„MS ist keine Strafe, sondern eine Aufgabe“

Etwas gehetzt komme ich am Speyerer Postplatz an. Ich bin wie immer zu spät dran. Und natürlich wartet sie schon auf mich. Sie ist ein bisschen blass. Ihr Körper wirkt zierlich, fast schon zerbrechlich. Doch ansonsten deutet nichts darauf hin, dass sie noch vor wenigen Tagen im Krankenhaus lag.

Blick nach vorne: Svenja sieht ihre Krankheit MS als Aufgabe, nicht als Strafe (Foto: privat)

Blick nach vorn: Svenja sieht ihre Krankheit MS als Aufgabe, nicht als Strafe (Foto: privat)

Svenja Mohr ist 22 und hat Multiple Sklerose, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die je nach Patient ganz unterschiedliche Ausprägungen haben kann.
Als Svenja im Dezember 2012 eines Morgens aufsteht und schlaftrunken gegen die Zimmertür läuft, denkt sie sich dabei nicht viel. „Klingt lustig und war es zuerst auch“, erzählt mir die junge Frau, als wir die Maximilianstraße entlang gehen. Sie muss sogar jetzt noch grinsen, wenn sie daran zurückdenkt. Dabei glitzert ihre Zahnspange frech in der Mittagssonne.

Dann erzählt sie weiter: „Beim Zähneputzen habe ich dann gemerkt, dass meine rechte Gesichtshälfte taub ist und beim Frühstück war ich dann sicher: Da stimmt etwas nicht!“
Svenja kommt ins Krankenhaus. Dort werden jede Menge neurologische Tests gemacht: bei geschlossenen Augen mit dem Finger auf die Nase tippen, die Zehen aufstellen und beugen, gerade auf einer Linie laufen. Svenja nennt sie Affentests, weil sie sich bis heute komisch dabei vorkommt, wenn sie sie bei ihren regelmäßigen medizinischen Kontrollen machen muss. Blutuntersuchung, Hirndruckmessung und die Messung der Hirnströme mithilfe von elektrischen Impulsen über Akkupunkturnadeln in Kopf und Schultern folgen. Das MRT bringt schließlich ein Ergebnis: In Svenjas Gehirn sind graue Schatten zu sehen.

„Ich hatte solche Angst, es wäre Krebs“, erzählt mir die 22-Jährige, „es war eine richtige Erleichterung, als mir gesagt wurde, dass es kein Krebs ist.“ Nachdem auch eine Hirnhautentzündung ausgeschlossen werden kann, fällt der Verdacht der Ärzte auf Multiple Sklerose, kurz MS. Doch die Diagnose kann erst bestätigt werden, wenn es einen zweiten Krankheitsschub gibt.

Der lässt nicht lange auf sich warten: „Ich saß bei meinem Freund im Auto – das war im Januar 2013 – und plötzlich fing meine Hand an zu zittern. So ging das dann zwei oder drei Stunden.“ Nach einem weiteren MRT stellt der Radiologe die Diagnose: MS.

Zuversichtlich: Svenja hofft auf eine intravenöse Therapie mit einem neuen, vielversprechenden Medikament (Foto: privat)

Zuversichtlich: Svenja hofft auf eine intravenöse Therapie mit einem neuen, vielversprechenden Medikament (Foto: privat)

Ruhig sieht mich Svenja an. Wir haben uns inzwischen in ein Café gesetzt. Ich fühle mich etwas unsicher. Fast glaube ich, mich hat ihre Diagnose mehr getroffen als sie im ersten Moment. Zu meiner Erleichterung muss ich gar nicht nachhaken – sie erzählt von sich aus, ganz frei und locker: „Am Anfang habe ich ziemlich cool reagiert. Erst nach einem sehr starken Schub im April 2013 wurde mir meine Krankheit so richtig bewusst. Mein Körper wurde völlig taub. Innerhalb von zwei Tagen konnte ich meine Beine nicht mehr bewegen. Ich versuchte auf Krücken zu gehen, aber dann hatte ich auch in den Armen keine Kraft mehr.“ Zwei Tage habe sie durchgeheult. Und auch ihre Familie sei völlig durch den Wind gewesen.

