Azing Moltmaker – fasziniert von den Beatles

Was haben Mottenkugeln mit den Beatles zu tun? Azing Moltmaker weiß es. Er hat in Alkmaar in den Niederlanden ein ganzes Museum rund um die Beatles gegründet (wir berichteten letzten Monat). Er ist aber nicht nur der Inhaber des Museums, sondern publiziert auch regelmäßig Bücher über die Beatles. Wir haben mit ihm über seine persönlichen Highlights im Beatles-Museum und seine Bücher gesprochen.

Face2Face: Warum sind Sie so begeistert von den Beatles?

Moltmaker: Weil mich vor allem ihre Musik fasziniert. Es ist eine Band, die nur Hits hatte und sich doch immer verändert hat. Jede Platte war anders und hatte trotzdem dieselbe hohe Qualität. Es ist das Gesamtbild der Beatles-Geschichte, das so interessant ist.

Face2Face: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Beatles-Museum zu gründen?

Moltmaker: Ich habe erst mit einem eigenen Fanclub begonnen, weil ich von einem anderen Fanclub abgewiesen wurde. Weil der Fanclub allein nicht genug Geld einbrachte, um Magazine drucken zu lassen, habe ich 1979 mit einem kleinen Beatles-Laden angefangen. Am 6. Juni 1981 begann ich dann mit einem Beatles-Museum.

Außergewöhnlich: Azing Moltmaker und die „Butcher-Cover“ im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Außergewöhnlich: Azing Moltmaker und die „Butcher-Cover“ im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Face2Face: Was ist Ihr persönliches Lieblingsstück im Beatles-Museum und warum?

Moltmaker: Ich besitze tausende Objekte. Mehr als 2.500 LPs, 2.000 Singles, 1.000 Beatles-Bücher, 500 Stunden an Bildaufnahmen, 3.500 CDs und 100 Vitrinen voll mit Merchandising. Aber es gibt eine sehr außergewöhnliche Plattenhülle, die sehr viel Geld wert ist. Davon habe ich fünf Stück. Sie ist bekannt unter dem Namen „Butcher-Cover“.

Seltenheit: Azing Moltmaker und die Gitarre von George Harrison aus den 1950er Jahren im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Seltenheit: Azing Moltmaker und die Gitarre von George Harrison aus den 1950er Jahren im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Face2Face: Was ist das seltenste Stück im Beatles-Museum?

Moltmaker: Das sind die Gitarren und die Kleidungsstücke, die ich von den Beatles bekommen habe. Außerdem die Goldenen Schallplatten, Platin-Schallplatten sowie Plattenverträge.

Face2Face: Was ist das kurioseste Stück in der Sammlung?

Moltmaker: Zweifellos sind das die Beatles-Mottenkugeln. Das ist echt das absurdeste Beatles-Produkt, das ich je gesehen habe.

Kurios: Mottenkugeln, auf deren Verpackung die Köpfe der Beatles aufgedruckt sind (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Kurios: Mottenkugeln, auf deren Verpackung die Köpfe der Beatles aufgedruckt sind (Foto: Beatles-Museum Alkmaar/Niederlande)

Face2Face: Haben Sie mal einen der Beatles persönlich getroffen?

Moltmaker: Ja, in den 1980ern habe ich Paul McCartney bei einem TV-Programm getroffen. Er hat damals auch eine Platte für mich signiert.

Face2Face: Sie schreiben regelmäßig Bücher über die Beatles. Wie kam es dazu und was für Bücher sind das genau?

Moltmaker: Ich habe 68 Bücher geschrieben. Einige im Auftrag für Verlage, aber die meisten habe ich selbst bei meinem eigenen Verlag herausgebracht. Die Fanclub-Magazine hatten eine begrenzte Seitenanzahl und weil ich die Geschichten gut schreiben wollte, brauchte ich mehr Seiten und daher waren Bücher der logische Schritt. Ich schreibe Discographien, Themenbücher und Nachschlagwerke über die Beatles. Momentan arbeite ich an drei neuen Büchern, die Ende des Jahres erscheinen sollen.

Mehr Infos zum Beatles-Museum in Alkmaar findet ihr HIER.

