Vier Unternehmungstipps für den Frühling

Während der Frühlingsanfang meteorologisch gesehen nun bereits sechs Wochen zurück liegt, lässt das gute Wetter aktuell leider noch auf sich warten. Pünktlich zu Christi Himmelfahrt soll aber auch die Sonne mitspielen und das Thermometer endlich wieder über die 20 Grad-Marke klettern lassen. Face2Face hat für euch vier Unternehmungstipps, damit ihr den Wonnemonat Mai mit seinen vielen Feiertagen auch perfekt nutzen könnt.

1. Die Picknick – und Grillsaison eröffnen: Die ausverkauften Grilltheken, Fächer für Kräuterbutter, Maiskolben und Co. sprechen für sich: Sobald gutes Wetter angekündigt ist, wollen die Leute die Grillsaison eröffnen – und das völlig zurecht! Denn was gibt es Schöneres, als bei dem ersten wärmeren Abend gemeinsam mit Freunden bei einem Bierchen im Garten zusammen zu sitzen und zu grillen. Auch die Einladungen sind meist sehr unkompliziert: Jeder bringt einfach irgendwas mit, dann wird ein bisschen Fleisch und Gemüse auf den Grill geworfen – und fertig ist die Gartenparty! Gleiches gilt auch für ein schönes Picknick im Park: Decke, Essen und Fahrrad schnappen und auf der nächsten Wiese ein kleines Picknick mit Freunden veranstalten –  genau das Richtige nach einem kalten Winter!

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Sorgen nach dem grauen Winter wieder für Farbe: Kirschblüten. (Quelle: Steffen Schubert / pixelio.de)

2. Ein Open-Air Kino besuchen: Um ehrlich zu sein, wird es für diesen Unternehmungstipp wohl anfänglich noch etwas zu frisch sein, doch je weiter es in den Sommer hinein geht desto beliebter sind auch die zahlreichen Open-Air Kinos. Laue Nächte, eingekuschelt in eine Decke und unter freiem Himmel einen tollen Film sehen – ein perfektes frühsommerliches Abendprogramm!

3. Die Blütenpracht bewundern: Wenn man etwas mit dem Frühlingsbeginn verbindet, dann wohl, dass nicht nur die Temperaturen wieder steigen, sondern auch die Blumen- und Pflanzenwelt wieder aus ihrem Winterschlaf erwacht und aus dem tristen Grau der vergangenen Monate eine bunte Blütenpracht wird. Besonders die Mandel- und Kirschbäume lassen ganze Alleen in einem Meer aus rosa und weiß erstrahlen. Dieses Spektakel könnt ihr euch zum Beispiel entlang der Südlichen Weinstraße oder auf dem Kirschblütenfest in Bonn anschauen. Doch auch abseits der bekannteren Gegenden lohnt sich ein Spaziergang mit offenem Auge für die Blütenwelt im Frühling allemal!

4. In einen Freizeitpark gehen: Ein weiterer Spaß, der einem in den kälteren Monaten leider verwehrt bleibt, ist der Besuch eines Freizeitparks. Daher ist nach der langen Winterpause der Frühling genau der richtige Zeitpunkt, mal wieder einen Ausflug in den nächstgelegenen Spaßpark zu unternehmen. Achterbahn fahren, sich in der Geisterbahn gruseln oder sich auch nur an Zuckerwatte und den ängstlichen Blicken der Anderen erfreuen, bevor sie in die Wildwasserbahn steigen – so ein Vergnügungspark macht seinem Namen alle Ehre! Und das Beste: Im Frühling ist es noch nicht so heiß, sodass man auch wirklich den ganzen Tag durchhält und genießen kann.

5 Unternehmungstipps für den goldenen Oktober

Die ersten Wollpullover und kuschligen Stricksocken wurden wieder aus den Tiefen der Schränke hervorgeholt, der Regenmantel ist zur Zeit der ständige Begleiter und ein Blick auf die Uhr zu dämmernder Stunde zeigt, dass es, trotz der nun wieder immer früher einsetzenden Dunkelheit eigentlich noch lange nicht Zeit ist, ins Bett zu gehen. Face2Face hat für euch fünf Unternehmungstipps für den Monat Oktober herausgesucht, für die es sich doch lohnt, das Haus auch bei herbstlichem Wind und Wetter zu verlassen. Und wer weiß, vielleicht lässt sich die Sonne auch noch einmal blicken – und dann hat der „goldene Oktober“ auf jeden Fall so einiges zu bieten!

1. Einen Spaziergang im Wald machen

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Lädt mit seiner Farbenpracht zum Spazieren ein: Der Wald im Herbst. (Quelle: twinlili/pixelio.de)

Ganz vorneweg führt ein Spaziergang im Wald die Liste der Dinge an, die man im Oktober unbedingt gemacht haben sollte. In keiner Zeit des Jahres zeigt sich die Natur atemberaubender, als in diesen Wochen. Der langsame Wandel von grün zu einem Meer aus rotbraun und dunklem gelb ist ein Spektakel der Natur und lässt keine Zweifel mehr daran, warum man den zehnten Monat im Jahr auch den „goldenen Oktober“ nennt.

2. ….und dabei Kastanien sammeln

Und was gehört genauso zu einem Waldspaziergang im Oktober? Natürlich, das Kastanien sammeln! Viele kennen die kleinen braunen Kügelchen nur schon fertig geröstet in einer kleinen handlichen Papiertüte auf dem Volksmarkt, aber wohl nur wenige haben diese herbstlichen Köstlichkeiten zuvor aus ihrer stacheligen Hülle befreit! Nach einem ausgiebigen Spaziergang an der frischen Herbstluft die selbstgesammelten Kastanien im Ofen rösten und dann mit den Liebsten eingemummelt in kuschelige Kleidung genießen – so kann man sich mal richtig mit der Natur verbunden fühlen!

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Gehört zu den „Klassikern“ im Herbst: Das Drachen steigen lassen. (Quelle: Rike/pixelio.de)

3. Einen Drachen steigen lassen

Ebenfalls nicht von einer echt herbstlichen „To-Do-Liste“ wegzudenken ist selbstverständlich das Drachen steigen lassen! Zugegeben, diese Aktivität verbindet man zuerst einmal mit kleinen Kindern, die mehr oder weniger erfolglos versuchen, einen widerspenstigen Drachen unter ihre Kontrolle zu bringen. Meist endet der Versuch mit einem schreienden Kind und einem hoffnungslos verhedderten Drachen-Schnur-Gebilde. ABER: Sich auch im „Erwachsenenalter“ mal an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und sich auch einfach mal wieder wie ein Kind zu fühlen tut jedem einmal gut! Also, schnappt euch eure Freunde und lasst das innere Kind mal wieder mitsamt einem – hoffentlich fliegenden – Drachen in die Lüfte steigen!

4. Das Oktoberfest besuchen

Es ist aus dem Monat, nach dem es benannt ist, nicht mehr wegzudenken: Das Oktoberfest. Schon Wochen zuvor sind bereits die Dirndl, Lederhosen, Stulpen, Trachtentaschen und was nicht noch alles zur perfekten Ausstattung von „Bua“ und „Madl“ gehört in den Schaufenstern zu bewundern und sobald es dann am Eröffnungstag heißt „O zapft is!“ kennt der „Wiesn-Wahnsinn“ kein Halten mehr! Tausende von Menschen konsumieren abertausende von Litern Bier, sitzen gemeinsam zu Blasmusik in einem rießigen Zelt, schunkeln und haben einfach eine schöne Zeit. Dazu noch ein „Lammhax’n“ oder ein „Brathendl“ und die Welt auf der Wiesn ist in Ordnung! Und als kleiner Tipp: Wem es zu weit ist, den Weg in die Hauptstadt Bayerns auf sich zu nehmen – inzwischen gibt es ja beinahe in jedem kleinen Dorf ein eigenes Oktoberfest. Zwar nicht das Original, aber Dirndl, Lederhosen, Bier und freudige Stimmung sollte auch dort zu finden sein.

5. Sich mal wieder so richtig verwöhnen (lassen)

Und wenn man dann von den ganzen Aktivitäten völlig ausgepowert ist folgt zu guter Letzt natürlich auch noch der gute Rat, sich mal wieder so richtig verwöhnen zu lassen! Unsere Haut ist von der vielen Sonne im Sommer schon ganz strapaziert und sollte besser auf die Zeit mit Heizungsluft und spröden Lippen vorbereitet werden. Welche Zeit eignet sich also besser zum Verwöhnen als der Übergang von Sommer in Winter? Dabei muss es nicht einmal das deluxe Wellness-Wochenende im fünf-Sterne Hotel mit zwanzig Beauty-Behandlungen sein! Wir hetzen meist so durch den Alltag, dass wir völlig vergessen, dass man sich zwischendurch auch mal wieder etwas Gutes tun muss, um fit zu bleiben. Also, wie wäre es mal mit einem Massage-Termin, einer kleinen Kosmetik-Behandlung oder einfach einem Wellness-Abend mit der besten Freundin? Danach fühlt man sich vom Stress erholt, die Energiereserven sind aufgetankt und man kann auch ohne Winterschlaf auch die kälteren Jahreszeiten gut überstehen.

