Neue Sprache, jeden Tag

Gerade erlebe ich das Wunder der Sprache. Jeden Tag lernt mein jüngster mehrere Wörter, bastelt Sätze. Heute waren es sogar drei Worte, die er verbunden hat. „Papa Licht aus.“ Ein Meilenstein für ein Kind unter zwei. Ein Meilenstein, wenn ich bedenke, dass vor ein paar Woche „Licht“ das gleiche bedeutete, dass es davor noch ein „da“ war. Und alles meinte doch dasselbe. „Papa hat das Licht ausgemacht“. Das Erstaunliche daran ist für mich nicht etwa das Erlenen neuer Worte. Neue Worte lerne auch ich noch immer. Fachbergriffe, regionale Besonderheiten, fast vergessene Formulierungen, einfache Wörter, die mir bisher noch nicht bekannt waren. Faszinierend finde ich viel mehr die Erweiterung der Laute, wo die Bedeutung doch gleichbleibt.

Wundervolle Sprache

Wundervoll willkürlich: Sprache ist oft arbiträr (Foto: wilhei / pixabay.de)

Wundervoll willkürlich: Sprache ist oft arbiträr (Foto: wilhei / pixabay.de)

Sprache ist etwas Wundervolles. Das sage ich aus tiefstem Herzen. Nicht umsonst habe ich Literaturwissenschat studiert, denn in der Literatur wird die Sprache zur Kunst, zur Lehrerin, zum Lebensinhalt. Sprache, so sagen manche, unterscheidet den Menschen vom Tier. Heute wissen wir, dass diese Aussage im Grunde falsch ist. Tiere kommunizieren durchaus komplex. Gestik und Mimik, Bewegungen und Handlungen, Laute und Geräusche können ganze Geschichten erzählen. Bienen tanzen, um Wege zu erklären. Wale singen, um sich zu verständigen. Lehren, Berichten, Reden, all das gibt es nicht nur bei Menschen, sondern überall. Und doch unterscheidet sich unsere Sprache von der anderer Tiere. Zum einen erzählen wir Geschichte, Märchen, schaffen fiktive Wirklichkeiten. Zum anderen ist unsere Sprache arbiträr. Wahllos haben wir Laute vergeben. Für Dinge und Geschehnisse. Und für Buchstaben. Zeichen für Laute.

Lautes Leben

Muttersprache: Sprache prägt bereits vor der Geburt (Foto: arutina / pixabay.de)

Muttersprache: Sprache prägt bereits vor der Geburt (Foto: arutina / pixabay.de)

Nur logisch vielleicht, denn mit Lauten fängt alles an. Laute, die wie von selbst kommen, Schreien, As und Os. Bereits Neugeborene schreien in ihrer Muttersprache „schreien“. Die Geräusche, die sie während ihrer Entwicklung im Mutterleib gehört haben, prägen sie auf Rhythmus, Tonhöhe, Lautfolgen. Und nicht nur das. Sie erkennen auch, wenn jemand in ihrer Gegenwart eine andere Sprache benutzt. Sprache ist von Geburt an Kulturgut, bevor wir sie sprechen können, erkennen wir sie geradezu instinktiv. Was nicht heißt, dass wir diese Muttersprache einfacher lernen, als eine andere. Eines der ersten Wörter, die mein Jüngster gelernt hat, war „bitte.“ Nur, dass er es nicht wie „bitte“ ausspricht. Er spricht es ungefähr so aus, wie der siebzehnjährige Pavel Chekov in der Neuauflage von „Star Trek“, gespielt vom kürzlich verstorbenen Anton Yelchin. Der macht aus dem kurzen I ein langes und es klingt ungefähr wie „bietthe“. Genauso spricht mein Sohn es aus.

Fremde Sprache?

Sprachlos? Unser Sprachraum verändert uns (Foto: Maialisa / pixabay.de)

Sprachlos? Unser Sprachraum verändert uns (Foto: Peggy_Marco/ pixabay.de)

Natürlich wird diese Färbung irgendwann verschwinden. Unsere Sprache passt sich an. Meine Tante, die in ihrer Studentenzeit nach Frankreich zog, heiratete, Kinder bekam, sich scheiden ließ und noch immer dort lebt und arbeitet, spricht heute Deutsch mit leichtem französischen Akzent. Betonungen, die den Einfluss des Französischen offenbaren. Ihre Tochter, die mittlerweile seit ein paar in Deutschland lebt und arbeitet, hat dagegen diesen Akzent nahezu verloren. Dagegen behalten andere scheinbar absichtlich das Erkennungsmerkmal ihrer Fremdsprachlichkeit in ihrer Benutzung der deutschen Sprache. Manchmal bestimmt mit Absicht. Manchmal aber auch, weil der Rückzug in den eigenen Sprachraum immer noch täglich möglich ist. Interessant ist dabei doch, dass Kinder, die in zwei Sprachräumen aufwachsen, oft mühelos und ohne Akzent zwischen den Sprachen wechseln können.

Neue Sprache – Sprache lernen

Heimat! Sprache verbindet uns (Maialisa / pixabay.de)

Heimat! Sprache verbindet uns (Maialisa / pixabay.de)

Heute geht es oft um die Frage des Fremdspracherwerbs. Um angebliche Verweigerung und Integrationsprobleme. Vielleicht wäre das Problem gar kein so großes, wenn wir es aus einer anderen Perspektive erfassen. Zum einen dürfen wir nicht vergessen wie rudimentär manche Deutsch-Kurse sind, gerade wenn sie kostenlos angeboten werden. Wenig bis kein Material und wenig Zeit, so dass gerade mal Grundkenntnisse, die im Alltag vielleicht für „ja“/“nein“ reichen, vermittelt werden können. Zum anderen ist für Geflüchtete die Sprache ihr letzter Anker zur Heimat. Hab und Gut ist kaum mehr da, Verwandte sind teilweise verloren oder unerreichbar und um sie sind viele Menschen, aber alles Fremde, mit fremden Sprachen und fremden Wörtern. Sprache trennt. Die eigene Sprache ist da ein Hafen, das letzte bisschen Kultur und die Gemeinsamkeit, an der Menschen ihre Landsleute erkennen. Ob im Urlaub in Spanien oder Italien oder nach der Flucht in einem Aufnahmelager. Sprache verbindet. Mein Sohn lernt Worte und ordnet sich damit jeden Tag mehr seiner Umwelt zu. Sprache prägt. Und doch ist es leicht, neue Worte zu lernen, neue Sprache, neue Welten. Jeden Tag und nicht nur für unter zwei Jährige.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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