Du kotzt mich an

schwarz-2016

Liebes 2016,

Du kotzt mich an. Du bist die Beziehung, die man so sehr bereut. Du bist die Grippe, die man im Sommer hat, während alle anderen im Schwimmbad Spaß haben. Du bist die Verwandtschaft, die einen immer kritisiert. Kurz um: Es würde einem besser gehen ohne dich.

Selbst ein Kampf mit Voldemord erscheint stellenweise verlockender als das Weltgeschehen in diesem Jahr. Aber kam jemals ein Brief aus Hogwarts? Nein.
Stattdessen hast du Helden meiner Kindheit und prägende Persönlichkeiten meiner Jugend genommen – vielen Dank dafür. Rickman, Schell, Wiesel, Spencer, Ali, Gentscher, Williemsen, Michael, Prince, Cohen, Bowie, Fisher und Wölli Rohde – um nur einige zu nennen.

Trump als Präsident der USA, Brexit, stätige wachsende AfD-Umfrage-Werte, immer größere Unterstützung von populistischen Parteien in ganz Europa, der Amoklauf in München, der Putschversuch in Istanbul und die Folgen, die Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox, Anschläge in Brüssel, Istanbul, Berlin, Würzburg, Orlando, Nizza, Ansbach, Bagdad, Tartus, Dschabl und noch so vielen anderen Orten, die aber kaum mediale Berichterstattung erfahren haben. Wirklich tolle Leistung.

Wenn ich nun eines von deinen Vorgängern gelernt habe, dann, dass solche Erlebnisse, sowohl unsere privaten Tragödien als auch die gesamtgesellschaftlichen Vorfälle, ihre Spuren hinterlassen werden. Ein paar werden uns nächstes Jahr noch beschäftigen, andere werden wir relativ schnell vergessen, manche werden wir jedoch nie aus unseren Gedanken löschen können, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen. Ich habe aber auch gelernt, dass Kämpfen gegen alle Widerstände die richtige Methode ist – immer.

Also kämpft! Lebt! Macht etwas aus dem nächsten Jahr, selbst wenn es genauso aussichtslos erscheint wie dieses. Ja, das Leben ist scheiße. Nicht nur das – es ist verdammt ungerecht, hinterhältig, anstrengend. Und die Menschen, die darin umherstolzieren, machen das Ganze oftmals nicht besser. Freunde aufgeben zu müssen, weil man erkannt hat, dass sie nie welche waren, schmerzt. Verlassen zu werden, obwohl man zutiefst davon überzeugt ist, für den anderen perfekt zu sein, schmerzt. Von jemand Abschied nehmen und erkennen zu müssen, dass es nie genug gemeinsam verbrachte Zeit gab, schmerzt. Das Leben ist keine Facebook-Chronik, bei der nur die schönen Bilder mit Filter geteilt werden. Das Leben ist voller Schmerz, voller Leid. Besonders dieses Jahr. Aber es ist bald vorbei – so wie alles vorübergeht, sein Ende findet. Das Leben ist viel fragiler und kürzer als wir es unter Klausurenstress, Rechnungsüberweisungen und der medialen Selbstinszenierung begreifen.

Also macht das Beste daraus! Findet Zeit, nicht Zeug. Genießt das Leben. Geht raus. Redet miteinander, anstatt per WhatsApp zu fragen, wie es läuft. Seid mutig, geht Risiken ein, macht die Dinge, vor denen ihr euch fürchtet, bezieht Stellung, tretet für andere ein, stellt euch eurem Herzschmerz und versucht weiter zu leben. Und nein, es ist nicht mutig, mit 20% Akku das Haus zu verlassen. Macht euch weniger zu Sklaven der Technik, Likes definieren nicht euer Selbst – genießt das reale Leben.

Rock am Ring 2015

Genießt das (reale) Leben: Pogt auf Festivals!

Pogt auf Festivals, schlendert über Weihnachtsmärkte, fahrt Achterbahnen in Freizeitparks. Lasst euch keine Angst machen. Nicht von Anschlägen, nicht von populistischen Parteien, die Flüchtlinge generalisieren und zur allgegenwärtigen Gefahr erklären. Diese Menschen fliehen vor unfassbarer Armut (die auch aus der westlichen Wirtschaftsweise resultiert) und Krieg. Für sie sind Anschläge Normalität. Für uns sollte es Normalität werden, solchen Menschen zu helfen. Genau jetzt ist die Zeit, für die Werte von Demokratie und Freiheit einzutreten. Gegen Hass und Gewalt. Ja, 2016 war in großen Teilen scheiße, aber es liegt an uns, das Beste aus 2017 zu machen.

Soziales Engagement – Können wir die Welt (im Kleinen) verbessern?