Vorschau: Im nächsten Artikel wird über ein Projekt der Uni Leipzig, das Videospiele sammelt, berichtet werden.

Irland: Ein Land mit vielen Facetten – Teil 1

Kaum eine andere Insel in Europa bietet Geschichte, Kultur und atemberaubende Landschaften zugleich: Irland. Das überwiegend römisch-katholische Land mit etwa 4,5 Millionen Einwohnern besticht potenzielle Besucher mit seiner Einzigartigkeit.

Auch das wohlbekannte Kulturviertel Temple Bar in Irlands Hauptstadt Dublin ist ein wahrhaftiger Touristenmagnet. Besucher aus aller Welt treffen sich hier, um gemeinsam Nächte durchzumachen oder das irische Guiness-Bier zu genießen. Guiness gehört zu den dunklen Biersorten. Täglich werden rund um den Globus etwa 60 Millionen Pints (ein Pint entspricht ca. 0,5 Liter) dieser Biersorte verzehrt. Wer Interesse an der Geschichte des Biers und seiner Herstellung hat und selbst einmal eines zapfen möchte, dem sei das Guiness Storehaus wärmstens empfohlen. Hier bekommt man am Ende des interaktiven Museums sogar ein Pint Guiness umsonst. In der Regel kostet ein Pint in der Hauptstadt Dublin rund 6 Euro. Ein Besuch lohnt sich also!

Fantastische Aussicht: Die Wicklow Mountains (Foto:Hohmann)

Fantastische Aussicht: Die Wicklow Mountains (Foto:Hohmann)

Kommen wir nun zurück zu den überwältigenden Landschaften, die in ganz Irland zu finden sind: Ein echter Geheimtipp sind die Wicklow Montains, die man in einer rund 30-minütigen Autofahrt in östliche Richtung von Dublin aus erreichen kann. Das Gebirge offeriert grandiose Aussichten und unvergessliche Bilder, auch wenn es dort teilweise sehr stürmisch zugeht. Ein besonderer Höhepunkt für alle Romantiker: In den Wicklow Mountains befindet sich die Brücke, auf der eine Szene des berühmten Filmdramas P.S. I love you gedreht wurde. Und nicht nur das: Auch der US-amerikanische Film Braveheart mit Mel Gibson in der Hauptrolle, der unter anderem fünf Oscars erhielt, wurde teilweise in diesem Gebiet verfilmt.

Doch nicht nur die Wicklow Montains sind lohnenswert: Auch der so genannte

Giant's Causeway: Die Legende Nordirlands (Foto:Hohmann)

Giant’s Causeway: Die Legende Nordirlands (Foto:Hohmann)

Giant‘s Causeway (zu Deutsch: Damm des Riesens). Er befindet sich an der nördlichen Küste von Nordirland, ca. 80 km von Belfast, der nordirischen Hauptstadt, entfernt. Einer Legende nach wurde der Damm von einem Riesen namens Fionn mac Cumhaill gebaut, da er diesen dafür nutzen wollte, seinen schottischen Feind zu besiegen. Heutzutage kann man den Damm immer noch bewundern: Um die 40.000 Säulen, die etwa 60 Millionen Jahre alt sind, bieten hervorragende Vorrausetzungen, um auf ihnen zu klettern und von einem kleinen Aussichtspunkt das peitschende Meer zu betrachten.

Irland bietet natürlich noch viel mehr an Landschaften, Ausgehmöglichkeiten und Kultur. Aus diesem Grund wird es einen zweiten Teil meiner Irland-Serie in naher Zukunft geben! Also seid wieder mit dabei, wenn es heißt: Irland: Ein Land mit vielen Facetten.

Vorschau: Nächste Woche entführen wir euch in die Main-Metropole Frankfurt!

Feldforschung

Studiert man einmal eine Geistes- oder Sozialwissenschaft, wird es nicht lange dauern, bis man sich mit dem Problem einer gewissen Perspektivlosigkeit konfrontiert sieht. Interessant sind diese Studiengänge allemal, vermitteln sie doch einen tiefen Einblick in die verschiedensten Alltagsphänomene. Dass dieses Wissen aber weder satt macht noch reich, liegt auf der Hand. Und den Witz vom taxifahrenden Soziologen kennt sicher jeder. Doch ganz für die Tonne sind diese Wissenschaften eben auch nicht, eignen sie sich doch ganz wunderbar dazu, in Notsituationen zur Bewältigung eben dieser instrumentalisiert zu werden.

Ceci n'est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Ceci n’est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Früher Sommer 2013 – die Sonne knallt, der RNV streikt. Streikt er einmal nicht gerade, betreibt er das Straßenbahnnetz in Mannheim und stellt damit ein eigentlich unverzichtbares Verkehrsmittel für all jene dar, die sich das Auto nicht leisten können oder wollen. Das funktioniert in der Regel auch reibungslos. Nur eben heute nicht. Aus unerfindlichen Gründen sitzen wir am Mannheimer Paradeplatz, müssen eine Kolumbianerin vom Bahnhof abholen und danach irgendwie zurück in das unsäglich weit entfernte Studentenwohnheim laufen – schlappe sechseinhalb Kilometer. Während wir so dasitzen und der Sonne beim Untergehen zuschauen, fährt eine Hummer-Stretch-Limousine an uns vorbei. Zeit für soziale Feldforschung.

Soziale Feldforschung kann, das weiß der geneigte Soziologe, nur dann funktionieren, wenn bei Durchführung ganz enorme Mengen an Alkohol verzehrt werden. Auch die Ausrichtung der Forschung an einem Ziel, zu dessen Erreichung die Forschung nun missbraucht werden kann, macht die ganze Forschungsarbeit um einiges erfolgversprechender weil motivierter. Die feldforschenden Soziologen nimmt man uns heute ab: Kurze Hosen, Band-Shirts, Sandalen, eine Ananas im Gepäck und jede Menge Bier. Wäre doch gelacht, wenn wir uns keine Mitfahrgelegenheit erschnorren können! „Hallo“, verkünden wir also, „wir sind Soziologen vom Robert-Anton-Wilson-Institut für Katastrophensoziologie in Mainz und betreiben Feldforschung zu Störungen im lokalen Transportwesen. Wären Sie bereit, uns ein paar Meter mitzunehmen?“

An sozialer Feldforschung scheinen die Mannheimer wohl eher weniger interessiert. Auf den heute nicht-befahrenen Straßenbahngleisen wandelnd versuchen wir wiederholt, stehende Autofahrer zu überreden, uns zu unserer ersten Station, dem Mannheimer Hauptbahnhof, zu befördern. Der hochgradig verwirrte Gesichtsausdruck, der uns entgegenschlägt, verrät, dass unsere Story durchaus zieht. Ganz offensichtlich gehen wir tatsächlich als feldforschende Soziologen durch. Dass wir uns dennoch auf Schusters Rappen zum Bahnhof bewegen müssen, kann nur daran liegen, dass die Mannheimer Bevölkerung die Soziologie zutiefst verachtet.

Nachdem wir am Bahnhof auf der Suche nach unserer Kolumbianerin ein wenig mit der Ananas jongliert haben, hält uns wohl zumindest ein Junkie für vertrauenswürdig genug, uns um ein paar Euro anzuschnorren – oder um Zigaretten. Besonders bemüht zeigt er sich nicht dabei, sein Verlangen zu konkretisieren. Dafür unterhält er uns mit einer hanebüchenen Geschichte über Drogenhandel in der Westpfalz, einer Hausdurchsuchung und seiner Flucht vor der Polizei. Besonders weit her scheint es mit seiner Geschichte aber auch nicht zu sein, denke ich mir, denn vor den patrouillierenden Staatswächtern vor dem Bahnhof scheint der vertrauenswürdige Mann keine Angst zu haben.

