Karneval der Kulturen – „Andere Länder, andere Sitten“

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Gehört für die Deutschen zum Karneval dazu: Konfetti, Luftschlangen, Verkleidungen und „Faschingskrapfen“ (Foto: Alexandra H./ pixelio.de)

Der Startschuss für die „jecke Zeit“ ist bereits am 11.11 um 11:11 Uhr gefallen und seitdem sind schon einige Prunk- und Kappensitzungen abgehalten worden. Das große „Finale“ der Karnevalszeit steht uns jedoch jetzt erst kurz bevor. Ein besonderes Highlight stellen dabei selbstverständlich die Rosenmontagszüge in den Fastnachtshochburgen Mainz und Köln dar, doch auch in anderen Teilen Deutschlands wird sich verkleidet, mit Kamellen geworfen und ausgelassen auf der Straße gefeiert. Doch während sich auch hierzulange die Bräuche teilweiße schon stark unterscheiden – so ist die in Köln traditionelle „Nubbelverbrennung“ am Karnevalsdienstag im Süden Deutschlands weitestgehend unbekannt – ist es noch interessanter, sich passend zur 5. Jahreszeit einmal den Karneval in anderen Kulturen anzuschauen. Klar, jeder hat schon einmal vom berühmten brasilianischen Karneval mit den farbenprächtigen Umzügen und seinen freizügigen Samba-Tänzerinnen und Tänzern gehört, doch wie sieht es aus mit den Traditionen in Russland, den USA oder unserem Nachbarn, der Schweiz?

Die „Butterwoche“ in Russland: Pfannkuchen, Volksmusik und sportliche Wettkämpfe

Karneval wird in Russland „Maslenitsa“ genannt, was so viel heißt wie „Butterwoche“. Und tatsächlich war es früher üblich, dass an diesen Tagen vorwiegend Nahrungsmittel aus Milch verzehrt wurden. Auch heute ist es noch üblich an Karneval heiße Pfannkuchen, traditionell mit Honig, Kaviar und Wodka, zu verzehren. Dabei wird zu russischer Volksmusik getanzt und sich in sportlichen Wettkämpfen gemessen, wie beispielsweise dem Hochklettern an Holzpfählen. Ähnlich wie die bereits angesprochene Nubbelverbrennung in Köln bildet auch in Russland das Anstecken der sogenannten „Maslenitsa-Puppe“ den Höhepunkt der Veranstaltung – sie soll den Winter vertreiben und das Frühjahr einläuten.

Bunte Paraden in New Orleans – Der „Mardi Gras“

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Ob „Mardi Gras“, Fasching oder Karneval: Gefeiert wird in der 5. Jahreszeit beinahe überall auf der Welt. (Foto: Timo Klostermeier/ pixelio.de)

Der Name „Mardi Gras“ für den Karneval in den USA kommt aus dem Französischen und heißt übersetzt „fetter Dienstag“. Seinen Ursprung hat diese Bedeutung im Religiösen: Früher hat man kurz vor Beginn der Fastenzeit darauf geachtet, nochmals besonders fett- und reichhaltige Nahrungsmittel zu sich zu nehmen – die sogenannte „Woche der sieben fetten Tage“. Der letzte Tag vor Aschermittwoch war demnach der „Fette Dienstag“, also „Mardi Gras“. Inzwischen werden alle Veranstaltungen zwischen dem 11.11 und dem Aschermittwoch so bezeichnet – und besonders New Orleans ist für seinen ausgelassenen „Mardi Gras“ bekannt. Die Paraden, die um diese Zeit durch die Straßen ziehen, sind von unterschiedlichsten kulturellen und musikalischen Eindrücken geprägt und sind so vielfältig wie ihre Besucher. Traditionell werden statt Süßigkeiten Perlenketten und Münzen aus Plastik von den Wägen geworfen. Gegessen wird der „Königskuchen“ (King Cake), angereicht mit Kaffee, Zimt, Beeren und Sahne – häufig eingefärbt in den Farben des „Mardi Gras“: violett, grün und gold.

Ein Umzug vor Sonnenaufgang – der düstere Karneval in Basel

Während sich der Karneval in den meisten Teilen der Welt tagsüber mit lauter Musik und bunten Kostümen abspielt, bildet in Basel der sogenannte „Morgestraich“ den Auftakt der Karnevalszeit – und das nicht nur am Montag nach Aschermittwoch, sondern auch um vier Uhr morgens! Zu diesem Zeitpunkt wird in der ganzen Stadt die Straßenbeleuchtung abgestellt, das einzige Licht kommt noch von den Laternen der sogenannten „Fastnachtscliquen“. Diese Gruppen von maskierten Pfeifern und Trommlern ziehen dann durch die Straßen von Basel und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre. Das Spektakel geht 72 Stunden, innnerhalb derer die meisten Kneipen und Wirtschaften durchgehend geöffnet haben. Dort wird gefeiert und traditionelle Fastnachtsspeisen, wie zum Beispiel Mehlsuppe oder „Käsewähe“ (Käsekuchen) gegessen.

…. Und noch ein Tipp zum Schluss:

Wie man sieht, gibt es die unterschiedlichsten Wege und Traditionen, wie man Karneval verbringen kann, doch eines ist fast überall gleich: Die Menschen kommen zusammen, um ausgelassen zu feiern und das Leben zu genießen. Solltet ihr Lust bekommen haben, auch innerhalb Deutschlands mal ein Fest der etwas anderen Art zu feiern, würde ich den „Karneval der Kulturen“ in Berlin empfehlen – auch hier treffen die unterschiedlichsten Musik- und Lebensstile zusammen, um eine einzigartig vielfältige Parade zusammen zu stellen.

Welcome to the Jungle

Ein stechender Schmerz in meinem Kopf zwingt mich dazu, meine Augen zu öffnen. Ich fasse mir an die Schläfe. Meine Hände sind mit schwarzem Lack besprenkelt. Unter meinen Fingernägeln findet sich das halbe Farbspektrum eines Regenbogens wieder. Bei einem Tablettenfrühstück in Form von Maaloxan und Dolormin verlese ich biedermeierliche Weltschmerzpoetik.

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Prägen die Szenerie: Bauschutt und Absperrband (Foto: Privat)

Retrospektive: Wir befinden uns irgendwo in der Speyrer Innenstadt – irgendjemand feiert eine Party. Wir kennen jemanden, der jemanden kennt und so weiter – man kennt das ja. Vor einem unscheinbaren Haus machen wir Halt. „Zur Party“ steht auf einer ausgehängten Tür, die auf dem vermeintlichen Boden liegt. Erst beim Überschreiten der Türschwelle fällt uns der klaffende Abgrund auf, der sich unter der Tür als provisorische Brücke befindet. Ein Schutthaufen versperrt uns die Sicht. Dahinter befinden sich leere Zimmerfluchten, ein kafkaeskes Wirrwarr aus Durchgangszimmern und abgetretenen Treppenstufen in weitere Stockwerke. Auf dem Dachboden eine 80er Jahre Motiv-Tapete, getüncht in rötliches Zwielicht. Ein lebensgroßer Posterausschnitt von Frank Zappa strahlt uns, in Unterhosen bekleidet, von der Wand aus an.

Überall im Haus tummeln sich Menschen, und ergießen sich in kreativer Destruktion. „Kick here“, steht an der merklich von Fußtritten mitgenommenen Wand. Daneben: Ein steht ein Affe mit übergroßem Schweif und Penis. Phallussymbolik überall – „Fuck U“ lautet der schonungslose Gruß auf der Fensterscheibe an die Außenwelt.

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Ein wiederkehrendes Motiv: Ein Phallus schmückt die Wand (Foto: Privat)

 Im ersten Obergeschoss ist die Party in vollem Gange. Gut dreißig Menschen tanzen zu dem Song „Aerials“ von der Band System Of A Down. Spekulationen über einen Mord in jüngster Vergangenheit machen ebenso die Runde, wie Gerüchte über den „Gender-Trouble“ des DJs. Die Badewanne, in der eine Frau ihren Mann erstochen haben soll, bietet uns an diesem Abend kühle Erfrischung in Form von alkoholischen Getränken. Der Dachboden des Abrisshauses wird kurzerhand zur Trinkspielarena erklärt. Die suboptimalen räumlichen Verhältnisse konfrontieren die Spieler mit Schmutz auf den Handflächen und Spinnweben in den Haaren. Im Mayhem-Raum erfahren die Spiele eine Fortsetzung. Eine Flasche, ein Würfel und eine Friedenspfeife zirkulieren unter den Mitspielern. Für demokratische Abstimmungen sorgt das „Schnick-Schnack-Schnuck“-Verfahren. Der Brunnen ist dabei keine zulässige Geste.

