Ein weltweites Atom-Update

Nachdem bereits während des historischen Telefongesprächs Ende September – das erste seit 1979 – das umstrittene Atomprogramm des Irans im Zentrum stand, wird aus dem 15 minütigen Privatgespräch zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama und dem iranischen Staatsführer Hassan Rohani, eine weltöffentliche Verhandlung, die schließlich erste Früchte trägt.

In der Nacht von Samstag,  23. November, auf Sonntag, 24. November, kam es in Genf zu einem Fortschritt in Sachen globaler Sicherheit: Ein Durchbruch im Atomstreit mit dem Iran. Der Iran leidet seit langem unter den harten wirtschaftlichen Sanktionen, die zuletzt 2012 seitens der EU nochmals verschärft wurden. Wie kürzlich der Spiegel mitteilt, kostete Teheran allein das Öl-Embargo im vergangenen Jahr knapp 30 Millionen Euro. Die weltwirtschaftliche Ausgrenzung fordert ihren Tribut, sodass es am Wochenende unerwartet zu einer Einigung im verfahrenen Urananreicherungsstreit kommt. Zunächst soll es sich dabei um eine Übergangslösung handeln, die auf ein halbes Jahr befristet sei.

Nach viertägigen Verhandlungen heißt es schließlich von der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton: „Wir haben in den 5+1-Gesprächen eine Einigung.“ Die Vertreter der fünf Uno-Vetomächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sowie Deutschlands (5+1) einigen sich auf ein Abkommen, das zwar nach Angaben des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif das Recht Irans auf Urananreicherung anerkennt – diese allerdings auf ein Maximum von bis zu fünf Prozent Urangehalt begrenzt.

Im offenbaren Gegensatz dazu betont eine Quelle im Weißen Haus, das Recht auf Urananreicherung sei nicht anerkannt worden. Bereits hier wird offenbar, dass es sich lediglich um einen Etappensieg handeln kann. Langfristige Ziele sollten das Ende des Kalten Krieges mit Teheran, die Normalisierung wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse und die Reintegration in die Weltgemeinschaft sein. Doch für den Fortgang solcher Bestrebungen braucht es Zeit. Für den verhandelten Zeitraum von sechs Monaten hat US-Präsident  Obama eine „Probezeit“ für den Iran vorgesehen, währenddessen die Regierung um Rohani beweisen müsste, dass es tatsächlich ein ziviles und kein militärisches Atomprogramm anstrebe, wie bisher stets von den westlichen Mächten angenommen.

Um diesen Beweis zu erbringen, muss sich Teheran nun an die Vereinbarungen halten und im Laufe der nächsten sechs Monaten ein grundsätzliches Abkommen erarbeiten, indem sich die iranische Regierung klar gegen die Atombombe positioniert und diese definitiv und prüfbar aufgibt.

Zunächst aber verpflichtet sich Teheran zu einer Deckelung der Urananreicherung; die Anreicherung von Uran wird bei den für die zivile Nutzung ausreichenden fünf Prozent gestoppt. Es soll dadurch die Chance genommen werden, weiter auf 20 Prozent anzureichern, von welchem Punkt aus es nur noch ein – für uns sehr beunruhigender – kleinerer Schritt zur Atomwaffenfähigkeit wäre. Das bereits auf 20 Prozent angereicherten Uran soll nun derart umgewandelt werden, dass es nicht für militärische Zwecke genutzt werden kann.

Weiterhin soll der Iran keine neuen, zur Urananreicherung nötigen Zentrifugen, sowie seinen Schwerwasserreaktor nicht weiterhin betreiben dürfen. Die „New York Times“ berichtet in diesem Zusammenhang davon, dass die Verbindungen zwischen den Zentrifugen unterbrochen werden sollen.

Die Einhaltung dieses Abkommens wird schließlich durch internationale Inspektoren überwacht, die täglichen Zugang erhalten sollen.

Im Gegenzug dafür, dass die Weltgemeinschaft sich sicher fühlen kann, werden vorläufig die vom Westen erhobenen Sanktionen aufgehoben, was dem embargogebeutelten Land laut Spiegel eine finanzielle Entlastung von sieben Milliarden US-Dollar bringen soll. Auch iranische Auslandsguthaben, die eingefroren wurden, könnten entsperrt werden.

