sind lediglich Repräsentanten der Idee „Geld“, die, wie auch die Wirtschaft nur dann funktioniert, solange alle Geldnutzer daran glauben, dass es funktioniert. Ohne die Gewissheit, dass der Kaffeebauer Geld als Zahlungsmittel akzeptiert, würde der Tabakbauer seinen Tabak niemals gegen Geld eintauschen.

Nun ist der Gegenwert des Geldes aber nicht in Stein gemeißelt; durch den Einfluss unzähliger Faktoren auf das Geldwesen kann dieser Wert steigen oder fallen. Paradebeispiel dafür ist natürlich das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Man stelle sich etwa vor, eine Käferpopulation beschließt, sich evolutionsbiologisch bedingt auf die Kaffeepflanze einzunischen und zerstört dadurch große Teile der Kaffeeernte einer abgeschiedenen Erdregion. Der Kaffee, der gerettet werden konnte, hat nun einen Wertgewinn erfahren, ist er doch in nur noch sehr viel eingeschränkterer Zahl als eigentlich erwartet vorhanden. Da er nun ganz plötzlich ein Luxusgut darstellt und der Kaffeebauer auch mit den übrigen Bohnen sein Leben finanzieren muss, wird er die Preise für sein Erzeugnis selbstverständlich anheben. Eine bestimmte Anzahl an Kaffeebohnen ist nach der Käferattacke mehr wert, als davor.

Eine andere Institution, die den Wert des Geldes beeinflusst, ist die Börse. Hier werden beispielsweise Firmenanteile gehandelt. Wie auch auf dem Markt für Konsumgüter, auf dem Kaffee und Zigaretten gehandelt werden, handelt die Börse mit Wertpapieren. Der Unterschied ist, dass am einen Markt Abstrakt (Geld) gegen Konsumgut (Kaffee, Zigaretten) gehandelt werden, während am anderen Markt Abstrakt (Geld) gegen Abstrakt (Wertpapier) gehandelt wird. So findet nun also auch hier ein ganz bestimmter Wertzuwachs und Wertverlust statt, der allerdings nicht mehr so eindeutig erklärbar ist wie die Geldwertentwicklung, denn an der Börse treffen verschiedene Akteure aufeinander, die vor allem auf die Vermehrung des eigenen Kapitals aus sind und dadurch sehr taktisch vorgehen müssen. Herunterbrechen lässt sich das Funktionieren der Börse aber auch auf das schlichte „daran-glauben“. Investieren viele Personen in Wertpapier A, steigt dessen Preis, während der von Wertpapier B fällt, sollte es häufig verkauft werden. Dabei bedeutet die Investition nichts anderes, als dass der Anleger dem Wertpapier vertraut und damit an es glaubt.

Mit dieser zugegebenermaßen naiven Vorstellung von Geld, Markt und Börse ist es gelungen, die Basis des Finanzwesens auszumachen: Es ist schlicht der Glaube daran, dass es funktioniert.

Wenn nun das komplette Finanzwesen mit der Idee von virtuellen Werten steht und fällt, lässt sich das Phänomen „Armut“ gar nicht mehr so einfach erklären, offenbart sie sich doch letztlich als böses Gedankenkonstrukt. In einer Welt, die sich auf ein Geldmedium geeinigt hat, was dermaßen willkürlich manipuliert werden kann, kann die mangelnde Verteilung von Geldern an „arme“ Nationen nicht mehr gerechtfertigt werden, solange an anderer Stelle gigantische Summen dafür aufgewendet werden, eine ausgedachte Zahl zu stabilisieren.

Es wird kaum eine Einrichtung geben, die nicht in irgendeiner Form mit dem Finanzwesen zusammenhängt, und so würde eine entsprechende Reform des Finanzwesens die westliche Welt wohl ziemlich erschüttern. „Erschüttern“ meint allerdings nur: Eine Umgewöhnung erforderlich machen. Gerade dieser Gedanke an Umgewöhnung ist es, der den meisten Menschen Unbehagen bereitet. Schließlich könnte eine Innovation zwar theoretisch Heil, aber auch Verderben mit sich bringen. In einer Welt, die gerade durch ihr spekulatives Geldsystem von vorneherein zum Pessimismus erzogen ist, erscheint eine solche Reform aber als Wagnis, das sie gar nicht darstellt, denn es ist eben nicht die Wirtschaft, die sich selbst konstruiert, sondern der Mensch, der sich in der Regel gar nicht bewusst ist, dass er das tut.

Eine Etablierung eben dieses Wirtschaftsbewusstseins sowie die Bereitschaft, sich an Innovationen zu gewöhnen, sind die erforderliche Bedingung dafür, Armut kontrollierbar zu machen und schließlich ganz auszuräumen. Und zieht man aktuelle Schätzungen zur Entwicklung der Weltbevölkerung heran und überlegt, wie im Verhältnis dazu die Gelder verteilt sind und welches Leid mit dem Mangel dieses Mediums entsteht, muss klar sein: Reformen sind bitter nötig.