Das Haus fällt – einer Sandburg gleichend – der infantilen Zerstörungswut zum Opfer. In unbestimmter Zukunft werden Abrissbirnen das vollenden, was wir an diesem Abend begonnen haben. Unser Kunstprojekt kann nur in dieser ephemeren Gegenwelt existieren.

ERAS.. WAS? – Impressionen eines Auslandsaufenthaltes

„You are boring“, bringt mein Gesprächspartner mühevoll mit einem sofort wahrnehmbaren französischen Akzent hervor, nicht ohne mir mit seiner Whisky-Cola-Fahne ins Gesicht zu hauchen. Naserümpfend verziehe ich das Gesicht und muss mir eingestehen: das Argument, dass ich am frühen Morgen eine Klausur schreibe, zieht hier nicht.

Hier bedeutet in diesem Falle: Irgendwo in einem heruntergekommenen Studentenkorridor in Nordeuropa. Hier, inmitten einer Meute feierwütiger Austauschstudenten, die die letzten Abende ihres Auslandsaufenthaltes mit Unmengen an Alkohol begehen wollen. Hier, in eben diesem Land, das ich im letzten halben Jahr hassen und lieben gelernt habe. Hier, wo ich in weniger als 48 Stunden nicht mehr sein werde. Hier, wo ich ein gerade angefangenes Leben zurücklassen werde, wie ein halb leeres, eisgekühltes Bier auf der Theke einer Kneipe.

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Prägen den abendlichen Alltag: Trinklieder und Alkohol. (Foto: Privat)

Ich reiße einem meiner Freunde eine Flasche Sprite-Wodka aus der Hand und nehme einen tiefen Schluck. Die Mangelernährung der letzten Tage macht sich bald bemerkbar und der Alkohol durchströmt meinen Organismus. Während ich noch mehr Sprite-Wodka in mich hineinschütte, der Franzose mittlerweile bei Gin Tonic angelangt ist und das erste Pärchen Speichelaustausch betreibt, konsumiert eine Gruppe Spanier gerade eine Zigarette mit Hasch auf dem Balkon.

Gehen unsere Vorlieben bezüglich des präferierten Rauschmittels, mit dem wir Eskapismus betreiben weit auseinander, haben wir alle etwas gemeinsam: Erasmus, ein Austauschprogramm, mit dem sich die EU als „eine der großen Erfolgsgeschichten der Europäischen Union“ profiliert. Völkerverständigung und Kulturaustausch werden hier in hohem Maße betrieben, wie ich mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel nur bestätigen kann.

Die Universität und ihre Vorlesungen und Seminare sind in weite Ferne gerückt, der größer werdende Blätterstapel auf dem Schreibtisch fällt der perfektionierten Ignoranz zum Opfer und die Klausuren befinden sich nur noch rudimentär in den hintersten Winkeln unseres Gedächtnisses. Denn seien wir ehrlich: Die Milliarden an Euro, die unsere liebe EU semesterweise auf die Konten von Studenten überweist, kommen vielleicht erst in zweiter Linie unserer Fachkompetenz zugute. In erster Linie investiert die EU hier in die Ermöglichung von ausschweifenden Partys, Alkoholexzessen und unvergesslichen Reisen, die man in einem anderen Land unternimmt.

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Nicht minder prägend: Verschwommene Erinnerungen an gelungene Zeiten (Foto: Privat)

Ich grinse in mich hinein, denke an die vielen einzigartigen Momente, die wir hier alle hatten. Ich denke an die vielen verschiedenen Sprachen, in denen wir uns verständigt haben, das landesspezifische Essen, das wir gegessen und zubereitet haben. Daran, wie ich über grüne Wiesen rannte und neue Sportarten für mich entdeckte, um mich abends mit einer Runde Yoga zu entspannen. Wie wir durch Wälder streiften und an jedem Busch anhielten, um die dort wachsenden Beeren zu essen. Wie wir nackt in den örtlichen See gesprungen sind und uns danach zitternd am Lagerfeuer aufgewärmt haben. Wie ich mir dort zwei Stunden vorher Marshmallows in die Haare und Steaksoße auf den Pullover geschmiert habe. Daran, wie es war, fernab der Zivilisation auf eine Wandererhütte zu stoßen, in der sich Kerzen und ein Holzofen als der größte Luxus herausgestellt haben, den man sich vorstellen kann. Wie ich vergaß, wo ich mein Fahrrad hingestellt hatte und eine geschlagene halbe Stunde herumgeirrt bin, um es wiederzufinden. Daran, wie eine kalte Hundeschnauze mich mitten in der Nacht geweckt hat und ich mich auf dem Sofa meines Couchsurfing-Hosts wiederfand. Und wie wir bei -39°C nach einem Saunagang in den Schnee gesprungen sind, während Polarlichter den Himmel erleuchtet haben.

„You are boring“, vernimmt mein Verstand jetzt erst völlig verzögert die Beschuldigung und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich zucke mit den Schultern, drehe mich um und bahne mir nach kurzer Verabschiedung den Weg durch die trinkende Meute.

Es mag unglaubwürdig klingen, aber auch meine Unvernunft hat irgendwann ein Ende und früher oder später schafft es dieser kleine Gedankenfetzen, der verheißt dass ich eine Prüfungsleistung erbringen sollte, sich an die Oberfläche vorzuarbeiten. Schließlich war ich dieses Semester schon oft genug unvernünftig. Wie oft habe ich mir selbst das Ultimatum gestellt, nie wieder Alkohol zu trinken, nachdem ich nach einer durchzechten Nacht mit einem alles in den Schatten stellenden Kater aufgewacht bin. Wie oft habe ich die horrenden Eintrittspreise bezahlt, die in diesem Land normal sind oder meinen Teil zur Finanzierung des Staatshaushaltes in Form von Branntweinsteuer beigetragen.

Es ist wohl Zeit, meiner Leber eine kleine Pause zu gönnen, Zeit ein bisschen zu schlafen, Zeit der Student zu sein, den sich die EU wünscht. Einem kann ich mir jedoch sicher sein: Ich habe das ganze Auslandssemester lang Zeit gefunden, eben diese Erfahrungen zu sammeln, die ein richtiges Studentenleben ausmachen und mein Leben nachhaltig beeinflussen werden.

Feldforschung

Studiert man einmal eine Geistes- oder Sozialwissenschaft, wird es nicht lange dauern, bis man sich mit dem Problem einer gewissen Perspektivlosigkeit konfrontiert sieht. Interessant sind diese Studiengänge allemal, vermitteln sie doch einen tiefen Einblick in die verschiedensten Alltagsphänomene. Dass dieses Wissen aber weder satt macht noch reich, liegt auf der Hand. Und den Witz vom taxifahrenden Soziologen kennt sicher jeder. Doch ganz für die Tonne sind diese Wissenschaften eben auch nicht, eignen sie sich doch ganz wunderbar dazu, in Notsituationen zur Bewältigung eben dieser instrumentalisiert zu werden.

Ceci n'est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Ceci n’est pas un hotdog (Foto: N. Schwalb)

Früher Sommer 2013 – die Sonne knallt, der RNV streikt. Streikt er einmal nicht gerade, betreibt er das Straßenbahnnetz in Mannheim und stellt damit ein eigentlich unverzichtbares Verkehrsmittel für all jene dar, die sich das Auto nicht leisten können oder wollen. Das funktioniert in der Regel auch reibungslos. Nur eben heute nicht. Aus unerfindlichen Gründen sitzen wir am Mannheimer Paradeplatz, müssen eine Kolumbianerin vom Bahnhof abholen und danach irgendwie zurück in das unsäglich weit entfernte Studentenwohnheim laufen – schlappe sechseinhalb Kilometer. Während wir so dasitzen und der Sonne beim Untergehen zuschauen, fährt eine Hummer-Stretch-Limousine an uns vorbei. Zeit für soziale Feldforschung.