Israel nennt die Entscheidung Rohanis, der diese selbst als den „größten Sieg Irans“ deklariert, „einen historischen Fehler.“ Laut eines Interviews im Armeeradio ist Israels Wirtschaftsminister Naftali Bennett überzeugt, dass der Iran noch immer im Stande sei, innerhalb von sieben Wochen eine Atombombe zu bauen und damit weiterhin eine unmittelbare Gefahr für Israel darstellt. Durch „wirtschaftlichen Druck“ hätte, mit den Worten des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ein „deutlich besseres Abkommen“ – im Sinne Israels – erzielt werden können. Außerdem nimmt sich Israel selbst von der Vereinbarung aus, was deutlich klar macht, dass während der Iran sein Recht auf Urananreicherung (zumindest in Teilen) abgibt, die Weltmächte es für sich als ein Privileg, das ihnen laut der Genfer Konvention – ebenso wie dem Rest der Welt – nicht zusteht.

Aktuell gibt es laut www.atomwaffena-z.info neun Atomstaaten, nämlich die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea. Allein 96% der davon gehören den USA und Russland. Hiervon sind mehr als 4.400 Sprengsätze sofort einsatzfähig und 2.200 befinden sich ständig in Höchstalarmbereitschaft (Launch-On-Warming). Obwohl der heutige Stand nur noch ein Drittel gegenüber dem Höchststand während des Kalten Krieges ausmacht, stehen immer noch mehr als genug nukleare Waffen bereit, um die Welt – wie wir sie heute kennen – auszulöschen.

Piratenkrieg

Kaum ein Thema hat den deutschen Politikalltag im vergangenen Jahr so sehr bestimmt, wie die Energiewende. Nach der Nuklearkatastrophe vom 11. März 2011 wurde in Deutschland viel protestiert und demonstriert, um eine Abkehr von der Atomenergie zu erreichen. In vielen Landtagswahlkämpfen wurde das Thema auf verschiedene Weisen angegangen, die Profiteure waren in der Regel die Gegner der Atomenergie. Inzwischen scheint der Atomausstieg beschlossene Sache zu sein – da bricht der Atomstreit in den Reihen einer Partei erneut los.

Die Piraten sind in Deutschland noch eine sehr junge Partei, die mangelnde Erfahrung erweist sich immer wieder als Stolperstein. Ständig wird bei den Jungpolitikern gestritten, doch mit dem Bezug fester Positionen tut man sich schwer. Und bei all dem Idealismus verblüfft die Partei vor allem immer wieder dadurch, dass sie zu aktuellen Ereignissen schweigt.

Eine Arbeitsgruppe der Piratenpartei – die „AG Nuklearia“ – hatte einen Flyer veröffentlicht, auf welchem sie sich für eine „moderne und sichere Nutzung der Kernenergie“ ausspricht. Die 20 „AG Nuklearia“-Piraten sympathisieren mit der Nukleartechnologie – und tun dies, so impliziert das Flugblatt – im Namen der Partei. Die Partei selbst aber gilt als eher atomkritisch.

So reagierte die Bundespressestelle der Piraten mit einer Abmahnung gegen ein Mitglied der Arbeitsgruppe. Und hier begannen die Piraten schließlich erneut zu streiten, da sie die Abmahnung von einigen als Einschränkung der Meinungsfreiheit verstanden. Denn in der Partei, die so sehr auf basisdemokratische Strukturen setzt, und deren Mitglieder Möglichkeiten der Mitgestaltung haben, die sich ganz deutlich von denen anderer Parteien abheben, steht es den Arbeitsgruppen frei, ihre Interessen frei zu äußern. Nachdem klar wurde, dass viele Piraten nicht mit der Abmahnung einverstanden sind, wurde diese zurückgezogen.

Inzwischen sind es tragischerweise Verwicklungen wie diese, mit denen die Partei von sich reden macht. Die innovativen Chancen auf politische Partizipation des „kleinen Mannes“ innerhalb der Partei und die Diskussionsfreude der Mitglieder haben sich bisher kaum einmal in erwähnenswerten Resultaten niedergeschlagen. Und so ist die Partei auch in den Umfragewerten inzwischen wieder abgesunken. Einige Meinungsforscher stellen mittlerweile einen Einzug in den Bundestag 2013 infrage.