Angesichts der unzähligen Kriege und Krisen, die auf der Welt wüten, Flüchtlingen, die vor dessen monströsen und unmenschlichen Ausmaßen flüchten, Armut, die für Familien das Überleben schier unmöglich macht, Kindern, die statt zur Schule zu gehen, harte Arbeiten verrichten, Rassismus und Homophobie, die Menschen weltweit diskriminieren und oftmals aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen. Die Welt scheint aus einem Meer von Ungerechtigkeiten zu bestehen.

Viele Menschen fliehen vor den Kriegsumständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller  / pixelio.de)

Viele Menschen fliehen vor den Kriegszuständen im Heimatland : Bei der Rückkehr finden sie oft nichts mehr so vor, wie es war (Foto: ©Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Das regelmäßige Verfolgen der Nachrichten könnte einen schier verzweifeln lassen, wenn uns die Berichterstattung mal wieder mit einer neuen Welle an Katastrophen und Kriegen überflutet und den letzten Funken Optimismus erstickt. Den Glaube an die Menschheit völlig verlieren lässt. Manchmal fühle ich mich machtlos. Frage mich, wie ich etwas ändern kann. Was für eine Ironie steckt dahinter, dass ich mir darüber Gedanken mache, WIE ich helfen kann, während im selben Moment, Menschen um ihr Leben bangen.

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger  / pixelio.de)

Gemeinsam sind wir stärker: Sich zusammen gegen Ungerechtigkeit stark machen! (Foto: © S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Jeder Mensch hat die Wahl sich gegen Ungerechtigkeit unterschiedlicher Art einzusetzen, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen zu bekämpfen. Leider gibt es viel zu viele Bereiche, in denen unserer Engagement und unserer Aktivismus tagtäglich gefragt wären. Wieso finden wir uns mit so viel Ungerechtigkeit einfach ab? Argumentieren damit, dass es auch schon früher schlimme Kriege gab. Dass wir eben nicht für alle Probleme der Welt aufkommen können. Wir scheinen oftmals zu unterschätzen, was für eine Macht wir eigentlich besitzen. Denn jeder Einzelne von uns kann etwas verändern. Und schließlich muss irgendwo begonnen und angesetzt werden. Gewiss kann sich jeder für etwas stark machen. Doch ich will nicht unzähligen Menschen Unrecht tun, die tagtäglich für etwas kämpfen. Seien es NGOs (Non-Governmental Organization) die weltweit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, Kundgebungen veranstalten oder Nothilfe in Krisengebieten leisten. Aktivisten die Networking mit unzähligen Länder betreiben, sich so über die Lage in diesen austauschen und solidarisieren.

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer "Fremd" ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Wenn Fremde zu Freunde werden: Doch wer definiert überhaupt wer „Fremd“ ist? (Foto: Rike/Pixelio)

Initiativen wie „teachers on the road“ geben Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschunterricht, auch „Save me“, eine deutschlandweite Initiative, begleitet Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstaltet Kochabende und andere Aktivitäten, um so Flüchtlingen, deren Aufenthalt in den meisten Fällen sowieso ungewiss ist, dabei zu helfen, sich im Alltag zurecht zu finden und trotz der schwierigen Flüchtlingspolitik, nicht in Lethargie zu verfallen. Wieder andere haben sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben.  Manch einer mag glauben, Rassismus – das sei ein Randphänomen geworden und seit Apartheid und den Aufständen in Amerika längst bekämpft. Aber machen wir uns doch bitte nichts vor! In Amerika, im Bundesstaat North Carolina, sind vor einigen Tagen 3 junge amerikanische Muslime erschossen worden.  Der Täter wird weder als Terrorist bezeichnet, noch scheinen die westlichen Medien dem Geschehen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Alles „nur“ ein Nachbarschaftsstreit um Parkplätze? So berichten es zu mindestens die Medien. Kaum jemand scheint dahinter zu vermuten, dass ein Motiv des Täters vielleicht Islamhass gewesen sein könnte. Seltsam. Gehen wir einige Monate zurück: Im August 2014 wird in Ferguson, Missouri, ein unbewaffneter schwarzer Jugendliche von einem Polizisten erschossen. Das entfachte in Amerika eine Welle von Unruhen und Protesten und hauchte der Rassismus-Debatte in den USA neues Leben ein. Die schwarze Bevölkerung organisierte sich, hielt Plakate mit dem Slogan „Black Lives Matter“ in die Luft. Rassismus ist im 21. Jahrhundert noch weit davon entfernt, abgeschafft worden zu sein. Aber Rassismus ist durchaus kein Problem Amerikas alleine. Wer sich mehr mit dieser Thematik beschäftigen möchte, sollte einen Blick auf den sehr lesenswerten Blog von der  Aktivistin Emine werfen.