Die Beatles auf 1.200 m²

Durch Songs wie „Yesterday“ und „Here comes the sun“ sind die Beatles heutzutage jedem bekannt. In Alkmaar in den Niederlanden wurde John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr ein ganzes Museum gewidmet. Dabei handelt es sich um die weltweit größte ausgestellte Beatles-Privatsammlung. Museumseigentümer Azing Moltmaker trug die zu bewundernden Stücke zusammen.

Beeindruckend: Viele Schallplatten und -hüllen der Beatles im Beatles-Museum (Foto: S. Holitzner)

Beeindruckend: Viele Schallplatten und -hüllen der Beatles im Beatles-Museum (Foto: S. Holitzner)

Von einer kleinen Sammlung zu einem großen Museum

Zu seinem 15. Geburtstag am 28. Juli 1973 bekam Moltmaker seinen ersten Plattenspieler, für den er unter anderem die Single „Michelle/Girl“ von den Beatles kaufte. Weitere Singles und vor allem die verschiedenen Schallplattenhüllen inspirierten ihn dazu, eine eigene Sammlung zu beginnen. Im Juni 1981 eröffnete er im niederländischen Dorf Krommenie ein 10 m² großes Beatles-Museum. 35 Jahre später bekommen die Besucher nun auf 1.200 m² Ausstellungsfläche in Alkmaar detaillierte Einblicke in das Leben und Werk der Beatles.

Alles, was das Beatles-Sammlerherz begehrt

Auf den Spuren der Beatles: Face2Face-Autorin Sabrina Holitzner beim Überqueren des Zebrastreifens an der nachgebildeten Abbey Road (Foto: M. Holitzner)

Auf den Spuren der Beatles: Face2Face-Autorin Sabrina Holitzner beim Überqueren des Zebrastreifens an der nachgebildeten Abbey Road (Foto: M. Holitzner)

Neben Fotos und Informationen zu den Beatles gibt es im Museum auch Tonaufnahmen, die man sich anhören kann. Das Cover zu ihrer LP „Abbey Road“ ist wohl ihr bekanntestes und zeigt die Beatles beim Überqueren des Zebrastreifens an der gleichnamigen Straße. Im Museum hat man die Gelegenheit, Fotos vor einer Nachbildung der Abbey Road zu machen. Zudem befinden sich dort zahlreiche Singles, LPs, Goldene Schallplatten sowie Schallplattenhüllen aus verschiedenen Ländern. Auch den Original-Plattenvertrag, den die Beatles 1967 unterschrieben haben, kann man dort sehen. Viel kurioser sind aber Dinge wie Beatles-Comics, Kleider mit Beatles-Aufdrucken, Beatles-Geschirr oder ein Teeservice. Auch Beatles-Plüschpuppen, Plattenspieler, Kissen, Briefmarken, Flipflops und Haarspray mit Beatles-Motiven gehören zur Sammlung.

Kurios: Teeservice und Serviette von den Beatles im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: S. Holitzner)

Kurios: Teeservice und Serviette von den Beatles im Beatles-Museum in Alkmaar (Foto: S. Holitzner)

Ein Besuch im Beatles-Museum

Wer sich für die Geschichte oder die Musik der Beatles begeistern kann, sollte unbedingt mal einen Blick in dieses Museum werfen. Sobald ihr es betreten habt, kommt ihr aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn allein die Ansammlung so vieler verschiedener Beatles-Gegenstände fasziniert. Das Beatles-Museum befindet sich in der Pettemerstraat 12A in Alkmaar und ist dienstags bis samstags von 11 bis 16.30 Uhr sowie sonntags von 12 bis 16.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4,50 Euro pro Person. Mehr Infos findet ihr HIER.

Geschichte hoch drei – Das Panoptikum Mannheim

„Panoptikum, Panoptikum des Lebens, da stehn‘ sie rum, da stehn‘ sie rum, die Großen unsrer Zeit“ erfüllt die Chanson-Musik den Ausstellungsraum. Tatsächlich präsentiert das Mannheimer Museum Wachsvertreter bekannter und berühmter Personen wie Udo Lindenberg, Loriot, Helmut Kohl oder Fußball-Legende Sepp Herberger. Aber auch bedeutende historische Persönlichkeiten wie Herrscher, Dichter und Denker dürfen in der „Allesschau“ – soviel heißt der griechische Begriff „Panoptikum“ übersetzt – nicht fehlen. Mal licht und nüchtern, mal dunkel und makaber, bietet das Wachsfigurenkabinett im Stadthaus einen schnellen Streifzug durch die Geschichte und lässt dabei einen Spaziergang unter der Guillotine nicht aus.