Strahlende Aussichten

Der gestrige Sonntag, 11. März 2012, war der erste Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima. Ein Erdbeben und ein Tsunami hatten 2011 zahlreiche Landstriche Japans in Schutt und Asche gelegt. Auch das Atomkraftwerk „Fukushima Daiichi“ wurde dabei zerstört. Umliegende Ortschaften sind bis heute evakuiert – eine Neubesiedlung ist ungewiss. Zum Jahrestag der Katastrophe demonstrieren in Deutschland unzählige Menschen gegen den geplanten Atomausstieg – er dauert zu lange.

2022 soll in Deutschland das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet werden. Doch die Energiewende läuft schleppend. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kommen einfach zu keiner gemeinsamen Lösung.

Es fehlt an Konzepten, es fehlt an Ideen – die Endlagerung der radioaktiven Abfälle etwa macht nach wie vor große Probleme. Noch immer bereitet die „Asse“, ein altes Salzbergwerk, in dem in der Vergangenheit größere Mengen an Atommüll eingelagert wurden, große Probleme. Der Stollen ist einsturzgefährdet, die Krebsrate in der umliegenden Gegend signifikant erhöht. Doch wo sollen die Abfälle sonst gelagert werden? Niemand wünscht sich ein Endlager vor der eigenen Haustür.

Die EU plant unterdessen, die Atomkraft weiter auszubauen. Denn die Atomkraft, so ist einem EU-Grundsatzpapier zu entnehmen, sei im Vergleich zu anderen Energien überaus CO2-neutral. Der Strom sei daher klimafreundlich und verursache zudem nur geringe Kosten.

Die Wirtschaftlichkeit macht den Ausstieg nicht gerade leichter. Atomstrom ist kostengünstig, in den Ausbau und die Erforschung alternativer Energien müssen weiterhin Unsummen investiert werden, bis diese eine wirkliche Alternative bieten. Daran hat die Atomlobby natürlich kein Interesse. Mehrere Konzerne haben die Absicht geäußert, gegen den deutschen Atomausstieg zu klagen, der gegen ein früheres Atomprogramm verstößt.

Die Lösung des Endlagerproblems und der Atomausstieg generell werden weltweit auf die lange Bank geschoben. Wirtschaftsmächte wie China wollen in Zukunft sogar verstärkt auf Atomkraft setzen. Die Verantwortung wird, wie so oft, in die Hände der nächsten Generation gelegt. Die Bedrohung, die nach dem Reaktorunglück in Japan öffentlichkeitswirksam diskutiert wurde, wird heute kaum noch wahrgenommen.

Währenddessen leben viele Japaner nach wie vor in Notunterkünften. Ob die verstrahlten Gebiete irgendwann einmal wieder zugänglich sein werden, und was für Auswirkungen die Strahlenbelastung weltweit überhaupt hatte, steht noch in den Sternen.

Unsere Stimme für unser Morgen – Online Petitionen

Wer das Wort „Petition“ hört, denkt an Menschen in Fußgängerzonen, die an Klapptischen mit riesigen Plakaten Unterschriften für hungernde Kinder oder gequälte Tiere sammeln. Manch ein Unterhaltungsfernsehsender hat schon aufgedeckt, dass manche dieser Organisationen nichts als Schein sind und die Menschen, die sich ihre Füße wundstehen wie Sklaven behandelt werden. Nicht alle natürlich, das ist klar.

Doch in multimedialen Zeiten und der Internetgesellschaft ist das Sammeln von Unterschriften auf neue Ebenen gestiegen. Vielen sind Online-Petitionen allerdings nicht geheuer, sie zögern, ihre Adressen und ihren Namen anzugeben. Datenschutzdebatten klingeln noch in ihren Ohren. Andere kennen Organisationen wie ‚Avaaz‘ oder ‚Campact‘ nicht und was der Bauer nicht kennt …