Frauen mit Kopftuch haben in Deutschland mit allerhand Vorurteile zu kämpfen. Bekommen trotz exzellenter Abschlüsse Arbeitsstellen auf Grund ihres Kopftuches, das für viele Ausdruck ihrer Religion ist, verwehrt. In Deutschland wird ein Asylant in Dresden tot aufgefunden. Asylantenheime werden fast regelmäßig mit rassistischen Slogans beschmiert.

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein Foto: ( © I(ESM)  / pixelio.de )

Kein Mensch ist illegal: Doch viele scheinen blind und ignorant für die Probleme anderer zu sein (Foto:  © (IESM) / pixelio.de )

Wir sollten uns mit Menschen solidarisieren. Gegen solche Diskriminierungen, die im eigenen Land geschehen, aber auch in anderen Teilen der Welt,  aufstehen und unsere Stimme erheben. Es geht uns alle an! Eher unabsichtlich habe ich mich vor allem auf das Thema Rassismus bezogen. Was wohl auch mit einer Bewegung, die sich mittlerweile – Gott sei Dank – aufgelöst hat, zu tun hat und den vielen rassistischen Übergriffen, die ich vermehrt zu hören bekomme, die mich sehr erbosen lassen, zugleich aber auch erschrecken. Wichtig ist, DASS wir etwas tun. Wir sollten nicht gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, benachteiligter Menschen sein. Jeder Mensch kann nur ein wenig seiner wertvollen Zeit entbehren und zum Beispiel in seinem Umfeld an sozialen Initiativen mitwirken oder aber selbst Projekte auf die Beine stellen. Und wie sollen wir die Welt mitgestalten und verändern, wenn wir nicht in unserem Umfeld beginnen. Vielleicht sogar jetzt sofort!

Vorschau: Eva beschäftigt sich nächste Woche damit, weshalb es so gut tut, sich in Gesellschaft aufzuhalten.

Die Schere zwischen Arm und Reich

KOMMENTAR Dass es soziale Ungerechtigkeit gibt, ist ein allseits anerkanntes Faktum. Die Verteilung von Kapital und Ressourcen wird jährlich von der Bundesregierung im sogenannten  „Armuts- und Reichtumsbericht“  festgehalten. Der erste Entwurf dieses Papiers, vor knapp sechs Monaten vorgelegt von der Bundesarbeitsministerin der CDU, Ursula von der Leyen, umfasste gut 500 Seiten und enthielt wohl einige „zu kritische“ Aussagen. Kurzerhand wird von Seiten der FDP, unter besonderem Druck des Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler, der beim gestrigen Parteitag in seinem Amt als Parteivorsitzender bestärkt wurde (85,71%), der Rotstift angesetzt. Dabei geht es nicht nur um Beschönigung, einige Passagen des Berichts werden schlicht ersatzlos gestrichen. Um dabei nur am Rande das Ausmaß zu begreifen, sollen einige Beispiele illustrieren, wie rigoros dabei vorgegangen wurde:

Schon die Kernaussage des Berichts, dass das Privatvermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt sei, ist dank Zensur entfallen.

Weiterhin hieß es noch in der Erstfassung des Dokumentes: „Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen“. Diese Feststellung wird jedoch in der aktuellen, überarbeiteten Fassung einfach umgekehrt. Dabei beruft sich die Bundesregierung auf neue Studien und Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

In einer Mehrbeschäftigung der Bundesbürger wird – auch unter der Maßgabe, dass hierunter knapp über vier Millionen Menschen, die für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro arbeiten (Zahlen aus dem Jahr 2010), miteinbezogen werden – eine Verbesserung der Arbeitsmarktlage gesehen.  So seien die Abnahmen bei den Reallöhnen ein „Ausdruck struktureller Verbesserungen.“ Das mag einen kurzfristigen Trend markieren, schlecht nur, dass die Zahlen eine Antithese dazu bilden. Denn ebenfalls im Bericht enthalten und den wachsamen Augen der Korrekteure entgangen ist, was sich noch im aktuellen Bericht lesen lässt. Nämlich, dass die Entwicklungen eher der ersten Fassung entsprechen: So besaßen die vermögensstärksten Haushalte 1998  „nur“ noch 45% des gesamten Nettovermögens, während die gesamte untere Hälfte über knapp drei Prozent verfügte, ist deren Anteil im Jahr 2008 bereits auf knapp ein Prozent geschrumpft.

Die „Einkommensspreizung“, die als Synonym für die sich stetig weiter öffnende Armutsschere zu verstehen ist, wird schlichtweg geleugnet. Dass, „das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung“ verletzt würde und das schließlich auch „den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde“ – eine Reflexion der gesellschaftlichen Stimmung – wäre wohl geeignetes Kanonenfutter für die oppositionellen Parteien im Bundestag gewesen. Deshalb verkündete der FDP-Parteichef Rösler bereits nach der ersten Vorlage des Papiers, dass diese Ausführungen nicht „der Meinung der Bundesregierung“ entsprächen.