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Leitend: Geschäftsführer Hannes Piechotta neben der Figur Louis Castans (© Panoptikum Mannheim)

Bereits seit fast einem Jahr hat das größte Wachsfigurenkabinett Deutschlands seine Wurzeln in Mannheim geschlagen, um Schaulustige aller Einkommens- und Altersklassen zu begrüßen. Die Wachsfigur Louis Castans – dem Mitbegründer des 1869 eröffneten ersten Panoptikums in Deutschland – lässt es sich nicht nehmen, die Besucher mit einigen Worten persönlich zu empfangen. Die Castan’schen Originalstücke aus Berlin bilden schließlich den Grundstock für die Ausstellung. Durch einen Zufall seien die Geschäftsführer auf die mehr als 140 Jahre alten Exponate aufmerksam geworden und hätten kurzerhand beschlossen, die Sammlung erneut aufleben zu lassen.

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Lebensecht: Die Totemaske Johann Wolfgang von Goethes (© Panoptikum Mannheim)

Das Ziel der „Geschichte in Wachs“ sei es vor allem, Bilder und Emotionen zu vermitteln. „Als Besucher kann man sich den Eindrücken nicht entziehen“ berichtet Hannes Piechotta, der Leiter des Museums. Entsprechend werden den Museumsgästen nicht nur historische Fakten, sondern auch kleine Anekdoten mit auf den Weg gegeben. Bei der Konzeption sei Piechotta stets darauf bedacht gewesen, „sich nicht im Mainstream zu bewegen“ und Besucher einzuladen, „die sonst nicht ins Museum gehen“. Da die Totenmasken Schillers, Goethes und Dostojewskis ebenso ausgestellt werden wie die Figuren von Elvis Presley, Jimi Hendrix und der britischen Königsfamilie, sei schließlich für alle Geschmäcker etwas dabei.

Beginnt die Ausstellung zunächst hell ausgestrahlt mit den jüngsten Figuren, geht die Reise schnell in dunkle Gefilde über, in denen die älteren Stücke präsentiert werden. Im sogenannten „schwarzen Kabinett“ wird die französische Revolution wiederbelebt – mit einer Guillotine über den Köpfen und abgetrennten Häuptern unter den Füßen der Besucher. Marie Antoinette und König Ludwig XVI. stehen im engsten Raum zusammen mit dem Jakobiner Maximilien de Robespierre und dem folgenden Kaiser Napoleon Bonaparte. Skurriler wird das Gesamtbild durch den Philosophen Voltaire. Ebenso kurios geht es in der preußischen Ruhmeshalle zu, in der sich eine Nietzsche-Büste zwischen die prunkvollen Herrscher gesellt. Hierin zeigt sich das Konzept des Museums, die Geschichte „mit einem gewissen Augenzwinkern“ darzustellen, so Piechotta.

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Atmosphärisch: Eine Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert (© Panoptikum Mannheim)

Neben einzelnen Figuren werden auch ganze Szenerien dargestellt: Die Bauernidylle mit ausgestopften Tieren und einer Wahrsagerin grenzt an ein Bordell aus dem 19. Jahrhundert an, in der die preußische Ordnung ersichtlich wird. Eine Zahnarztpraxis um 1890, ein Kolonialwarenladen mit Gewürzen, ein Teesalon der „Belle Epoque“ und das Zille-Milieu ergänzen die Gesellschaftsstudie, die sich im „ethnologischen Kabinett“ zur Untersuchung fremder Völker ausweitet. Mit einer Mördergalerie und einer Folterkammer, in der sich mittelalterliche Originale befinden, wird es wieder makaber. Mindestens genauso schauerlich, dafür aber wissenschaftlich und nüchtern, werden im „medizinischen Kabinett“ Fehlbildungen, Geburten und Operationen nebst siamesischen Zwillingen und Hermaphroditen präsentiert. Das teuerste Stück des Panoptikums stellt dabei die dort ruhende anatomische Ganzkörper-Darstellung eines Menschen dar.

