„Wir sollten uns gute Kleidung wert sein“ – Ein Interview mit Daniela Uhrich, der Gründerin des „Lady-Blogs“

Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit in Medienlinguistik, liest gerne vier Bücher gleichzeitig und hilft nebenbei in Stilfragen aus: Daniela Uhrich beschäftigt sich auf dem „Lady-Blog” mit Fragen rund um Kunst, Kultur, Etikette, Reisen und Mode. Eine Bloggerin außerhalb des Mainstreams – Face2Face hat mit ihr über Modeerscheinungen, Stil und ihre Lieblingsdesigner gesprochen.

Hat ihren Stil gefunden: Daniela Uhrich (Foto: Uhrich)

Face2Face: Wie kamen Sie auf die Idee den „Lady-Blog“, eine Seite für modeinteressierte junge Frauen zu gründen?
Uhrich:
Der „Lady-Blog” wurde im Februar 2010 gegründet. Ich habe damals im Rahmen eines Praktikums zum ersten Mal gebloggt und hatte viel Spaß dabei. Schon nach kurzer Recherche stellte ich fest: Es gibt zwar jede Menge Stilblogs für Männer – wie der Gentleman-Blog, den ein Bekannter von mir gegründet hat – aber keinen Blog, der Stil- und Kniggethemen für die Frau behandelt. Anscheinend begeistern sich Männer stärker für klassische Themen wie einen maßgeschneiderten Anzug, eine hochwertige Uhr oder den Genuss eines guten Weines. Ich biete nun allen Frauen mit Stil eine Alternative zu den üblichen Modeblogs an.

Face2Face: Sie behandeln oft die Frage, was Stil denn nun sei – haben Sie bereits eine Antwort gefunden?
Uhrich:
Georgio Armani sagte einst: „Der Stil ist der Mode überlegen. Er läßt sich von der Mode anregen und greift ihre Ideen auf, ohne sie ganz zu übernehmen. Niemand mit Stilbewußtsein würde seine Art, sich zu kleiden, nur um der Mode willen radikal ändern. Was Stil von Mode unterscheidet, ist die Qualität.”

In diesem Zitat steckt viel Wahres: Eine Lady hat ihren eigenen Stil – nennen wir es Geschmack – und lässt sich nichts von der Mode diktieren. Sie greift sich Teile der aktuellen Mode heraus und kombiniert sie mit Klassikern. Eine ganz entschiedene Rolle spielt die Qualität: Nicht der Preis eines Kleidungsstücks, nicht das Label und nicht das Alter ist entscheidend, sondern die hochwertige Verarbeitung. Vom modischen Aspekt abgesehen, ist eine Frau mit Stil für mich jemand, der die Regeln der Etikette beherrscht. Sie schreit nicht, lästert nicht, hat stets saubere Fingernägel und kennt die Tischmanieren. Und unterschätzen Sie niemals den Einfluss der Körpersprache.

Face2Face: Alle Designer repräsentieren eine eigene Art von Stil. Welchen Modemacher würden Sie Ihre Garderobe entwerfen lassen?
Uhrich:
Ganz klar: Die Kleidung stammt von Dorothee Schumacher, die Schuhe von Salvatore Ferragamo und die Taschen von Kate Spade.

Face2Face: Klassisch-elegant wird oft im selben Atemzug mit spießig-elitär genannt. Stimmt das, oder ist die heutige Wahrnehmung von Polohemd und Co. auf Grund von Stereotypen eine falsche?
Uhrich:
Wird es? Vielleicht liegt es daran, dass elegante Kleidung vor allem im konservativen Milieu eine große Rolle spielt. Dazu kommt, dass klassische und elegante Bekleidung qualitativ hochwertig verarbeitet ist, was in der Regel seinen Preis hat. Ich denke, dass viele erst ab einem gewissen Alter beginnen sich eine zeitlose Garderobe zuzulegen und dann auch bereit sind Geld für gute Kleidung auszugeben. Wer kann es jungen Leuten verdenken, dass sie sich jede Saison für wenig Geld neu bei “H&M” einkleiden. Ich möchte auf meinem Blog jedoch zum Umdenken anregen. Wir sollten uns gute Kleidung wert sein – das sind wir unserem Körper, der Umwelt und den Arbeitern in den Produktionsländern schuldig.

Face2Face: Bunt, grell, schnelllebig und auffällig scheint heutzutage das Motto vieler Bekleidungs- und Kosmetikhersteller zu sein. Sie dagegen stellen auf Ihrem Blog eher dezente und hochwertige Produkte vor und das Echo der Leser ist groß – wie erklären Sie sich diese „Gegenbewegung“?
Uhrich:
Unsere Welt ist bunt, globalisiert und schnelllebig – das gilt nicht nur für Kleidung. Wir suchen darum nach Orientierung, nach Werten und nach Tradition. Dinge, die unsere Großeltern getan, gedacht und getragen haben, gewinnen wieder an Bedeutung, denn sie haben sich bewährt. Ich glaube nicht, dass es eine Gegenbewegung ist – eher ein Umdenken. Die 68er-Generation wollte immer alles anders machen als ihre Eltern. Unsere Generation fragt sich jetzt, ob vielleicht doch nicht alles schlecht war.

