Original Unverpackt oder: mein Aha-Erlebnis

Puh, ist das schwer! Erschöpft lasse ich die beiden Einkaufstüten auf den Fließenboden der Küche plumpsen. Als ich gerade mit dem Ausräumen beginnen möchte, fällt es mir wieder ein: Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit Sarah Boeck, der Pressesprecherin von Original Unverpackt. Das Supermarkt-Konzept, bei dem auf Einwegverpackungen verzichtet wird, stieß auf so viel Zuspruch, dass die Gründerinnen Sara Wolf und Milena Glimbovski gemeinsam mit ihrem Team vor etwa einem Monat ihren ersten Laden in Berlin-Kreuzberg eröffnen konnten.

Happy: Die beiden Original Unverpackt-Gründerinnen vor ihrem ersten Laden in Berlin (Foto: Jendrik Schröder/ Quelle: Original Unverpackt)

Happy: Die beiden Original Unverpackt-Gründerinnen vor ihrem ersten Laden in Berlin (Foto: Jendrik Schröder/ Quelle: Original Unverpackt)

Zuspruch bedeutet in dem Fall übrigens Auszeichnungen der Investitionsbank Berlin und des Bundeswirtschaftsministerium sowie ein von SAP gefördertes Stipendium. Über eine Crowdfunding-Kampagne kam das für die Ladeneröffnung benötigte Geld innerhalb weniger Tage zusammen. „Dass unsere Idee so gut ankommt, ist für uns immer noch unbegreiflich“, sagen die Gründerinnen selbst.

Aber was ist denn bitte so toll daran Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Lebens ohne Verpackung einkaufen zu können?

Auf der Original Unverpackt-Website wird deutlich worin die Motivation für das Projekt besteht: 16 Millionen belastende Tonnen Verpackungsmüll gibt es jährlich allein in Deutschland. In einem Bericht des Focus, der sich auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützt, fielen 2012 in Deutschland im Durchschnitt 611 Kilogramm Müll je Einwohner an. Das ist mehr als der bis dato dickste Mann der Welt zu seinen „Glanzzeiten“ auf die Waage brachte (Anm. d. Red.: Manuel Uribe starb im Mai diesen Jahres im Alter von 48 Jahren). Man stelle sich dieses Gewicht in Plastiktüten und Papierverpackungen vor!

Unsicher blicke ich in meine Einkaufstüten und stelle fest: So gut wie jedes der Produkte darin ist nochmal extra verpackt. Bananen und Äpfel befinden sich streng voneinander getrennt in dünnen Kunststoffbeuteln. Meine heißt geliebten Avocados liegen in einer Plastikschale mit Papiereinlage – das Ganze steckt in einer Plastikverpackung. Immerhin den Kürbis habe ich nicht eingetütet – Glanzleistung! Das darauf klebende Etikett wird später auch im Müll laden. Mehl, Reis, Nudeln, Joghurt – ich habe scheinbar mehr Müll als Lebensmittel in meinen Einkaufstaschen.

Erschreckend: 16 Millionen belastende Tonnen Verpackungsmüll gibt es jährlich allein in Deutschland (Foto: Goehlmann)

Erschreckend: 16 Millionen belastende Tonnen Verpackungsmüll gibt es jährlich allein in Deutschland (Foto: Göhlmann)

Zu dieser Erkenntnis sind in letzter Zeit wohl einige gelangt. Zumindest stürmten die Leute am Eröffnungstag in Scharen zum ersten Original Unverpackt-Laden. „Die Kunden haben uns die Bude eingerannt“, erzählte mir Boeck, „es war sagenhaft!“ Bisher sei der Besucheransturm ungebrochen. Von Minimalisten, die nicht mal eine Bremse am Fahrrad haben, über junge Grafikdesigner und neugierige Eltern bis hin zu ökobewussten, älteren Damen sei in ihrer Kundschaft wirklich jeder vertreten, so Boeck.

Aber wie funktioniert das genau – unverpacktes Einkaufen? Die Lebensmittel können per Handdruck aus Spendersystemen, sogenannten Bulk Bins, in selbst mitgebrachte Behältnisse umgefüllt werden. Wer kein eigenes Gefäß dabei hat, kann sich Behälter aus dem Pfandsystem leihen oder bereitgestellte Recycling-Papiertüten verwenden.

Müsli, Pasta und weitere Dinge des alltäglichen Lebens würden sich derzeit noch besser verkaufen als Kosmetika, wobei die Leute auch hier experimentierfreudig seien und die wiederauffüllbare Creme testen, berichtete mir Boeck weiter.