Soziale Feldforschung kann, das weiß der geneigte Soziologe, nur dann funktionieren, wenn bei Durchführung ganz enorme Mengen an Alkohol verzehrt werden. Auch die Ausrichtung der Forschung an einem Ziel, zu dessen Erreichung die Forschung nun missbraucht werden kann, macht die ganze Forschungsarbeit um einiges erfolgversprechender weil motivierter. Die feldforschenden Soziologen nimmt man uns heute ab: Kurze Hosen, Band-Shirts, Sandalen, eine Ananas im Gepäck und jede Menge Bier. Wäre doch gelacht, wenn wir uns keine Mitfahrgelegenheit erschnorren können! „Hallo“, verkünden wir also, „wir sind Soziologen vom Robert-Anton-Wilson-Institut für Katastrophensoziologie in Mainz und betreiben Feldforschung zu Störungen im lokalen Transportwesen. Wären Sie bereit, uns ein paar Meter mitzunehmen?“

An sozialer Feldforschung scheinen die Mannheimer wohl eher weniger interessiert. Auf den heute nicht-befahrenen Straßenbahngleisen wandelnd versuchen wir wiederholt, stehende Autofahrer zu überreden, uns zu unserer ersten Station, dem Mannheimer Hauptbahnhof, zu befördern. Der hochgradig verwirrte Gesichtsausdruck, der uns entgegenschlägt, verrät, dass unsere Story durchaus zieht. Ganz offensichtlich gehen wir tatsächlich als feldforschende Soziologen durch. Dass wir uns dennoch auf Schusters Rappen zum Bahnhof bewegen müssen, kann nur daran liegen, dass die Mannheimer Bevölkerung die Soziologie zutiefst verachtet.

Nachdem wir am Bahnhof auf der Suche nach unserer Kolumbianerin ein wenig mit der Ananas jongliert haben, hält uns wohl zumindest ein Junkie für vertrauenswürdig genug, uns um ein paar Euro anzuschnorren – oder um Zigaretten. Besonders bemüht zeigt er sich nicht dabei, sein Verlangen zu konkretisieren. Dafür unterhält er uns mit einer hanebüchenen Geschichte über Drogenhandel in der Westpfalz, einer Hausdurchsuchung und seiner Flucht vor der Polizei. Besonders weit her scheint es mit seiner Geschichte aber auch nicht zu sein, denke ich mir, denn vor den patrouillierenden Staatswächtern vor dem Bahnhof scheint der vertrauenswürdige Mann keine Angst zu haben.

Nachdem wir ihn mit einer Zigarette beschenkt haben, verzieht er sich dann auch wieder und uns gelingt es, die Kolumbianerin ausfindig zu machen. Von der ihr bevorstehenden Wanderung weiß sie freilich noch nichts. Und so recht gelingt es uns aufgrund kommunikativer Barrieren auch gar nicht, ihr die Situation darzulegen. Zumindest scheint sie zu verstehen, dass wir irgendetwas mit Autos tun wollen und sie uns am besten einfach folgt, wenn sie im Wohnheim ankommen will. Auch am Bahnhof will es uns nicht gelingen, die Einheimischen für unsere seriösen Forschungen zu begeistern. Also machen wir uns – stets den Schienen folgend – auf den langen Weg Richtung Wohnheim.

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler auf den ersten Blick als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Missverständnis: Was auf den ersten Blick wie eine Pause wirken mag, das erkennt der ausgebildete Sozialwissenschaftler als überaus kopflastige Forschungspraxis (Bild: privat)

Am Wasserturm scheint sich ein Auffahrunfall ereignet zu haben, und weil wir durstig sind und unsere Füße schmerzen, setzen wir uns biertrinkend und feldforschend auf die Straßenbahnschienen und schauen der Polizei bei ihrer Arbeit zu. Das ist für eine Weile ganz unterhaltsam, verliert dann aber aufgrund – noch nicht akuter, aber sich doch langsam abzeichnender – Alkoholknappheit seinen Reiz. Besonders weit kommen wir nicht. An der nahe gelegenen Ampel gelingt es uns, ein paar jugendliche und nicht im Geringsten alkoholisiert wirkende BMW-Fahrer für unser Forschungsprojekt zu begeistern. Der Fahrer wendet sein Auto an der Ampel und zieht an den Straßenrand.

Freilich haben wir die Realität zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig ausgelegt. Als Schmiermittel für unsere Beförderung locken wir mit einer vermeintlichen Gangbangparty, die sich an unserem Bestimmungsort abspielen würde. Nachdem uns der BMW-Fahrer mit einigen Kippen das Versprechen abgenommen hat, eine halbe Stunde auf ihn zu warten, bis er seine Oma zum Arzt gefahren hat, lässt er uns alleine. Besonders lange halten die Zigaretten leider nicht – und so beschließen wir, den aufopferungsvollen Typen zurückzulassen. Vermutlich hätte er uns sowieso spätestens in dem Moment verprügelt, in dem sich herausstellt, dass die Party eine dreiste Lüge war.

Das nächste Sit-in findet in einer verwaisten Straßenbahnhaltestelle statt, die sogar noch in Sichtweite unseres Zusammentreffens mit dem BMW-Gangbanger liegt. Grund für den außerplanmäßigen Stopp ist eine Flasche Wein, die ich in meinem Rucksack entdecke und sogleich öffne. Wir sind in Hochform: moderne Anarcho-Pfadfinder mit finstersten Absichten und einer Flasche Wein im Gepäck. Leider zeigt unser Untersuchungsgegenstand – die Mannheimer Autofahrerschaft – keinerlei Interesse an Kontaktaufnahme mit uns. Die Kolumbianerin wenigstens hat sich inzwischen verwirrt ihrem Schicksal gefügt. Sie folgt uns brav, setzt sich jedes Mal mit uns auf den Boden, wenn wir uns niederlassen und trinkt auch den einen oder anderen Schluck Wein mit uns. Nach Hause bringt uns das leider auch nicht. Also: weiter!

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

Die Säulen der Feldforschung: Aquarellpinsel auf Paint. 950 x 521 Pixel (Bild: privat)

In der Nähe der Alten Feuerwache geben wir unser Forschungsprojekt dann endgültig auf. Und auch die Flasche Wein verrinnt, als sie auf dem Boden stehend während des Gesprächs mit einem Dönerladenbesitzer unseren Füßen zum Opfer fällt. Als wir schließlich im Wohnheim ankommen, können unsere schmerzenden Füße als Dokumentation unserer Forschungstätigkeit gelesen werden. Ergebnisse: Straßenbahnstreiks in Mannheim haben auf die Mobilität in der Innenstadt eine katastrophale Auswirkung. Schuhe voller Wein. Bier leer. Ananas verschwunden. Fehlerdiskussion: Einwandfreie Durchführung, ausgeprägtes Desinteresse der Eingeborenen an Sozialforschung.

Der große Mentalitätencheck, Teil 12: Schweden

Wie sieht es in einem fremden Land aus? Sind Impfungen notwendig, um dorthin zu reisen? Und: Was kann man dort unternehmen? Das sind nur einige der Fragen, die man sich vor Antritt einer Reise nur allzu häufig stellt. Mit eine der interessantesten Fragen ist jedoch die nach dem Verhalten der Einheimischen, ihren Bräuche und Sitten, ihrem Umgang mit Fremden – kurzum: die Frage nach ihrer Mentalität. Im großen Mentalitätencheck stellt euch die Face2Face-Reiseredaktion daher die Bevölkerung der verschiedensten Länder der Erde und ihre individuelle Mentalität vor. Heute: Schweden.

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Ein goldgelbes Kreuz auf blauem Grund: Die Farben der schwedischen Nationalflagge (Foto: N. Schwalb)

Den Bewohnern des Landes mit weitläufigen Waldlandschaften, die von Elchen bewohnt werden wird im Allgemeinen nachgesagt, ein sehr zurückhaltendes und distanziertes Volk zu sein. Reist man jedoch zum ersten Mal nach Schweden wird einem klar, dass man das so nicht stehen lassen kann. Wird einem zwar erzählt, es sei ungewöhnlich dass man mit Schweden in alltäglichen Situationen wie im Bus, der Straßenbahn oder beim Einkaufen in Kontakt kommt und netten Smalltalk hält, kann ich dieses Klischee aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Im Gegenteil haben sich schon nette Gespräche entwickelt, sei es über das Nachtleben in Stockholm oder auch das ein oder andere Produkt in einem schwedischen Supermarkt.

