Depression – erschreckend real

Es ist keine Woche her, da saß ich mit meiner Mutter im Auto und wir kamen, wie so oft, auf einen Teil unserer Vergangenheit, der sich aus vielen Komponenten zusammensetzte, die letztlich auf eines hinausliefen. Scheidung, Mobbing, Unsicherheit, Angst, Einsamkeit, Pubertät, Sorgen kombinierten sich zu einer depressiven Phase. Und bei mir manifestierte sich dieses Depression in einer Essstörung. Weder mit dem einen, noch mit dem anderen bin ich in Deutschland allein. 4,9 Millionen Menschen erkranken in Deutschland laut der Deutschen Depressionshilfe jährlich an einer Depression, die behandelt werden muss.

Volkskrankheit?

Viele Gründe: eine Depression ist nicht immer leicht zu erklären (Foto: Hastywords / pixabay.de)

Viele Gründe: eine Depression ist nicht immer leicht zu erklären (Foto: Hastywords / pixabay.de)

Nicht jede depressive Phase ist dabei ein Tief, aus dem der einzelne nicht wieder selbst herausfindet. Manchen hilft eine positive Nachricht, ein Urlaub, eine Beziehung oder ein anderer Mensch, der sie immer wieder animiert, ihnen hilft, ihre Energien zu wecken und vor allem, mit dem sie reden können, ohne angeprangert zu werden. Denn noch immer ist eine Depression etwas, worüber wir Deutsche nur ungern sprechen. Psycho eben. Nicht normal. Und nicht so offensichtlich, wie ein Beinbruch. Eine Depression sieht niemand, sie kann sich hinter einem Lächeln verbergen, hinter vielen Aktivitäten, die den Betroffenen ablenken sollen. Und nicht selten treten neben der Depression eben auch andere Krankheitsbilder auf. Essstörungen, Alkoholismus, Drogensucht. Die WHO hat mittlerweile die Depression als eine der größten Volkskrankheiten bestätigt, sie steht an erster Stelle der Krankheiten, die das Leben der Betroffenen stark beeinflussen.

Voll depri

Gefährlich! Die Hälfte aller Betroffenen unternimmt mindestens einen Selbstmordversuch (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Gefährlich! Die Hälfte aller Betroffenen unternimmt mindestens einen Selbstmordversuch (Foto: Unsplash / pixabay.de)

Schon als Jugendliche bezeichneten wir schlechte Momente als „voll depri“. Tatsächlich kann eine depressive Phase Tage oder auch Jahre andauern, immer wieder kommen, gerade wenn sie nicht behandelt wird. Dass gerade Heranwachsende irgendwann mit dem Gefühl der inneren Leere, der Planlosigkeit und einem nihilistischen Gefühl das eigene Sein betreffend konfrontiert werden, wird immer wieder breit in Literatur, Film und Musik aufgegriffen. Doch auch in anderen Lebensphasen treten vermehrt Depressionen auf. Etwa der sogenannte Babyblues nach der Geburt, wenn der Hormonhaushalt verrücktspielt. Oder aber im Alter, wenn körperliche Beeinträchtigung denn Alltag immer stärker beeinflusst. Auch nach traumatischen Erfahrungen neigen Menschen zur Depression und bereits Kinder können betroffen sein. Dann wird alles in der Welt unwichtig, die eigene Leistung tritt in den Hintergrund, ein Leid, das zwischen Weltschmerz und individueller Mutlosigkeit variieren kann, nimmt überhand. Etwa die Hälfte aller Menschen mit schweren und wiederkehrenden Depressionen begeht mindestens einen Selbstmordversuch.

Depressionen erkennen

Begleiterscheinung? Depressionen und andere Krankheiten begünstigen sich gegenseitig (Foto: Hastywords / pixaba.de)

Begleiterscheinung? Depressionen und andere Krankheiten begünstigen sich gegenseitig (Foto: Hastywords / pixaba.de)

Es gibt unterschiedliche Arten von Depressionen, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Während manchen Betroffenen eine Sprachtherapie hilft, brauchen andere Medikamente und wo einige quasi stätig depressiv sind, erfahren andere neben den Phasen des Tiefs Momente der Manie. Hauptmerkmale einer Depression ist eine negative Stimmung, der Verlust von Interessen und Freuden, ein verminderter Antrieb. Daneben können aber auch ein verminderter Appetit, negative Zukunftsvorstellungen, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und geringere Konzentration Hinweise sein. Wichtig dabei ist der zeitliche Verlauf. Eine schlechte Woche muss nicht gleich eine Depression sein. Wiederkehrende Phasen aber, die mit körperlichen Beschwerden oder Verhaltensänderungen auftreten können auf eine Depression hinweisen und sollten nicht übersehen werden. Auffallend ist dabei, dass Betroffene oft ihren seelischen Zustand selbst nicht richtig einschätzen, herunterspielen, stattdessen aber ihre körperlichen Beschwerden viel stärker wahrnehmen.

Die Leere füllen

Der Sturm in uns: Depressive nehmen sich und ihre Umwelt oft anders war (Foto: bykst / pixabay.de)

Der Sturm in uns: Depressive nehmen sich und ihre Umwelt oft anders war (Foto: bykst / pixabay.de)

Die Depression ist gerade deshalb eine schleichende Krankheit, die im Verborgenen wachsen kann, bis es zu spät ist. Familie und Freunde bleiben dann geschockt zurück, mit Selbstvorwürfen, Wut und Trauer. Dabei verstehen es manche Depressive gut, ihre Probleme herunter zu spielen. Regelmäßiger Austausch ist essentiell. Reden hilft, reicht aber eben manchmal nicht. Selbsthilfegruppen sind eine gute Möglichkeit, mit anderen Betroffenen in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig zu stützen. Manchen hilft Malen oder die Kunst, andere suchen sich eine Aufgabe, die sie als sinnvoll erachten. Wichtig ist, die Depression nicht herunter zu spielen und professionelle Hilfe zu Rate zu ziehen. Sie ist keine schlechte Laune, sondern eine echte Krankheit, die manchmal eben auch mit richtigen Medikamenten behandelt werden muss. Wenn die Gesellschaft das endlich versteht, können nicht nur Menschenleben gerettet werden, sondern viele aufgefangen werden, bevor sie sich im Kreis der wiederkehrenden Depressionen wiederfinden. Ich hatte Glück und lernte, dass ich mir mit Schreiben selbst helfen kann. Und doch kenne ich sie noch, die Momente der Lähmung, die Kälte im Innern, die Gleichgültigkeit das eigene Selbst betreffend. Beängstigend und erschreckend real.

Vorschau: In zwei Wochen schreibe ich hier über ein Projekt des Wahnsinns, das Herausgeben einer Anthologie.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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