Nachdem wir ihn mit einer Zigarette beschenkt haben, verzieht er sich dann auch wieder und uns gelingt es, die Kolumbianerin ausfindig zu machen. Von der ihr bevorstehenden Wanderung weiß sie freilich noch nichts. Und so recht gelingt es uns aufgrund kommunikativer Barrieren auch gar nicht, ihr die Situation darzulegen. Zumindest scheint sie zu verstehen, dass wir irgendetwas mit Autos tun wollen und sie uns am besten einfach folgt, wenn sie im Wohnheim ankommen will. Auch am Bahnhof will es uns nicht gelingen, die Einheimischen für unsere seriösen Forschungen zu begeistern. Also machen wir uns – stets den Schienen folgend – auf den langen Weg Richtung Wohnheim.

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler auf den ersten Blick als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Am Wasserturm scheint sich ein Auffahrunfall ereignet zu haben, und weil wir durstig sind und unsere Füße schmerzen, setzen wir uns biertrinkend und feldforschend auf die Straßenbahnschienen und schauen der Polizei bei ihrer Arbeit zu. Das ist für eine Weile ganz unterhaltsam, verliert dann aber aufgrund – noch nicht akuter, aber sich doch langsam abzeichnender – Alkoholknappheit seinen Reiz. Besonders weit kommen wir nicht. An der nahe gelegenen Ampel gelingt es uns, ein paar jugendliche und nicht im Geringsten alkoholisiert wirkende BMW-Fahrer für unser Forschungsprojekt zu begeistern. Der Fahrer wendet sein Auto an der Ampel und zieht an den Straßenrand.

Freilich haben wir die Realität zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig ausgelegt. Als Schmiermittel für unsere Beförderung locken wir mit einer vermeintlichen Gangbangparty, die sich an unserem Bestimmungsort abspielen würde. Nachdem uns der BMW-Fahrer mit einigen Kippen das Versprechen abgenommen hat, eine halbe Stunde auf ihn zu warten, bis er seine Oma zum Arzt gefahren hat, lässt er uns alleine. Besonders lange halten die Zigaretten leider nicht – und so beschließen wir, den aufopferungsvollen Typen zurückzulassen. Vermutlich hätte er uns sowieso spätestens in dem Moment verprügelt, in dem sich herausstellt, dass die Party eine dreiste Lüge war.

Das nächste Sit-in findet in einer verwaisten Straßenbahnhaltestelle statt, die sogar noch in Sichtweite unseres Zusammentreffens mit dem BMW-Gangbanger liegt. Grund für den außerplanmäßigen Stopp ist eine Flasche Wein, die ich in meinem Rucksack entdecke und sogleich öffne. Wir sind in Hochform: moderne Anarcho-Pfadfinder mit finstersten Absichten und einer Flasche Wein im Gepäck. Leider zeigt unser Untersuchungsgegenstand – die Mannheimer Autofahrerschaft – keinerlei Interesse an Kontaktaufnahme mit uns. Die Kolumbianerin wenigstens hat sich inzwischen verwirrt ihrem Schicksal gefügt. Sie folgt uns brav, setzt sich jedes Mal mit uns auf den Boden, wenn wir uns niederlassen und trinkt auch den einen oder anderen Schluck Wein mit uns. Nach Hause bringt uns das leider auch nicht. Also: weiter!

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

In der Nähe der Alten Feuerwache geben wir unser Forschungsprojekt dann endgültig auf. Und auch die Flasche Wein verrinnt, als sie auf dem Boden stehend während des Gesprächs mit einem Dönerladenbesitzer unseren Füßen zum Opfer fällt. Als wir schließlich im Wohnheim ankommen, können unsere schmerzenden Füße als Dokumentation unserer Forschungstätigkeit gelesen werden. Ergebnisse: Straßenbahnstreiks in Mannheim haben auf die Mobilität in der Innenstadt eine katastrophale Auswirkung. Schuhe voller Wein. Bier leer. Ananas verschwunden. Fehlerdiskussion: Einwandfreie Durchführung, ausgeprägtes Desinteresse der Eingeborenen an Sozialforschung.

Mit Bier die Massen begeistern – der Welt-Astra-Tag in Hamburg

 

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Das ist Punkrock: Itchy Poopzkid beim Welt-Astra-Tag (Foto: Güngör)

KOMMENTAR: Wenn man neu in Hamburg ist, bekommt man von Einheimischen gesagt, was man sich unbedingt ansehen muss. Dazu gehören der Penny an der Reeperbahn, der Hafengeburtstag und der Welt-Astra-Tag.

Letztere wird angepriesen, als würde es sich um Geburtstag und Weihnachten gleichzeitig handeln und mit derselben Erwartung begibt man sich zu den Landungsbrücken in Hamburg, wo das Spektakel am Samstag, 27. Juli stattfindet.

Ich rate allen Neu-Hamburgern jedoch nicht zu viel zu erwarten.

Startschuss ist um 15 Uhr. Die Musik ist, wie das Publikum auch, Rock-orientiert. Bands wie Heisskalt, Itchy Poopzkid, Danko Jones und viele weitere treten auf.

Trotz der Nässe und der schwülen Luft scheinen die meisten Spaß zu haben. Alle haben ihr eisgekühltes Astra in der Hand, jeder dritte hat eine Astra Bierkrone auf dem Kopf und jeder zweite beschwert sich, das gezapftes Astra eklig ist und man doch eher das in Hamburg und dem Rest Deutschlands hochverehrte kühle Blonde aus der Flasche trinken sollte.

Doch die Atmosphäre beim Welt-Astra-Tag wirkt nur auf den ersten Blick entspannt. Die Zufriedenheit ist künstlich hervorgerufen durch viel Bier, wahrscheinlich um davon abzulenken, wie schlecht die Bands vor Itchy Poopzkid eigentlich sind.
Die Stuttgarter Band Heisskalt habe ich an diesem Tag zum ersten Mal live gesehen.

Nachdem die Jungs so gehyped wurden, habe ich eine gewisse Erwartungshaltung angenommen, die maßlos enttäuscht wird. Die Band ist nicht grundlegend schlecht. Sie können mit ihren Instrumenten sehr gut umgehen und der Sänger hat eine sehr gute Stimme. Doch leider sind sie nichts weiter als eine Durchschnittspopbands alá Jennifer Rostock. Derselbe Blues seit ungefähr zehn Jahren.

Nachdem Heisskalt fertig sind, kommt ein Moderator auf die Bühne, der die Menschenmassen während des Umbaus beschäftigen soll. Das tut er mit Erfolg und verteilt Geschenke im Publikum.

Die Rettung eilt erst gegen 20:30 Uhr herbei. Itchy Poopzkid, die Punkband aus dem entfernten Eislingen, betreten die Bühne und schlagartig hebt sich die Laune.

Mein Fazit zum Welt-Astra-Tag: Nächstes Jahr mehr Astra trinken und in der Masse versinken!

Das hier publizierte Kommentar spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Face2Face-Redaktion wider.

Vorschau: Und kommenden Samstag findet ihr an dieser Stelle ein Bandportrait über die Gruppe the/das.

 

 

Unter der Sonne Hamburgs

Sie tanzen unter der Sonne: Hamburg ist berühmt für seine Open Air Partys. (Foto: Güngör)

Per Email bekommt man eine der wichtigsten Daten fürs Wochenende zugeschickt: Die Angabe des Platzes, an dem der nächste Open Air Rave startet. Ein Highlight dieser Stadt, fast schon eine Kultur unter den jungen Erwachsenen, ein überwältigendes Erlebnis. Unter der Sonne Hamburgs sind wir alle gleich, sind wir alle eins.

Kaum ist die Sonne am untergehen und der Feierabend wird eingeleitet, plant man sich die Open Airs zusammen. An einem Wochenende kann es bis zu acht Open Airs geben, die sich über Samstag und Sonntag ziehen. Sie finden immer an einem abgelegenen Ort statt und man muss weit fahren und dazu immer noch ein gutes Stück laufen. Das liegt vor allem daran, dass diese Open Airs ohne Genehmigung stattfinden und die Organisatoren ohne große DJs und reiche Sponsoren abläuft. Doch der Weg lohnt sich immer.

Die Sonne strahlt über den Himmel. Die Musik hört man schon in weiter Entfernung auf dem Weg zum Open Air und die Massen strömen ihr entgegen. Es sieht aus wie eine Pilgerreise, doch soll in dem Fall keine Göttlichkeit verehrt werden, sondern die Musik und die Menschen, die sie mit ihren Händen und Stimmen? schaffen.

Angekommen werden erst einmal die Picknickdecken ausgebreitet, das kalte Bier wird in die Mitte gelegt, geöffnet und nach dem Anstoßen, getrunken. Im Vordergrund läuft die Musik und die ersten Menschen tanzen bereits. Der DJ ist nicht immer bekannt, das stört aber weder den DJ selbst noch die Besucher, die zu seiner Musik tanzen, denn darum geht es. Die Beats dröhnen und die Füße versinken im künstlich angelegten Sandstrand, der Himmel ist blau und die Tanzenden scheinen sich unendlich frei zu fühlen.
Das Gefühl von Freiheit ist es nämlich, was die Menschen zu diesen Open Airs treibt. Für dieses Gefühl kommen sogar einige von weit außerhalb Hamburgs.

