Das Glymphatische System- Reinigung des Gehirns

Das zentrale Nervensystem, bestehend aus unserem Gehirn und Rückenmark, steuert unseren Körper: es koordiniert Bewegungen, reguliert unsere Organe und Hormone und ermöglicht uns die Wahrnehmung aus den Reizen, die unsere Sinnesorgane aufnehmen. Deshalb ist es ganz wichtig auf dieses Steuersystem Acht zu geben. Sind die Gehirnfunktionen gestört, so entstehen lebensgefährliche Krankheiten.

Krankheiten des Gehirns

Das Gehirn - Schädel im MRT (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

Das Gehirn – Schädel im MRT (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

Autismus und Schizophrenie sind Krankheiten, die bei der Entwicklung des Gehirns auftreten. Multiple Sklerose ist eine Autoimmunkrankheit, Chorea Huntington ist vererbbar und Enzephalitis entsteht durch Infektionen. Parkinson und Alzheimer gelten als Neurodegenerative Krankheiten. Diese entstehen über lange Zeit durch das Fortschreitende Sterben der Gehirnzellen, Neuronen genannt. Bei all diesen Neurodegenerativen Krankheiten wurde festgestellt, dass die Ansammlung von atypischen Proteinen die Zerstörung der Neuronen induziert. Das Problem ist, so dachte man, dass das Gehirn über kein lymphatisches System verfügt, wie der Rest unseres Körpers, und somit diese Proteine nicht beseitigen kann.

Tunnelsystem gefunden

Doch 2015 wurde von zwei unabhängigen Gruppen von Wissenschaftler das glymphatische System gefunden. Dieses perivaskuläre, also um die Gefäße befindliche, Tunnelsystem, welches von Astrozyten (Zellen mit sternenförmigen Fortsätzen im Gehirn) geformt wird, dient der Müllentsorgung. Dieses hydraulische System pumpt cerebrospinale Flüssigkeit, auch Hirnwasser genannt, in alle Ecken des Gehirns. Dadurch werden Zucker, Fette, Aminosäuren, Wachstumsfaktoren und Neuromodulatoren an alle Stellen des Gehirns gebracht. Die cerebrospinale Flüssigkeit wird hierbei ständig durch spezielle Kanäle mit der Zwischenraumflüssigkeit, welche die Kapillaren umgibt und von der Blut-Hirn-Schranke abgegrenzt wird, ausgetauscht. Hierbei können Abfallprodukte entsorgt werden.

Abfallentsorgung muss sein

Jedes Organ braucht eine Abfallentsorgung und muss neue Nährstoffe geliefert bekommen. Das Gehirn ist besonders aktiv. Wenn das glymphatische System nicht funktioniert, so können sich die Abfallprodukte ansammeln und so neurodegenerative Krankheiten hervorrufen. Doch dies ist natürlich nicht der einzige Grund für solche Krankheiten. Genetische Faktoren, sowie der Funktionsverlust anderer Reparaturmechanismen des Körpers spielen ebenfalls eine Rolle. Das glymphatische System ist besonders im Schlaf aktiv. Dies könnte einer der Gründe für die Notwendigkeit von Schlaf sein. Das Gehirn braucht diesen Zustand, um sich zu regenerieren.

Vorschau: Nächsten Monat geht es um den evolutionären Hintergrund des männlichen Bartes.

Vergiss es – Demenz und ihre Folgen

Nur die Zeit vergessen? Demenz ist am Anfang nicht leicht zu erkennen (©Lupü / pixelio.de)

Nur die Zeit vergessen? Demenz ist am Anfang nicht leicht zu erkennen (©Lupü / pixelio.de)

Stellt euch vor, ihr würdet eines Tages aufwachen und wüsstet nicht mehr, welcher Tag es ist. Selbst ein Blick auf den Kalender könnte euch nur für wenige Minuten versichern, ob es Winter oder Sommer ist. Die Menschen würden die Geduld mit euch verlieren, weil ihr immer wieder vergesst, was sie oder ihr selbst gesagt habt. Das alltägliche Leben wäre nicht mehr dasselbe. Habt ihr schon etwas getrunken, gegessen, geschlafen, euch gewaschen? Und wer ist dieser Mensch, der so vertraut mit euch zu sein scheint.

Angst. Ihr hättet wahnsinnige Angst. Angst vor dem Leben, vor allem Neuen und vor euch selbst. Ihr könntet gar nicht mehr sicher sein, wer ihr überhaupt seid. Was erst noch mit etwas Vergesslichkeit abgetan wurde, bekommt bald einen anderen Namen, der furchtbar nachklingt. Demenz. Oder gar Alzheimer.

