Der Berliner Jungautor Dennis Stephan über sein Debut, Wortschöpfungen und erste Sätze

In Berlin: Der Jungautor Dennis Stephan lässt sich von der Großstadt inspirieren. (Foto: M. Franke)

In Berlin: Der Jungautor Dennis Stephan lässt sich von der Großstadt inspirieren. (Foto: M. Franke)

„Der Master kann warten“, meint Dennis Stephan (24), der bereits seinen Journalismus-Bachelor in Magdeburg absolviert hat  – denn seit Oktober 2013 kann man sein erstes Prosa-Werk im Internet kaufen: „Der Klub der Ungeliebten“. Dennis schrieb als Praktikant und Redakteur für verschiedene Magazine, darunter das internationale Lifestyle-Medium „Mate“ und das Szenejournal „Blu“ mit Sitz in Berlin (Anmer. d. Red.: Blu und Mate sind überregionale Lifestyle-Magazine). Er hat ein Auslandspraktikum in Wien beim Männermagazin Vangardist gemacht, für das er noch heute tätig ist. Sein Autorendebut „Der Klub der Ungeliebten“ ist im Incubus Verlag erschienen und erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die einigen Proben standhalten muss. Face2Face hat mit Dennis über Recherchearbeit, Zukunftspläne und markante Wortschöpfungen gesprochen.

Face2Face: Wie lange hast du an deinem ersten Satz „Licht bricht sich im Relief der zerkratzten Scheibe, fällt in das stickige S-Bahn-Abteil und macht die feinen Staubpartikel sichtbar, die in der warmen Luft schweben.“ im „Klub der Ungeliebten“ gefeilt?
Dennis: Daran habe ich wirklich lange gefeilt, denn die Sätze liegen teilweise bis zu fünf Jahre zurück. Als das Ende des Schreibmarathon in Sicht war, begann ich wieder am Anfang: Viele Dinge wurden gestrichen und neu formuliert, im Prolog wurde aus einem Ozeanriesen eine Lokomotive. Man muss bedenken, dass ich mit 19 Jahren angefangen habe das grobe Konstrukt des Klubs zu schaffen und die Idee zu entwickeln. In der Zwischenzeit ist viel passiert und ich habe die Grundidee verworfen, die Charaktere noch einmal neu aufgebaut. Die Handlung hat sich nach und nach ergeben und auch sprachlich hat sich viel entwickelt.

 Face2Face: Ist der „Klub der Ungeliebten“ ein notwendiges Buch?
Dennis: Für mich persönlich auf jeden Fall. Ich weiß, dass das Schreiben der Geschichte zu meiner Entwicklung beigetragen hat. Dieses Buch hat mich sehr lange begleitet und ich bin froh, dass es jetzt „überstanden“ ist. Es war eine lange Schwangerschaft und ich war glücklich, als der Kaiserschnitt eingeleitet wurde (lacht).

Das erste Werk ist vollbracht: Aber Dennis Stephan arbeitet bereits an neuen Ideen. (Foto: M. Piroddi)

Das erste Werk ist vollbracht: Aber Dennis Stephan arbeitet bereits an neuen Ideen. (Foto: M. Piroddi)

Face2Face: Lehnst du dich jetzt zurück und hörst auf zu schreiben? Die „schwere Geburt“ ist ja überstanden.
Dennis: Nein. Klar, bin ich schon irgendwie stolz und erleichtert, aber ich bin nicht stolz und nicht erleichtert genug, als dass ich jetzt aufhören könnte zu schreiben. Jetzt muss das nächste Buch kommen.

Face2Face: Wie hast du einen Verlag für deine Geschichte gefunden? Dennis: Als mein Manuskript soweit fertig war, dass ich es jemandem vorzeigen konnte – und ich bin Perfektionist, vor allem bei Dingen, die ich selbst produziere, das bedeutet, ich habe sehr lange gebraucht, bis ich es vorzeigen wollte – habe ich einige Bewerbungen an Verlage geschrieben. Über den Verlag Incubus (Anmerk. d. Red.: Der Incubus Verlag in Dortmund veröffentlicht seit 2012 Literatur in unterschiedlichen Genres) bin ich zufällig bei meiner Recherche gestolpert. Ich habe mich dort beworben und wurde prompt zurückgerufen. Sie wollten den restlichen Teil des Buches lesen und schon zwei Monate später hatte ich die Zusage, dass sie den „Klub der Ungeliebten“ verlegen werden.