„Es ist so toll hierher zu kommen, es ist warm, es gibt was zu trinken und sogar Eis und man lernt viele nette Menschen kennen. Ich liebe es einfach“, sagt die Besucherin Rabea (22).

Die Stimmung ist ausgelassen und locker. Es gibt keine Randale, keine Pöbeleien, niemand dreht durch. Auch auf die Umwelt wird bei solchen Open Airs geachtet. Zwischendurch stoppt die Musik, damit die tanzende Meute ihren Müll in Müllsäcke räumen kann, denn trotz dessen, dass alles ohne Genehmigung stattfindet, legen die Veranstalter sehr großen Wert darauf, dass alles ordentlich bleibt. Der Spaß und die Freude hällt Stunden an und es kommen immer mehr Besucher. Ein Gemisch aus Jugendlichen, jungen Erwachsenen und der älteren Generation, die im Rahmen eines Fahrradausflugs zum Open Air stößt, feiert zusammen.

Irgendwann passiert es aber doch und die Polizei erfährt von dem Open Air. Doch auch dann entsteht keine Panik. Die Musik geht aus, die Feiernden sammeln ihren restlichen Müll und auch die übrigen Getränke ein und pilgern in aller Ruhe und Zufriedenheit zum nächsten Open Air.
Es wirkt wie eine endlose Reise von der einen Parallelwelt zur nächsten und der Spaß wiederholt sich. Ein großes Plus, das für Hamburg und den näher rückenden Sommer spricht.

Vorschau: Und kommende Woche findet ihr an dieser Stelle einen Beitrag zum Thema Musik und Fernsehen.

Machtspiele

„Sommerferienfacebookparty auf der Domwiese!“, postet ein Zwölftklässler vor etwa zweieinhalb Jahren, und lädt halb Speyer dazu ein. Schlechte Idee, findet die Polizei und terrorisiert den Organisator so lange, bis er einen Tag vor der Party absagt. Geht man aber nach dem, was so durch den Buschfunk schallt, dann habe nicht nur ich vor, trotzdem auf der Domwiese zu feiern.

Mit dem Rucksack voller Bier und ein paar Freunden im Schlepptau ziehe ich am frühen Abend los, um an dem Spektakel teilzunehmen. Es hat angefangen zu regnen, aber das Bier, das inzwischen den Weg in meinen Kopf gefunden hat, befiehlt: „Mir doch egal! Party!

An der Domwiese angekommen, will sich schnell eine enttäuschende Ernüchterung breitmachen, aber ich kämpfe sie

Kein Bock auf Anarchie: Securitykönig Tobi (Grafik: Asmodeus PhD)

schleunigst mit einem Bier nieder. Trotzdem, irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Kein Schwein da! Wo sind die denn alle? Was die Polizei nicht verhindern konnte, wurde offensichtlich ohne größere Umstände vom Wetter gestoppt. Oder vom Sommerfest. Das Sommerfest ist eine jährlich im Domgarten Speyer stattfindende Veranstaltung, die sich vor allem durch ihr außerordentlich schlechtes Musikangebot auszeichnet. Während sich ein größtenteils jugendliches Publikum im Domgarten vor den paar Fressbuden und Bierpavillons herumdrückt, stehen auf der Bühne Jazzbands, die jede Partyatmosphäre schon im Keim ersticken. Gott, ich hasse das Sommerfest!

„Wir könnten ja auch rüber gehen auf…“, fängt eine Freundin an, aber ich falle ihr ins Wort. „Nix Sommerfest! Hier! Facebookparty und so!“, befehle ich. Vielleicht kommt ja doch noch jemand. Es regnet zwar, aber nicht besonders stark, und warm genug für Domwiesenparty ist es auch. Wo sind die ganzen Schüler, deren Sommerferien gerade beginnen?

Auf jeden Fall sind sie nicht auf der Domwiese. Nach einer halben Stunde Herumgezuckle und -gewackle auf der leeren Wiese macht sich Widerstand bei meinen Freunden bemerkbar. Nach längerer Diskussion gebe ich mich geschlagen und schlurfe ihnen hinterher auf das Sommerfest. „Vielleicht“, denke ich mir, „vielleicht wird es dieses Jahr ja mal besser…“

Wird es nicht. Als wir das nach hinten auf eine Wiese geöffnete Festgelände betreten, quält sich gerade eine Band mit „karibischen Sounds“ durch ihre Setlist. Meine Freunde lassen sich auf einer Bierbank nieder und haben offensichtlich keine Lust zu tanzen. Ich aber schon. Also schnell zwei Bier gepackt und ab zur Bühne. Doch dort herrscht Langeweile. Die Leute wollen feiern, aber die Musik gibt einfach nichts her. Peinlich berührt wackeln sie mit ihren Armen und Beinen lustlos vor sich hin und warten, dass irgendetwas passiert. „Party!“, befiehlt das Bier mir immer noch. Also fange ich an zwischen den Liedern den unkaribischen Karibikmenschen zu rufen: „Ey! Spielt mal ‚Killing in the Name‘! Wir wollen feiern!“Zustimmendes Gemurmel. Von ihrer Setlist weicht die Karibikband trotzdem nicht ab. Also: Zurück zu meinen Freunden! Ich steigere mich in einen wütenden Monolog über Karibikbands auf Stadtfesten hinein. So langsam macht sich das Bier bemerkbar. Ich bin weit davon entfernt, betrunken zu sein, aber jetzt in absoluter Tanzlaune.

Eigentlich kann ich gar nicht tanzen. Wenn ich auf einer Tanzfläche stehe und so vor mich hinzapple, komme ich mir immer wahnsinnig doof vor. Meine weitreichenden soziologischen Studien auf den Tanzflächen der Absturzkneipen Speyers bestätigen allerdings, dass offensichtlich viele Menschen an ihrer tänzerischen Begabung zweifeln. Das erzähle ich einem Kumpel, um ihn dazu zu motivieren, mit mir in die Stadt zu gehen. Doch seine vermeintliche tänzerische Unbegabung hat ihn fest im Griff, und sonst hat auch keiner Lust, tanzen zu gehen. Stattdessen: Weiter Herumlangweilern! Für mich ist das keine Option. Ich verabschiede mich also und mache mich auf den Weg Richtung Innenstadt. Sogar die Securities, die am Rande des Festes stehen, sehen gelangweilt aus, als ich ihnen zum Abschied zuproste.

Auf halbem Weg zum Bruch schaue ich auf die Uhr, und muss entsetzt feststellen, dass dort noch gar nicht offen ist. Frustriert öffne ich mein letztes Bier und mache mich auf den Weg zurück in den Domgarten. Vielleicht bekomme ich ja wenigstens noch ein paar Freunde überredet, später mit zu gehen.

Doch diesmal machen mir die Securities einen Strich durch die Rechnung. „Mit dem Bier kommst du hier aber nicht rein“, erklärt mir der Aufpasser, als ich zuprostend an ihm vorbeilaufen will.
„Hä?“, frage ich perplex.
„Ja, du sollst nicht mit mitgebrachten Getränken hier reinlatschen“, erklärt mir die Aufpasserfreundin.

Das kann ich verstehen, muss aber lachen. „Ich war jetzt bestimmt drei Stunden mit einem Rucksack voller Bier dort drin rumgesessen, und kein Schwein hat sich dafür interessiert“, erkläre ich.

Das lassen sie nicht gelten. Achselzuckend trinke ich also mein Bier vor der Absperrung leer, als mir eine Idee kommt. „Ihr wisst schon, dass ich dreißig Meter den Weg da entlang einfach wie vorhin von hinten über die Wiese auf euer Gelände latschen kann, ja?“
„Mir egal“, sagt der Security, „hier kommst du mit Bier nicht durch“.

