Der Algorithmus kann mich mal!

Zugegeben, ich tue mich schwer mit unserem Monatsthema. Dating-Apps. Wie das schon klingt. Als könnte man bei Bedarf einfach auf dem Handy tippen und schwupps taucht der passende Partner mit dem passenden Geschlecht auf, Geigenmusik ertönt, ein aphrodisierendes Essen wird serviert, während die App daran erinnert, sich auch ja in die Augen zu blicken. Verabredung nach Maß, Verlieben nach Klick, Partnerschaft nach Berechnung. Der Algorithmus brummt. Ich weiß, dass es bei einigen hervorragend funktioniert, aber das System dahinter schmeckt mir ganz und gar nicht.

Verlieben ist alles

Ohne Partner? Das geht in unserer Gesellschaft so gar nicht (Foto: iAmMrRob / pixabay.de)

„Alle zehn Minuten verliebt sich ein Single“ – was für eine Ansage. Immer der gleiche? Verliebt sich auch jemand in ihn oder sie? Die Aussage wackelt gewaltig und ihr steht etwas gegenüber, das keine Zahlen nennen kann. Die analoge Welt, in der sich meiner reinen Vermutung nach, viel öfter als alle zehn Minuten ein Single verliebt. In jemanden, den er oder sie gerade getroffen hat, schon länger kennt, von dem er es nie erwartet hätte, bei dem die Frage, ob sich diese Person zurückverliebt genauso groß ist. Denn das Verlieben, seien wir ehrlich, ist selten unser Problem. Das zeitgleiche ineinander Verlieben schon eher. Und unser Leben ist auch durchaus lebenswert, ohne dass uns jemand erklärt, wir wären nur eine „bessere Hälfte“. Wir sind absolut glücklich mit dicken Freunden, finden Erfüllung in unserer Berufung, genießen die Freiheit nicht auf Kompromisse einer Beziehung eingehen zu müssen. Und doch schallt es von allen Wänden: wir müssen uns verlieben, nur als Paar ist der Mensch komplett.

Also gut

Die Sucht nach Nähe. Sie steckt oft tief in uns (Foto: aitoff / pixabay.de)

Ja, ich und mein hohes Ross, auf dem ich nach über zehn Jahren Beziehung mit Hochzeit und Kindern und so sitze. Mea culpa. Und doch ändert das nichts an meiner Meinung dazu. Es braucht keinen Partner und keine Partnerin, um „anzukommen“. Es darf ihn aber geben. Nun stecken wir in dieser Gesellschaft, die uns ständig fragt, wann es denn bei uns soweit ist, mit Partner, Kind und so weiter. Rollen wir mit den Augen und gestehen uns ein, dass der Mensch so oder so nach Nähe giert. Sex und Kuscheln, ausgiebiges Quatschen, Küssen und Händchenhalten. Das tut uns gut, ich hör ja schon auf zu meckern. Uns wird gesagt, wir brauchen Partnerschaft und vielleicht ist das auch so und an der Stelle möchte ich erweitern: Egal wie viele Partner, welches Geschlecht sie haben und wie lange es „hält“. Der Mensch als Rudeltier. Trotzdem meckere ich über Dating Apps, dann erst recht.

Der Mensch, ein Zahlenmeer

Verwandelt uns in ganze Zahlen: der Algorithmus (Foto: geralt / pixabay.de)

Dating Apps laufen mit Algorithmen, die aus den Daten, die wir eingeben, Berechnungen darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir zu bestimmten Menschen passen. Je mehr Daten, desto genauer und mit der Zeit haben diese Algorithmen dazu gelernt. Dass regionale Faktoren berücksichtigt werden müssen, dass manche Punkte wichtiger sind, als andere, dass wir uns selbst manchmal nicht so gut kennen, wie wir glauben. Der Algorithmus aber will uns ganz genau kennen. Besser als wir uns selbst. Bei dem Gedanken läuft es mir schon eiskalt den Rücken herunter. Wo entblößt man sich mehr, als bei Partnern? Gerade diese Details erfasst der Algorithmus. Wir werden nicht nur gläsern, wir werden zu einem Zahlenmeer, das radikal kategorisiert wird. Schubladen deluxe. Und aufgrund dieser Schubladen werden wir mit den passenden Socken – äh – Partnern zusammengesteckt. Ja, das widerstrebt mir zutiefst, denn wie die Mischung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden für einen Menschen sein muss, damit aus einer Verabredung eine Bindung (vielleicht auf Lebenszeit) wird, kann nicht berechnet werden. Weil Menschen sich ändern. Vielleicht nur in Nuancen, aber dafür stetig, ohne Unterlass. Und ohne System.

Der digitale Schutzraum

Nur einen Klick entfernt? Möglich, aber mit einem Haken (Foto: stevepb / pixabay.de)

System gibt es dagegen bei den Dating-Apps zur Genüge. Die Treffer passen auf den ersten Blick, persönliche Treffen sollen das vertiefen, denn (na sowas) nur digital ist scheinbar auch nicht gut. Was aber fehlt, ist dieser kleine Funke der Annäherung. Bei einer Dating App weiß ich, dass der andere auch sucht und was er sucht. Ich muss mir nicht die Mühe machen, mich vorzustellen und mich bemühen, eine Annäherung zu schaffen. Das übernimmt die App. Praktisch, praktisch, wenn es nicht mehr um langsames Aufeinanderzugehen geht. Funktioniert schneller, man weiß, woran man ist (wenn alle ehrlich sind) und wir riskieren im ersten Moment weniger. Der digitale Schutzraum ist eine Blase, die es uns einfacher macht, ohne Frage. Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass es einfach sein soll. Gerade am Anfang nicht. Ich glaube, Verabredung auf Knopfdruck ist wie Instant-Kaffee oder eine Fertig-Lasagne. Manchmal ok, manchmal sogar richtig, richtig gut, aber oft leider wesentlich schlechter als ein frisch gemahlener Espresso oder eine heiße Lasagne, die man selbst gekocht hat. Ohne Frage, es gibt sie. Die, die nur dank Dating Apps ihre große Liebe finden und ich gönne es ihnen aus tiefstem Herzen. Das System dahinter finde ich dennoch hochproblematisch.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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