Sprachbarrieren entstehen dabei keine. Da im schwedischen Fernsehen die Serien und Filme, aus den USA oder England nicht synchronisiert, sondern simpel mit schwedischem Untertitel versehen werden, können die meisten Schweden fließend und akzentfrei Englisch sprechen.

Sollte man sich jedoch ein schwedisches Wort einprägen, bevor man dort hin reist, ist es das Wort „Fika„. Denn in Schweden ist Fika, das heißt geselliges Kaffee- oder Teetrinken allgegenwärtig.

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Atemberaubende Landschaften: Das schwedische Lappland (Foto: N. Schwalb)

So langwelig das klingen mag, sind besonders junge Schweden ein feierwütiges und ausgelassenes Volk. Zurückgehend auf die umfassenden sozialen Probleme aufgrund von Alkoholkonsum schlug die Regierung im 20. Jahrhundert eine Alkoholpolitik ein, die den Konsum stark einschränken sollte. Alkoholische Getränke ab 3,5% Alkoholgehalt können heutzutage demnach nur im staatlichen und stark besteuerten Getränkeladen „Systembolaget“ erworben werden – der Wohlfartsstaat will schließlich finanziert werden.

Unter Jugendlichen jedoch scheint diese Politik wenig Früchte zu tragen. So besteht ein typischer ausgelassener Abend in Schweden aus einer Preparty die am Nachmittag beginnt, der Party selbst das heißt häufig ein Gang zu einer Bar oder einem Club und einer anschließenden Afterparty, die sich bis in die Morgenstunden zieht. Scheinen besonders die Studenten zwar gerne mal zu tief ins Glas zu schauen, fällt auf, dass vergleichsweise wenige Schweden rauchen. Der Grund dafür ist wohl entweder die hohe Tabaksteuer, die im Land erhoben wird oder der sogenannte „Snus“ – ein Tabakbeutelchen, das unter die Ober- oder Unterlippe gesteckt wird, das sich großer Beliebtheit erfreut.

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Beliebter als die Zigarette: Eine Packung Snus (Foto: N. Schwalb)

Will man eine Packung Snus am nächstgelegenen Kiosk kaufen wird einem klar, dass die Schweden noch eine andere Angewohnheit haben, die sie auszeichnet. Sie stehen gerne in der Schlange. So kommt es nicht selten vor, dass man in ganz normalen Geschäften wie in der deutschen Agentur für Arbeit eine Nummer ziehen muss und brav warten bis man an der Reihe ist. Ein Vordrängeln wird so automatisch vereitelt. Es scheint als sei das sogenannte „Jantelagen“ immer noch rudimentär in den Köpfen der Schweden verankert. Es bezeichnet ein erwünschtes Verhaltensmuster, das der skandinavische Autor Aksel Sandemose 1933 formuliert hat. Der Kern des Ganzen ist, dass man sich nicht einbilden soll, besser als die anderen zu sein und dass es unerwünscht ist, sich in anderer Weise hervorzuheben.

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Polarlichter zieren den Himmel: Ein Naturschauspiel dass im Norden Schwedens bestaunt werden kann (Foto: N. Schwalb)

Generell zeigen Schweden sich, weniger als die Deutschen, eher zurückhaltend. Würde ein Deutscher bei einer exzessiven Party in der Nachbarwohnung wütend klingeln und Ruhe einfordern und vielleicht mit dem Rufen der Ordnungshüter drohen, würde ein Schwede wohl eher dazu neigen einen Zettel zu hinterlassen, die direkte Konfrontation vermeidend.

Ebenso bemüht sich die schwedische Gesellschaft Probleme bezüglich jeglicher sexueller Gesinnungen oder Geschlechterbezeichnungen aus dem Weg zu gehen. So ist Schweden wohl das erste Land, das neben den Personalpronomen han und hun, dem Äquivalent zu er und sie, auch ein geschlechtsneutrales Personalpronomen eingeführt hat. „Hen“ heißt dieses Wort, das keinen Aufschluss darüber gibt, ob die Person über die gesprochen wird nun männlich oder weiblich ist – denn vielleicht will diese auch gar nicht dem vorherrschenden Zweigeschlechtersystem zugeordnet werden.

Abgesehen davon wird deutlich, dass Schweden versucht, mehr Toleranz gegenüber homosexuellen Paaren zu etablieren. So ist es keine Seltenheit dass in einem schwedischen Lehrbuch ein schwules oder lesbisches Pärchen vorkommt, das stolz von deren harmonischer Beziehung berichtet.

Wie man es dreht oder wendet sind Eindrücke eines fremden Landes subjektiv und oft von Stereotypen geprägt. Nur eins gilt es also zu empfehlen: Schweden für sich selbst entdecken und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Vorschau:

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Weitere Serienteile:

Teil 1: Thailand

Teil 2: Rumänien

Teil 3: Israel

Teil 4: Schwarzwald

Teil 5: Kroatien

Teil 6: Ägypten

Teil 7: Ungarn

Teil 8: Türkei

Teil 9: Australien

Teil 10: Italien

Teil 11: Schottland

Handylos = zeitlos?

Festivalzeit! Aber eigentlich nicht so richtig. Das New Pop Festival in Baden-Baden wirkt mehr wie eine Aneinanderreihung verschiedenster Konzerte, mit viel drum herum. Zugegeben: Es hat schon was Besonderes. Man bekommt auch ohne Ticket alle Konzerte life auf der Videowand mit und kann sich am Mittag die Künstler beim zehnminütigen Interview und mit zwei Songs unplugged von ganz nah anschauen.

Einige Bands waren echt toll und ich habe endlich die Toten Hosen gesehen. Zwar ziemlich aus der Ferne, aber der Funke ist trotzdem übergesprungen. Dann geht der Abend eigentlich erst so richtig los. Meine Mitbewohnerin arbeitet am Warsteiner-Bierstand – versorgt mich gefühlt alle zehn Minuten mit einem neuen gefüllten Becher, wohlgemerkt kostenlos. Der Cuba Libre, der Mojito und der Malibu Grapefruit kosten jeweils nur fünf Euro ­– und sind verdammt gut gemischt. Und dann zaubert ein Freund noch eine Flasche Rotwein hervor, die wir in schönster Pennermanier direkt vor dem edlen Casino in Baden-Baden – richtig! – aus der Flasche trinken. Noch ein Wegbier für die 200 Meter zum Zielclub und wir wanken los.

Dort trifft man: wirklich jeden. Alle, die beim Festival irgendwas gemacht haben, sei es Konzerte angeschaut, Licht geregelt, gefilmt, Künstler betreut oder was auch immer. Dementsprechend läuft noch mehr rein. In meinem Hinterkopf regt sich nach dem fünften Mojito ein Gedanke: Wie komme ich eigentlich nach Hause? Und der wächst. Ich finde eine Freundin, die sich bereiterklärt mich heimzufahren. Juhu! Abend gerettet! Oder doch nicht? Wir ziehen in die Trinkhalle, da ist aber nichts los. Die Freundin trifft weitere Freunde, unterhält sich mit ihnen. Und mich trifft irgendwann die Müdigkeitskeule. Ich bin ja schließlich schon eine ganze Weile auf den Beinen. Mitleidig starren mich andere Gäste an, ich denke mir nur: »Ihr Opfer könnt gar nicht feiern«.

Dann erfahre ich: Meine Fahrerin bleibt noch mindestens zwei Stunden. Mir persönlich zu lange. Ich will JETZT in mein Bett. Noch mal zurück im anderen Club frage ich rum, ob jemand zum Bahnhof fährt (da wohne ich). Nein. Mist. Mit den Worten »Dann guck ich halt, wie ich heimkomme«, mache ich einen polnischen Abgang. Das nennt man so, wenn man geht, ohne sich zu verabschieden. Habe ich auch vor Kurzem erst erfahren. Danke an den anonymen Lehrer an dieser Stelle. Weiter im Text. Ich wusste in welche Richtung ich laufen muss, hatte aber auch nur einen groben Plan vom Weg. Und ich wusste, dass ich wahrscheinlich eine Stunde lang unterwegs sein würde. Meinem Alkoholpegel geschuldet wahrscheinlich sogar noch länger.

