Begeisterung begeistert – warum wir lieben sollten, was wir tun

Am vergangenen Wochenende habe ich ein Seminar zu kreativem Schreiben gehalten. Eine der Aufgaben für die Studenten, die nicht nur literarisch schreiben wollen, sondern – wie könnte es an einer Uni anders sein – vor allem Interesse an Hilfestellungen fürs wissenschaftliche Schreiben hatten. Zu trocken sei der deutsche Stil in der Fachliteratur, zu einengend die Regeln. Wer Sachbücher liest weiß, dass der Grad zwischen der Aneinanderreihung von Fakten und der Vermittlung von Begeisterung für ein Thema eigentlich gar nicht so ein schmaler ist. Woran liegt es dann, dass Sach-, Fach- und allgemein wissenschaftliche Texte so einen langweiligen Ruf haben?

Informativ oder erzählend

Fehl am Platz? Begeisterung lässt Unterricht zum Spaß werden (Foto: facethebook/pixabay.com)

Im Genre Fantasy existierte lange eine strikte Trennung von Gut und Böse. Und die zog sich durch so ziemlich alle Kategorisierungen hindurch. Schon Shakespeare wusste, dass Hexen hässlich sein müssen. Heute sind wir zum Glück viel weiter. Filme wie „Maleficent“ zeigen die tiefe Psychologisierung, die hinter einem gefallenen Helden stecken kann. Nur Gut ist niemand. Warum also müssen dann Fachtexte nur informativ sein? Die meisten kennen solche Texte aus der Schule oder aus dem Studium. Da muss möglichst viel Information auf möglichst kleinem Raum zusammengefasst sein. Platz und Zeit (zum Lesen) sind Geld. Und die Kinder sollen ja nicht unterhalten sondern unterrichtet werden. Weil uns das aber schnell langweilt, gehen wir später an Sachbüchern mit gerümpfter Nase vorbei. Muss das so sein?

Schönheit des Wissens

Der Nerd in uns. Wir alle wissen in manchen Bereichen mehr als andere (Illustration: Comfreak/pixabay.com)

Wer gerne Dokumentationen schaut, weiß, dass Wissen interessant ist. Das Medium Film hat den großen Vorteil, Fakten mit Bildern zu verschönern. Egal wie trocken die Stimme aus dem Off spricht, malerische Naturaufnahmen, nachgestellte Szenen historischer Ereignisse, Diagramme und Interviews bieten eine Abwechslung und helfen uns, das Wissen auch zu behalten. Der Mensch glaubt, was er sieht. Wir sind visuelle Wesen. Wen ein Text uns nicht die Möglichkeit gibt, unsere Vorstellungsgabe einzusetzen, verfliegt er schnell wieder. Leser wissen das. Und schon die Kinderbücher für die Kleinsten setzen genau darauf. Nicht umsonst sind das Bilderbücher. Wie kann jetzt aber ein Text voller Informationen unsere Phantasie anregen, so dass wir Bilder „sehen“?

Begeisterung, die Geister anregt

Be-Geist-ert? Begeisterung lässt komplizierte Themen kinderleicht werden (Illustration: johnhain/pixabay.com)

In meinem Seminar ließ ich die Teilnehmer kurze „Expertentexte“ schreiben. Texte aus einem Bereich, für den sie sich begeistern, wo sie sich aus Interesse und Leidenschaft Wissen angeeignet haben, das andere nicht kennen. Von zwanzig Teilnehmern schrieb jeder etwas anderes. Nur ein Thema wurde zweimal angegangen – und das auch in unterschiedlichen Bereich: Fußball. Zwei der Texte wurden vorgelesen und ernteten Applaus. Warum fanden es plötzlich alle toll, solch ein Wissen vermitteln zu bekommen, das, wie einer der Teilnehmer sagte, „nerdy“ war? Es lag an der Begeisterung. „Wir reden gleich anders, wenn wir uns gern mit dem Thema beschäftigen“, meinte auch einer der Teilnehmerinnen. Offener, lebendiger, witziger, aber auch bildlicher. Wir verpacken trockenes Wissen in unsere Leidenschaft und erreichen die Vorstellungskraft der anderen.

Liebt, was ihr tut

Begeisterung für das eigene Thema ist also elementar, wenn wir Begeisterung erzeugen wollen. Und das geht bei jedem Thema. Hawking ist nicht nur so ein großartiger Wissenschaftler, weil er verdammt schlau ist, sondern weil er die Themen, über die er forscht, mit Leidenschaft angeht. Seine Bücher sind nicht nur für Leute vom Fach interessant, sondern begeistern Millionen Leser. Bastian Stick hat gerade durch den amüsanten Zugang in „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ die Aufmerksamkeit auf den Sprachwandel gelenkt. Die Grundlage jedes Schreibens, jedes Künstlers, jedes Redners ist darum Leidenschaft. Mit ihr werden wir Experten, nerdy aber begeisternd.

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Über Eva-Maria Obermann

Jahrgang 1987. In Schifferstadt aufgewachsen, bestand sie im Mai 2012 den Bachelor of Arts mit Auszeichnung und beendet aktuell ihr Master-Studium an der Universität Mannheim. Ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“ erschien 2009, ihr Kinderbuch „In Mamas Bauch“ 2010. 2013 veröffentlichte sie die Sammlung „DichterZusammen“ als Mitherausgeberin und -autorin und ist außerdem in einigen Anthologien vertreten. 2017 erscheint ihr Fantasy-Roman "Zeitlose - Simeons Rückkehr" sowie ihr Liebesroman "Ellas Schmetterlinge". Sie schreibt für das „Schifferstadter Tagblatt“ und ihren Blog „Schreibtrieb“. Die dreifache Mutter ist seit 2012 verheiratet und hat auch schon für das dm-Glückskind-Magazin geschrieben. Für die Kolumne von Face2Face verfasst sie seit der Gründung Beiträge und genießt dabei die Themenvielfalt und den freien Stil. Als Rubrikenleiterin organisiert sie Themenfindung und -verteilung. Im Lektorat arbeitet sie mit mehreren Autoren und ihren vielseitigen Themen zusammen.

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