Face2Face: Haben Sie modische Vorbilder? Wenn ja, wer darf sich dazu zählen?
Uhrich:
Ein modisches Vorbild ist Audrey Hepburn. Trotz ihrer zierlichen Figur strahlte sie eine Eleganz aus, die nach ihr nur noch wenige Frauen erreicht haben. Ihre Kleidung war niemals overdressed, aber immer très chic: Kleines Schwarzes, enge 7/8-Hosen, Ballerinas, gestreifte Shirts, große Sonnenbrillen.

Vielseitig interessiert: Die Autorin des Lady-Blogs (Foto: Uhrich)

Face2Face: Auf Ihrem Blog geben Sie auch Reisetipps. Welche ist Ihre Lieblingsdestination? Eher Entspannung am Strand oder Kulturprogramm?
Uhrich:
Nachgewiesenermaßen ist man nach einem zweiwöchigen Strandurlaub ein bisschen dümmer als vorher – ich ziehe darum Städtereisen vor, am liebsten verbunden mit einer Rundreise durch das Land. Vor ein paar Jahren habe ich beschlossen, dass ich alle europäischen Großstädte gesehen haben möchte, bevor ich einen Fuß auf afrikanischen, asiatischen oder amerikanischen Boden setze. Zwar ist mir ein New York-Urlaub dazwischengekommen, aber die europäischen Hauptstädte habe ich mittlerweile fast alle besichtigt. Zwei meiner schönsten Reisen gingen übrigens durch die Niederlande und Irland – beides Länder die völlig unterschätzt werden. Und Kopenhagen war die lebenswerteste Stadt, die ich bisher besucht habe. Als nächstes steht eine Rundreise durch England auf dem Programm.

Face2Face: Welcher Künstler, Musiker oder Autor begeistert Sie gerade?
Uhrich:
Schon vor einer Weile habe ich den jungen Künstler Danny Roberts für mich entdeckt und verfolge seitdem täglich die Entwürfe auf seinem Blog. Neben der Lektüre für meine Doktorarbeit liegen auf meinem Nachtschränkchen momentan Jane Austens “Emma” und “Der perfekte Kleiderschrank” von Nina Garcia. Auf dem Sofa lese ich “Connected!” von Nicholas Christakis und unterwegs die Biografie von Joachim Gauck.

Face2Face: Gibt es auch Stil zum kleinen Preis? Zum Beispiel bei “H&M”, “Zara” oder “Mango”?
Uhrich:
Obwohl ich leider immer wieder von “H&M” enttäuscht werde, kann man wohl auch dort gute Kleidung erwerben. Wichtig ist, auf das Etikett zu schauen und nur Kleidung aus natürlichen Materialien wie Baumwolle, Wolle, Leinen oder Seide zu kaufen – auf keinen Fall Polyester. Außerdem würde ich immer den Fusseltest machen: Lassen sich feine Härchen lösen oder ist das Stück schon im Laden voller Fussel von den danebenhängenden Kleidern? Dann weg damit. Vor allem bei “Zara” kann man manchmal richtige Lieblingsstücke entdecken – momentan führen sie beispielsweise ganz zauberhafte Samtblazer. Fündig wird man meines Erachtens auch bei “Benetton” oder “Esprit”.

Face2Face: Was ist für Sie der absolute modische Fauxpas? Und machen Kleider wirklich Leute?
Uhrich: Es gibt einige modische Erscheinungen, die mir nicht gefallen: Wedges beispielsweise oder kurze Hosen über Strumpfhosen. Aber das ist Geschmacksache und kein modischer Fauxpas. Wirklich schlimm sind Plastikkleider, Schuhe, die im Laden nach Chemie riechen, die meisten Kunstledertaschen, verschmutzte Kleidung oder abgetragene Absätze. Das hat für mich nichts mit finanziellen Möglichkeiten zu tun, sondern ist schlichtweg Nachlässigkeit. Und ja: Natürlich machen Kleider Leute. Versetzen Sie sich doch gedanklich mal zurück in ihre Schulzeit und ersetzen sie die Dame mit der Lesebrille, dem Cordblazer, dem Füller und der Ledertasche durch eine gepiercte Frau mit Minirock, Plateauschuhe und klappernde Armreifen.

Vorschau: Nächstes mal erfahrt ihr an dieser Stelle mehr über die junge Designerin Nazli Yigit.

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Ein Gedanke zu “„Wir sollten uns gute Kleidung wert sein“ – Ein Interview mit Daniela Uhrich, der Gründerin des „Lady-Blogs“

  1. Sind gute Fragen dabei ! Ist ein gutes Portal und sehr aufschlussreich. Besonders hat mir das Zitat von Georgio Armani gefallen. Weiter so ;)

    LG Sandra

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