Es erscheint beinahe grotesk bei der Analyse der sozialen Differenzierung von einer „Meinung“ zu sprechen, handelt es sich nicht viel mehr um die Darstellung von Fakten? Was taugt ein solcher Armutsbericht noch, wenn er zum bloßen Reichtumsbericht einer scheinbaren Wohlstandsgesellschaft stilisiert wird?

Der König ist tot, lang lebe der König!

Während es in der westlichen Welt gerade weihnachtet, vollzieht sich im entfernten Osten ein Machtwechsel, der die Geschicke des gesamten Planeten in den nächsten Jahren bedeutend prägen könnte: Der kürzlich verstorbene Despot und Machthaber von Nordkorea Kim Jong-Il wird von seinem Sohn Kim Jong-un im Amt beerbt.

So brisant ist dieser Wechsel deshalb, weil Nordkorea ein politisch durchweg unberechenbares Land ist, welches allerdings seit Jahren eine aggressive Haltung gegen Südkorea, Japan und die USA erkennen lässt. Eine militärische Intervention wäre wohl längst erfolgt, würde nicht die Angst vor einem möglichen nordkoreanischen, nuklearen Vergeltungsschlag im Raum stehen – denn Nordkorea verfügt nach eigenen Angaben über Atomwaffen. Zudem unterhält Nordkorea neben den USA, China, Russland und Indien eines der fünf größten Heere der Welt.

Dabei gilt das Heer selbst als überaus schlecht ausgerüstet. Zwar fließt mehr als ein Viertel des nordkoreanischen Bruttoinlandsprodukts in den Unterhalt des Militärs, doch durch die generelle wirtschaftliche Notlage des Staates sowie aufgrund zahlreicher Handelsembargos (Anm. d. Red.: Ein Handelsembargo meint die Einfuhrkontrolle bestimmter Güter – etwa Waffen – in ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region) gilt die Bewaffnung der „koreanischen Volksarmee“ als veraltet. Doch nicht nur das Militär steht wirtschaftlichen Problemen gegenüber, es ist vor allem die Bevölkerung, die unter Armut und Hungersnöten leidet.

Interessanterweise ist über tagespolitische Vorgänge und gesellschaftliche Entwicklungen im Lande selbst so gut wie überhaupt nichts bekannt – denn Nordkorea betreibt eine unglaublich restriktive Informationspolitik: Die komplette Medienlandschaft ist staatlich kontrolliert, Zugang zum Internet besitzt die Bevölkerung nicht und auch anderweitig ist die Kommunikation nach außen nicht möglich. Nordkorea hat sich abgeschottet.

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage Nordkoreas ist also denkbar schlecht, dennoch ist eine Änderung der Situation, etwa durch eine Revolution, nicht in Sicht. Denn das Regime geht mit aller Gewalt gegen jede auch nur vermeintlich regierungskritische Person vor: In Nordkorea existieren zahlreiche Umerziehungs- und Konzentrationslager, wo, ganz ähnlich zu den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten in Deutschland, eine „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben wird. In diesen Lagern werden nach Schätzungen etwa 200.000 Personen gefangen gehalten.

Nordkorea gilt als das weltweit restriktivste politische System überhaupt. Menschenrechte werden mit Füßen getreten: Es existieren weder Presse-, Glaubens- oder Meinungsfreiheit. Weiterhin sind die Bürger in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, ohne behördliche Genehmigung darf der Wohnort nicht verlassen werden. Es existieren Berichte über Folter und Menschenversuche, öffentliche Hinrichtungen sind an der Tagesordnung.

Da das Zustandekommen einer Protestbewegung oder gar einer Revolution nicht als realistisch zu erachten ist, ist die einzige Hoffnung, die das nordkoreanische Volk hat, ein Führungswechsel. Möglicherweise ist es Kim Jong-un, der eine Besserung der Situation herbeizuführen vermag. Doch auch das darf angezweifelt werden: Der junge Thronfolger gilt als Hardliner. Etwas Hoffnung besteht lediglich deshalb, weil über den baldigen Herrscher außerordentlich wenig bekannt ist.

Nicht weniger wahrscheinlich ist eine Eskalation. Nordkorea betreibt seit Jahren ein aggressives Gebaren insbesondere gegenüber seinem Nachbarland Südkorea. Abgesehen von den ständigen Drohungen kam es vor einiger Zeit auch zur Torpedierung eines südkoreanischen Schiffes vor der nordkoreanischen Küste – Nordkorea streitet hier allerdings jede Verwicklung ab.

Finanzhunger, Teil 3: Kopfsache

Im ersten Teil der „Finanzhunger“-Serie haben wir uns mit dem Verhältnis zwischen humanitärer Hilfe und wirtschaftsstabilisierenden Maßnahmen beschäftigt, während der zweite Artikel die Situation strukturschwacher Nationen hinterfragt hat. Dieser letzte Artikel soll nun – in aller Kürze – das Wesen der Wirtschaft betrachten und aufzeigen, warum es auch anders ginge.