Jetzt bin ich stinkig. Was soll diese dämliche Paragraphenreiterei, wenn sie überhaupt nicht verhindert, dass Getränke auf das Sommerfestgelände gelangen? Darum scheint es den zwei Hilfssheriffs auch gar nicht zu gehen. Sie interessieren sich nämlich gar nicht dafür, ob ich über die unabgesperrte Wiese auf ihr Fest laufe und mein Bier dort weiter trinke. Sie wollen einfach nur nicht, dass ich mit meinem Bier in der Hand durch ihr Tor laufe. Ich habe keine Ahnung, was das soll, spekuliere aber laut, dass sie in irgendeiner fragwürdigen Beziehung zu dem Tor stehen. Das findet die Securityfrau lustig, ihr Securitykumpel aber überhaupt nicht. Ich will da jetzt durch! Vielleicht passiert ja irgendetwas Tolles! Also stehe ich ein paar Minuten mit den prinzipientreuen Aufpassern herum und erzähle ihnen, wie toll ich die Musik heute Abend finde. Als mein Bier schließlich leer ist, will ich durch die Absperrung schreiten. Doch wieder hält mich der Security zurück. „Halt! Erst mal abtasten, dass du nichts mehr dabei hast!“ Genervt zeige ich meinen Rucksack und lasse den Mann meine Hosentaschen überprüfen. „Mein Heroin“, witzele ich, „hab ich sowieso in der Kniekehle kleben“. Die Securityfrau lacht wieder, das scheint ihrem Aufpasserkumpel gegen den Strich zu gehen. Er beschließt: „Komm, geh du mal wieder weg, ich lass dich hier jetzt nicht durch!“

„Alter!“, empöre ich mich wütend, „was soll das denn jetzt?“
Seine Kollegin will mich durchlassen und die beiden diskutieren kurz. Viel zu tun haben sie sonst ja auch scheinbar nicht. Ergebnis: Du kommst hier nicht durch! „Geh halt hinten rum über die Wiese rein“, rät mir die Frau.
„Nö. Dann mach ich halt hier draußen Party“, ärgere ich die beiden, „ist es eigentlich schwer, an so einen geilen Securityjob zu kommen?“
„Hä? Wieso?“, will der mächtige Durchgangsverweigerer wissen.
„Och, nur so“, sage ich, stelle mich zehn Meter vor der Absperrung auf einen Sockel, und fange an, dort vor mich hinzutanzen. Ein paar Minuten werde ich zähneknirschend von meinen beiden Lieblingssicherheitskontrolleuren geduldet, dann können sie es wohl nicht mehr zulassen, dass vor ihrer Absperrung getanzt wird. Also greifen sie zum Funkgerät. „Ah, geil!“, denke ich, „jetzt darf ich bestimmt doch durch!“. Siegessicher geselle ich mich wieder zu den beiden. „Na? Wie isses?“, will ich wissen. „Bleib mal hier“, befiehlt mir der eine, greift zu seinem Funkgerät und funkt damit seinen Securitykönig Tobi herbei. „Verjag den mal!“, sagt der Security. „Hau mal ab!“, sagt Securitykönig Tobi. „Wieso? Ich mach doch gar nix. Werd ja wohl da hinten auf dem Sockel rumtanzen dürfen“, pampe ich ihn an. „Mir egal!“, sagt Tobi, „du gehst jetzt hier weg.“

Würde mich mal interessieren, wo die die alle herhaben. Securitykönig Tobi scheint nicht wegen irgendwelchen Führungsqualitäten in gehobener Position zu arbeiten, sondern einfach nur, weil er stärker ist als die niederen Absperrungskomissare.
„Nö!“, sage ich. Wieso auch? JETZT fühle ich mich nämlich bestens unterhalten.

Securitykönig Tobi ist sichtbar wütend. Er verlässt sein Hoheitsgebiet, packt mich am Arm und zieht mich den Weg entlang. „Öy!“, begehre ich auf, „wie wird man eigentlich Securityboss?“ Doch seine Hoheit möchte nicht mehr mit mir kommunizieren. Er zieht mich ein Stück den Weg entlang, biegt dann aber auf eine dunkle Wiese ab. Entweder will er mich jetzt verprügeln oder vergewaltigen. Aber einen hab ich noch. „Übrigens“, lache ich Tobi an, „übrigens, bin ich Journalist“ Das hat gesessen. Tobi schnaubt wütend und lässt mich los. „Los, verpiss dich jetzt einfach“, wütet er mich an, dreht sich um und stapft davon. Ich schaue auf die Uhr und rufe seiner Majestät hinterher: „Ey! Bock auf Bruch?“

Unterlassene Hilfeleistung

Es gibt Nächte, die ziehen dich auf die Straße. Du kommst von einer Party, aber es ist noch nicht mal Eins. Du bist einigermaßen betrunken und sagst dir: Zuhause ist jetzt der falscheste Ort, an dem du sein kannst! – Yeah, es ist Samstag. Irgendwo muss was los sein. In einer größeren Kleinstadt wie Speyer zu wohnen hat seine Vorteile: Normalerweise triffst du samstags nachts draußen immer irgendwen, der mit dir feiern geht. Und wenn das nicht klappt, findest du immer noch jemanden, den du dazu nötigen kannst, dich zu besuchen.

Schuldet mir anderthalb Bier: Taljan. Ungefähr originalgetreu nachgestellt (Grafik: Dr. Asmodeus)

„Öy!“, pöble ich in Richtung Fahrerin, „öy! Lass ma noch feiern gehn!“

„Nein Mann“, sagt meine Fahrerin, „geht nicht.“ Es folgt irgendein Nullargument wie „Ich muss morgen früh raus!“ oder „Keine Kohle“. Ich muss umdisponieren.

„Öy!“, pöble ich wieder, „dann lass mich mal hier raus! Ich lauf jetzt heim, damit ich nüchtern werd, und dann geh ich weiterfeiern“. Nüchtern werden ist zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee. Ich packe mir meinen Strohhut und meinen Rucksack und verlasse das partyunwillige Auto. Ich habe Lust auf Sternegucken. Und das geht ganz wunderbar beim Nachts-zum-Ausnüchtern-heimlaufen. Also: Schnell verabschieden, Kopfhörer rein, umsehen. Wo bin ich eigentlich? Ich orientiere mich. Perfekt – schon in Speyer!

Leider hat BP ein Problem mit meinem fallenden Blutalkoholgehalt. Der Ölmulti hat in all seiner Durchtriebenheit genau dort, wo ich mich gerade von meiner Fahrgelegenheit verabschiedet habe, eine Aral-Tankstelle aufgestellt. Ein Kratzen macht sich in meiner Kehle bemerkbar. Ich habe Durst. Man kann wirklich nicht behaupten, dass ich es nicht versucht hätte. Auf zur Tanke!

„Hi!“, begrüße ich die Frau hinterm Sicherheitsglas, „habt ihr Dosenbier?“
„Klar“, sagt die Tankstellenfrau.
„Was denn so?“, will ich wissen.
Ich kaufe vier Becks.
„Du musst mit mir anstoßen!“, zwinge ich die Angestellte. Die ist irritiert, schenkt sich aber dann doch amüsiert einen Becher Fanta ein und stößt mit mir durch die Scheibe an. So viel Service muss belohnt werden! Ich verneige mich strohhutabsetzend vor der netten Dame und gebe ihr ein kleines Trinkgeld.

Doch es sind nur wenige Meter, die ich zurücklege, als mir ein ganz bedrohliches Problem bewusst wird. Vor mir erstreckt sich ein unwegsames Gelände voller Tücken und Irrwegen. Es muss inzwischen acht oder neun Jahre her sein, als mir mein Kumpel Manuel – oh, wie ich ihn bis zum heutigen Tag verfluche! – eine „Abkürzung“ verraten hat. Seit ich diese „Abkürzung“ kenne, ist mir jegliche Fähigkeit der Orientierung in diesem Gebiet abhanden gekommen. Regelmäßig irre ich dort umher. Als Speyer erbaut wurde, muss irgendein garstiger Stadtplaner all seinen Hass auf die Menschheit an diesem Viertel ausgelassen haben. Mein ganz persönliches Bermuda-Dreieck. Wer hier wohnt, muss früher oder später depressiv werden. Ich versuche gar nicht erst, mich zu orientieren. Blick nach oben Richtung Sternenhimmel streife ich los.

Mein MP3-Player schwingt sich zu Höchstleistungen auf. Man On The Moon von R.E.M. steigert sich zu Wish You Were Here von Pink Floyd steigert sich zu Everlong von den Foo Fighters. Ich bin wahnsinnig gut gelaunt. Sternegucken erweist sich als einigermaßen effektive Lösungsstrategie für meine Orientierungsprobleme. Nicht ganz ohne Herumirrerei, aber doch ohne stundenlangen Zeitverlust lasse ich die verwunschenen Gassen hinter mir. Und dann lerne ich Taljan kennen.