Dabei können Online-Petitionen tatsächlich etwas bewirken und die junge Generation weißt das. 2007 wurde das Kampagnennetzwerk ‚Avaaz‘ gegründet und sammelt seitdem global Stimmen für Petitionen und organisiert unter anderem Flashmobs. In 14 Sprachen arbeitet das Netzwerk und sammelte beispielsweise 2010 über 110 000 digitaler Unterschriften gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken in Deutschland. Finanziert werden die Kampagnen über Spenden aus der ganzen Welt. Über zwölfeinhalb Millionen Mitglieder hat Avaaz im Februar 2012, noch im Herbst 2011 berichtete der „Fluter“ von zehn Millionen Aktiven. Kein schlechter Schnitt. Mitglieder registrieren sich für den Newsletter, in dem auf aktuelle Petitionen und Aktivitäten hingewiesen wird, unterschreiben Petitionen, die sie wichtig finden, leiten die Petitionen an Freunde weiter oder teilen sie über Facebook und Twitter. So viele Mitglieder zeigen, dass Online-Petitionen keine ziellosen Ideen sind. Im Januar 2012 erst vollbrachte es eine Petition von Avaaz in 36 Stunden 500 000 Unterschriften von Indern für eine umfassende Reform in Indien zu sammeln. Die Aktion folgte auf die Ankündigung Anna Hazare, sollte die Regierung keinen Entwurf für ein Anti-Korruptionsgesetzt erlauben, bis zu seinem Tod zu fasten. „Innerhalb von 4 Tagen brachte der öffentliche Aufschrei Indiens Regierung dazu, eine schriftliche Vorlage aller Forderungen Hazares zu unterzeichnen. Wir haben gewonnen!!“ schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Mit über 500 000 Mitgliedern ist das Netzwerk ‚Campact‘ zwar kleiner als Avaaz, allerdings arbeitet ‚Campact‘ nur in Deutschland und fokussiert wichtige Themen unseres Landes. Ende 2004 ging ‚Campact‘ an den Start, 2009 half ‚Campact‘ mit, die Aussaat von Genmais zu verhindern. Momentan sammelt das Netzwerk Stimmen gegen das Atomendlager in Gorleben und für Regelungen zur effizienteren Energienutzung. Die Metapher des globalen Dorfes trägt die Fußgängerzone in unser Wohnzimmer, an unseren PC. Niemand muss das Haus verlassen, um seine Unterschrift unter eine Kampagne zu setzen, die er unterstützen will. Ganz im Geheimen kann er das tun und sich in Ruhe aussuchen, was er interessant findet. Mitmachen statt über die Zustände zu schimpfen, so lautete die Devise der Kampagnennetzwerke. Mitmachen und Bewegen. Wer keiner Partei so schnell seine Stimme leihen will, kann selbst sagen, was er gut und lohnenswert findet. Und wir kommen tatsächlich dank ‚ Organisationen wie Avaaz‘ und ‚Campact‘ an einen Punkt, wo wir sagen können: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.

Zusammen stark: Kampagnennetzwerke leben vom Engagement ihrer Mitglieder (Foto: Beutler)

Wer aber immer noch Angst vor Datenschutzmängeln hat und gesichtslosen Internetseiten nicht traut, sollte erst einmal einen Blick auf die Netzwerke werfen, ehe er seine Meinung bildet. Strenge Datenschutzrichtlinien werden sowohl bei ‚Avaaz‘, als auch bei ‚Compact‘ verfolgt und eingehalten. Der Newsletter ist schnell wieder abbestellt, ein persönliches Passwort bei ‚Compact‘ bietet noch mehr Schutz. Tatsächlich sind diese Netzwerke wesentlich übersichtlicher und sicherer, als manche Unterschriftssammlungen in der Fußgängerzone. Wichtig ist aber auch hier: Wir müssen mitmachen, müssen unsere Stimme nutzen und dank ‚Avaaz‘ und ‚Campact‘ können wir das auch.

 

 

Vorschau: Nächste Woche startet unser neuer Kolumnist Sascha mit seinem Text über die Männer unserer Zeit.

„Atomkraft? Nein, Danke!“ – Wie umweltbewusst ist „Madsen“?

Immer wieder ein Erlebnis - „Madsen“ im Mannheimer Capitol (Foto: Beutler)

Von wegen Newcomer – neben „Bosse“, „Beatsteaks“, „Sportfreunde Stiller“ und „Virginia Jetzt!“ gehören die fünf Musiker der Band „Madsen“ bereits zum Etablissement der deutschen Musikszene. Seit 2005 ihre Single „Die Perfektion“ veröffentlicht wurde, sind vier Studioalben in gerade mal fünf Jahren – eine beachtliche Zahl – erschienen. Ihr Sound findet sich im Norddeutschen und Hard-, sowie Punk-Rock, aber auch in Einflüsse von Crossover und deutscher Popmusik wieder.