„Wirtschaft“ ist einer dieser typischen Ausdrücke, die ständig gebraucht werden, aber kaum erklärbar sind. Wie jedes abstrakte Konstrukt entzieht sich der Begriff jedem Versuch, ihn in einem überschaubaren Rahmen präzise zu erfassen. Ganz genau aber diese Tatsache, also die abstrakte Natur des Wirtschaftbegriffs, ermöglicht einen Ausweg aus der zuvor beschriebenen Misere.

Denn: Die Wirtschaft an sich ist nicht einfach „da“. Sie ist menschengemacht und untersteht damit dem Wohlwollen aller Wirtschaftsträger, das heißt vor allem dem Wohlwollen der Angehörigen der Wirtschaftsstaaten. Nur solange diese Menschen an die Wirtschaft glauben und in sie Vertrauen, kann sie überleben.

Als beispielhafte Erklärung für dieses religionsähnliche Gebilde soll jenes Gut dienen, welches ganz zentral für die Wirtschaft ist: Das Geld. Geld ist prinzipiell erst einmal nichts anderes als ein Medium, ein „Mittler“. Es hat die Funktion, Werte zu übermitteln und ist wohl als Weiterentwicklung des einfacheren Tauschhandels zu verstehen: Anstatt Konsumgüter direkt zu tauschen, also zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Zigaretten gegen einen Kaffee, einigt sich die geldverwendende Gesellschaft darauf, den Gütern – zumindest theoretisch mit den Produktionskosten zusammenhängende – Werte zuzuschreiben. So erübrigt sich die Frage nach dem Tauschverhältnis von Kaffee zu Zigaretten. Viel wichtiger ist aber, dass niemand ständig potentielle Tauschgüter mit sich führen muss.

Aber auch Geld ist ein Abstrakt; Münzen und Scheine sind lediglich Repräsentanten der Idee „Geld“, die, wie auch die Wirtschaft nur dann funktioniert, solange alle Geldnutzer daran glauben, dass es funktioniert. Ohne die Gewissheit, dass der Kaffeebauer Geld als Zahlungsmittel akzeptiert, würde der Tabakbauer seinen Tabak niemals gegen Geld eintauschen.

Nun ist der Gegenwert des Geldes aber nicht in Stein gemeißelt; durch den Einfluss unzähliger Faktoren auf das Geldwesen kann dieser Wert steigen oder fallen. Paradebeispiel dafür ist natürlich das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Man stelle sich etwa vor, eine Käferpopulation beschließt, sich evolutionsbiologisch bedingt auf die Kaffeepflanze einzunischen und zerstört dadurch große Teile der Kaffeeernte einer abgeschiedenen Erdregion. Der Kaffee, der gerettet werden konnte, hat nun einen Wertgewinn erfahren, ist er doch in nur noch sehr viel eingeschränkterer Zahl als eigentlich erwartet vorhanden. Da er nun ganz plötzlich ein Luxusgut darstellt und der Kaffeebauer auch mit den übrigen Bohnen sein Leben finanzieren muss, wird er die Preise für sein Erzeugnis selbstverständlich anheben. Eine bestimmte Anzahl an Kaffeebohnen ist nach der Käferattacke mehr wert, als davor.

Eine andere Institution, die den Wert des Geldes beeinflusst, ist die Börse. Hier werden beispielsweise Firmenanteile gehandelt. Wie auch auf dem Markt für Konsumgüter, auf dem Kaffee und Zigaretten gehandelt werden, handelt die Börse mit Wertpapieren. Der Unterschied ist, dass am einen Markt Abstrakt (Geld) gegen Konsumgut (Kaffee, Zigaretten) gehandelt werden, während am anderen Markt Abstrakt (Geld) gegen Abstrakt (Wertpapier) gehandelt wird. So findet nun also auch hier ein ganz bestimmter Wertzuwachs und Wertverlust statt, der allerdings nicht mehr so eindeutig erklärbar ist wie die Geldwertentwicklung, denn an der Börse treffen verschiedene Akteure aufeinander, die vor allem auf die Vermehrung des eigenen Kapitals aus sind und dadurch sehr taktisch vorgehen müssen. Herunterbrechen lässt sich das Funktionieren der Börse aber auch auf das schlichte „daran-glauben“. Investieren viele Personen in Wertpapier A, steigt dessen Preis, während der von Wertpapier B fällt, sollte es häufig verkauft werden. Dabei bedeutet die Investition nichts anderes, als dass der Anleger dem Wertpapier vertraut und damit an es glaubt.