Taljan sieht aus, als hätte ein Ochse einen Schrank geehelicht und den Abkömmling dieser unheilvollen Verbindung in eine Lederjacke gesteckt. Er jagt mir einen wahnsinnigen Schrecken ein, als er mir auf die Schulter klopft, um mich anzuhalten. Offensichtlich will er mich aber nicht überfallen, sondern ist verloren gegangen. In gebrochenem Deutsch erklärt er mir das. Er hat seine Freunde auf der Autobahn verloren und muss nach Berlin. Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll, finde es aber ziemlich lustig. Taljan spricht ein paar Brocken Deutsch, kein Englisch, kein Französisch, kein Italienisch. Meine Kasachisch-Kenntnisse beschränken sich auf ein paar wenige Borat-Floskeln. Das bringt uns nicht weiter. Unsere Beziehung ist von Anfang an von schweren Kommunikationsproblemen belastet.

„EY LEUTE! Ich hab gar kein Foto von Taljan gemacht! Malt mir mal ein Bild!“: Taljan. Etwa so könnte er ausgesehen haben (Bilder (v. l. o. n r. u.): Dentler, Binnefeld, Eckert, Onat, Schwalb)

Taljan streckt mir einen Zettel mit einer Handynummer hin, die er anrufen möchte. Ich verstehe nicht so richtig, warum das nicht klappt, beschließe aber, ihm zu helfen. Und scheitere ebenfalls. Nach zwei Wählversuchen habe ich die Lust verloren. „Geht nicht!“, brülle ich Taljan an. Ich brülle, weil ich mir nicht sicher bin, ob er mich versteht. Brüllen wirkt wie eine gute Idee. Und tatsächlich: Er versteht mich. Niedergeschlagen fragt er mich, ob ich ihm den Weg zur nächsten Kneipe erkläre, in der er telefonieren kann.

Gedanklich habe ich schon seit mindestens einer halben Stunde das Bruch angepeilt. Das Bruch ist der Ort, an den du gehst, wenn alles andere schon zu hat. Soeben hat sich mein „Wen-nehm-ich-dorthin-mit“-Problem gelöst. „Yeah“, rufe ich, „komm mit. Ich bring dich hin. Bier?“ Taljan schließt sich mir an, möchte aber kein Bier trinken.

Ich bin kein Freund der Forderung nach zwanghafter Integration in unsere langweiligen deutschen Gewohnheiten. Der Ruf nach Integration ist nichts als eine farblose Miesepeterei, ein Verlangen nach Routine, das all die interessanten, kulturellen Eigenheiten verschlingt, die einen Menschen ausmachen können. Taljan spricht quasi kein Wort Deutsch, wirkt aber doch überaus assimiliert. Das deutsche Spießbürgertum hat ihn. Ich beschließe umgehend, dass ich den armen Kerl rückintegrieren muss. „Trink!“, befehle ich also und halte ihm eine Dose Bier hin. Widerwillig kapitulierend greift er nach dem Bier und beginnt, mit mir zu trinken. Nimm das, Sarrazin!

Leider versteht Taljan praktisch kein Wort von dem, was ich sage. Also erhöhe ich meinen Kommunikationsoutput. Umso mehr Information ich ihm entgegenwerfe, umso mehr Information kann auch potentiell bei ihm ankommen. Das geht ganz einfach. Ich rede unheimlich schnell in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch auf ihn ein und unterstreiche meine Worte mit wilden Gesten. Auch das bringt uns nicht weiter. Er nickt zwar lachend alles ab, was ich sage, aber ich sehe ihm an, dass er keine Ahnung hat, was ich von mir gebe. Offenbar hält er mich für dumm. Oder geistesgestört. Ich zwinge ihm ein neues Bier auf.

Taljan unterbricht meinen Redeschwall, als ich mich gerade in irgendeinen Bullshit über das KGB ergehe. Zumindest das scheint er verstanden zu haben. Meine Ausführungen über den russischen Geheimdienst aus dem kalten Krieg scheinen ihn zu beunruhigen, er will das Thema wechseln. Und mich offensichtlich beeindrucken. Lachend erzählt er von seiner Tochter und seiner Frau in Berlin. Lachend erzählt er, dass er beide ständig verprügelt. Der Abend erfordert eine drastische Neubewertung der Situation.

„Du bist scheiße“, sage ich zu Taljan.
Taljan lacht.
„Du bist ein Arschloch“, sage ich zu Taljan.
Taljan nickt und lacht.
Seine mangelnden Deutschkenntnisse ersparen mir einen Kieferbruch. Ich habe plötzlich überhaupt keine Lust mehr, mit Taljan feiern zu gehen. Ich muss ihn schleunigst loswerden.
„Wir sind da“, verkünde ich also, und zeige auf einen Hinterhof, in dem sich eine Shisha-Bar befindet. Ich nehme ihm sein Bier ab.
„Da! Geh rein und telefonier. Ich rauche eben und komme dann nach“.
Er versteht zumindest, dass ich nicht mit rein komme, als ich mir eine Kippe anzünde.
„Warte hier“, bittet er mich.
„Jaja“, nicke ich.
Taljan betritt die Kneipe.
„Arschlecken!“, denke ich mir, trinke sein Bier leer und mache mich aus dem Staub.

Spielt denselben Song nochmal!

Ende Oktober startet beim SWR1 Baden-Württemberg die bekannte SWR1-Hitparade. Tagelang wird ein guter Song nach dem anderen gesendet. Dieses wahnsinnige Radioprogramm in voller Länge zu erleben, ist wohl kaum möglich. Und doch versuchen wir es! Es folgen: Erinnerungen an sechs Tage Dauerparty.

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„Kennste den? Setzt sich ‘ne alte Frau im Zug neben mich…“. Deutsche Komiker, Kolumnisten und andere unterhaltsame Menschen bedienen sich scheinbar gerne ganz bestimmter Situationen, auf die sie ihre Geschichten aufbauen. Einen hohen Beliebtheitsgrad besitzen dabei all jene Stories, die sich im öffentlichen Personennahverkehr abspielen. Offensichtlich bieten Geschichten übers Pendeln ein hohes Identifikationspotential. Doch was ist es, mit dem sich das Publikum da identifiziert? Es gibt wenige Dinge, die so deprimierend sein können wie eine Zugfahrt im Berufsverkehr.

Unerklärliche Notizen: Paranoia und Verwirrung schimmern durch unsere dokumentierten Gedanken hindurch (Foto: Denzinger)

Menschen fahren zur Arbeit, wo sie die nächsten acht Stunden verbringen sollen. Menschen fahren nach Hause, wo sie bei gesundem Schlafrhythmus vielleicht sieben oder acht Stunden zur freien Verfügung haben. Sieben oder acht Stunden zum Abschalten. Danach: Schlafen. Danach: Alles von vorne. Spielt denselben Song nochmal! Jahrzehntelang. Die große Routine des 21. Jahrhunderts heißt: Arbeitsleben. Pendler, so scheint es, lieben die Routine, der sie sich Tag für Tag beugen müssen. Tunlichst bedacht, ihre Sitznachbarn zu ignorieren beugen sie sich über ihre Smartphones, über ihre Bücher, über ihre Zeitungen oder starren angestrengt aus dem Fenster, wo ihr ganzes Leben lang die immer gleiche Landschaft an ihnen vorbeizieht. Bloß keinen Augenkontakt aufbauen! Bin vielleicht ich selbst die alte Dame, die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, der penetrante Schaffner, bin vielleicht ich der Mensch, über den man sich amüsiert, während man vorm Fernseher hängt und wartet, dass der nächste Zug zur Arbeit fährt? Kaum. Ich lese keine Zeitung, aber ich besitze ein Smartphone und unzählige Bücher. Und schaue gerne aus dem Fenster und träume vor mich hin. Normalerweise. Doch nicht in dieser Woche. Im Moment ist mein Smartphoneakku chronisch dreiviertelleer. Meinen Rucksack trage ich mehr aus Gewohnheit bei mir, denn um Bücher zu transportieren. Eine Flasche Wasser steckt darin, aber das Etikett bietet kaum Unterhaltungswert. Die Welt vorm Fenster ist so grau, wie sie Ende Oktober nur sein kann. Langweilig. Und Zeitunglesen habe ich in dieser Woche auch nicht begonnen. Yeah, Baby, ich verfalle immer noch ständig in Träumereien. Doch auch diese vermögen es in diesen wahnsinnigen sechs Tagen nicht, mich länger in ihren Bann zu ziehen. Denn sobald ich beginne, von dem mich umgebenden Geschehen abzuschweifen, bricht aus mir ein irrsinniges Gelächter hervor. Ich bin vielleicht nicht die alte Dame, vielleicht nicht die Mutter mit den aufdringlichen Kindern, vielleicht nicht der penetrante Schaffner – du kannst mich mal, deutsche Comedy! – aber ich bin mir sicher: Diese Woche bin ich das versoffene, nach Schnaps stinkende Wrack, das da so laut Musik hört, dass Bücherlesen, dass Zeitunglesen, dass Smartphonelesen, dass Ausdemfensterlesen nicht mehr ungestört möglich ist. Und Ungestörtheit, das ist offensichtlich ein Aspekt des Alltags, auf den der stereotypische Pendler höchsten Wert legt. In dieser Woche sitze ich im Zug häufig allein. Bevor ich in den Zug steige; sobald ich aussteige: Volle Lautstärke, alter! Aber sobald ich im Zug sitze – ich sitze oft im Zug, weil Uni und Freunde nicht da wohnen, wo ich wohne – geht die Lautstärke runter. Diese Woche geht das leider nicht. Denn: Es ist SWR1-Hitparade! Klingt nach ZDF-Schlagerweinberg, ist aber cool.