Vorschau: Nächste Woche wird unser neuer Mitarbeiter Thomas die aktuell diskutierten Eurobonds unter die Lupe nehmen.

____________________________

Weitere Serienteile:

Finanzhunger, Teil 1
Finanzhunger, Teil 2

Finanzhunger, Teil 1

Wieder einmal – man könnte auch sagen: immer noch – steht die Welt am Rande einer Finanzkrise. Während die USA insbesondere durch Blockadehaltung der rechtspopulistischen Tea Party in der Finanzpolitik vom Staatsbankrott bedroht wird, hat die Eurozone mit der bröckelnden Stabilität der gemeinschaftlichen Währung zu kämpfen. In Amerika soll das Problem schlicht durch eine Anhebung der Schuldengrenze „gelöst“ werden, die Europäer stolpern zur gleichen Zeit durch ein Wirrwarr von Rettungspaketen, Sparmaßnahmen und Umstrukturierungsplänen der EU. Doch so bedrohlich der Zusammenbruch der Finanzmärkte für unseren Alltag auch zu sein scheint, lassen die Anstrengungen um ihre Rettung doch eine ganz andere Krise, die unterdessen tobt, unkontrolliert und wenig beachtet vor sich hinwuchern: Während die westliche Welt mit Sorge auf ihre Konten blickt, haben große Teile der Menschheit mit viel bedrohlicheren Problemen zu kämpfen: Krieg, Hunger, Krankheit.

Zu was für einem geradezu allesverschlingendem Monstrum sich der internationale Finanzsektor inzwischen entwickelt hat, vermag zum Beispiel die Handhabe der Erdbebenkatastrophe in Haiti Anfang 2010 aufzuzeigen. Am Dienstag, 12. Januar 2010 erschüttert ein mächtiges Erdbeben die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince, infolgedessen sterben etwa 300.000 Menschen, ebensoviele tragen Verletzungen davon. Zudem verlieren knappe zwei Millionen Personen ihre Wohnungen.

Während in Haiti die Erde bebt, versucht Deutschland mit der internationalen Finanzkrise fertig zu werden, die seit 2007 an den Börsen wütet. Etwa zu diesem Zeitpunkt erklärt die IKB Deutsche Industriebank dass sie starke finanzielle Probleme hat. Der Staat springt ein und stützt die IKB zunächst mit anderthalb Milliarden Euro, bei denen es allerdings nicht bleibt – insgesamt verschlingt die Rettung der IKB circa zehn Milliarden. Stolz verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesen Tagen auch ein Hilfsprogramm für Haiti, welches zunächst Finanzhilfen von 1,4 Millionen Euro umfassen soll.

Das Verhältnis macht stutzig: Warum erhält eine Bank eine dermaßen hohe Finanzspritze, um aus einem selbstverschuldeten Schuldenloch herauszuklettern, während Haiti, welches zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, mit einem Beitrag gestützt wird, der um ein Vielfaches niedriger ist? Anders gefragt: Ist es ethisch vertretbar, Menschenleben mit Geld aufzurechnen?

Nichts anderes – im Grunde sogar Schlimmeres ist hier passiert: Die horrenden Summen, die in Europa hin und her geschoben werden, existieren vornehmlich auf dem Papier. Durch die Kopplung von Finanzen an die Börse ist die Vorstellung, dass Geld einen realen Gegenwert hat, längst dahin. Milliardentiefe Finanzlöcher werden herbeispekuliert und von Politikern mit einem Achselzucken wieder gestopft, während die katastrophengebeutelten Haitianer auf der Straße sitzen und mit Hunger und Krankheit zu kämpfen haben.

Nun ist es aber nicht nur Haiti, dass in Armut lebt: Ein großer Teil der Menschheit leidet unter desaströsen wirtschaftlichen Verhältnissen. Aktuell ist gerade eine monströse Hungersnot in Somalia zu beobachten – einem Land, welches seit langer Zeit mit einer Auflösung seiner politischen Struktur, Bürgerkriegen, Hunger und Piraterie zu kämpfen hat. Doch auch diese Hungersnot wird kaum beachtet, denn noch immer hat sich die Welt nicht von der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise erholt – die Schulden wachsen weiter.

In Anbetracht der Unkontrollierbarkeit der Märkte, die unvorstellbare Summen verschieben und verschlingen, wäre eine Reform des internationalen Finanzsystems dringend nötig, damit umfassende Rettungsprogramme nicht mehr für Finanzmärkte, sondern für leidende Staaten wie Haiti und Somalia geschnürt werden können. Betrachtet man die Aussitzhaltung der führenden Politiker, die die Probleme im Endeffekt nur durch weiter wachsende Verschuldung temporär überbrücken, darf allerdings daran gezweifelt werden, dass eine solche Reform in den nächsten Jahren umgesetzt wird.

Vorschau: Das Problem ist beschrieben, nächste Woche lest ihr hier im zweiten Teil des Artikels über die Probleme im Umgang mit Wirtschaft und humanitärer Hilfe.

_____________________________________________________
Weitere Serienteile:

Finanzhunger, Teil 2: Kaffeedürstende Imperialisten