Mit dieser zugegebenermaßen naiven Vorstellung von Geld, Markt und Börse ist es gelungen, die Basis des Finanzwesens auszumachen: Es ist schlicht der Glaube daran, dass es funktioniert.

Wenn nun das komplette Finanzwesen mit der Idee von virtuellen Werten steht und fällt, lässt sich das Phänomen „Armut“ gar nicht mehr so einfach erklären, offenbart sie sich doch letztlich als böses Gedankenkonstrukt. In einer Welt, die sich auf ein Geldmedium geeinigt hat, was dermaßen willkürlich manipuliert werden kann, kann die mangelnde Verteilung von Geldern an „arme“ Nationen nicht mehr gerechtfertigt werden, solange an anderer Stelle gigantische Summen dafür aufgewendet werden, eine ausgedachte Zahl zu stabilisieren.

Es wird kaum eine Einrichtung geben, die nicht in irgendeiner Form mit dem Finanzwesen zusammenhängt, und so würde eine entsprechende Reform des Finanzwesens die westliche Welt wohl ziemlich erschüttern. „Erschüttern“ meint allerdings nur: Eine Umgewöhnung erforderlich machen. Gerade dieser Gedanke an Umgewöhnung ist es, der den meisten Menschen Unbehagen bereitet. Schließlich könnte eine Innovation zwar theoretisch Heil, aber auch Verderben mit sich bringen. In einer Welt, die gerade durch ihr spekulatives Geldsystem von vorneherein zum Pessimismus erzogen ist, erscheint eine solche Reform aber als Wagnis, das sie gar nicht darstellt, denn es ist eben nicht die Wirtschaft, die sich selbst konstruiert, sondern der Mensch, der sich in der Regel gar nicht bewusst ist, dass er das tut.

Eine Etablierung eben dieses Wirtschaftsbewusstseins sowie die Bereitschaft, sich an Innovationen zu gewöhnen, sind die erforderliche Bedingung dafür, Armut kontrollierbar zu machen und schließlich ganz auszuräumen. Und zieht man aktuelle Schätzungen zur Entwicklung der Weltbevölkerung heran und überlegt, wie im Verhältnis dazu die Gelder verteilt sind und welches Leid mit dem Mangel dieses Mediums entsteht, muss klar sein: Reformen sind bitter nötig.

Vorschau: Nächste Woche wird unser neuer Mitarbeiter Thomas die aktuell diskutierten Eurobonds unter die Lupe nehmen.

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Weitere Serienteile:

Finanzhunger, Teil 1
Finanzhunger, Teil 2

Finanzhunger, Teil 2: Kaffeedürstende Imperialisten

Nachdem wir letzte Woche das krasse Missverhältnis von Finanzhilfen für angeschlagene Finanzinstitutionen und der Unterstützung für bedürftige Menschen betrachtet haben, soll nun in einem zweiten Teil des Artikels das Zustandekommen des Dilemmas hinterfragt werden: Woher kommt eigentlich die Armut, die in der „dritten Welt“ wütet?

Während in den meisten großen Industrienationen ein gewisser Reichtum vorherrscht, leben unzählige Menschen, die das Pech hatten, außerhalb dieser Staaten geboren worden zu sein in großer Armut. Dabei erscheint die Armut der entsprechenden Staaten gar nicht so einfach erklärbar. Afrika – Paradebeispiel für ein Ballungszentrum von Armut – ist eigentlich kein armer Kontinent: Seltene Rohstoffe, wie sie etwa in Deutschland kaum vorkommen, schlummern dort in der Erde. Südafrika etwa gilt als der größte Goldförderer der Erde und dennoch leben dort unzählige Menschen in Armut, Krankheit und Unterdrückung. Deutschland hingegen kann solche Bodenschätze nicht aufweisen. Und dennoch ist es nicht Deutschland, in dem die Armut auf der Tagesordnung steht.

Abgesehen von Kohle, die inzwischen in anderen Staaten weitaus günstiger abgebaut wird, verfügt Deutschland kaum über wertvolle Bodenschätze. Gefördert werden diese „woanders“. Deutschland, wie viele andere Industrienationen auch verarbeitet diese Rohstoffe lediglich, kommt durch den Verkauf der Produkte aber an viel mehr Geld als die Länder, in denen die entsprechenden Rohstoffe abgebaut wurden. Es scheint also die Verarbeitung eines Rohstoffes zu sein, die die Kassen klingeln lässt, nicht der Abbau. Doch gerade in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zwingt sich die Frage auf: Warum werden die Rohstoffe nicht einfach dort verarbeitet, wo sie gefördert werden? Der internationale Markt dafür besteht ja inzwischen.

