Unsere liebe Welt der Zahlen

Wie sieht das Leben eines durchschnittlichen Deutschen aus? Der „Brockhaus in einem Band“ gibt uns einige Antworten. Etwa 1270 Wochen verschlafen wir. Dann kommen noch 261 Wochen unseres Lebens dazu, die wir alleine fürs Essen aufwenden. 78 Wochen einkaufen, dann 26 Wochen Sitzungszeit auf dem stillen Örtchen. Dazu noch 13 Wochen in der Kneipe, um abzuschalten. So geht es munter weiter und das sind nur ein paar von insgesamt 27 aufgelisteten Werten.

Wuselig: Überall schwirren in unserer Welt Zahlen durch die Gegend (©PIXELIO/Gerd Altmann)

Das Traurige ist, dass diese Zahlen nicht alleine sind. Die gesamte Welt ist voller Zahlen, das Universum scheint sich auf simple mathematische Gleichungen reduzieren zu lassen. Zahlen sind die ultimative Form der Information – unbestechlich, unumstößlich, kurz: die Objektivität schlechthin. Alles wird in Zahlen und Ziffern gepresst, um möglichst seriös zu erscheinen. Da macht es keinen Unterschied, ob wir nun vom Umsatz eines Unternehmens sprechen, von Übernachtungen in einer Ortschaft pro Jahr oder von der Zahl der Opfer eines Erdbebens – alles ist Zahl.

So wird der Wert von Dingen, gar von Menschen auf schlichte Mathematik herunter gerechnet. Wenn mal wieder die Rede von 2,5 Millionen Arbeitslosen ist, dann ist das eine nette Information. Was dahinter steckt, welche menschlichen Schicksale, welche Gründe für die erfolglose Suche nach Beschäftigung, das wird einfach weggelassen. Dabei werden keine Kosten und Mühen gescheut, um nüchterne Zahlenwerte zu beschaffen. Hochkomplexe mathematische Gleichungen mit zig Variablen stellen die Meister der Zahlen auf, um etwa die voraussichtliche Lebenserwartung zu prognostizieren – der Versicherungsvertreter lässt grüßen.

Den mit Abstand größten Aufwand betreiben wir, um das Wetter zu berechnen. Die Computer, die für die Verarbeitung der Unmengen an Daten benötigt werden, gehören zu den leistungsfähigsten der Welt. Komisch nur, dass nichtsdestotrotz der liebe Wetterbericht aktuell Sonnenschein anpreist, während es vor meiner Haustür in Strömen regnet. Ein Blick nach draußen ist manchmal doch zuverlässiger als ein Blick auf den Bildschirm.

Meiner Meinung nach aber das größte Übel der Zahlenwelt: Die Hochrechnung, die Umfrage – der Mathematiker würde jetzt Stochastik oder Statistik schreien. Auf gut Deutsch ist das alles nichts anderes als Wahrscheinlichkeitsrechnung und schon zu Schulzeiten hatte ich immer das Gefühl, dass es wirklich vom Zufall abhängt, ob man bei solchen Aufgaben die richtige Lösung rausbekommt. Insbesondere bei der Stochastik merkt man, dass Zahlen nicht immer die Wirklichkeit abbilden können. Ein Beispiel: Hier in München wird zurzeit über eine weitere, dritte Startbahn des „Flughafen Franz-Josef-Strauß“ diskutiert. Sollen wir hektarweise Natur vernichten und die Anwohner durch noch mehr Flugzeuge terrorisieren? Oder doch lieber auf einen gigantischen Wirtschafts- und Jobmotor verzichten?

Jetzt könnten wir ja einfach mal die Leute fragen, was sie wollen. Doch gerade hier liegt das Problem. Fragen wir die Anwohner, dann sagen sie mit Sicherheit: „Nie und nimmer, nicht mit uns.“ Fragen wir Hotelbesitzer und Reiseführer in der City, dann schreien alle unisono: „Her mit der dritten Startbahn!“ Eine Umfrage gestaltet sich hier schwierig. Aber selbst alle zusammen in Form eines Bürgerentscheids zu befragen ist problematisch, denn es zählt ja das absolute Ergebnis, das heißt, wie viele von allen sind dafür und wie viele von allen dagegen. Nur blöd, dass in der Stadt selbst viel mehr Leute leben, die zustimmen können, als es Anwohner im Umfeld des Flughafens gibt, die protestieren könnten. Ich bin zwar kein Politologe und in den allermeisten Fällen funktioniert das demokratische Prinzip ja einwandfrei. Aber trotzdem macht das Beispiel eines klar: Zahlen sind nicht immer glasklar und eben nicht immer so konkret wie wir das gerne hätten.

Und abgesehen davon, dass selbst Zahlen nicht absolut objektiv sein können: Muss denn überhaupt alles sachlich sein? Im Falle der Politik oder auch der Wirtschaft ist klar, dass so viel Objektivität wie nur möglich gut ist. Aber im normalen Leben – muss da alles von Zahlen wimmeln? Muss alles in Tabellen und Daten gepresst werden? Was ist mit Erfahrungen und persönlichen Eindrücken?

Entspannend: Ein Tag am Strand unter Palmen (Foto: T. Gartner)

Ein Tag am Strand, das ist doch für fast jeden herrlich, richtig? Gut. Ein Tag am Strand, das heißt 26,7 °C im Schatten, 14 Sonnenstunden bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von exakt 57,5 %, mehr als 500 Kilokalorien in Form von Eis und Cocktails, 134 Milliliter Sonnenmilch pro Person. Das macht bei geschätzten 400 Strandbesuchern 50,92 Liter verbrauchte Sonnenmilch, denn 5 % der Leute am Strand sind unglaublich cool und finden Sonnencreme doof. Ein Tag am Strand eben. – Ein Tag am Strand kann aber auch so aussehen: Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel. Das sanfte Rauschen der Wellen und das Rascheln der Palmen in der zarten Meeresbrise; dazu der Duft von Salzwasser und Kokosnüssen. Der Sand, der unter jedem Schritt nachgibt, dazu ein leckerer Obstsalat aus Mango, Ananas und Papaya. Herrlich.

Welcher Tag am Strand ist nun der schönere? Auch wenn sämtliche Zahlen in diesem Abschnitt frei erfunden sind, weiß ich genau, welche Variante mir besser gefällt.

Zahlen sind schön und gut, können uns das Leben erleichtern und uns tatsächlich helfen. Trotzdem sollte man Zahlen gegenüber immer misstrauisch sein und sie nicht als Lichtgestalten der puren Sachlichkeit sehen. Und manchmal ist es einfach nur entspannend auf alle Objektivität zu verzichten und seinen Sinnen zu folgen. Das Leben kann gerade ohne Zahlen richtig Spaß machen.

Vorschau: Nächste Woche folgt ein kurzer Bericht über einen Wettbewerb der Zeitschrift “Cupcake Heaven”.

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