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Schauerlich: Die Moulage (© Panoptikum Mannheim)

Das Mannheimer Museum lässt sich insgesamt als dreifache Darstellung der Historie begreifen, als Geschichte hoch drei: Einerseits illustrieren die Figuren historische Personen und Begebenheiten. Andererseits wird dem Betrachter vermittelt, wie die Exponate entstanden sind, sodass sie eine eigene Entstehungsgeschichte erhalten. Da sich das Bienenwachs mit der Zeit braun verfärbt, lassen sich die Objekte, die aus einer anderen Epoche stammen, wiederum selbst als historische Artefakte auslegen. Wer das Panoptikum dadurch für eine leblose Ausstellung hält, der irrt. Zu unbewegten Figuren und Masken reihen sich bewegte Automaten, die Geige spielen oder sich zu orientalischer Musik bewegen. Durch ein Exponat zum Anfassen, dem Gebrauch von Video-Installationen, zahlreicher Musik- und Geräuschkulissen sowie einem Geruchskabinett voll von Gewürzen wird das Museum zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch eine Buchvorstellung zu Haruki Murakamis „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazak“.

„nicht zurechnungsfähig,not guilty by reason of insanity“ – ein Einblick in die Welt der forensischen Psychiatrie

„Es war ein wunderschöner Sommertag. Ich stand im Freien auf einem Hang. Plötztlich zog ein Gewitter auf und ein Blitz traf mich. Und ich hatte nicht mal einen Schirm.“ So beschreibt einer der  180 Patienten einer psychiatrischen Klinik für Straffällige in Maryland, USA den Tag, an dem er seine ganze Familie tötete. Stimmen, die er immer wieder hörte, trugen es ihm auf.

Robert Mack und Grace Zaccardi starteten 1981 das fotografische Projekt, welches ursprünglich von Mack als ein Filmprojekt initiiert wurde und später in fotografischen Kunstwerken Ausdruck fand. Zaccardi, die selbst mit einem an Schizophrenie erkranktem Vater aufwuchs, unterstützte ihn dabei. Ein Teil der Fotografien ist nun in der Ausstellung „nicht zurechnungsfähig, not guilty by reason of insanity“ in Mannheim zu sehen – zum zweiten Mal überhaupt, denn zuletzt wurden die Arbeiten vor fast 30 Jahren im Baltimore Museum of Art ausgestellt – seitdem nie wieder, bis sie nun von Thomas Schirmböck, dem Kurator der Ausstellung, neuentdeckt worden sind.

Der Mann, der seinen Auftrag von Stimmen auferlegt bekommen hatte, schien sehr sympathisch und intelligent zu sein, hatte einen Universitätsabschluss und kam aus einer reichen Familie, erzählt Mack. Die Beschreibung vom Tag des Verbrechens zeigt Dinge auf, die sich leitmotivisch durch die Ausstellung ziehen: Die Krankheit ist rein äußerlich nicht erkennbar und die Momente der Sinnestrübung kommen so plötzlich, wie ein Gewitter und so heftig wie ein sich entladender Blitz.

"Nicht zurechnungsfähig": eines der ausgestellten Bilder (Bild: © Robert Mack)

„Nicht zurechnungsfähig“: eines der ausgestellten Bilder (Bild: © Robert Mack)

Die schwarz-weißen Fotografien zeigen Menschen, die sich in nichts von anderen, den „Normalen“,  unterscheiden. Nichts deutet auf Schizophrenie, Gewalttätigkeit, Unzurechenbarkeit hin und doch gewähren die Bilder einen Einblick in jene Welt, die  Außenstehenden verborgen bleibt. Isoliert sind nicht nur die Insassen, auch der Betrachter ist isoliert, denn das klassische Bild von einem psychisch Kranken entspricht nicht dem, was Mack und Zaccardi präsentieren. Es hilf nichts – wie sehr man auch versucht, einen Funken „Irrsinn“ im Blick der Patienten zu finden, man scheitert. Das Befremdliche dabei ist die Ungewissheit darüber, warum man es nicht sehen kann. Ist es die doch ruhige Natur des Erkrankten, die zum Vorschein tritt oder zeigen die Medikamente ihre Wirkung? Was ist Schein und was ist Sein?