Neben der Musik engagiert sich „Madsen“ für umweltpolitische Problematiken, wie beispielsweise das gerade wieder sehr aktuelle Thema Atomkraft. Mit der Message „Atomkraft? Nein, Danke!“ findet auch das Abschlusskonzert in ihrer Heimatstadt Wendland statt – in unmittelbarer Nähe zum Atommülllager Gorleben. Kurz vor dem Konzert im Mannheimer Capitol nahm sich Gitarrist Johannes Madsen und Bassist Niko Mäurer Zeit um mit Face2Face zu sprechen.

Face2Face: Auf eurer aktuellen Tour bereist ihr wieder viele unterschiedliche Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bereitet ihr euch auf eine Stadt vor? Schaut ihr euch Sehenswürdigkeiten an?
Johannes: Das Problem ist, dass der Tourbus immer gleich aussieht und wir immer über Nacht fahren. Der Einzige, der also nachts wach ist, ist Thomas, unser Busfahrer. Man wacht morgens auf und sieht immer die gleiche Kabine und weiß manchmal tatsächlich nicht, in welcher Stadt man gerade ist.
Niko (lacht): Man muss sich höchstens kurz vorm Konzert nochmal dran erinnern.

Lockere Atmosphäre im Tourbus - „Madsen“ (von links): Niko Maurer und Johannes Madsen (Foto: Beutler)

Face2Face: Dann bleibt dementsprechend keine Zeit mehr für Sightseeing?
Johannes: Also ich schlafe immer sehr lange, so bis zum Soundcheck. Danach gibt´s meist Essen, nochmal kurz entspannen, aufwärmen, Konzert und dann ist der Tag auch schon wieder vorbei. Lisa und Sebastian hingegen gehen durchaus gerne mal los und schauen sich an, was es so gibt. Besonders gerne natürlich so eine interessante Stadt wie Mannheim (lacht).

Face2Face: Wie sieht es bei euch mit Lampenfieber aus? Habt ihr vielleicht sogar spezielle Rituale gegen die Nervosität entwickelt?
Johannes: Wir halten im Grunde nicht so viel von solchen Ritualen. Wir trinken Schnaps zusammen! Da trinken dann aber auch nicht alle mit. Sascha ist dem Ganzen vor dem Auftritt zum Beispiel ein wenig abgeneigt.
Niko: Es gibt Tage, da ist man gar nicht nervös und es gibt wiederum Tage, da ist man sehr aufgeregt. Das kann man aber auch gar nicht von bestimmten Faktoren abhängig machen, also es hängt nicht von der Größe des Konzerts ab. Eher, ob viele Freunde, oder Bekannte anwesend sind, oder wenn es etwas völlig Neues darstellt.
Johannes: Am aufgeregtesten bisher war ich bei unseren ersten drei Auftritten bei „Rock am Ring“ – da hatte ich schon Muffensausen.

Face2Face: Wie sieht bei euch das Songwriting aus? Trägt bei euch jeder seine Ideen dazu bei?
Johannes: Das Allermeiste schreibt Sebastian, unser Sänger. Und wenn wir mal „dürfen“ sind wir natürlich ständig aufgefordert, was beizusteuern. So Lieder wie „Kein Mann für eine Nacht“ haben wir dann auch zusammen geschrieben, er und ich. Aber eigentlich schreibt Sebastian alles.

Face2Face: Ihr sprecht euch ziemlich offen gegen Atomenergie aus. Auf dem Plakat zu eurem Abschlusskonzert im Wendland prangert beispielsweise ein großer „Atomkraft? Nein, Danke!“-Button. Wie umweltbewusst ist „Madsen“?
Johannes: Wir sind sehr umweltbewusst und auch schon immer gewesen. Dies mag auch daran liegen, dass wir mit Themen wie Kastortransporten, Atommüll und so weiter schon sehr früh konfrontiert waren, da wir ja immerhin aus der Gegend kommen. Natürlich sind wir auch politisch interessiert und motiviert, halten das Politische aber weitestgehend aus der Musik raus, weil wir nicht als politische Vorbilder fungieren wollen, da wir das für sehr gefährlich halten.