Zum aktuellen Zeitpunkt hat Svenja zwölf Entzündungsherde im Gehirn und fünf weitere in der Wirbelsäule. Bei dem Gedanken daran läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Wie muss sich dann erst Svenja fühlen?
„Manchmal vergesse ich total viel“, berichtet sie mir von den Symptomen ihrer Krankheit, „ich darf mich weder körperlicher Anstrengung noch Stress aussetzen. Zeitweise habe ich schlimme Schlafstörungen. Tatsächlich komme ich mir manchmal wie eine 80-Jährige vor.“ Zur Demonstration hebt sie ihre linke Hand – „ich denke nicht, dass das Zittern nochmal weggeht.“

Anfang September beginnt die Speyererin eine Ausbildung zur Erzieherin. Wenn sie darüber spricht, strahlen ihre Augen. „Kinder sind sehr tolerant und verständnisvoll“, sagt sie, „ich erkläre ihnen einfach, wenn ich etwas nicht richtig kann und sie nehmen das so auf. Gleichaltrige und Ältere reagieren dagegen teilweise überfürsorglich.“

Bald beginnt Svenja eine intravenöse Therapie mit einem neuen Medikament, das sehr vielversprechend ist. Viele MS-Patienten fühlen sich damit wie neu geboren, erzählt sie mir. In ihrer Stimme liegt Hoffnung.
Ihr erklärtes Ziel ist es, nicht im Rollstuhl zu landen. Stattdessen möchte sie ihre Ausbildung erfolgreich abschließen und so lange wie nur möglich in ihrem Beruf tätig sein. Außerdem wünscht sie sich ein eigenes Auto, um unabhängig zu sein. Und später einmal hätte sie gerne eine eigenes Haus und Kinder.

Die Wünsche und Sehnsüchte einer ganz normalen jungen Frau, denke ich bei mir. Und doch ist Svenja so viel mehr: Nach dem starken Schub im April 2013 hat sie innerhalb von einer Woche wieder gehen gelernt; ihr Lebensmotto „Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest“ ist während unseres Gesprächs so spürbar, als schwebe es in leuchtenden Lettern zwischen uns.

Wirkt auf den ersten Blick blass und zerbrechlich: Doch Svenja blickt optimistisch in ihre Zukunft (Foto: privat)

Wirkt auf den ersten Blick blass und zerbrechlich: Doch Svenja blickt optimistisch in ihre Zukunft (Foto: privat)

„Ich sehe meine Krankheit nicht als Strafe, sondern als Aufgabe“, erklärt sie mir. Sie möchte über ihre Erkrankung sprechen und anderen in derselben Situation helfen. Deshalb hat sie eine Gruppe auf Facebook gegründet: MS-JUGEND Speyer & Umgebung. „Als junger Mensch tappt man mit MS völlig im Dunkeln. Ich will nicht, dass das irgendjemand alleine durchstehen muss“, so Svenja.

Als ich nach Hause fahre, ist mein Kopf randvoll mit Gedanken. Es ist erstaunlich, wie optimistisch Svenja in ihre Zukunft sieht, wie sie all das, was sie mit ihren 22 Jahren schon mitgemacht hat, verkraftet, all das Negative in Positives umwandelt und dabei nicht zuletzt an andere denkt.

Wenn ich ehrlich bin, hat mir vieles von dem, was sie von ihrer Krankheit berichtet hat, Angst eingejagt. Und trotzdem ist sich Svenja sicher: „Krebs wäre um einiges schlimmer gewesen.“

Info:
Jugendliche und junge Erwachsene, die selbst an MS erkrankt sind oder erkrankte Freunde oder Verwandte haben, können sich der Gruppe MS-JUGEND Speyer & Umgebung gerne anschließen. In der Gruppe könnt ihr euch austauschen und gemeinsame Aktivitäten planen.

Vorschau: Svenjas größte Angst war es, an Krebs erkrankt zu sein. Am Dienstag, 23. September berichten wir im Panorama über eine Frau, deren Schwester an Krebs gestorben ist.

Teile dies auf:
  •  
  •  
  •  
  •  

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Panorama und verschlagwortet mit , , , , , , , , , , von Tatjana Gartner. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Tatjana Gartner

Jahrgang 1989. Sie ist in Heidelberg geboren und in Speyer aufgewachsen, schloss ihr Germanistik-Studium an der Universität Mannheim 2012 mit dem Bachelor, ihr Medien- und Kommunikationsmanagement-Studium an der SRH Hochschule Calw 2013 mit dem Master ab. Während ihres Studiums absolvierte sie mehrere Praktika, unter anderem bei der Rheinpfalz, dem ZDF und der Deutschen Presse-Agentur. Im Herbst 2010 gründete sie gemeinsam mit Kommilitoninnen an der Universität Mannheim „Face2Face – das Online-Magazin“, das sie bis heute leitet. Sie schreibt am liebsten über spannende Persönlichkeiten und bewegende Schicksale, aber auch „leichte Koste“, wie Tutorials und Tipps und Tricks, zählen zu ihrem Repertoire. Und wenn ein Lifestyle-Thema auf den Prüfstand muss, stellt sie sich auch gerne mal einem Selbstversuch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.