Erste kleine Verwahrlosungen: Über die Woche hinweg verkommt unsere Umgebung immer wieder zur klischeehaften RTL2-Kulisse. Links an der Wand: Die zwei Bilder, die wir im Rahmen unseres „legal highs“-Projektes angefertigt haben (Foto: Denzinger)

Von Montagmorgen, 5.00 bis Freitagabend, 22:00 werden 1.101 Songs gespielt. Die 1.101 Songs, für die in den Wochen zuvor die meisten Stimmen abgegeben wurden. Ohne Unterbrechung, rund um die Uhr. Über Wochen hinweg konnte jeder, der wollte, fünf Stimmen abgeben. Das Resultat wummert diese Woche durch den Äther. Für gewöhnlich findet sich zum Feiern immer eine Ausrede. Diese Woche heißt meine Ausrede: Ich muss einen Artikel über die SWR1-Hitparade schreiben. Ich bin quasi dazu gezwungen, das Radioprogramm möglichst intensiv zu erleben. Ein tragisches Opfer der Umstände. Und so weiter. Man kann das weiter ausführen. Aber eigentlich ist mir jeder Anlass zum Pendlerdaseindurchbrechen recht. Also: Eine Woche Dauerparty! Von Sonntagabend (aufwärmen) bis Freitagabend hänge ich in meiner Lieblings-WG in Mannheim rum und höre Musik. Radio. SWR1. Meine Erinnerung an diese Woche: Hochgradig getrübt. Ein Polizeieinsatz wegen Ruhestörung nach einem „Wer kann nachts im Freien am lautesten schreien“-Wettbewerb. Ratten. Fingerfarben. Spucknäpfe. Ein Pokémon-Trinkspiel aus Wuppertal. Flunkyball. Thomas G. Hornauer. Ein geflutetes Badezimmer. Seifenblasen. Ein Meer von Gesichtern. Der gescheiterte Versuch, eine Krankenversicherung abzuschließen. Ein Meer von Gesichtern (schon wieder! Verdammt großes Meer!) – mindestens zwei weitere Face2Face-Mitarbeiter sind an all dem Wahnsinn beteiligt! – verschwimmt vor meinen Augen und zieht sich zu einem einzigen, sehr, sehr langen Moment zusammen. In den ersten 72 Stunden der SWR1-Hitparade schlafe ich insgesamt elf Stunden. Was im Grunde zu wenig Schlaf für zwei Tage ist, ist für diese ersten drei Tage zu viel. Denn wir machen den Fehler, die Songs nachzulesen, die wir schlafenderweise verpasst haben. „Wir sollten den Scheiß nicht nachlesen“, sagt Melanie, „das pisst uns eh nur an.“ Stimmt. Selbst die Radiomoderatoren schlafen. Sie arbeiten abwechselnd in drei Schichten. Und doch können wir uns das Nachlesen nicht verkneifen. „Wir haben Bicycle Race von Queen verpasst!“, ärgert sich Christoph. „Nein Mann!“, blöke ich, „lief doch gestern Nacht noch, als wir geraucht haben“.

Das schönste Fenster der Welt: Fingerfarben werden zu Fensterfarben (Foto: Glaser)

Christoph erinnert sich nicht mehr. Flunkyballzeit! Der wirkliche Wahnsinn ist der Versuch, die Hitparade in den Alltag zu integrieren. Montag, Dienstag, Mittwoch heißt bei mir: Arbeiten! An massivem Schlafentzug und exzessivem Alkoholüberkonsum leidend schleppe ich mich die ersten drei Tage zur Arbeit nach Speyer, um danach wieder nach Mannheim zu fahren. Manchmal erwartet die Universität Mannheim in dieser Woche meine Anwesenheit. Leider muss ich krankheitsbedingt aussetzen. Gehe nicht über START und verdiene keine verfickte Million. Unser größtes Problem in dieser Woche ist die Bleibunkerasbestisolierung des Kauflands am neuen Messplatz, Mannheim. Da kommt kein Radiosignal durch. Trotzdem brauchen wir Bier. Eine verfluchte Tragödie. Dienstag kaufen wir deswegen gar kein Bier. Da wir dennoch durstig sind, schlurfe ich auf die benachbarte Wohnheimparty und kaufe dort Bier. Morgens um fünf steht die Wohnheimsprecherin in der Terrassentür. „Braucht ihr noch Bier? Wir wollen langsam dicht machen…“. Mittwoch schaffen wir es gerade rechtzeitig aus dem Kaufland heraus, um „The Passenger“ von Iggy Pop zu erleben. Eines Morgens stehe ich in Melanies Zimmer. Es muss Donnerstag oder Freitag sein. „MELANIE!“, brülle ich, „MELANIE! ECHOES VON PINK FLOYD EY! STEH AUF!“ Melanie steht auf und stürmt in den Gemeinschaftsraum. Da steht das Radio. Da sitzen wir. Zu dem Zeitpunkt bedeutet „wir“: Christoph und ich. Zu dritt – Melanie, Christoph und ich – versuchen wir, so viele gute Songs mitzunehmen wie möglich. Der Hausmeister kommt, sagt, wir ziehen Ratten an und beschlagnahmt das WG-Maskottchen. Die Putzfrau kommt und sagt, Fingerfarben an der Decke sind nicht OK. Die Polizei kommt und sagt, die Nachbarn wollen schlafen. Nadine kommt und bemalt das Fenster. Ein Lapras grinst fröhlich in die Welt. „GOOD NIGHT, WHITE PRIDE“, steht irgendwo daneben. Wir wissen längst – lange schon, bevor die Hitparade überhaupt begonnen hat – welcher Song auf Platz 1 gelandet ist. So ist es auch kein Problem, dass wir – es muss irgendwann zu Beginn der Top 10 sein – Bier kaufen gehen. „Wir“, das heißt in diesem Fall Melanie und Christoph. Alkoholbedingt kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr laufen. Meine Erinnerung setzt aus. Meine Erinnerung setzt wieder ein. Irgendwo bei Platz 4

Was geschieht hier? Pokémon-Trinken, Fingerfarben und Seifenblasen verschönern die Woche ungemein (Foto: Denzinger)

(Die Toten Hosen – Tage wie diese – höchster Neueinsteiger!). Vor mir: Eine Kloschüssel. Platz 4 verstreicht. Gonzo. Platz 3 beginnt. Brothers in Arms von den Dire Straits. Ich muss an meine Kampfgefährten denken. Melanie und Christoph, die weitab des Geschehens Bier kaufen, und irgendwie auch an Nadine, die die halbe Woche mitgefeiert hat. Wir werden das Finale wohl alle nicht gemeinsam erleben. Ich kann nicht mehr laufen. Der zweitbeliebteste Song aus 1.101 Songs beginnt. „Bohemian Rhapsody“ von Queen. „Konzentrier dich, Joe!“, denke ich über meinem porzellanernem Freund, „du musst Laufen lernen. Wackel mit dem großen Zeh!“ Es funktioniert. Aufrichten. Spülung ziehen. Saubermachen. Ist die Hose zu? Yeah! Und jetzt… Ganz vorsichtig… Einen Fuß vor den anderen. Wankend verlasse ich die Toilettenkabine, wasche meine Hände (so viel Hygiene muss sein!) und torkle aus der Toilettentür. Seltsame, mir unbekannte Gestalten lungern auf der Couch herum. „Öy!“, gröhle ich, „ich kann wieder laufen! Bohemian Rhapsody!“ Freddie Mercury besingt gerade Galileo, als ein Schlüssel in die WG-Tür dringt. „Wir haben Bier. Finale ey!“, brüllt die plötzlich im Raum stehende Melanie. Der an Krücken gehende Christoph kommt hinterher gehumpelt. „Finale!“, weiß auch er. Vom Laufenlernen bis hin zu einem unendlichen Glücksgefühl ist es offensichtlich gar nicht so weit. Unendliches Glück? Fast! Melanie und Christoph sind zurück und haben sogar Bier dabei. Ziemlich gut. Das Finale beginnt. Auf Platz 1 der SWR1-Hitparade steht natürlich – wie sollte es auch anders sein?! – „Stairway to Heaven“. Kaum sind die ersten Gitarrenklänge des Intros verhallt – noch lange bevor die Flöte einsetzt! – klingelt mein Handy. „Eh Langaaa!“, empöre ich mich, „SWR1-Hitparade! Finale ey!“. „Joe“, sagt Nadine, „ich ruf an, weil ich das Finale mit euch erleben wollte“. Unendliches Glück. Melanie, Christoph, Nadine. Ich. Wir vier. Irgendwie beisammen. Zum Finale.  „ Running over the