Verliert man das Zeitgefühl, ohne technische Hilfsmittel? Ich anscheinend schon... (Grafik: Dr. Asmodeus)

Verliert man das Zeitgefühl, ohne technische Hilfsmittel? Ich anscheinend schon… (Grafik: Dr. Asmodeus)

Schon vor einiger Zeit war mein Handy ausgegangen mangels verbleibender Akkuladung. Mir ist dadurch erst aufgefallen, wie oft ich doch auf die Uhr schaue. Und wie sehr mir das Zeitgefühl ohne Orientierungshilfe abhandengekommen ist. Ich wusste auch, dass ich an einem kleinen Bach wohne. Dem folge ich also. Anfangs noch völlig unsicher, ob ich überhaupt richtig bin, sehe ich auf einmal das Festspielhaus, wo gerade die Aftershowparty mit Gratis-Food und Drinks steigt und für die ich kein Eintrittsbändel bekommen habe. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an meinen dankbaren Arbeitgeber. Ihr Hunde. Ich wusste aber: Ich bin richtig. Das nächste (längste) Stück des Weges führt durch einen verlassenen, unbeleuchteten Park. Aber ich habe um mich herum gar nicht viel wahrgenommen.

Nur auf meine Füße gestarrt und gewartet, bis ich zum ALDI komme. Denn von dort aus, das weiß ich von meiner Jogging-App, sind es noch genau zwei Kilometer bis nach Hause. Am ALDI fange ich dann an, meine Schritte zu zählen. Etwa 2000 müssten es sein bis zu meinem Bett. Ich rechne mal mit 2500, einfach um mir selbst keine allzu großen Hoffnungen zu machen. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 … 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 20 … 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 30 … oder waren’s 20? Ja, 20! Dementsprechend kann ich für die Genauigkeit der Endzahl (2209) nicht garantieren.

Zwischendurch überfällt mich wieder die Müdigkeit. Ich mache die Augen zu beim Laufen, habe aber viel zu viel Angst, dabei genau auf einen Baum zuzusteuern und beschließe eine Pause. Die nächste Parkbank kommt schnell. Ich mache nur kurz die Augen zu. Entspanne meinen Rücken. Merke dass ich zusammensacke und denke mir: »Hörma. Wie ein Penner wirst du heute Nacht nicht enden!« und mache mich heldenhaft und tapfer (so kam es mir vor) weiter auf den Weg. Ob ich tatsächlich eingeschlafen bin? Ich weiß es nicht. Kann schon sein. Mein Zeitgefühl hatte mich wie gesagt schon vor einiger Zeit verlassen. Dann: Meine Straße ist in Sicht. Ich lege noch mal einen Endspurt ein, und stehe endlich vor meinem Bett. Zunächst mache ich das Handy an. Dokumentiere: Ankunftszeit: 5 Uhr. Startzeit: unbekannt. Dauer der Lauferei: ebenfalls unbekannt. Vom Gefühl her so 50 Minuten. Ich denke aber mal, es hat länger gedauert. Wir werden es wohl niemals erfahren.

Wutnacht

Es ist heiß, der Sommer hat Deutschland fest im Griff. Die Sonne ballert derartig vom Himmel herunter, dass man schon wieder vor Schweiß starrt, wenn man die Dusche verlässt. Nicht, dass mich das stören würde; wenn die Sonne so richtig knallt, fühle ich mich wohl. Warum also nicht in die Strandbar gehen?

Dieser Gedanke kommt mir an einem Donnerstagabend gegen halb zehn. Das ist einigermaßen problematisch. In einer Kleinstadt wie Speyer ist man unter der Woche quasi stets mit dem Dilemma konfrontiert, dass ungefähr jede Kneipe so früh schließt, dass man noch nicht einmal den Gutenmorgenkaffee halb heruntergewürgt hat. Doch mir als Großmeister der Soziologie erscheint das an diesem Abend als vernachlässigbar. Vor gerade einmal zwei Tagen hat das Speyrer Brezelfest seine Tore geschlossen. Ungeachtet des Wochentags wankten Dienstagnacht unzählige Schnapsleichen durch die Partyzelte auf dem Messplatz. Und die müssen ja heute Abend auch irgendwo sein! Wo? Na klar, bei dem Wetter hängen die selbstverständlich alle in der Strandbar rum! So früh wird da schon noch nicht dicht sein…

Schnell ist ein Kumpel organisiert, der mich begleitet. Besonders flott kommen wir allerdings nicht voran. Mehrfach müssen wir rasten, um Kippen zu drehen und mit den Weizendosen zu kämpfen, an denen wir uns wässern. Ernsthaft: Wer kauft eigentlich Weizen in der Dose? Vermutlich sind das dieselben Leute, die sich die Wohnung mit „Swarovski“-Kristallfiguren vollstellen.

Nach langen Umwegen und einer unterhaltsamen Diskussion über die Weltreligionen kommen wir endlich in der Strandbar an. Aber wo sind denn alle? Vor der Bar hat sich eine längere Schlange gebildet. Bringen die etwa gerade alle ihr Pfand zurück?

„Öy!“, will ich von der Barkeeperin wissen, „Öy! Macht ihr schon zu?“.
„Nein, erst um zwölf, wie jeden Abend“, erklärt sie.
Ich schaue auf mein Handy. Viertel nach elf. Shit.

Zwei Bier später verlassen wir die Strandbar und stehen vor der beißenden Frage: Wohin? Das Problem löst sich an diesem Abend jedoch verblüffend schnell. Etwa hundert Meter entfernt vom Ausgang der Strandbar sitzt eine Gruppe aus etwa fünfzehn Hippies auf dem Boden. Die Hippies, die eigentlich gar keine Hippies sind, haben zwar keine Ahnung, wo noch etwas los sein könnte, laden uns aber freundlich ein, uns zu ihnen zu setzen. Ein Abschlussseminar eines freien sozialen Jahres wird hier gefeiert, danach will ein Großteil der Gruppe scheinbar soziale Arbeit studieren. Sympathische Leute, eigentlich.

Wir sitzen also am Rhein, die knallende Sonne ist längst untergegangen. Irgendein Fabian drückt mir ein Bier in die Hand, was viel zu schnell verzehrt ist. Wir könnten an die Tankstelle laufen, denke ich mir, bleibe dann aber doch sitzen. Die Gruppe ist ziemlich unterhaltsam. Ein Mexikaner und ein Kolumbianer sitzen neben mir und erzählen irgendwelche Geschichten, denen ich nicht mehr so ganz folgen kann.

Stattdessen werfe ich mit allgemeinen Ratschlägen um mich: „Ihr solltet studieren gehen!“, „Fahrt mit uns nach Rock’n’Heim!“ und „Ey, lasst uns mal an die Tanke laufen, wir brauchen Bier!“. Die Leute fangen an, mich mit dem Namen eines Hendrix-Songs anzureden. Da fällt mir ein: Wir brauchen eine Gitarre!

Also schnell hinters Telefon geklemmt und ein wenig Sozialkapital mobilisiert. Es ist kurz vor eins, als ich tatsächlich eine Gitarre aufgetrieben habe. Problem: Sie steht im Nachbarkaff am Bahnhof. Noch problematischer: Keine Sau kann mehr Auto fahren. Tja.

Viele unserer Probleme an diesem Abend hängen mit unserer Immobilität zusammen. „Lasst uns mal zu mir nach Hause fahren, Ghettoblaster holen!“ – Geht nicht. „Lasst uns mal zur Tanke fahren, wir brauchen Bier“ – Pech gehabt. „Alter, wir müssen sofort nach Freiburg, da gibt’s ’ne Wasserrutsche mit ’nem Looping!“ – Woah, geil! Kann noch wer fahren? Wir drehen uns ein wenig im Kreis.

Zumindest Musik kriegen wir tatsächlich aufgetrieben. Irgendjemand zaubert einen CD-Spieler herbei, den ich nach wenigen Minuten kapere. „Los! Alle müssen tanzen! Major Lazer!“, verkünde ich – und alles tanzt. Danach Deichkind. Danach Prodigy. Danach Prinz Pi. Und immer noch tanzt alles.