So geht´s: Die Lebensmittel können per Handdruck aus Spendersystemen, sogenannten Bulk Bins, in selbst mitgebrachte Behältnisse umgefüllt werden (Foto: Jendrik Schröder / Quelle: Original Unverpackt)

So geht´s: Die Lebensmittel können per Handdruck aus Spendersystemen, sogenannten Bulk Bins, in selbst mitgebrachte Behältnisse umgefüllt werden (Foto: Jendrik Schröder / Quelle: Original Unverpackt)

„Absoluter Kassenschlager sind derzeit aber Zahnputztabletten“, so die 28-Jährige. Weniger Müll und weniger Lebensmittel, die weggeschmissen werden, da sich jeder abfüllen kann, was er an Menge benötigt – das Konzept „Original Unverpackt“ scheint zu funktionieren. Für die Zukunft ist der Aufbau eines Franchise-Systems geplant, wie mir Pressesprecherin Boeck sagte. Zahlreise Anfragen mit Bitten potentieller Kunden doch auch in ihren Heimatstädten einen Laden zu eröffnen seien bereits hereingeflattert – das Interesse am Einkaufen ohne Verpackungsmüll ist also groß.

Zurück zu meinem Einkauf oder besser gesagt zu meinem Müllberg: Nach dem Ausräumen und der erschütternden Erkenntnis, die ich dabei gewonnen habe, brauche ich erst mal einen Tee. Gedankenverloren öffne ich die Papierschachtel und will mir gerade einen Teebeutel herausfischen als mir auffällt: Selbst die Teebeutel stecken einzeln verpackt in kleinen Papierbriefchen. Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Original Unverpackt:
Wiener Straße 16 in 10999 Berlin.

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag von 10:00 bis 20:00 Uhr Samstag von 09:00 bis 19:00 Uhr

Müllvermeidung – Lösungsansätze:
Bis auch in eurer Heimatstadt ein Original Unverpackt-Laden eröffnet, kann es noch ein wenig dauern. Deshalb haben wir für euch ein paar Tipps zusammengestellt, wie ihr zumindest auf einen Teil des Verpackungsmülls verzichten beziehungsweise euch den Müll zu Nutzen machen könnt:

1. Die Plastiktüten zum Wiegen von Obst und Gemüse eignen sich wunderbar als Müllbeutel, beispielsweise für euren Badmülleimer. So schlagt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe: Indem ihr keine extra Müllbeutel kauft, produziert ihr weniger Müll und spart dabei sogar noch etwas Geld.

2. Der Einkauf liegt auf dem Band an der Kasse, aber wie transportiert man ihn nun nach Hause? Anstatt bei jedem Einkauf neue Plastiktüten zu kaufen, könnt ihr euch einfach einen Einkaufskorb oder ein paar Stofftaschen zulegen. Das ist zwar ein wenig teurer, wird sich allerdings mit der Zeit rechnen, denn die Tüten an der Kasse sind ja auch meist nicht umsonst.

3. Wieder mal zu viel eingekauft? Oft sind die kaufbaren Mengen einfach zu groß und es ist schlichtweg nicht möglich alles vor dem angegebene Verfallsdatum aufzubrauchen. Foodsharing ist die Lösung für dieses Problem: Nicht mehr benötigte Lebensmittel können auf der Plattform foodsharing.de kostenlos angeboten und anderen Menschen zur Verfügung gestellt werden. Nichts weggeworfen und jemand anderem noch eine Freude gemacht – was kann es Schöneres geben?

Vorschau: Am Dienstag, 4. November erklärt euch Julia warum ein Student ehrenamtlich in Guatemala Nachhilfe in Musik gibt.

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Über Tatjana Gartner

Jahrgang 1989. Sie ist in Heidelberg geboren und in Speyer aufgewachsen, schloss ihr Germanistik-Studium an der Universität Mannheim 2012 mit dem Bachelor, ihr Medien- und Kommunikationsmanagement-Studium an der SRH Hochschule Calw 2013 mit dem Master ab. Während ihres Studiums absolvierte sie mehrere Praktika, unter anderem bei der Rheinpfalz, dem ZDF und der Deutschen Presse-Agentur. Im Herbst 2010 gründete sie gemeinsam mit Kommilitoninnen an der Universität Mannheim „Face2Face – das Online-Magazin“, das sie bis heute leitet. Sie schreibt am liebsten über spannende Persönlichkeiten und bewegende Schicksale, aber auch „leichte Koste“, wie Tutorials und Tipps und Tricks, zählen zu ihrem Repertoire. Und wenn ein Lifestyle-Thema auf den Prüfstand muss, stellt sie sich auch gerne mal einem Selbstversuch.

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