Göttliche Intervention: „Helicopter“ von Bloc Party hat es trotz meiner Stimme nicht in die Hitparade geschafft. Doch die Becks-Brauerei offenbart, dass sie auf meiner Seite steht. Im Hintergrund: Ein Spucknapf (Foto: Glaser)

same old ground. What have we found? The same old fears. Wish you were here” Freitagabend. Kurz nach 22 Uhr. Die SWR1-Hitparade ist vorbei. Ich habe in den letzten sechs Tagen etwa 20 Stunden geschlafen. Ich bin nicht nur betrunken, ich bin körperlich am Limit. Ein totales Wrack. Nach der schönsten Woche meines Lebens. Zertrümmert verabschiede ich mich von meinen Leidensgenossen. Auf zum Bahnhof! Richtung Bett! Und schön die Musik leise machen…

Vorschau: Nächste Woche erscheint hier ein CD-Review

„Ist schon ganz gemütlich hier“ – Das „Greenville Festival“ feiert sein Debüt

Es ist Freitag, 27. Juli und in Paaren/Glien bei Berlin beginnt etwas Großes: Das „Greenville Festival“ hat seinen Startschuss abgegebe. Face2Face war für euch dabei.

„Deichkind“ am Kochen: Mit einzigartigen Bühnenoutfits faszinierten sie die Besucher (Foto: Heeger)

Teil 1: Begeisterung und Hysterie auf den Bühnen

Von Alissa Bosse

Nachdem das Pariser Trio „We Were Evergreen“ und die Hamburger Rockband „Selig“ unter glühenden Sonnenstrahlen den Festivalauftakt zum „Greenville 2012“ gaben, übernahmen die Berliner Herren von „Bodi Bill“ und hielten in fescher Federbekleidung mit ihrem Set aus clubbigen Indietronic-Songs trotz Sonnentiefstandes und nachlassender Hitze die Menge am Brodeln.

Ein Highlight waren Freitagnacht ohne Zweifel die „Flaming Lips“, die nicht nur durch dynamisch-psychedelischen Indie-Rock und eine einzigartige Lightshow, sondern auch durch riesige bunte Luftballons Bewegung in ihre Fan-Menge brachten.

In traditioneller Müllsack-Kostümierung, ausgestattet mit grell-leuchtenden Pyramiden-Helmen und aufblasbarer Hüpfburg lieferten „Deichkind“ gleich im Anschluss eine extravagante und ausgelassene Bühnenperformance, die durch geplante Reizüberflutung und Feder-Inferno das „Greenville“-Publikum zum Beben brachten. Eine Ladung „Remmi Demmi“ à la Deichkind.

Während „Abby“, „The Kilians“ und „Young Rebel Set“ die Festivalbesucher samstags unter freiem Himmel zum Tanzen motivierten, schlugen die Jungs von „Deep Sea Diver” auf der Indoor-Stage etwas ruhigere Töne an. Mit atmosphärischer Instrumentierung bestehend aus Akustikgitarre, Xylophon und Basssaxophon schufen die vier Jungs in Stücken wie „Beach” oder „Actors” eine träumerisch-melancholische Klangwelt.

Als nächster Act waren „We Invented Paris” zu hören, die mit leidenschaftlichem Songwriting, experimentellen Elektrosounds und Überraschungs-Gitarrensession zwischen den Zuhörern reihenweise neue Fans rekrutierten.

Dass „The Roots“ eine Band der Superlative ist, deren Musikkarriere durch ihre einzigartige Fusion aus Jazz- und Soulklängen, über Funk-, Indie-Pop- und Rockeinschlägen bis hin zu Hip Hop-Beats bestimmt ist, bewiesen Tuba Gooding Jr., Questlove, Rapper Black Thought und Co Samstagnacht. Mit ihrem Aufgebot an fabelhafter Drummer-Performance, Live-Instrumentierung mit orchestralem Charakter und rappender Weltklasse übertraf die amerikanisch „Organic Hip Hop“-Band die Erwartung der Fan-Menge an der Mainstage bereits zu Beginn ihres Auftritts.

Begeisterung, Hysterie und vor alle Verstörung verbreitete die „HGich.T“-Crew on- und off-stage nur kurze Zeit später. In origineller, leicht trashig angehauchter Kostümierung, mit Soundsalven aus New Tek, Goa Techno und konsequenten Hard Trance Sounds bot das Hamburger Musik-Phänomen ein wahnwitziges Konzerterlebnis. Völlig unbeeindruckt vom fallenden Regen und mit wild in der Luft bewegenden Fäusten folgte wenig später das „Scooter“-Publikum den energischen „Hyper Hyper“ Rufen des „Special Guest”. Während die Menge zu „some hardcore techno” durchdrehte, bot „Scooters” Bühnenperformance aus feuerspuckenden tanzende Damen in Miniröcken und in Neonfarben gekleidete „Jumper“ ein flammendes Ende des Festivalsamstags. „Fuck Art Let´s Dance“, „Turbonegro“, „Cro“ und die „Donots“ bestimmten gemeinsam das Nachmittags-Line-up des dritten Festivaltages, während „Iggy and the Stooges“ – die Legende des Rock’n’Roll – den perfekten Ausklang eines wunderbaren „Greenville“-Wochenendes bildeten.

Um es noch einmal kurz zusammen zu fassen: Internationale Headliner, die Grund zum Entgegenfiebern gaben, sowie eine Reihe an sehenswerten Newcomer Bands, die das „Greenville“-Publikum in das vielfältige Festivaltreiben sogen – ein vielversprechendes Konzept, das hoffentlich auch 2013 zahlreiche Festivalbesucher ins brandenburgische Paaren/Glien locken wird.

Gefeiert bis zum Lachanfall: Die Besucher hatten ihren Spaß (Foto: Heeger)

Teil 2: Friedliches Miteinander auf dem Campingplatz

Von Selin Güngör

Das Campingleben ist von Festival zu Festival unterschiedlich. Neben üblichen Highlights wie der Festivalhymne „Die Cantina Band“ sind viele unterschiedliche Persönlichkeiten vertreten. Das „Greenville Festival“ fand dieses Jahr zum ersten Mal statt und man könnte denken, dass der Zeltplatz dementsprechend unorganisiert war. Doch das traf nicht einmal ansatzweise zu. Die Organisatoren haben sich sehr viel Mühe gegeben. So sorgte die bunte Musikmischung beim line up dafür, dass es eine ebenso bunte Mischung im Publikum und auf dem Campinggelände gab. Von den Sanitäranlagen könnte sich so manch ein anderes Festival eine dicke Scheibe abschneiden. Die Duschen waren sauber, es waren keine Gruppenduschen, wie es bei größeren Festivals oft der Fall ist, sondern einzelne Kabinen und teuer war es mit einem Euro auch nicht.

Neben den gefürchteten Dixi Klos gab es fest installierte Toiletten, die man kostenlos aufsuchen konnte, worüber sich vor allem die zahlreichen Frauen sehr freuten. Zum Erstaunen aller gab es auf dem Campinggelände Stände, die nicht nur Bier und kulinarische Köstlichkeiten verkaufen, sondern einen Stand für Campingmaterial, wie zum Beispiel Zelte, Campingstühle, Pavillons und andere elementare Utensilien. Kommen wir zur einzigartig friedlichen Stimmung auf dem „Greenville Festival“. Es wurde getrunken, geraucht, gefeiert, gelacht und neue Bekanntschaften geschlossen. Dank der guten Stimmung und dem dadurch entstehenden Familiengefühl gab es keinen Streit und kein Gezanke. Alles in allem kann man dem „Greenville Festival“ für dieses fulminante und erfolgreiche Debüt gratulieren und auch wenn Berlin nicht gerade um die Ecke ist, jedem empfehlen sich die zweite Sause im kommenden Jahr anzusehen.

Vorschau: Und nächsten Samstag findet ihr hier an dieser Stelle ein Interview mit dem Mannheimer Elektroduo „Syn“.