Abhängigkeit und Sucht- Selbstverschuldung oder Gehirnkrankheit?

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Illegale Drogen: Der World Drug Report 2016 (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Der World Drug Report 2016 der Vereinten Nationen ist erschienen und besagt, dass 29 Millionen Menschen weltweit an den Folgen illegaler Drogen und deren Bekämpfung leiden und es 207 000 Drogentote gab (alle Daten beziehen sich im Bericht auf 2014). Die Debatten können hiermit befeuert werden, denn der Bericht bezieht sich nur auf illegale Drogen und gerade deren Bekämpfung und die damit entstehende Korruption und Gewalt führt, so einige Stimmen, zu vielen Tötungsdelikten. In Deutschland gibt es seit längerem die Debatte, ob Cannabis legalisiert werden sollte, doch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, ist dagegen. Doch auch die legalen Drogen müssen in Betracht gezogen werden, denn sie verursachen mehr Tote und machen teilweise abhängiger, als viele illegale Drogen. Doch selbst bei Alkohol und Tabak geht es den meisten Konsumenten im Alltag gut und nur wenige sind wirklich süchtig. Doch ab wann macht etwas dann abhängig? Wann wird man süchtig?

Was ist Sucht?

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)

Computerspielsucht: kommt häufiger vor, als man denkt (Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Abhängigkeit ist charakterisiert durch ein zwanghaftes Verlangen nach belohnenden Stimuli, ungeachtet nachteiliger Konsequenzen. Die Sucht tritt durch ein wiederholtes Aussetzen zu diesen Stimuli auf, welche als positiv und begehrenswert wahrgenommen werden und somit auch die Wahrscheinlichkeit eines wiederholten Aussetzens erhöhen. Es gibt eine substanzabhängige Abhängigkeit, bei der  eine Substanz diese positiven Stimuli auslöst. Zu diesen Substanzen gehören die meisten Drogen und der Körper entwickelt eine Toleranz gegenüber diesen Substanzen, sodass man irgendwann für den gleichen Effekt eine höhere Dosis braucht. Es gibt aber auch einen schädlichen Gebrauch von nicht abhängig machenden Substanzen. Diese Abhängigkeit ist eine Zwangsstörung und umfasst den Missbrauch von Arzneimitteln, Antidepressiva oder Steroiden. Auch eine substanzungebundene Abhängigkeit ist möglich und bezieht sich auf Glücksspiel, Computerspiele – und Internetsucht, Sexsucht, Pornographie, Arbeitszwang, Kaufzwang,  Extremsport und sogar exzessives Sporttreiben. Selbst intensive romantische Liebe zeigt die gleichen Symptome. All diesen Beispielen gemeinsam ist eine Störung der Impulskontrolle, bei dem die Kräfte des Verstandes dem Verlangen untergeordnet werden und es können physische und/oder psychologische Absetzerscheinungen bzw. Entzugssymptome auftreten.

Die Rolle des Gehirns

In den letzten Jahrzehnten unterstütze die Forschung die Sicht, dass Abhängigkeit eine Gehirnkrankheit ist. Die charakteristischen, zwanghaften Verhaltensweisen können immer besser zur Neurologie  verknüpft werden. Durch chronische Aussetzung zu einem suchterzeugenden Stimulus, kommt es im Belohnungszentrum des Gehirns zu transskriptionalen und epigenetischen Veränderungen und einer Desensibilisierung der Neuronenschaltkreise, die die Möglichkeit Vergnügen zu empfinden dämpfen und die Motivation senken, alltäglichen Aktivitäten nachzugehen.

Krankheit oder Wahl Dichotomie

Doch inwieweit ist die Person das Problem? Welche Wahl hat das Individuum, welchen Einfluss und kann man fehlende Selbstkontrolle verantwortlich machen? Es gibt viele Fälle von Süchtigen, die ohne medizinische Behandlung ihrer Sucht Herr werden und es gibt einige Stimmen, die besagen, dass psychosoziale Faktoren und das soziale Umfeld einzelner Personen den größten Faktor ausmachen und somit gar nicht zu einer Sucht führen oder zumindest, so andere, bei der Genesung stark helfen. Sucht ist kein Randproblem der Gesellschaft und ist auch kein eindimensionales Problem, sondern funktioniert auf vielen Leveln. Das Wichtigste ist, dass Süchtigen besser geholfen wird, sie nicht eingesperrt und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, sondern, dass man sich um sie kümmert. Und vielleicht kann die Neurologie durch weitere  Forschungen einen Erfolg beschleunigen.

