Die Sache mit dem Sexismus

Jüngst durfte ich mir sagen lassen, ich sei sexistisch. Ich war milde überrascht, denn der Grund war, dass ich mich über Sexismus aufgeregt habe. Auslöser war ein Foto einen Rechtsanwalts, über das mittlerweile genug gesagt und an dem alles kritisierbare kritisiert wurde. Darum soll es gar nicht gehen. Die Verteidigung aber, mich als das anzugreifen, was ich anprangere, ist weder selten noch untypisch. Es erinnert leise an die Kindergarten-Streitereien, die mit „Selber“, endeten, weil einfach die Argumente fehlen. Und sie soll vor allem eines: Verletzen.

Was ist Sexismus?

Frauensache? Auch Männer sind von Sexismus betroffen (Foto: NeuPaddy / pixabay.de)

Sexismus bezeichnet schlicht Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Zu sagen, Frauen müssten weniger verdienen, weil sie schwächer und dümmer wären, wie es jüngst ein polnischer Abgeordneter gemacht hat, ist Sexismus. Und zu behaupten, Frauen müssten Kinder bekommen, weil das ihre biologische Aufgabe wäre, ist Sexismus. Zu erklären, Männer könnten mit Kinder nicht umgehen oder seien zu keinen echten Emotionen fähig, genauso. Sexismus ist also nicht auf die Frau beschränkt. Aber Frauen erleben häufiger Sexismus – und eine andere Art. Während Männer in sexistischen Äußerungen gerne zu Helden und Kriegern gemacht werden – wenn es nicht gerade um eine Erkältung geht – werden Frauen klein gemacht, untergeordnet, zu Menschen zweiter Klasse. Aber beide Geschlechter leiden darunter. Das macht Sexismus zum Äquivalent des Rassismus auf Geschlechterebene. In der Realität kommen beide oft zusammen vor, aber natürlich nicht immer.

Aber wir haben doch Gleichberechtigung?
Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Freiwillige Posen oder Male Gaze? Wenn Sexismus anerzogen wird (Foto: JerzyGorecki / pixabay.de)

Nein. Haben wir nicht. Wir arbeiten daran, noch immer. Und es hat sich eine Menge getan. Frauen dürfen selbst entscheiden, ob und wo sie arbeiten wollen – früher lag diese Entscheidung beim Ehemann oder dem Vater. Frauen dürfen wählen, Auto fahren, Hosen tragen, gewählt werden, … Klingt toll oder? Die frühen Feministinnen der 1920er Jahre würden einen Salto machen. Die Frau darf auch nicht mehr in der Ehe vergewaltigt werden. Und hey, der Mann darf Elternzeit beantragen. Doch das ist noch keine Gleichberechtigung. Und Vorsicht: Gleichberechtigung bedeutet nicht, etwaige mögliche Unterschiede nicht anzuerkennen, sondern lediglich, dass gleiche Rechte bestehen. Keine Gleichsetzung also. Dass Unterschiede individuell sind, und nicht mit dem Chromosomenhaushalt zu tun haben, ist dabei meine Meinung. Dass die schlechtere Bezahlung von Frauen, die Tatsache, dass es für Mütter viel schwerer ist, in den Beruf zurück zu kehren und Mädchen in MINT-Fächern und Studiengängen noch immer die Unterzahl sind – das ist keine Gleichberechtigung. Auch dass Frauen auf Bildern zu Deko-Objekten werden und weibliche Rundungen noch immer nach der Sex-Sells-Methode laufen, ist keine Gleichberechtigung. Das ist traurig und entwürdigend.

