Gefangen im Zwangsurlaub

Hattet ihr schon einmal Zwangsurlaub? Ob als unfreiwillige Beurlaubung vom Arbeitgeber selbst, oder als eigentlich mehr vorsorgliche Krankschreibung vom Arzt, auf Dauer kann es ganz schön nerven, nicht raus zu können. Gut, der Beurlaubte kann immerhin das Haus verlassen und seinen Spaß draußen suchen. Der Krankgeschriebene eher nicht.

Urlaub? Erzwungen wird’s wenig schön (Foto: T. Gartner)

Mir ging es Ende Januar so. Arbeitsunfähig, weil meine vorangegangene Erkältung meine Schwangerschaft ihrem normalen Ende schon näher gebracht hatte. Und die strikte Anweisung: Schonen. Wenigstens keine Bettruhe, wenigstens etwas. So toll fand ich das trotzdem nicht. Einerseits, weil ich meine Kollegen früher als geplant im Stich lassen musste, andererseits, weil auch ein Sofa irgendwann an Reiz verliert. Spätestens, als ich das Vormittagsfernsehprogramm auswendig wusste, war es mit der Gemütlichkeit zu Hause auch vorbei. Ich wollte raus, ich fühlte mich gefangen, die soziale Interaktion mit realen, lebenden Menschen fehlte mir ungemein. Mann und Sohn waren ja den ganzen Tag nicht da.

Wie Hausarest. Schnell fühlt mancher sich da isoliert (Foto: T. Gartner)

Vielleicht kennt ihr das ja. Auch wenn wir wirklich krank sind, vermissen wir über kurz oder lang unser normales Leben. Die Bekannten in Schule oder Uni, die Kollegen, die Freunde, ja selbst das Gesicht der Frau an der Wursttheke, die immer die gleiche Geschichte ihrer Nichte erzählt, nur weil die gerade zwei Monate älter als mein Sohn ist – ich wäre froh gewesen, sie zu sehen. Auf der anderen Seite waren natürlich alle anderen – die Freunde, Verwandten, Bekannte – mit Arbeit, Schule oder Uni bestens versorgt und hatten keine Zeit mal vorbeizuschauen. Noch dazu bei einer Kranken, das macht ohnehin nicht jeder so ohne Weiteres. Kurz: schön ist was anderes und wirklich erholend war diese Zeit, zumindest für meine Psyche, auch nicht.

Da ist es schon leicht zu verstehen, dass Menschen, die alleine wohnen, dazu noch arbeitslos sind und aus den verschiedensten Gründen eben nicht so gern das Haus verlassen, sich unweigerlich immer mehr abschotten. Selbst wenn sie Kontakt nach außen suchen, ist der nicht immer leicht zu finden. Irgendwie lebt man da doch in unterschiedlichen Welten. Bestes Beispiel: Großmütter, wenn der Mann schon gestorben ist. Da warten einige die ganze Woche auf Kind oder Enkelkind, um aus den Erzählungen noch irgendwie am Leben teilzuhaben. „Was soll ich denn da“, heißt es, wenn man ihnen den Vorschlag macht, doch auch mal rauszugehen. Aber wirklich verstehen können weder sie unsere Geschichten noch wir ihre Hausbesetzung.

Langeweile? Irgendwann ist jedes Buch gelesen, jeder Film gesehen, soziale Beziehungen fehlen (Foto: T. Gartner)

Meine Schonzeit, und damit auch mein Zwangsurlaub, gingen irgendwann vorbei. Erst wurde die Erkältung besser, dann kam die Geburt, und während ich noch damit beschäftigt bin, meinem neugeborenen Kind Dinge wie Milchtrinken und Schlafen beizubringen, wartet in ein paar Wochen schon wieder die Uni auf mich. Schön, denke ich mir. Schön, dass es weitergeht. Und dass sie nicht so lang war, die Schonzeit. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Menschen, die ein halbes Jahr im Bett liegen müssen, da zu erleiden haben. Irgendwann reichen Telefon und Internet eben nicht. Die Welt verkleinert sich, je länger wir ihr fern bleiben und irgendwann erreichen wir ihre Grenzen beim Überqueren der Türschwelle.

Vielleicht ist es bei dem Gedanken mal wieder Zeit, zur Großmutter – oder dem Großvater zu fahren – und wenigstens eine Viertelstunde mit ihm spazieren zu gehen. Es gibt bestimmt einen Freund, der gerade krank ist und Aufmunterung vertragen könnte. Oder einen anderen Menschen, von dem ihr wisst, dass er nicht so leicht aus dem Haus kommt. Wenn wir einmal in so eine Situation kommen, sind wir über jede Ablenkung, jeden Besucher, jeden Kontakt zur Welt da draußen wirklich dankbar.

Zwangsurlaub ist eben nicht einfach Urlaub, Entspannung und etwas Zeit für sich, sondern vor allem eines: Zwang. Und gezwungen wird keiner von uns gerne, oder?

Vorschau: Nächste Woche gibt uns Alexandra Einblicke in die Aufzeichnungen einer Nachteule.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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