Doch da kippt die Stimmung. Offensichtlich davon überzeugt, dass wir ihr Bier oder ihre Telefone klauen wollen, beginnt eine Frau – nennen wir sie „Conny“, denn ich weiß leider nicht mehr, wie sie wirklich hieß – die Grüppchen abzuschreiten und gegen meinen Kumpel und mich herumzuhetzen. Ich mag manchmal ein wenig paranoid sein, aber so etwas merke ich dann doch. Mein Gewissen schaltet sich ein. Gehen wir den Leuten hier etwa auf den Wecker? Ich frage in die Runde. „Nö, alles okay!“. Beruhigt tanze, trinke, rauche ich weiter.

Der Hammer kommt um kurz vor zwei. Conny baut sich vor der Gruppe auf: „Ey, wir hauen jetzt ab!“, brüllt sie.
„Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Verpiss dich jetzt, du blöder Spack!“, schreit es mir entgegen. Was zur Hölle?!

Sinnlose Streitereien kann ich einfach nicht mehr ertragen. Ständig raufen sich die Leute aus den allerschwachsinnigsten Gründen. Ich habe diesen Sommer schon einige wirklich doofe Anfeindungen erlebt: „Du hast beim Flunkeyball übertreten. Fick dich, du Spastie! Du hast einen anderen Glauben als ich, gleich macht’s Klatsch“. „Woah, bist du blöd. Ich trete dir gleich ins Gesicht!“. Ich kann einfach nicht verstehen, dass sich manche Leute immer wieder streiten müssen. Warum denn auch? Ist unsere Gesellschaft heute wirklich so frustriert, dass da nur noch ungezügelte Wutausbrüche Abhilfe schaffen? Mich macht das traurig.

Und Lust zu streiten habe ich auch nicht. „Yeah, ich bin ein blöder Spack! Aber was hab ich dir eigentlich getan?“.

Darüber will Conny nicht sprechen. Stattdessen befiehlt sie mir plötzlich, die Hosentaschen auszuleeren. Scheinbar unzufrieden über das Ergebnis und über die Tatsache, dass wir wirklich nichts geklaut haben, steigert sie sich immer weiter in einen Wutanfall hinein. Mehrfach entschuldige ich mich für was weiß ich was. Ich habe wirklich keine Lust, einen so schönen Abend kaputtzustreiten. Es wird Zeit, sich vom Acker zu machen.

Aber nicht, ohne was zu rauchen. Vorher müssen natürlich Wegkippen gedreht werden. Conny links liegen lassend verkünde ich in die gerade aufbrechende Runde: „Tja, also Leute. War schön, euch kennengelernt zu haben. Wir machen uns noch ’ne Kippe und sind dann auch weg“. Das will sie aber auch nicht hören. Conny baut sich vor uns auf und brüllt uns laut an. Abhauen sollen wir. „Chill jetzt, verdammt. Wir machen noch Kippen und sind dann weg“. Schließlich wird sie weggezerrt. „Zu viel gesoffen“, verkündet ihr Seminarkollege und verabschiedet sich. Und lässt uns doch einigermaßen desillusioniert zurück am Rhein sitzen.

Was ist da gerade passiert? Keine Ahnung, aber es ist doch alles in allem ein ziemlich niederschmetternder Einblick in die menschliche Psyche.

Mainz wie es lacht und stinkt

Gute-Laune-Propaganda: So sieht es am Schillerplatz in Mainz jedes Jahr aus (Foto: Föhr)

Da stand ich nun mit meinem vierten Bier in der Hand. Doch das reichte nicht. Ich würde mehr brauchen. Aus den Lautsprechern dröhnte Musik, die man ohne Alkohol nicht wagen würde aufzulegen. Doch bei dieser Gelegenheit grölten, jubelten und schüttelten sich die Leute zum Takt. Auch wenn in dieser Menschenmasse eigentlich überhaupt kein Platz dafür war. Zwischen den vom Text und Rhythmus einfach gehaltenen Liedern wurde Gute-Laune Propaganda unters Volk gebracht.

Nach einer gewissen Zeitspanne, die ausreichte, um den Pegel auf ein angemessenes Level zu bringen, begann die Parade. Wie Panzer rollten die Wagen die Straße entlang. Teils politische Themen sollten satirisch behandelt werden, teils feiern sich die Vereine nur selbst. Vorne an lief die Prinzengarde. Der Prinz und die Prinzessinnen saßen auf dem Wagen wie auf einem hohen Ross. „Helau!“, riefen sie dabei lauthals und schmissen ihre Arme dabei in einer ähnlichen Bewegung in die Luft, wie damals im dritten Reich.

Doch haben wir den Adel nicht abgeschafft? Bildet euch nichts ein. Das Volk jubelt euch nicht zu. Sie wollen nur die milden Gaben, die ihr verteilt. Brot und Spiele. Panem et circenses. Die Menschen finden immer wieder neue Wege, um sich über andere Menschen erheben zu können. Auch außerhalb der Fastnachtszeit sorgen die Karnevalsvereine für sich. Dort werden fernab von den Augen der Bevölkerung Vetternwirtschaft betrieben, illegale Bauvornehmen genehmigt und Geld gemacht.

Feist und Fett: Der Adel des Umzuges (Foto: Föhr)

Die Narren an diesem Tag sorgten selbst für ihre Zirkusspiele. Verkleidet wie Clowns und ebenso herumhüpfend. Ich selbst war ebenfalls verkleidet. Als Zwerg. Nicht nur wegen des Herdentriebes. Ich hatte ebenfalls so sehr Spaß daran, wie alle anderen. Doch wieso tun wir so etwas? Flüchten wir uns gerne aus unserer eigenen Existenz, weil diese zu langweilig ist? Wünschen wir uns so sehr jemand oder etwas anderes zu sein? Flüchten wir uns deshalb auch in andere Welten, wenn wir einen Film schauen oder ein Buch lesen? Und wenn ja, wieso nutzen wir die Zeit nicht, um unsere eigene Existenz zu bereichern, sodass sie nicht mehr langweilig ist? Trinken die Menschen deshalb an diesem Tag so viel Alkohol? Ich nahm noch einen Schluck von meinem Bacardi Cola.

Meine Begleiterin wurde von einem Lutscher an den Kopf getroffen. Das nahm ich als Anlass zurückzuschießen. Verdutzte Gesichter blickten mich an, als sie von ihren eigenen Zuckerbonbons getroffen wurden. Äxte, Musketen und Kanonen säumten ebenso das unterschwellige Bild der Parade, wie auch die Husaren und die Farben der französischen Revolution auf den Hüten der Fastnachter. Etwas später setzte ich mich in eine Hinterstraße ab. Jede Hauswand war bereits von Urin getränkt. Ich entschied mich meinen eigenen hinzuzufügen.

Die Nacht brach herein. Erinnerungsfetzen. Ich war gefangen zwischen Einbrechern, Bienen, Piraten und Wikingern. Die Musik dröhnte unablässig. Ein Besoffener trat und schlug um sich, weil er sich nicht von seinen Freunden helfen lassen wollte.

Es wurde Zeit für mich zu gehen. Am nächsten Tag sollte wieder die Arbeit kommen. Weit abseits vom Adel. Dann war es vorbei mit der anderen Persönlichkeit. Zurück in die grausame Realität.

Weniger prickelnd: Die Sektsteuer

Machen nur wenig aus: Die Einnahmen über die sogenannte Schaumweinsteuer (Quelle: BMF)

Vor genau einer Woche hieß es vielerorts wieder: Lasst die Korken knallen! Schließlich will das neue Jahr gebührend willkommen geheißen werden. Und was gehört zu Silvester wie Countdown und Feuerwerk? Richtig: Ein Glas Sekt.

Weniger prickelnd ist dagegen die Tatsache, dass auf den sogenannten Schaumwein seit 100 Jahren eine Steuer erhoben wird. 1902 wurde sie zur Finanzierung der deutschen Kriegsflotte eingeführt, während der Wirtschaftskrise kurzfristig ausge-setzt, um dann 1939 als sogenannter Kriegszuschlag erneut erhoben zu werden. Im Vergleich mit anderen Steuerarten machte die Schaumweinsteuer 2011 mit 454 Mio. Euro übrigens nur etwa 0,08 % der Gesamteinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden aus.