Oft sieht man die Patienten an einem Fenster stehen, das von außen mit Gittern abgesichert ist. Das Gefühl der Sehnsucht nach Freiheit ist im grau gestrichenen Ausstellungsraum allgegenwärtig. Auch sieht man Menschen, die auf dem Boden oder auf Tischen schlafen – eine Auswirkung von medikamentöser Behandlung. Die brillantesten Arbeiten aber, die den Betrachter durchdringen und fesseln, sind die Porträts. Es gibt Patienten, die ganz locker und gelassen schauen oder cool und fröhlich, andere haben einen besorgniserregenden Blick, wieder andere pressen Mund und Nase kindlich-unschuldig gegen eine Fensterscheibe. Manchen ist jedoch die Trost-und Freudelosigkeit ins Gesicht geschrieben. Für einen Moment vergisst man, dass diese Menschen schwerste Verbrechen begangen haben.

Das Projekt von Mack und Zaccardi ist sehr gelungen. Auch wenn seit der ersten Ausstellung mehr als 30 Jahre vergangen sind, stellt man fest, dass die Welt der forensischen Psychiatrie einem Außenstehenden immernoch fremd ist. Die Fotografen hinterfragen Klischees, die in Zusammenhang mit den Erkrankten gebracht werden und erlauben dem Betrachter, einen völlig neuen Blick auf die Randgruppen der Gesellschaft zu werfen. Umsomehr ist die Ausstellung einen Besuch wert, denn nicht nur ästhetisch treffen die beiden Fotografen ins Schwarze. Sie setzen sich auch mit einer sehr ernsten und immernoch aktuellen Thematik auseinander.

Zu sehen sind die Arbeiten noch bis Sonntag, 25.08.2013 im Zephyr, Mannheim.

Internetpräsenz mit ausgewählten Bildern der Ausstellung

Fashioning Fashion – Ein Ausflug in die Modewelt von 1700 bis 1915

Eindrucksvoll: Besticktes Seidensatin-Kleid von 1785 (Foto: Rossel)

Seit Freitag, dem 27. April, gastiert im Deutschen Historischen Museum Berlin eine Sonderausstellung des Los Angeles County Museum of Art, die Träume wahr werden lässt. Ausgestellt sind dort Kleidungsstücke aus den Jahren 1700 bis 1915.

Für 8 Euro (ermäßigt 4 Euro, beispielsweise für Schüler und Studenten) können die Besucher eine Art Laufsteg entlang schreiten, vorbei an Stücken wie dem goldbestickten Kleid einer portugiesischen Königin und einem Turban des Designers Paul Poiret.

Neben Roben des Adels werden hier auch Kleidungsstücke des wohlhabenden Bürgertums ausgestellt und gewähren nicht nur Einblicke in die Modewelt der damaligen Zeit, sondern auch in das Leben der Träger der Kleider. Zu bestaunen ist beispielsweise ein Tenniskleid von 1885, welches im Gegensatz zu anderen Kleidern seiner Zeit schon knapp über den Knöcheln endet. Aber auch die ausgestellten Schoßturnüren, mit denen sich die Figur der Damen verändern ließ, lassen auf die Umständlichkeit der Kleidung im 19. Jahrhundert schließen.

Die Ausstellung ist in vier verschiedene Bereiche aufgeteilt: Im ersten Bereich, der Mode, werden in chronologischer Abfolge die Wandel der Silhouetten bei Damenbekleidung und die Tendenz von bunten zu dunklen Anzügen bei Männern gezeigt. Im Bereich der Textur werden verschiedene Web-, Färbe- und Drucktechniken präsentiert. Die Form befasst sich mit allen formgebenden Elementen und der letzte Bereich, die Dekoration, widmet sich Spitze, Stickerei und Accessoires.