Offensichtlich besteht in den armutsgeplagten, aber rohstoffreichen Nationen keine international konkurrenzfähige Industrielandschaft, die nennenswerte Gewinne erwirtschaften könnte. Der Epoche der Industrialisierung auf europäischem und amerikanischem Boden steht vor allem in Afrika die Epoche des Imperialismus entgegen: Vor allem die Europäer teilten im 19. Jahrhundert den afrikanischen Kontinent unter sich auf, zerschlugen Infrastrukturen und blockierten gleichzeitig durch einsetzende Ausbeutung eine wirtschaftliche Entwicklung der kolonialisierten Gebiete.

Historisch betrachtet endet die Epoche des Imperialismus mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914, doch wirtschaftlich betrachtet dauert sie bis heute an.  Die Herstellung vieler Produkte, die heute tief in unseren Alltag verwoben sind, hängt direkt oder indirekt mit der Ausbeutung eines im Imperialismus kolonialisierten Staates zusammen. Bestes Beispiel für ein solches Ausbeutungsgut stellt Kaffee dar, der fast ausschließlich in Schwellen- und Entwicklungsländern produziert wird, finanziell aber die Produzenten kaum ernährt; ein Großteil der Gewinne ist vor allem im entsprechenden verarbeitendem Gewerbe zu verbuchen.

Versuche, Kaffeeproduzenten durch „Fair Trade“-Projekte stärker an Gewinnen zu beteiligen scheitern bislang vor allem an der fehlenden Bereitschaft der Verbraucher, mehr für fair gehandelten Kaffee zu bezahlen.

Dabei ist es nicht so, dass die Träger der westlichen Konsumgesellschaft – die Verbraucher – grundlegend „böse“ wären; die Bereitschaft der Bevölkerungen von Industriestaaten, beispielsweise nach Naturkatastrophen mit Spenden auszuhelfen, ist enorm. Die humanitäre Krise aber, die seit dem Zeitalter des Imperialismus immer weiter wächst und wächst, wird schlicht übersehen, besser gesagt: verdrängt.

Denn: Die Missstände der „dritten Welt“ sind weithin bekannt. Doch da gerade das wirtschaftliche Ausbluten dieser Gebiete den Verbrauchern in den Industrienationen einen günstigen Alltag versichert, wird wohl vor allem aus Gemütlichkeit schnell einmal „vergessen“, woher die Güter kommen, die zentral für unseren Alltag geworden sind. Es sind unangenehme Wahrheiten, die unsere Konsumkultur erst ermöglichen; eine bewusste Beschäftigung mit ihnen müsste – ethisch betrachtet – zwingend zu ihrer Ausräumung führen.

Doch anstatt bewusst mit der Tradition der Ausbeutung zu brechen, wird weiterhin unreflektiert konsumiert und damit die Verantwortung, die wir gegenüber den Rohstofflieferanten eigentlich tragen müssten, von vorneherein gar nicht anerkannt.

Um sich von ihrem Trauma zu erholen, brauchen die Entwicklungsstaaten also vor allem eines: ein öffentliches Bewusstsein für das Unrecht, das tagtäglich geschieht. Stattdessen aber konzentriert sich das öffentliche Interesse der Industrienationen vor allem auf eigene Probleme. Auch in Deutschland herrscht eine relative Armut, die aber in keinster Weise mit der Armut in den Entwicklungsländern zu vergleichen ist. Und dennoch tut sie den Betroffenen natürlich weh: In einer Kultur zu leben, die so sehr vom Konsum geprägt ist, aber nicht die Mittel zu haben, an diesem Konsumieren auch teilzuhaben, ist ein schweres Schicksal für den Einwohner einer Industrienation. Doch diese Armut entspringt keiner Ausbeutung von außen; sie geht schlicht auf eine ungerechte Güterverteilung innerhalb der jeweiligen Kultur zurück – sie ist damit gewissermaßen selbstverschuldet, eben dadurch, dass das ungerechte System unhinterfragt gelebt und getragen wird. Die Armut dagegen, die in den Entwicklungsländern herrscht, ist für die Betroffenen lebensbedrohlich und mitnichten selbstverschuldet. Sie ist durch die wirtschaftliche Unterwerfung dieser Länder von außen, eben durch uns Konsumenten, aufgezwungen und nicht von Innen heraus zu lösen.

Doch während die Ausgebeuteten hungern, werden aktuell wieder einmal beziehungsweise immer noch Milliarden und Abermilliarden Euro in den Öfen der Finanzmärkte verbrannt, um einen eigentlich virtuellen Wert – den Wert der Währung – zu stabilisieren. Fatalerweise geschieht auch dies vor allem auf eine Weise: Öffentlich unreflektiert.