Laut Statistischem Bundesamt lag der rechnerische Pro-Kopf-Verbrauch an Sekt im Jahr 2011 bei etwa fünf handelsüblichen 0,75 Liter-Flaschen. Wie viel Schaumweinsteuer zahlt nun aber ein durchschnittlicher Bürger pro Jahr? Über den sogenannten Sektsteuer-Rechner auf FOCUS MONEY Online lässt sich ermitteln, dass man für eine 0,7 Liter-Flasche „Sekt, Champagner, Prosecco (mehr als 6 % Alkohol)“ pro Monat jährlich zwölf Euro an Sektsteuer bezahlt. Demzufolge entfällt etwa ein Euro pro 0,75 Liter-Flasche auf die Sektsteuer – jeder Deutsche zahlte 2011 also durchschnittlich fünf Euro an Sektsteuer.

Antworten auf die Frage: Wussten Sie, dass auch Sekt mittels der sogenannten Sekt- bzw. Schaumweinsteuer besteuert ist? (Diagramm 1: T. Gartner)

Grund genug einmal nachzufragen, wie bekannt die Schaumweinsteuer eigentlich ist, ob aufgrund der Steuer weniger Sekt gekauft wird und ob sie als gerechtfertigt empfunden wird. Hierzu hat Face2Face 100 Personen im Alter von 14 bis über 40 Jahre befragt. Ihr kanntet die Schaumweinsteuer bisher nicht? – Keine Sorge! Damit seid ihr nicht alleine. Während 58 % der Umfrage-Teilnehmer auf die Frage, ob sie sich über die Erhebung der Bier- und Branntweinsteuer bewusst wären, mit Ja antworteten, gaben nur 44 % an zu wissen, dass auch auf Sekt eine Steuer erhoben wird. Dass es starke Diskrepanzen zwischen dem Wissen von der Bier-/Branntweinsteuer und der Schaumweinsteuer gibt, wird besonders in der repräsentativsten Gruppe der Befragten, den 20- bis 30-Jährigen, deutlich (Vgl. Diagramm 1). Hier sind sich 60 % darüber im Klaren, dass auf Bier und Branntwein eine Steuer erhoben wird; jedoch wissen nur 42 %, dass eine Schaumweinsteuer existiert. Die Schaumweinsteuer ist damit wesentlich unbekannter als die Bier- und Branntweinsteuer.

Antworten auf die Frage: Kaufen Sie aufgrund der Steuer bewusst weniger Sekt bzw. kaufen Sie nun, da Sie über die Zweckungebundenheit der Steuer Bescheid wissen, weniger Sekt? (Diagramm 2: T. Gartner)

Wie das zweite Diagramm zeigt, gaben 89 der insgesamt 96 Personen, die auf die Frage „Kaufen Sie aufgrund der Steuer weniger Sekt bzw. kaufen Sie nun, da Sie über die Zweckungebundenheit der Steuer Bescheid wissen, weniger Sekt?“ antworteten, an, aufgrund der Steuer nicht weniger Sekt zu kaufen. Nur vier Teilnehmer beantworteten die Frage mit Ja. Da der Unterschied zur synonymen Frage bezüglich der Bier- und Branntweinsteuer ein ähnliches Ergebnis brachte – zwei von 96 Personen lassen sich bei der Kaufentscheidung von der Steuer beeinflussen, 90 Teilnehmern gaben an aufgrund der Steuern nicht weniger Bier und Branntwein zu kaufen – ergibt sich, dass die Steuern auf alkoholische Getränke nur minimale Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Konsumenten hat.

Aufgrund dessen könnte man vermuten, dass die Steuer als gerechtfertigt wahrge-nommen oder zumindest akzeptiert wird. Die Umfrage ergab jedoch etwas anderes: Wie in Diagramm 3 zu sehen ist, empfindet die Mehrheit der Befragten, nämlich 66 von 97 Teilnehmern, die Schaumweinsteuer als ungerechtfertigt. Die Argumentatio-nen sind vielfältig, vor allem jedoch der ursprüngliche Einsatz der Schaumweinsteuer zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte und die heutige, damit einhergehende Zweckungebundenheit stößt auf großes Unverständnis: „Genauso «unnötig» wie – mittlerweile – der Solidaritätszuschlag“, „Nicht mehr zeitgemäß“ und „Weil sie jetzt völlig ungerechtfertigt erhoben wird und auch nicht ersichtlich ist, was damit passiert, also wem oder was sie zugutekommt“ kommentieren die Umfrage-Teilnehmer.

Antworten auf die Frage: Die Sekt- bzw. Schaumweinsteuer wurde 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt und wird heute – trotz Änderung der Verhältnisse – nach wie vor erhoben und das zusätzlich zur Mehrwertsteuer. Finden Sie das gerechtfertigt? (Diagramm 3: T. Gartner)

Die 27 Befragten, welche die Schaumweinsteuer als gerechtfertigt empfinden, argumentieren unter anderem mit der Tatsache, dass alkoholische Getränke zu den Genussmitteln zählen und diese zum Leben nicht notwendig seien. Besonders zuge-spitzt formuliert ein Teilnehmer: „Alkohol fällt unter Drogen. Muss nicht unterstützt werden“.

Die meisten der Antworten lassen jedoch auf Passivität und Resignation der Befrag-ten gegenüber der Erhebung der Schaumweinsteuer deuten: „Für irgendetwas wird es schon genutzt werden.“, „Alles wird besteuert, warum also nicht auch der Sekt?“, „Steuern werden einfach benötigt –> Sozialstaat“.

Die Umfrage hat gezeigt, dass die Schaumweinsteuer weitestgehend unbekannt ist. Darüber hinaus fühlen sich die Befragten nicht ausreichend über die Verwendung der durch die Steuer eingenommenen Gelder informiert. Um diese Problematiken zu lösen, ist es notwendig Informationen zu diesem Thema transparenter zu gestalten und somit Verständnis bei den Bürgern schaffen.

Da die Mehrheit der Befragten angab, in erster Linie durch die Medien von der Bier-, Branntwein- und Schaumweinsteuer erfahren zu haben, ist der logische Schluss daraus, dass die Medien mit der wichtigen Aufgabe der Wissensvermittlung betraut werden. Informationen zur Schaumwein- und anderen Steuern sollten dabei altersgerecht aufgearbeitet werden. Wirtschafts- und Politikmagazine sind oftmals auf älteres, überdurchschnittlich gebildetes Publikum ausgelegt; die Informationen sollten jedoch auch für Jugendliche und junge Erwachsene zugänglich gemacht werden. Dieser Lösungsansatz fördert möglicherweise die Bekanntheit der Schaumweinsteuer, aber vor allen Dingen das Verständnis und die Nachvollziehbarkeit seitens der Bürger.

Info:
Wer wissen möchte, wohin die Steuereinnahmen aus dem Jahr 2012 fließen, kann sich HIER schlau machen.

 

Unterlassene Hilfeleistung

Es gibt Nächte, die ziehen dich auf die Straße. Du kommst von einer Party, aber es ist noch nicht mal Eins. Du bist einigermaßen betrunken und sagst dir: Zuhause ist jetzt der falscheste Ort, an dem du sein kannst! – Yeah, es ist Samstag. Irgendwo muss was los sein. In einer größeren Kleinstadt wie Speyer zu wohnen hat seine Vorteile: Normalerweise triffst du samstags nachts draußen immer irgendwen, der mit dir feiern geht. Und wenn das nicht klappt, findest du immer noch jemanden, den du dazu nötigen kannst, dich zu besuchen.

Schuldet mir anderthalb Bier: Taljan. Ungefähr originalgetreu nachgestellt (Grafik: Dr. Asmodeus)

„Öy!“, pöble ich in Richtung Fahrerin, „öy! Lass ma noch feiern gehn!“

„Nein Mann“, sagt meine Fahrerin, „geht nicht.“ Es folgt irgendein Nullargument wie „Ich muss morgen früh raus!“ oder „Keine Kohle“. Ich muss umdisponieren.