Face2Face: Wie politisch darf beziehungsweise sollte Musik denn sein?
Johannes: Musik darf viel politischer sein als unsere – ich denke zum Beispiel an „Rage Against The Machine“, oder viele andere Beispiele. Vielleicht sind wir aber auch gerade dabei, einen „Anti-Atommüll-Song“ zu schreiben. Aber nur vielleicht!
Niko: Es ist immer eine Gratwanderung. Ich finde es bei Bands nicht gut, wenn‘s zu politisch wird und dieses Politikum dann nur als Promo fungiert, als Antriebsmotor für die Band. Politik sollte da nicht als Promotion mit einfließen, sondern die Songs sollten lediglich zum Nachdenken anregen.

Die Support-Band „Benzin“ brachte das Publikum zum Schwitzen (Foto: Beutler)

Face2Face: Welche Bands haben euch in eurer Jugend begleitet und geprägt?
Johannes: Als Allererstes wären da wohl die „Beatles“ zu nennen. Wir sind ja drei Brüder in der Band: Sebastian, Sascha und ich. Und unsere Eltern haben tierisch viele Schallplatten gehabt. Was wir da schon im Kindesalter aus dem Regal geluchst haben waren in erster Linie die „Beatles“, „Pink Floyd“ oder die „Rolling Stones“. „Nirvana“ hat uns natürlich alle sehr geprägt. Ein wenig später dann auch so Sachen wie Soul oder Frank Sinatra. Letzteren hören wir heute auch noch sehr viel!
Niko: Ich war eher auf Euro-Dance, mehr so der Popper, und bin dann irgendwie über DJ Bobo zur Rockmusik gekommen.

Face2Face: Ihr habt vorrangig deutsche Texte. Habt ihr schon mal versucht, im Ausland Fuß zu fassen oder habt ihr es vor?
Johannes: Also wir haben schon mal ein paar vorsichtige Versuche gemacht. Haben zum Beispiel mal in Holland auf einem Stadtfestival gespielt, oder auch mal in Österreich und der Schweiz.
Niko: Im nichtdeutschsprachigen Ausland ist es natürlich schwierig, als deutschsprachige Band.
Johannes: Mal schauen, in den Staaten stehen ja alle total auf „Rammstein“ und können auch die Lieder mitsingen, vielleicht fahren wir da mal hin. Waren auch schon mal in Mexiko und haben dort gespielt – eingeladen wurde wir damals vom mexikanischen Goethe-Institut.

Face2Face: Der Unfall von eurem Frontmann Sebastian letztes Jahr hatte die Verlegung einer Tour und eine erzwungene Spielpause zur Folge. Wie seid ihr damit umgegangen?
Johannes: Also in erster Linie war es einfach nur nervig, wir denken da nicht so gerne drüber nach. Wir haben dann die Zeit so gut es ging versucht, als kreative Pause zu nutzen, Texte zu schreiben und so weiter
Niko: War halt extrem doof, hatten ja gerade ein Album veröffentlicht und dann musste die Tour verschoben werden.

Face2Face: Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Ist bereits ein fünftes Studioalbum geplant, oder stehen schon weitere Konzerttermine im Raum?
Johannes: Ein Album ist noch gar nicht geplant. Wir spielen jetzt erst mal die Tour und wollen dann mal ein wenig kreativ sein. Überlegen dann irgendwann mal, wie das nächste Album überhaupt aussehen könnte. Ob es denn ein Konzeptalbum wird, wie „Labyrinth“, oder ob wir alles zu Hause machen, das sehen wir dann. Im Sommer kommen die Festivals und es ist schon relativ sicher, dass wir nach diesen Auftritten keine große Tour mehr machen, dieses Jahr.
Niko: Irgendwann wollen einen die Leute ja auch nicht mehr sehen (lacht).

Kontakt “Madsen”:
Homepage: www.madsenmusik.de
LastFm: www.lastfm.de/music/Madsen

Vorschau: Das nächste Mal könnt ihr einen Vorbericht zur „Time Warp Mannheim“ – dem Festival der internationalen Technoszene – lesen. Unter anderem auch mit einem Interview vom italienischen DJ, Produzent und Remixer Marco Carola.

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Anm. d. Red.: Die Fragen stellte Nicholas Beutler und Jean-Claude Jenowein