Ich bin sexistisch
Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Ist das so oder muss das so sein? Sexismus beeinflusst unser Leben täglich (Grafik: OpenClipartVectors / pixabay.de)

Der Vorwurf, ich wäre sexistisch, sollte ein Totschlagargument sein. Weil ich in dem Bild Merkmale erkannt habe, die sexistisch sind, muss ich ja sexistisches Gedankengut haben. Aber etwas zu erkennen und zu kritisieren ist etwas anderes, als damit einverstanden zu sein. Ich erkenne auch Rassismus. Macht mich das zu einem Rassisten? Jemanden vorzuwerfen, er wäre intolerant, weil er Toleranz nicht tolerieren kann – ja, das ist ein Problem. Und es ist ein Problem, dass wir alle mit sexistischen Motiven und Bildern überhäuft werden. Geschlechterklischees beginnen im Kindergarten. Hier lernen die Kinder bereits kennen, was Mädchen machen und was Jungs tun – wenn sie es von ihren Eltern und den Medien noch nicht beigebracht bekommen haben. Jungs dürfen keinen Nagellack tragen und raufen halt. Lange Haare bei Mädchen sind ja sooo schön und das Kleid erst. Hach. Ich nehme mich da nicht aus. Natürlich wurde ich nicht frei von Geschlechterzwängen erzogen. Das ist als Mitglied dieser Gesellschaft nahezu unmöglich. Aber gerade deswegen verstehe ich den Code. Und weil ich weiß, wo sich Sexismus versteckt, kann ich ihn selbst versuchen zu vermeiden und kritisieren, wenn ich ihn erkenne. Denn – und das ist schlicht meine Überzeugung – Sexismus ist einfach falsch.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

4 Gedanken zu “Die Sache mit dem Sexismus

  1. Schöner Artikel, der viele Punkte anspricht, bei denen ich völlig deiner Meinung bin.
    Hier muss ich dir allerdings widersprechen:
    Zitat: „Dass die schlechtere Bezahlung von Frauen, die Tatsache, dass es für Mütter viel schwerer ist, in den Beruf zurück zu kehren und Mädchen in MINT-Fächern und Studiengängen noch immer die Unterzahl sind – das ist keine Gleichberechtigung“
    Die Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts ist etwas, das nach wie vor mit Studien nur schwer ermittelbar ist. Ich behaupte: Lohnunterschiede existieren in den seltensten Fällen, weil der Arbeitergeber Frauen als minderwertig erachtet. Vielmehr spielen verschiedenste Faktoren (Ausbildung, Berufserfahrung oder Verhandlungsgeschick) mit, welche die Werte der Studien natürlich verzerren. Die Pauschalaussage, dass Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern nur aufgrund von Sexismus existiere, finde ich gefährlich, weil – wie gesagt – viele Faktoren hier zusammenspielen. Dazu sei auch gesagt, dass Männer in gewissen Berufsbranchen deutlich weniger verdienen als Frauen (beispielsweise in der Sozialarbeit).
    Zudem finde ich nicht, dass es irgendetwas mit Sexismus oder Gleichberechtigung zu tun hat, dass Frauen in den MINT-Studiengängen in der Unterzahl sind. Verbietet denn irgendjemand den Frauen, diese Studiengänge zu wählen? Hier spielt meiner Meinung nach persönliches Interesse eine viel grössere Rolle als vermeintliche Geschlechterrollen. Es gibt eben immer noch viele Frauen, die sich schlichtweg nicht für Technik interessieren – genauso wie es immer noch viele Männer gibt, die sich eben nicht für ein Psychologie-Studium interessieren. Inwiefern die gesellschaftlichen Strukturen diese Interessen beeinflusst hat, kann ich nicht beurteilen. Ich denke jedoch, dass es der falsche Weg ist, diese geschlechterspezifischen Interessenpräferenzen als nicht gleichberechtigt oder gar diskriminierend zu bezeichnen. Gleichberechtigung bedeutet für mich nämlich nicht, dass in jeder Berufsbranche genauso viele Frauen arbeiten müssen wie Männer (Stichwort: Frauenquote) – das wäre definitiv der falsche Ansatz. Sondern, dass alle Menschen dieselben Chancen haben, Entscheidungen zu treffen und ihren Weg zu gehen – völlig unabhängig von ihrem Geschlecht.