Anders als heute: Knaben trugen die pompöseren Kleidungsstücke als Mädchen (Foto: Rossel)

Bewundern lassen sich neben Kleidungsstücken für Erwachsene, die alle richtigen Kunstwerken gleich kommen, auch Kleidungsstücke für Kinder, zum Beispiel ein Mädchenkleid und ein Kittel für einen Knaben. Steht man vor diesen beiden weißen, winzigen Kleidungsstücken, tippt man beim Knabenkittelchen leicht darauf, das Mädchenkleid vor sich zu haben, ist dieses doch bestickt, mit Rüschen besetzt und aufwendiger verarbeitet als das Mädchenkleid.

Eindrucksvoll sind neben den Accessoires, Schuhen und einem bestickten Stoff, der zu einer Weste genäht werden sollte, vor allem ein Seidensatin-Rock aus China, welcher ungefähr 1785 bestickt wurde und ein knallgelbes Kleid aus England aus Leinenspitze von 1818. Die Farben der Stickereien und das Kleid selbst sind so satt und strahlend, dass man in Versuchung kommt zu glauben, die Stücke seien gerade frisch hergestellt und gefärbt worden.

Schlicht: Mädchenkleid (Foto: Rossel)

Die Ausstellung ist ein absolutes Muss für alle Mode-Fans, die während des Ausstellungszeitraumes in Berlin sind. Fotografiert werden darf leider nicht, dafür gibt es ein sehr schönes Buch zur Ausstellung, in dem alle Stücke abgebildet und detailliert beschrieben sind.

Führungen (circa 60 Minuten, zusätzliche Kosten 4 Euro) finden jeweils mittwochs um 15:00 Uhr, samstags um 14:00 Uhr und sonntags um 14:00 Uhr statt, geöffnet hat die Ausstellung täglich von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Zudem gibt es die Möglichkeit einer Hörführung, welche 3 Euro zuzüglich Eintritt kostet.

Am 23. Mai um 18:00 Uhr findet ein Vortrag zum Thema „ „Pfui – wie reizend!“ Modeprovokationen und Modeexperimente 1900-1914“ mit der Modeexpertin und Autorin Dr. Gundula Wolter statt. Ein weiterer Vortrag im Rahmen der Ausstellung findet am 20. Juni zum Thema „Mode und Museen in Berlin. Geschichte und Perspektiven“ ebenfalls um 18:00 Uhr statt. Der Eintritt zu beiden Auditorien ist frei. Des Weiteren wird die Ausstellung durch eine Kostümfilmreihe im Zeughauskino vom 09. Juni bis 31. Juli begleitet.

Die Adresse des Deutschen Historischen Museums: Unter den Linden 2 in Berlin-Mitte.

Vorschau: Nächste Woche findet ihr an dieser Stelle ein Interview mit „Germanys Next Top Model“-Finalistin Yvonne Schröder.

 

Ist das Kunst oder kann das weg? Die „I love ALDI“-Ausstellung in Ludwigshafen

Kunst und Kommerz: Die "I love Aldi"- Ausstellung in Ludwigshafen (Foto: Wagner)

In Zeiten in denen Putzfrauen versehentlich Teile einer  800 000 Euro teuren Kunstinstallation wegwischen, weil sie den vom Künstler angebrachten Dreck – nun ja – für Dreck halten, und 22 Jahre alte Pommes einen Sammlerwert von 2000 Euro zugesprochen bekommen, kommt man nicht umhin sich zu fragen: Ist das eigentlich noch Kunst? Auch in der aktuellen Ausstellung des Wilhelm Hack Museums „I Love ALDI“ wird diese Frage ganz bewusst aufgeworfen.

Beim Anblick angebrochener Olivenölflaschen und Konserven hinter Glasvitrinen beispielsweise ist nicht direkt ersichtlich, welchen künstlerischen Mehrwert diese Installation haben soll. Zwar ist die Vermischung von Kunst und Konsum spätestens seit Andy Warhols „Campbells Suppendosen“ nichts Neues, doch wurde von Warhol immerhin noch reproduziert und nicht einfach eine Suppendose hinter Glas gepackt und von da an als Kunst verkauft.

