Klein. Fleißig. Bedroht?

„Sind Sie allergisch?“ – „Nein“  – „Na, dann kann´s losgehen!“

Der Deckel geht auf. Adrenalin stößt durch den Körper und der wichtigste Gedanke, keine ruckartigen Bewegungen zu machen, ruhig zu bleiben, bringt einen fast um den Verstand.

Das große Summen: Honigbienen bringen den Nektar zum Stock (© Petra Bork, pixelio.de)

Sie sind hektisch, summen, brummen, gereizt, fühlen sich gestört. Schwärmen völlig orientierungslos aus. Plop, das war eine. Wieder: plop, plop, plop. Diesmal am linken Bein und vor der Brust. Nur nicht rühren. Unter dem Schutzschleier wird es warm. Schweiß fließt über das Gesicht. Es juckt. Um den automatischen Reiz sich zu kratzen zu unterbinden, verlangt es höchste Konzentration. Bloß keine hektischen Bewegungen machen.

Harald Müller (Name von der Redaktion geändert) lässt das alles kalt. Er ist in seinem Element: „Ach, ich werde so oft gestochen, ich spüre das schon fast nicht mehr“. Vorsichtig, fasst gelassen, hebt er einen Rahmen aus dem Kasten, und mit dem Luftzug kommen tausende von Honigbienen zum Vorschein. Das Summen steigt an. Der Geräuschpegel gleicht dem an einer Autobahnraststätte.

Imkerei – für Müller jahrelang ein Ausgleich zum stressigen Job, sein Hobby. Ein bedrohtes Hobby? Bienensterben durch die so genannte Varroa-Milbe, Studien über die Gefahren von Pestiziden – die Liste ist lang. Viele Horrormeldungen lassen um die beliebten Honigprodukte fürchten. Aber das ist erst die Spitze des Eisbergs. Weite Teile der Landwirtschaft würden ohne die Bestäubungsleistung der Honigbienen weg fallen. Wildbienen könnten die Aufgaben nicht alleine bestreiten, denn es gibt sie kaum noch. Ihr Lebensraum, hohle Bäume, wurde weitgehend von der Forstwirtschaft zerstört.

Bei der Arbeit: Nektar und Pollen werden von den Bienen gesammelt (© Erich Westendar, pixelio.de)

Doch Müller ist entspannt. Seine elf Völker stehen inmitten einer Streuobstwiese. Pestizide, die den Orientierungssinn der Insekten zerstören, werden hier nicht verwendet. „Die sind den meisten Bauern sowieso zu teuer.“ In Müllers Honig sind jedenfalls keine nachweisbar. Sogar eine Auszeichnung hat er für die Qualität seiner Ernte bekommen. Ein Problem in der Schadstoffdebatte sieht er in den Messstandards, schon geringe Mengen können nachgewiesen werden. Doch „die Menge macht das Gift“, meint der 65-jährige.

„Nicht so schüchtern, kommen Sie näher, schauen Sie mal, können Sie da Eier drin erkennen, meine Augen sind nicht so gut“, winkt Müller und zieht eine große, unförmige Lupe aus der Tasche.

Das süße Gold, das seine fleißigen Bienen produzieren, klebt in den Waben im oberen Teil des Kastens fest, vom Rest des Stocks abgetrennt. „Damit die Königin keine Eier reinlegt“, erklärt Müller. Bedacht dreht er den Rahmen, in den sie eingebaut sind. Der Zucker kristallisiert aus, wenn die Waben voll sind.

Auch die Varroa-Milbe setzt seinen emsigen Bienchen nicht allzu sehr zu. Mit viel Behutsamkeit, um die Bienen nicht weiter aufzuscheuchen, zieht er ein kleines, aufgespanntes Netz aus dem unteren Teil des Bienenkastens. Das Netz ist weiß bis auf ein paar kleine dunkle Flecken, Abfallprodukte der Bienen. Auch mit der Lupe lässt sich keine tückische Bewegung der braunen Punkte registrieren. Ein gutes Zeichen, kein Milben-Befall. „Obwohl gar keine Varroa-Milben heutzutage eigentlich ungewöhnlich sind“, schmunzelt der Imker. Mit einer Ameisensäurebehandlung beugt er zweimal im Jahr einem Totalausfall des Bienenstocks vor. Für den Notfall ist auch gesorgt, zwei junge Volkableger sind in spätestens einem Jahr stark genug ein anderes zu ersetzen.

Schon im alten Ägypten und Mesopotamien war die Imkerei eine Tradition und wird im Deutschland der Neuzeit zum größten Teil hobbymäßig betrieben. Und dieses Hobby werden Müller Meinung nach auch noch in Zukunft viele Menschen betreiben. „Großstadt-Imker“-Kurse bekräftigen seine Aussage.

Der Imker aus Leidenschaft nimmt einen Kehrbesen zur Hand, vorsichtig und mit aller größter Sorgfalt wischt er vereinzelte Bienen vom Rand des Bienenkastens. Er hebt den schweren Deckel an und legt ihn mit viel Gefühl und fast zaghaft auf.  Dem Volk geht es gut, jetzt kann es sich wieder entspannen, von den Strapazen erholen und eifrig Honig produzieren.

Schlagartig wird es stiller. Einige, wenige Nektarsammlerinnen ziehen weiter summend ihre Kreise. Langsam, behutsam tritt Müller zurück. Erst in einiger Entfernung nimmt er die Schutzkleidung ab. In seinem Gesichtslatz hat sich eine einsame Biene verfangen: „Die ist da seit einem Weilchen drin, das stört mich weniger.“ Der Stresspegel sinkt, die Anspannung fällt ab, genug Adrenalin für heute. Aufatmen.

Vorschau: Nächste Woche folgt ein weitere Teil zur Veganer-Serie.

 


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