    • Dass viele Frauen sich nicht für Technik interessieren, liegt vielleicht daran, dass sie sich nicht für Technik zu interessieren haben bzw technische, mechanische und andere Belange ihnen eher selten nahegebracht werden.
      Väter nehmen beispielsweise ihre Söhne mit zum Schrauben am Wagen in der Garage mit, während Mädels andere, weniger „schmutzige“ Tätigkeiten nahegebracht werden.
      Der Bruder darf mit dem Vater Modellbauen oder bei üblichen Hausreparaturen helfen, aber für „ein Mädchen ist das nix“, (o-Ton mein Vater). Den Motorradführerschein durfte ich nicht machen, weil zu gefählrich (zu dem zeitpunkt baute der Bruder bereits seinen eigenen Chopper zusammen; ich durfte nur zusehen)
      Vermutlich läuft es auch heute in vielen Familien ähnlich ab. Man kann kein Interesse an einer Sache entwickeln, wenn man nicht in die Nähe desselben gelassen wird.
      Erst mit 47 Jahren habe ich den Motorradführerschein gemacht und mir im Selbststudium diverse Schrauber-Kenntnisse angeeignet. Eine Freundin riet mir, es zu lassen, weil es sehr unattraktiv wäre. Vermutlich bezog sie sich auf Schrammen, Dreck und abgebrochene Fingernägel.
      Sogar heute noch höre ich von manchen Männern (und vielen Frauen), dass Frauen nicht das nötige technische Verständnis mitbringen, dass es Bereiche geben soll, die den Mänenrn vorbehalten bleiben müssten und dass jegliche Art von technischem, logischem oder naturwissenschaftlichem Interesse (theoretisch oder praktisch) „irgendwie unfraulich“ sei, während beispielsweise das Herumstochern im Seelenleben anderer Menschen eher eine Frauensache zu sein scheint.
      Einfühlsame, empathische Männer werden gerne mal mit dem Adjektiv „schwul“ versehen. Auch eine Art von Sexismus.
      Fast jeder wird – bewusst oder unbewusst – von klein auf in eine bestimmte, „geschlechtergeeignete“ Richtung gedrängt, die die Berufswahl beeinflusst. Oder sind hier tatsächlich Frauen, die als Kind die Gelegenheit hatten, mal in nicht-mädchenhafte Bereiche hineinschnuppern zu können? Auch in den Schulen sitzen die Rollen schon fest: Kaum ein Junge besucht einen Handarbeitskurs und kaum ein Mädchen meldet sich für die Elektrotechnikwerkstatt – der Gruppenzwang steht solchen Orientierungsmöglichkeiten oft im Weg!

      • Liebe Suse,

        ganz genau. Viele dieser Zuschreibungen haben wir schon so verinnerlicht, dass es uns vielleicht im ersten Moment nicht auffällt. Wenn kleine Jungs auch ein Kleidchen anziehen wollen (oder Nagellack, oder lange Haare haben, etc.). Mädchen dagegen bekommen immer wieder zu hören wie hübsch sie doch seien und dass sie lachen sollten, weil sie das noch hübscher mache. Auch Kleinvieh macht Mist und auch kleine Geschlechterstereotype sind nichts anderes als Sexismus.

        LG
        Eva

    • Liebe Evelyne,

      natürlich hast du Recht, dass es immer mehrere Faktoren gibt, die an solche Ursachen Schuld ist. Aber auch eine schlechtere Ausbildung, Verhandlungserfahrung, etc. sind mit geschlechterstereotypischen Verhaltensmustern verbunden, die uns von klein auf eingetrichtert werden. Sehr interessant zum Thema selbstbewusstes Auftreten ist beispielsweise „The Confidence Code“ zweier amerikanischer Journalistinnen. Und natürlich werden auch Männer in bestimmten Berufen benachteiligt. Sexismus bezieht sich ja nicht nur auf Frauen. Ich sehe die Frauenquote auch kritisch, denn Qualität sollte immer über Geschlecht stehen. In der Realität ist das aber leider noch nicht angekommen.

      Lg und danke für deinen Kommentar
      Eva

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