Die Vermengung von Kunst und Kommerz wird in der Ausstellung nicht nur kritisch beleuchtet, sondern vollkommen ad absurdum geführt. Die Künstlerin Stefanie Senge fordert beispielsweise Konsumenten dazu auf, ihre eingekauften Waren ins Museum zu bringen und sie dort „mit einer neuen Wertung von der Künstlerin codieren lassen, um so das zu bekommen, was sie sich wirklich von dem Produkt wünschen.“

Bitte nicht berühren: Installation von Thomas Rentmeister (Foto: Wagner)

Immer wieder findet sich neben den Exponaten der Hinweis „Bitte nicht berühren.“ Denn unter den Besuchern scheint Verwirrung darüber zu herrschen, was denn nun Kunst ist und was nicht: Ein Mann Mitte 50 im dunkelblauen Ringelpullover setzt sich auf eines der weißen Sitzkissen, die auf der Treppe liegen, um die Exponate im Raum auf sich wirken zu lassen. Freundlich wird er von einem der Aufseher darauf hingewiesen, dass es sich hierbei keineswegs um Sitzkissen, sondern um Kunst handelt. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Kissen die Form von Discounter-Filialen haben.

Besonders angetan habe es den Besuchern auch die Installation von Thomas Rentmeister, bei der sieben Tonnen Zucker feinsäuberlich über einen Einkaufswagen gerieselt wurden, berichten die Museumsaufseher. Immer wieder würden Neugierige ihre Finger in den Zuckerhaufen stecken und so unschöne Löcher verursachen. Deshalb müsse jedes Mal der Restaurator kommen, um die unansehnlichen Löcher zu stopfen.

Genau darum geht es auch bei der „I Love ALDI“-Ausstellung: Reflexhaft möchte man am Wühltisch zugreifen, weil man als Konsument eben dazu konditioniert wurde, genau das bei einem Wühltisch zu tun. Doch nun ist Anfassen verboten, Alltagsgegenstände werden bewusst überhöht und der Betrachter wird dazu angehalten deren Sinn zu hinterfragen.

Alles Wurst: Selbst nach einem Jahr sind die Wustpäckchen noch gut erhalten (Foto: Wagner)

Neben 120 Rollen Tamponfaden auf Palletten und dem Exponat „Hungertuch“, auf dem sich allerlei Essensreste befinden, sticht dabei vor allem die Installation mit dem treffenden Namen „Aufschnitt“ von Thomas Rentmeister heraus. Dabei handelt es sich um hunderte aufgehäufter Wurstpäckchen im typisch farbenfrohen Discount-Design. Selbst nach fast einem Jahr in diesem ungekühlten Zustand sehen Salami und Lyoner noch recht ansehnlich aus, was wiederum die Frage aufwirft, was wir da eigentlich tagtäglich essen.

„Konsumieren ist harte Arbeit“, sagt  Künstlerin Stephanie Senge, „dabei sind wir auch ständig Manipulationen ausgesetzt.“ Bei ihrem Werk „Frisch aus dem Supermarkt“ zeigt sie 24 Leinwände, die mit Werbeslogans wie „Revolution“ oder „Luxus für alle“ bemalt sind. In den letzten Jahren sei zunehmend mit politischen und ideell beladenen Slogans geworben worden, so Senge.

Dass Konsum an sich bereits Inszenierung ist, zeigt auch Francico Sierra eindrucksvoll mit seiner Bilderreihe „Fleisch“. Die Gemälde zeigen verschiedene Fleischsorten, wie sie üblicherweise in Supermarktprospekten dargeboten werden – perfekt ausgeleuchtet und appetitlich mit dem obligatorischen Petersiliensträußchen angerichtet.

Einen ganz anderen Ansatz hat dagegen der Film „Verwertungsanstalt für Tierkadaver“ von Piero Steinle, der in einer abgedunkelten Kammer gezeigt wird. Denn auch das ist Teil unserer Konsumgesellschaft: Tiere sind zu einer billigen Ware geworden. Der Film ist nichts für schwache Nerven, zeigt wie brutal tote Rinder und Schweine auseinander genommen werden.

Info:
Die „I love Aldi“-Ausstellung im Wilhelm Hack Museum hat noch bis Sonntag, 4. März geöffnet. Eintrittskarten für Erwachsene kosten 7 Euro, für Schüler und Studenten 5 Euro.

Vorschau: Nächste Woche erwartet euch hier eine Rezension des Buches „Ja? Nein? … Jein! – Kompass für den alltäglichen Gewissenskonflikt.“