Nicht vergessen! Für Menschen mit Demenz sind viele  Hilfen im Alltag nötig (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Nicht vergessen! Für Menschen mit Demenz sind viele Hilfen im Alltag nötig (©Tim Reckmann / pixelio.de)

Ja, denkt ihr jetzt. Aber ich bin noch jung. Wieso sollte das mir passieren? Zum einen Teil gibt es genetische Veranlagungen, die den Ausbruch von Demenz oder ähnlichen Erkrankungen wahrscheinlicher machen. Zum anderen treffen wir in unserer alternden Gesellschaft jeden Tag auf mehr alte Menschen unter denen auch statistisch gesehen mehr Menschen solche Krankheiten haben können. Selbst wenn ihr und ich zu den Glücklichen gehören, die davon befreit sind – was wir heute nicht wissen können – hat die Demenz von anderen auch immer Auswirkungen auf uns selbst.

Wechseln wir den Blickwinkel. Stellt euch vor, ihr kennt jemanden, der Demenz hat. Immerhin leiden in Deutschland bereits 1,4 Millionen Menschen an Demenz, Tendenz steigend. Am Anfang vergisst derjenige vielleicht mal einen Geburtstag, einen Termin oder bringt Zahlen durcheinander. Das fällt auch euch kaum auf. Doch dann kann es sein, dass derjenige seine Körperhygiene vernachlässigt oder das Putzen seiner Wohnung. Das würde euch schon eher auffallen, zumindest, wenn es jemand ist, der euch nahe steht. Wenn derjenige dann auch noch Namen durcheinander bringt, Erlebnisse und Wege. Wenn er oder sie plötzlich nicht mehr richtig Radfahren kann oder andere alltägliche Errungenschaften nicht mehr versteht, dann macht ihr euch Sorgen. Ihr wollt helfen – und wisst nicht wie.

Gesegnet im Alter - Aber was, wenn die Erinnerung verloren geht (©Lupo / pixelio.de)

Gesegnet im Alter – Aber was, wenn die Erinnerung verloren geht (©Lupo / pixelio.de)

Niemand hört gerne, dass er ernsthaft krank ist und so wird auch eine Demenz von den Betroffenen gerne mit „jeder vergisst doch mal was“ oder „das kommt eben mit dem Alter“ abgetan. Auch Angehörige wollen lieber glauben, dass es sich um eine Phase oder eine einfache Alterserscheinung handelt, als um Demenz oder Alzheimer, Erkrankungen, in deren schlimmeren Stadien die Betroffenen den Weg nicht mehr nach Hause fingen, den Herd anlassen, ihre Kinder und Ehepartner vergessen und sich selbst in völlig fremden Zeiten wähnen. Nicht nur sie verlieren dabei die Erinnerung an uns – wir verlieren auch sie.

Betroffen ist bei so einer Krankheit nie „nur“ der Erkrankte, sondern auch immer sein direktes Umfeld, seine Freunde und Angehörige. Der Mensch, den wir einmal gekannt haben, entgleitet uns. Er erkennt uns nicht wieder – und wir ihn nicht. Demenz ist eine Krankheit, die nicht nur dem Erkrankten Angst macht, sondern auch seiner Familie. Und es ist eine Krankheit, bei der schnell klar wird, dass die Pflege aufwendig wird und rund um die Uhr stattfinden muss. Kaum ein Mensch kann das bewerkstelligen, wenn er ein eigenes Leben führen will, arbeitet, Freunde und Familie hat. Hier kommt der Helfer emotional wie physisch an seine Grenzen, denn der oder die Erkrankte will nicht nur nicht verstehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Oft fehlt auch das Verständnis dafür per se. Sie sehen sich als Gefangene, als unschuldig Eingesperrte. Sie rebellieren gegen die Hilfe, die sie brauchen, aber von der sie einfach nicht mehr wissen, dass sie sie brauchen. Oft werden solche Menschen aggressiv und gewalttätig, verstehen sich selbst als jung und agil und verstehen die Welt einfach nicht mehr.

Demenz schneidet tief in eine Familie hinein, durchbricht Strukturen und gerade die, die einmal Halt gegeben haben, brauchen jetzt nicht nur Halt, Hilfe und jemanden, der den Mut hat, für sie zu bestimmen, sie brauchen eine Nähe, die sie nicht mehr zurückgeben können. Sie verlieren sich selbst. Und das ist das, was so schrecklich daran ist. Am Ende bleibt von demjenigen, den wir einst kannten, kaum die Hülle übrig und die Angehörigen beten für die wachen Momente, für etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ich finde, allein darum, ist Demenz eine Krankheit, die uns immer wieder dazu anhalten sollte, jeden Moment mit denen, die wir lieben zu genießen, den Augenblick groß zu machen, ihn festzuhalten, aufzuschreiben oder sonst wie zu verinnerlichen. Denn der Augenblick verfliegt und manchen bleibt am Ende nicht mal die Erinnerung selbst.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anna hier über den alljährlichen Kaufrausch zu Weihnachten.