Im Bann der Mutter

Was wären wir ohne unsere Mütter? Oder anders herum: Was wären unsere Mütter ohne uns? Jedenfalls keine Mütter. Doch in unserem Kopf besteht ein Idealbild, wie eine Mutter zu sein hat. Fürsorglich, liebevoll, geduldig und verantwortungsbewusst. Eine Frau, die uns getragen und genährt hat, die Nächte an unserem Kinderkrankenbett verbrachte und keine ruhige Minute findet, wenn wir einmal nichts ans Handy gehen. Pustekuchen.

Stilisiert? Was gehört wirklich zu einer Mutter (© Petra Bork / pixelio.de)

Allem voran sollte eine Mutter ja die leibliche Mutter sein. Um es mal ganz trocken zu sagen: sie sollte uns im embryonalen und fötalen Zustand etwa 40 Woche in ihrem Uterus getragen, mit der Nabelschnur versorgt und schließlich unter Schmerzen aus dem dafür gedachten Körperteil gepresst haben. So. Angeekelt? Selbst schuld. Eine Mutter ist in erster Linie eben auch eine Frau. Sie hat Sex, Sex bis zur Befruchtung. Und dass die Sexualität unserer Mütter uns in jeder Form eher abstößt liegt daran, dass wir sie eben immerzu als rein fürsorgliches Wesen stilisieren. Eine Frau, die unseren Windelwunden Hintern mit Babypuder bestäubt hat, kann doch unmöglich sich lüstern auf einem Bett räkeln. Kann sie eben doch. Und noch viel mehr. Unser Kopf will diese Bilder nur nicht miteinander verknüpfen.

Entsexualisiert wurde die Mutter aber weniger von uns per se, als von der Gesellschaft, die uns das Mutterbild diktiert. Jaja, die böse Gesellschaft mal wieder. Aber das gehört eben dazu. Wie Frederic Hormuth in seinem aktuellen Programm treffend aufzeigt, diktieren uns sogenannte Reality-Shows im Fernsehen ja auch, wie ein Millionär, ein Topmodel, ein Harz-IV Empfänger, und noch andere auszusehen haben. Die Mutterfigur, wie wir sie kennen hat ihre Wurzeln aber lange vor der ersten schwarz-weiß Ausstrahlung. In der Aufklärung, im 18ten Jahrhundert also, wurde sie erschaffen. Aus rein pragmatischen Gründen: Um der immer höheren Kindersterblichkeit entgegen zu wirken. Bis dahin hatte, wer es sich leisten konnte, eine Amme, eher noch eine Amme pro Kind. Stillen war als tierisch verpönt,die Hausfrau hatte andere Dinge zu tun, als nett auszusehen und mit anderen Hausfrauen über dies und das zu reden. Die Aufklärung aber führte das Bild der fürsorglichen Mutter ein, deren Kinder erstens überlebten und zweitens zu respektvollen Erwachsenen heranwuchsen. Auch die Erziehung fiel ins Gebiet des Mütterlichen. Das Liebevolle kam nach und nach dazu, hochstilisiert und verglichen mit der Gottesmutter Maria.

Muttergefühle - erfunden und trotzdem da (Bild: Obermann)

Die Mutterliebe ist demnach nur ein erfundenes und uns auferlegtes Gefühl. Eine Mutter, die aufgrund von postnataler Depressionen ihr Kind erst mal nicht lieben kann, fühlt sich deswegen richtig mies. Als würde sie gegen die Natur verstoßen. Tut sie aber nicht. Zu früheren Zeiten bauten die Mütter erst Beziehungen zu ihren Kindern auf, wenn diese die ersten Wochen oder Lebensjahre überstanden hatten. Heute fühlen sich viele werdende Mütter von dem geforderten Gluckensein fast schon überfordert. Frauen, die wieder arbeiten gehen, nachdem sie ein Kind bekommen haben, müssen sich anhören, dass das der Entwicklung des Kindes abträglich sei. Mütter, die zuhause bleiben, müssen damit klar kommen, von vielen nicht ernst genommen zu werden. Wer das Idealbild nicht wenigstens anstrebt, sollte, so die Meinung der Gesellschaft, erst gar nicht Mutter werden. Und was ist mit Pflegemüttern, Tagesmüttern, Stiefmüttern, Adoptivmüttern, …? Sind sie nicht auch Mütter, die einen mehr, die anderen weniger, wie alle eben?

Die Mutterfrage lässt uns irgendwie nicht los. Aus den Märchen kennen wir böse Stiefmütter. In der Originalfassung der Brüder Grimm waren das noch leibliche Mütter. Kindermord ist ein gefundenes Fressen für die Medien und alle Welt schreit auf. Doch Mutterliebe ist nur erfunden und wie eine Frau sich ihrem oder einem Kind gegenüber verhält, hängt eben nicht von Übereinstimmungen im Genom ab, sondern von ihr selbst. Was sie nach der Geburt macht auch. Jede arbeitsliebende Karrierefrau kann nach der Geburt ihres Kindes plötzlich zur Hausfrau werden, andere sehen gerade dann einen Sinn für mehr Engagement. Muttersein kann sich nicht verallgemeinern lassen. Und doch ist es das, was jeder Chef macht, wenn er eine Frau nicht einstellt, weil sie wegen potentieller Geburten ausfallen könnte. Es ist das, was in unseren Köpfen spukt und das, was im Blick jeder stilechten Spielplatzmami liegt. Eine Mutter eben. Und meiner Meinung nach ist es höchste Zeit etwas daran zu ändern. Denn ich habe keine Lust, wie andere Mütter zu sein. Weder wie die einen, noch wie die anderen. Ich bin lieber ich, als Frau und als Mutter. Und meinen Sohn scheint das nicht zu stören.

Vorschau: Sonja nimmt sich nächste Woche das Thema Nachbarschaftsbeziehungen vor.



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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

Ein Gedanke zu “Im Bann der Mutter

  1. Toller Artikel 🙂 Hab mich sehr angesprochen gefühlt. Das Thema beschäftigt mich auch sehr seit ich selbst Mutter bin! Und oft hab ich mir die Frage gestellt wie ich ein gute Mutter werde und habe mich ertappt wie ich mich an anderen orientiere, oder an dem Bild wie es die Gesellschaft erschaffen hat. Ich hab mich nicht wohlgefühlt dabei, denn man ist nun wie man ist und ich bin anders als andere Mütter. Man sollte authentisch sein und sich nicht unter Druck setzen lassen, schließlich hat man seine Instikte und macht automatisch das Richtige… Ausnahmen gibt es immer.

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