„Öy!“, pöble ich wieder, „dann lass mich mal hier raus! Ich lauf jetzt heim, damit ich nüchtern werd, und dann geh ich weiterfeiern“. Nüchtern werden ist zu diesem Zeitpunkt eine gute Idee. Ich packe mir meinen Strohhut und meinen Rucksack und verlasse das partyunwillige Auto. Ich habe Lust auf Sternegucken. Und das geht ganz wunderbar beim Nachts-zum-Ausnüchtern-heimlaufen. Also: Schnell verabschieden, Kopfhörer rein, umsehen. Wo bin ich eigentlich? Ich orientiere mich. Perfekt – schon in Speyer!

Leider hat BP ein Problem mit meinem fallenden Blutalkoholgehalt. Der Ölmulti hat in all seiner Durchtriebenheit genau dort, wo ich mich gerade von meiner Fahrgelegenheit verabschiedet habe, eine Aral-Tankstelle aufgestellt. Ein Kratzen macht sich in meiner Kehle bemerkbar. Ich habe Durst. Man kann wirklich nicht behaupten, dass ich es nicht versucht hätte. Auf zur Tanke!

„Hi!“, begrüße ich die Frau hinterm Sicherheitsglas, „habt ihr Dosenbier?“
„Klar“, sagt die Tankstellenfrau.
„Was denn so?“, will ich wissen.
Ich kaufe vier Becks.
„Du musst mit mir anstoßen!“, zwinge ich die Angestellte. Die ist irritiert, schenkt sich aber dann doch amüsiert einen Becher Fanta ein und stößt mit mir durch die Scheibe an. So viel Service muss belohnt werden! Ich verneige mich strohhutabsetzend vor der netten Dame und gebe ihr ein kleines Trinkgeld.

Doch es sind nur wenige Meter, die ich zurücklege, als mir ein ganz bedrohliches Problem bewusst wird. Vor mir erstreckt sich ein unwegsames Gelände voller Tücken und Irrwegen. Es muss inzwischen acht oder neun Jahre her sein, als mir mein Kumpel Manuel – oh, wie ich ihn bis zum heutigen Tag verfluche! – eine „Abkürzung“ verraten hat. Seit ich diese „Abkürzung“ kenne, ist mir jegliche Fähigkeit der Orientierung in diesem Gebiet abhanden gekommen. Regelmäßig irre ich dort umher. Als Speyer erbaut wurde, muss irgendein garstiger Stadtplaner all seinen Hass auf die Menschheit an diesem Viertel ausgelassen haben. Mein ganz persönliches Bermuda-Dreieck. Wer hier wohnt, muss früher oder später depressiv werden. Ich versuche gar nicht erst, mich zu orientieren. Blick nach oben Richtung Sternenhimmel streife ich los.

Mein MP3-Player schwingt sich zu Höchstleistungen auf. Man On The Moon von R.E.M. steigert sich zu Wish You Were Here von Pink Floyd steigert sich zu Everlong von den Foo Fighters. Ich bin wahnsinnig gut gelaunt. Sternegucken erweist sich als einigermaßen effektive Lösungsstrategie für meine Orientierungsprobleme. Nicht ganz ohne Herumirrerei, aber doch ohne stundenlangen Zeitverlust lasse ich die verwunschenen Gassen hinter mir. Und dann lerne ich Taljan kennen.

Taljan sieht aus, als hätte ein Ochse einen Schrank geehelicht und den Abkömmling dieser unheilvollen Verbindung in eine Lederjacke gesteckt. Er jagt mir einen wahnsinnigen Schrecken ein, als er mir auf die Schulter klopft, um mich anzuhalten. Offensichtlich will er mich aber nicht überfallen, sondern ist verloren gegangen. In gebrochenem Deutsch erklärt er mir das. Er hat seine Freunde auf der Autobahn verloren und muss nach Berlin. Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll, finde es aber ziemlich lustig. Taljan spricht ein paar Brocken Deutsch, kein Englisch, kein Französisch, kein Italienisch. Meine Kasachisch-Kenntnisse beschränken sich auf ein paar wenige Borat-Floskeln. Das bringt uns nicht weiter. Unsere Beziehung ist von Anfang an von schweren Kommunikationsproblemen belastet.

„EY LEUTE! Ich hab gar kein Foto von Taljan gemacht! Malt mir mal ein Bild!“: Taljan. Etwa so könnte er ausgesehen haben (Bilder (v. l. o. n r. u.): Dentler, Binnefeld, Eckert, Onat, Schwalb)

Taljan streckt mir einen Zettel mit einer Handynummer hin, die er anrufen möchte. Ich verstehe nicht so richtig, warum das nicht klappt, beschließe aber, ihm zu helfen. Und scheitere ebenfalls. Nach zwei Wählversuchen habe ich die Lust verloren. „Geht nicht!“, brülle ich Taljan an. Ich brülle, weil ich mir nicht sicher bin, ob er mich versteht. Brüllen wirkt wie eine gute Idee. Und tatsächlich: Er versteht mich. Niedergeschlagen fragt er mich, ob ich ihm den Weg zur nächsten Kneipe erkläre, in der er telefonieren kann.

Gedanklich habe ich schon seit mindestens einer halben Stunde das Bruch angepeilt. Das Bruch ist der Ort, an den du gehst, wenn alles andere schon zu hat. Soeben hat sich mein „Wen-nehm-ich-dorthin-mit“-Problem gelöst. „Yeah“, rufe ich, „komm mit. Ich bring dich hin. Bier?“ Taljan schließt sich mir an, möchte aber kein Bier trinken.

Ich bin kein Freund der Forderung nach zwanghafter Integration in unsere langweiligen deutschen Gewohnheiten. Der Ruf nach Integration ist nichts als eine farblose Miesepeterei, ein Verlangen nach Routine, das all die interessanten, kulturellen Eigenheiten verschlingt, die einen Menschen ausmachen können. Taljan spricht quasi kein Wort Deutsch, wirkt aber doch überaus assimiliert. Das deutsche Spießbürgertum hat ihn. Ich beschließe umgehend, dass ich den armen Kerl rückintegrieren muss. „Trink!“, befehle ich also und halte ihm eine Dose Bier hin. Widerwillig kapitulierend greift er nach dem Bier und beginnt, mit mir zu trinken. Nimm das, Sarrazin!

Leider versteht Taljan praktisch kein Wort von dem, was ich sage. Also erhöhe ich meinen Kommunikationsoutput. Umso mehr Information ich ihm entgegenwerfe, umso mehr Information kann auch potentiell bei ihm ankommen. Das geht ganz einfach. Ich rede unheimlich schnell in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch auf ihn ein und unterstreiche meine Worte mit wilden Gesten. Auch das bringt uns nicht weiter. Er nickt zwar lachend alles ab, was ich sage, aber ich sehe ihm an, dass er keine Ahnung hat, was ich von mir gebe. Offenbar hält er mich für dumm. Oder geistesgestört. Ich zwinge ihm ein neues Bier auf.

Taljan unterbricht meinen Redeschwall, als ich mich gerade in irgendeinen Bullshit über das KGB ergehe. Zumindest das scheint er verstanden zu haben. Meine Ausführungen über den russischen Geheimdienst aus dem kalten Krieg scheinen ihn zu beunruhigen, er will das Thema wechseln. Und mich offensichtlich beeindrucken. Lachend erzählt er von seiner Tochter und seiner Frau in Berlin. Lachend erzählt er, dass er beide ständig verprügelt. Der Abend erfordert eine drastische Neubewertung der Situation.

„Du bist scheiße“, sage ich zu Taljan.
Taljan lacht.
„Du bist ein Arschloch“, sage ich zu Taljan.
Taljan nickt und lacht.
Seine mangelnden Deutschkenntnisse ersparen mir einen Kieferbruch. Ich habe plötzlich überhaupt keine Lust mehr, mit Taljan feiern zu gehen. Ich muss ihn schleunigst loswerden.
„Wir sind da“, verkünde ich also, und zeige auf einen Hinterhof, in dem sich eine Shisha-Bar befindet. Ich nehme ihm sein Bier ab.
„Da! Geh rein und telefonier. Ich rauche eben und komme dann nach“.
Er versteht zumindest, dass ich nicht mit rein komme, als ich mir eine Kippe anzünde.
„Warte hier“, bittet er mich.
„Jaja“, nicke ich.
Taljan betritt die Kneipe.
„Arschlecken!“, denke ich mir, trinke sein Bier leer und mache mich aus dem Staub.