Last man sceptic – Noch irgendwelche Zweifel?

Vor einigen Jahren hatte ich einen Freund.

Nein, was jetzt folgt, ist keine pathosüberladene, herzzerreißende Trennungserfahrung aus meinen jungen Jahren – das hier ist lediglich der erste Anreiz für einen Skeptiker, um seinen Job zu erfüllen, das heißt, um eventuelle Zweifel anzubringen. Wer weiß, womöglich habe ich diesen Freund ja bloß erfunden, damit er als Einleitung in das Thema dieser Woche herhalten kann?

Ja, sie sind manchmal schon unfassbar nervtötend, diese ewig Zweifelnden: Wie sie nicht einmal banalste Fakten als gegeben hinnehmen, sondern alles, wirklich alles bis ins Detail dargelegt und verifiziert haben müssen. Eingefleischte Anhänger des Skeptizismus würden an dieser Stelle fotografische Beweise einfordern, die die Existenz dieser Jugendliebe belegen. Sie ließen nicht locker, ehe ich in der Mottenkiste nach alten Erinnerungsstücken gekramt oder gar eine Kontaktadresse von diesem Ex-Lebensabschnittsgefährten – weiß Gott, was der Kerl heutzutage eigentlich macht –aufgetrieben hätte. Ich wäre so lange mit der Suche nach Beziehungsrelikten beschäftigt, dass diese Kolumne wahrscheinlich gar nicht erst fertig geworden wäre.

Affenfamilie

Wie im Affenhaus: Skeptikern ist das wilde Durcheinander vertrauter als das familiäre Miteinander.( Foto: T.Gartner)

Da ich mir von meiner Leserschaft allerdings etwas mehr Vertrauen erhoffe, erlaube ich mir an dieser Stelle, wieder dort anzusetzen, wo meine Geschichte ursprünglich ihren Ursprung nehmen sollte: Bei meinem damaligen Freund aus der Schulzeit. Wann immer ich das Vergnügen hatte, ihn Zuhause zu besuchen, kam ich nicht umhin, mindestens eine Mahlzeit am langen Esszimmertisch mitsamt allen Mitgliedern der sechsköpfigen Großfamilie einzunehmen. Wann immer ich mir zwischen Kauen und Schlucken die Zeit nahm, um mich intensiver in der Runde umzusehen, überkamen mich befremdliche Gefühle. Mit diesen Gefühlen von Unbehagen und – ich kann es nicht anders sagen: Skepsis – gingen häufig Fragen einher, die in meinem Kopf Autoscooter fuhren. Ist diese Familienidylle nur gespielt? Sind seine Eltern wirklich so verliebt und glücklich miteinander, wie sie sich zeigen, während sie ihm die Butter reicht? Wann bricht denn endlich der große Streit zwischen seinen Geschwistern aus?

Noch während ich mich dabei ertappte, wie ich Beziehungsstrukturen in Frage stelle, die mich zweifelsohne eigentlich überhaupt nichts angehen und somit nicht einmal gedanklich tangieren sollten, fühlt sich ein Teil von mir direkt wie der Menschenfeind schlechthin. Schließlich ist es nicht nur skeptisch, sondern vor allem auch absolut zynisch von mir, in einem so harmlosen Moment wie diesem einen vermeintlich schönen Schein entlarvt sehen zu wollen. Käsestulle und Pfefferminztee entlocken dem Vater ja auch nicht auf der Stelle den herrischen Haustyrann mit Alkoholproblem, der Mutter die Langzeitaffäre mit dem Dorfpfarrer und den Kindern die hörigen Lemminge, die sie unter Umständen ja sein könnten. Oder, und das wäre für jemanden, der Skepsis längst zu seiner Paradedisziplin erklärt hat, schier undenkbar: Es handelt sich bei dieser Tischrunde schlicht und ergreifend um eine heile Familie. Sie mag ihre Probleme haben, was nur allzu menschlich wäre, aber ist dabei im Großen und Ganzen dennoch zufrieden in ihrer aktuellen, zwischenmenschlichen Konstellation.

Ich vermute, die ewige Skepsis in mir ist – nach Sigmund Freud – meiner eigenen Familiensituation geschuldet, denn die war, wie man es heutzutage nicht selten innerhalb der Gesellschaft vernimmt, eine nicht immer ganz einfache.

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Stets wachsam: Der professionelle Skeptiker deckt zwischenmenschliche Problematiken noch vor allen anderen auf. (Foto: C.Gartner)

Kurzum: Geschiedene Eltern führten zu Patchwork führten dazu, dass ich heute annehme, es wäre an jeder Ecke Vorsicht geboten, an der es nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht. Hinzu kommt – wie könnte es anders sein – der mediale Einfluss, welcher ganz gewiss dazu beigetragen haben muss, dass meine idealistische Vorstellung von Mutter-Vater-Kind(ern) allmählich getrübt wurde. Sitcoms wären schließlich um einige Lacher ärmer, Spielfilme hätten einige sesselpupsende Kinobesucher und namhafte weltliterarische Werke einige Buchseiten weniger, würde nicht latent Kritik am althergebrachten Familienalltag geübt werden. Allerdings wären die jungen Konsumenten von heute, die schon morgen potentielle Familiengründer sein könnten, ohne jene Unterhaltungsmedien auch weitaus weniger prüfend in ihrem Urteil über eine heile Familie.

Im Falle meines späteren Ex-Freundes kam ich zu einem vernichtenden Urteil, das bei allen Skeptikern jedoch zu jähem Frohlocken führen dürfte: Die Familie hatte Probleme. Der Vater unterjochte seine Sprosse, die Mutter interessierten ihre Haustiere mehr als ihre eigene Ehe, der älteste Bruder entpuppte sich als gehässig und mein Freund leider als kleinlaute Niete. Zumindest hatten sie, nachdem ich der ohnehin recht kurzweiligen Beziehung ein ebenso schnelles Ende setzte, ein Problem – meint, einen scharfen und heimlichen Kritiker – weniger. Ich wollte schlussendlich sowieso weder „Super Nanny“ noch eine weniger prominente Hobby-Sozialarbeiterin sein. Zu einer weniger leidenschaftlichen Zweiflerin hat mich diese Erfahrung aus meiner Jugendzeit jedenfalls nicht gemacht. Eher noch fühlte ich mich seitdem bestätigt darin, dass Skepsis hin und wieder angebracht ist und womöglich sogar einen aufmerksamen Beobachter ausmachen kann. Die kommen doch selbst in den besten Familien vor – oder?

Vorschau: Aus brandaktuellem Anlass hat Kolumnist Sascha in der kommenden Woche die Qual der Wahl – an der Urne.

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