Wenn plötzlich Funkstille herrscht …

Nichts ahnend fahre ich meinen PC hoch – ja ich bin tatsächlich so altmodisch und schalte meinen Rechner komplett ab. Wie dem auch sei, ich denke mir nichts Böses, mein All-in-One Router-Switch-Modem-Internet-Böxchen ackert auch schon ganz fleißig …

Moment! Da leuchtet ein Lämpchen nicht, das eigentlich leuchten sollte! Ich ahne Schreckliches. Und tatsächlich: Kaum, dass ich

Das Ethernet-Kabel verbindet den heimischen PC mit dem Internet.

Heißer Draht: Über das Ethernet-Kabel gelangen wir ins Internet (©Erich Werner/Pixelio.de)

auf meine Mails zugreifen will, passiert nichts, außer der liebevollen Meldung, dass der Mailserver zur Zeit nicht erreichbar sei.

Nach einer kurzen Analyse der Lage steht fest: „Keine Verbindung zum DSL-Multiplexer“. Das ist überhaupt nicht gut, denn das heißt im Grunde, dass ich keine Verbindung zum Verteiler auf der Straße habe. Unruhig prüfe ich alle Kabel in der Wohnung. Alle Ethernet-Kabel stecken fest in der Buchse? Passt. Am Splitter auch alles in Ordnung? Passt. Das Prozedere wiederholt sich ungefähr vier oder fünf Mal, in panischer Hektik renne ich durch die Wohnung.

Irgendwann steht dann doch fest, dass das Problem eigentlich nicht bei mir liegen kann. So komme ich noch zu meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Anruf beim „Support“ meines Internet-Providers.

Warum ist die Melodie in der Warteschleife eigentlich immer so einschläfernd? Egal. Nach 15 Minuten weckt mich jedenfalls ein Berater und nach unglaublichen eineinhalb Minuten Gespräch steht fest: Es liegt tatsächlich nicht an mir. Heureka! – Heureka? So gut ist das in Wirklichkeit gar nicht. Irgendetwas stimmt beim Multiplexer selbst nicht und das heißt erst einmal warten, bis alles repariert ist. Jetzt ist Samstag, vor Montag gibt es also kein Internet.

Ein Wochenende ohne Netz! Man stelle sich das mal vor! Das ist ja Körperverletzung! Dabei müsste ich noch so viel Arbeit erledigen und für alles brauche ich den heißen Draht ins große weite Internet. Recherche für den nächsten Artikel, Mails beantworten, Verkaufskonto beim Online-Händler pflegen, überall Internet.

Da kommt einem schon die Galle hoch. Jetzt geht gar nichts mehr, nur weil beim Provider wieder mal eine Störung vorliegt. Was machen die eigentlich den ganzen Tag?

Server und Verteiler sorgen dafür, dass das Interent funktioniert.

Komplex: Hinter den Kulissen des Internet steckt eine komplizierte Infrastruktur (©Th. Reinhardt/Pixelio.de)

Nach einer Weile kann ich mich wieder etwas sammeln, und wenn ich in Ruhe über die Sache nachdenke, dann wird mir schnell klar: Das mit dem ganzen Internet ist ein wahrhaftiges Wunder. Man stelle sich nur einmal vor, welch gigantische Infrastruktur hinter meinem simplen Einkauf beim Online-Händler steckt, wie komplex die gesamte Technik hinter den schön blinkenden Bildern und Knöpfen aussieht. Zahllose Server, kilometerlange Kabel, ungezählte kaskadierte Verteiler. Da bleibt selbst mir als Informatiker nichts anderes übrig, als auch dem Internetanbieter die ein oder andere Störung zu verzeihen.

Ich muss zugeben, es gibt da noch einen weiteren Grund für meine Gemütsberuhigung, es war nicht nur ein Anflug von übermäßigem Verständnis. Zum Glück bin ich als Fachinformatiker Nerd genug, um einen Internet-Stick fürs Handy-Netz zu besitzen. So geht wenigstens etwas voran, auch wenn die Geschwindigkeit an wachsendes Moos erinnert und der Preis unverschämt ist. Immerhin besser als gar nichts.

Das ist wohl der Preis, den wir zahlen müssen für unsere Abhängigkeit vom Internet.. Egal, ob Online-Einkauf, Zugriff auf das E-Mail-Konto oder die Lektüre des Face2Face-Magazins – ohne Netz nix los heißt es heute Das fällt insbesondere dann auf, wenn mal wieder nichts geht.

Vorschau: Unsere Kolumnistin Eva darf seit Neuestem ein Aquarium ihr Eigen nennen – wie es dazu kam, lest ihr nächste Woche in der Kolumne.