Vorschau: Damit ist nun allerdings erst die eine Seite der Misere betrachtet, nämlich die Lage der „dritten Welt“. Im nächsten und letzten Teil der Serie sollen die Vorgänge an den Börsen geschildert und hinterfragt werden.
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Weitere Serienteile:

Finanzhunger, Teil 1

Finanzhunger, Teil 1

Wieder einmal – man könnte auch sagen: immer noch – steht die Welt am Rande einer Finanzkrise. Während die USA insbesondere durch Blockadehaltung der rechtspopulistischen Tea Party in der Finanzpolitik vom Staatsbankrott bedroht wird, hat die Eurozone mit der bröckelnden Stabilität der gemeinschaftlichen Währung zu kämpfen. In Amerika soll das Problem schlicht durch eine Anhebung der Schuldengrenze „gelöst“ werden, die Europäer stolpern zur gleichen Zeit durch ein Wirrwarr von Rettungspaketen, Sparmaßnahmen und Umstrukturierungsplänen der EU. Doch so bedrohlich der Zusammenbruch der Finanzmärkte für unseren Alltag auch zu sein scheint, lassen die Anstrengungen um ihre Rettung doch eine ganz andere Krise, die unterdessen tobt, unkontrolliert und wenig beachtet vor sich hinwuchern: Während die westliche Welt mit Sorge auf ihre Konten blickt, haben große Teile der Menschheit mit viel bedrohlicheren Problemen zu kämpfen: Krieg, Hunger, Krankheit.

Zu was für einem geradezu allesverschlingendem Monstrum sich der internationale Finanzsektor inzwischen entwickelt hat, vermag zum Beispiel die Handhabe der Erdbebenkatastrophe in Haiti Anfang 2010 aufzuzeigen. Am Dienstag, 12. Januar 2010 erschüttert ein mächtiges Erdbeben die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince, infolgedessen sterben etwa 300.000 Menschen, ebensoviele tragen Verletzungen davon. Zudem verlieren knappe zwei Millionen Personen ihre Wohnungen.

Während in Haiti die Erde bebt, versucht Deutschland mit der internationalen Finanzkrise fertig zu werden, die seit 2007 an den Börsen wütet. Etwa zu diesem Zeitpunkt erklärt die IKB Deutsche Industriebank dass sie starke finanzielle Probleme hat. Der Staat springt ein und stützt die IKB zunächst mit anderthalb Milliarden Euro, bei denen es allerdings nicht bleibt – insgesamt verschlingt die Rettung der IKB circa zehn Milliarden. Stolz verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesen Tagen auch ein Hilfsprogramm für Haiti, welches zunächst Finanzhilfen von 1,4 Millionen Euro umfassen soll.

Das Verhältnis macht stutzig: Warum erhält eine Bank eine dermaßen hohe Finanzspritze, um aus einem selbstverschuldeten Schuldenloch herauszuklettern, während Haiti, welches zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, mit einem Beitrag gestützt wird, der um ein Vielfaches niedriger ist? Anders gefragt: Ist es ethisch vertretbar, Menschenleben mit Geld aufzurechnen?

Nichts anderes – im Grunde sogar Schlimmeres ist hier passiert: Die horrenden Summen, die in Europa hin und her geschoben werden, existieren vornehmlich auf dem Papier. Durch die Kopplung von Finanzen an die Börse ist die Vorstellung, dass Geld einen realen Gegenwert hat, längst dahin. Milliardentiefe Finanzlöcher werden herbeispekuliert und von Politikern mit einem Achselzucken wieder gestopft, während die katastrophengebeutelten Haitianer auf der Straße sitzen und mit Hunger und Krankheit zu kämpfen haben.

Nun ist es aber nicht nur Haiti, dass in Armut lebt: Ein großer Teil der Menschheit leidet unter desaströsen wirtschaftlichen Verhältnissen. Aktuell ist gerade eine monströse Hungersnot in Somalia zu beobachten – einem Land, welches seit langer Zeit mit einer Auflösung seiner politischen Struktur, Bürgerkriegen, Hunger und Piraterie zu kämpfen hat. Doch auch diese Hungersnot wird kaum beachtet, denn noch immer hat sich die Welt nicht von der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise erholt – die Schulden wachsen weiter.

In Anbetracht der Unkontrollierbarkeit der Märkte, die unvorstellbare Summen verschieben und verschlingen, wäre eine Reform des internationalen Finanzsystems dringend nötig, damit umfassende Rettungsprogramme nicht mehr für Finanzmärkte, sondern für leidende Staaten wie Haiti und Somalia geschnürt werden können. Betrachtet man die Aussitzhaltung der führenden Politiker, die die Probleme im Endeffekt nur durch weiter wachsende Verschuldung temporär überbrücken, darf allerdings daran gezweifelt werden, dass eine solche Reform in den nächsten Jahren umgesetzt wird.

Vorschau: Das Problem ist beschrieben, nächste Woche lest ihr hier im zweiten Teil des Artikels über die Probleme im Umgang mit Wirtschaft und humanitärer Hilfe.

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Weitere Serienteile:

Finanzhunger, Teil 2: Kaffeedürstende Imperialisten