Face2Face: Hast du dir bewusst einen Spartenverlag herausgesucht, der Literatur für Homosexuelle veröffentlicht?
Dennis: Nein, ich habe mich nicht explizit um einen bestimmten Verlag bemüht. Ich bin nicht der Meinung, dass es sich bei dem „Klub“ um schwule Literatur handelt. Es geht um universelle Themen: Um Liebe, Freundschaft, Einsamkeit, vor allem aber um das Anderssein oder Sich-anders-fühlen, und da liegt dann wohl die Schnittmenge. Wahrscheinlich ist einer der Protagonisten einfach deswegen schwul, weil es eine Form ist, von der Norm abzuweichen. Ich kann mich gut hineinversetzen und aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen. Es ist natürlich dadurch auch schwieriger eine Leserschaft zu gewinnen. Aber beim Incubus Verlag gehöre ich jetzt quasi zum Autorenstamm und habe viele Möglichkeiten mich auszuprobieren.

Face2Face: Was denkst du: Ist man Autor oder wird man Autor?
Dennis: Man ist Autor. Ich glaube, dass man entweder das Potenzial mitbringt mit Sprache umzugehen oder eben nicht.

Face2Face: Wie verhinderst du, dass sich die unterschiedlichen Schreibstile von Journalismus und Belletristik nicht vermischen?
Dennis: Ich mag es schön und gewählt zu schreiben, es soll nicht trocken sein, davon lebt der Lifestyle-Journalismus und zum Glück passt mein Stil dazu. Ich mag journalistische Darstellungsformen, wie Reportagen und Features. Aber ich weiß: Ich würde mich immer für die Autorenschaft entscheiden. Ich teile gerne mit, wie ich die Welt um mich herum wahrnehme und Schreiben ist mein Werkzeug, genau das zu tun.

Face2Face: Hattest du beim Schreiben eine bestimmte Zielgruppe im Blick?
Dennis: Ich weiß, dass lustigerweise, obwohl es ein Verlag ist, der Literatur für Homosexuelle veröffentlicht, viele Frauen zur Leserschaft gehören. Damit habe ich nicht gerechnet, aber daran habe ich beim Schreiben nicht gedacht. „Der Klub der Ungeliebten“ ist universell, nicht an Ort, Zeit, Geschlecht, Rasse oder sonst irgendeine Schublade gebunden.

Face2Face: Wie kann ich mir die Entstehung des Buches vorstellen?
Dennis: Ich bin kein handwerklicher Schreiber, der vormittags drei Stunden schreibt und dann jobben geht. Wenn, dann wäre ich schneller fertig geworden. Der Klub ist eine Aneinanderreihung verschiedener Gedanken, die ich die letzten fünf Jahre hatte und immer dann, wenn mir ein Handlungsstrang eingefallen ist, der Sinn ergab, habe ich ihn aufgeschrieben.

Face2Face: Wie hast du recherchiert?
Dennis: Für die von Coralie benutzten Betäubungsmittel habe im Internet recherchiert oder Begriffe wie Phillumenie nachgesehen. Aber dann gibt es wieder Stellen, die ich einfach improvisiert habe, die gesamte Verhörszene zum Beispiel, weil ich natürlich keinen Schimmer habe, wie so ein Gespräch mit einem Kripo-Beamter tatsächlich abläuft. Der Dialog entstammt meiner Fantasie. Man kennt die klassischen Verhörszenen und ich habe das zusammengemischt, was ich in Krimis gesehen habe.

klubcovergroßFace2Face: Fiel es dir leicht, deinen Text, zusammen mit dem Lektorat „auseinanderzunehmen“?
Dennis: Kennst du das Wort „beschwipst“?
Face2Face: Ja.
Dennis: Und kennst du das Wort „bekneipt“? Nein? Ich mochte das Wort sehr gern und hätte das beim Lektorat gerne durchgesetzt. (lacht) Ich bin kritikfähig, aber ehrlich, wer hört schon gerne Kritik, aber es geht darum, wer und wie und auf welcher Grundlage Kritik geäußert wird. Manche Freunde sind zum Beispiel nicht in der Lage zu differenzieren und beurteilen dann alles sehr subjektiv. Beim Lektorieren war das kein Problem, weil jeder Änderungswunsch gut begründet war und ich natürlich auch Verhandlungsspielraum hatte. Es geht ja im Lektorat letztlich nicht um „auseinandernehmen“, sondern ums Optimieren eines Textes.

Face2Face: Was brauchst du, damit du schreiben kannst?
Dennis: Emotionalen Input. Schreiben ist immer eine Art der Verarbeitung. Es ist die beste und die wirksamste Therapie für mich. Ich bin unglaublich produktiv, wenn ich traurig und betrübt bin. Melancholie ist ein Gefühl, das ich genieße, ebenso wie Momente des „vollkommenen Glücks“. Ich denke, was es tatsächlich braucht, sind Augenblicke, in denen ich mich selbst spüren kann.

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Face2Face hat im Oktober auch eine Rezension des Debuts veröffentlicht: „Der Klub der Ungeliebten“ Dennis Stephan präsentiert sein Debut.

Vorschau: Nächste Woche lest ihr im Panorama ein Interview mit dem Gewinner des Red Bull BC One – Das Red Bull BC One ist das weltweit größte und renommierteste One-on-One B-Boy Battle.

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