„Wir kämpfen nicht nach Drehbuch!“ – Wrestler „Bernd FUCKING Föhr“ im Interview

Wrestling ist eine Sportart, die in Deutschland mit vielen Vorurteilen belastet ist – etwa, dass der Sport eine komplette Show sei. Face2Face spricht mit „Bernd FUCKING Föhr“, im Interview erzählt der 24-jährige Biologiestudent über seine bisherige Karriere und seine Faszination am Sport und räumt mit Vorurteilen gegenüber der Branche auf.

Face2Face: Wie bist du zum Wrestling gekommen?
Bernd Föhr: Meine Faszination für den Sport begann im Kindesalter. Ich habe mir Wrestlingshows im Fernsehen angesehen und Wrestling-Computerspiele gespielt – so finden inzwischen wohl die meisten Wrestler ihr Interesse am Sport. Mit 16 Jahren habe ich dann ein erstes Schnuppertraining bei „Athletic Club Wrestling“ (kurz: ACW) in Weinheim gemacht und das hat mir damals alles so gut gefallen, dass ich dabei geblieben bin. Meinen ersten Kampf hatte ich dann 2004.

Face2Face: Was reizt dich daran?
Bernd Föhr: Die Wrestlingbranche ist eine ganz eigene Welt, man muss das erlebt haben, um den Reiz voll zu verstehen. Es ist einfach ein grandioses und unvergleichliches Gefühl, in den Ring zu steigen und dabei von Fans bejubelt zu werden. Gerade bei „Westside Xtreme Wrestling“ (kurz: wXw. Anm. d. Red.: Die wXw ist eine deutsche Wrestlingliga) gibt es Stammfans, die tatsächlich jede Show besuchen. Ich freue mich immer, wenn die Leute mich im Ring unterstützen und für mich jubeln. Das ist unheimlich toll – hier entstehen Freundschaften. Man feiert mit den Fans auf Aftershowpartys oder geht einfach mal zusammen in den Pub – da redet man dann natürlich auch über Dinge abseits des Sports. Auch toll: Man lernt Leute aus der ganzen Welt kennen! Ich hatte schon viele internationale Gegner und habe auch schon in einigen Ligen in der Schweiz, in Österreich und sogar in Japan gekämpft.

Face2Face: Wie steht es mit deinen Gegnern im Ring? Herrscht dort pure Konkurrenz, oder gibt es auch hier Freundschaften?
Bernd Föhr
: Im Ring entstehen definitiv Freundschaften. Aber es herrscht auch eine hohe Rivalität, die sich wohl nie ganz abbauen wird. Es kommt vor, dass sich bei einem Turnier zwei Freunde gegenüberstehen, da haben beide natürlich das Ziel, weiterzukommen. Jeder gibt sein Bestes, aber nach dem Match gibt man sich die Hand. Ich habe vor einiger Zeit gegen „Corvus“ gekämpft, das ist ein mexikanisch-amerikanischer Wrestler, zu dem ich eine gute Freundschaft entwickelt habe. In solchen Situationen muss man spontan neue Strategien überlegen, denn der andere weiß ja, wie man kämpft und wie er abzuwehren hat. Ein Kampf gegen einen Fremden ist immer etwas völlig Anderes: Da muss man sich immer erst aneinander herantasten.

Face2Face: Kann man den Sport hauptberuflich betreiben und davon leben?
Bernd Föhr: In Deutschland funktioniert das kaum. Wir haben vielleicht zwei oder drei deutsche Wrestler, die den Sport hauptberuflich betreiben. Die meisten betreiben den Sport eher als Hobby. International sieht das aber ganz anders aus: In Japan oder in Amerika kannst du ohne Probleme allein vom Sport leben. Das Problem ist aber immer, dass du durch schwere Verletzungen, die durchaus vorkommen, komplett aus dem Geschäft fliegen kannst. Ein Kumpel von mir hat sich 2010 den fünften Brustwirbel angebrochen. Ein Glück, dass er ohne Querschnittslähmung davongekommen ist! Trotzdem musste er seine Karriere danach beenden. Sein Leben lang kann man natürlich auch nicht im Ring stehen – mit 80 kann keiner mehr kämpfen! Ich selbst will so lange aktiv bleiben, wie es mir mein Körper erlaubt. Wenn es damit vorbei ist, würde ich gerne hinter den Kulissen weitermachen.

Face2Face: Wie unterscheidet sich denn die deutsche Branche von der Wrestlingszene weltweit?
Bernd Föhr
: Der gesamte Wrestlingmarkt in Europa ist eine Independentszene, das heißt, die Ligen bezahlen die Wrestler pro Kampf und es gibt keine festen Verträge. In den letzten Jahren sind gerade in Deutschland viele Ligen kleiner geworden, bankrott gegangen oder ganz ausgestorben. Aber es hat sich auch viel getan: Der Nachwuchs im deutschen Raum ist groß, wir haben für die Zukunft so einiges zu erwarten. Die ganze Branche ist bei uns ziemlich familiär, man kennt die aktiven Leute. Es gab Versuche, Kontakt zu Medien herzustellen, aber so richtig ist das in der Öffentlichkeit nie angekommen. In Japan zum Beispiel sieht das alles ganz anders aus: Wrestling ist dort ein Traditionssport und es gibt viele große und bekannte Ligen. Die Japaner sind so wrestlingbegeistert, dass sie einen eigenen Fernsehsender unterhalten, der den ganzen Tag nur über den Sport berichtet. Vor allem das öffentliche Interesse unterscheidet Deutschland von Ländern wie Japan: Während man sich in Deutschland über ein paar hundert Fans freut, die ein Match besuchen, ist es in Japan nichts besonderes, dass Veranstaltungen in der bekannten „Korakuen Hall“ in Tokio von mehreren tausend Leuten besucht werden.

Face2Face: Wie kommt es, dass in Deutschland so wenig Interesse besteht? Hat Wrestling bei uns ein Imageproblem?
Bernd Föhr: Ich denke, das kann man so sagen. Der Sport ist sehr vorurteilsbelastet, und viele Menschen tun die Matches als reine Show ab – deswegen fehlt wohl das Interesse.

Face2Face: Ist Wrestling denn keine reine Show?
Bernd Föhr: Klar, Entertainment und Fanunterhaltung gehören immer dazu, und wenn du eine Rampensau bist, hast du viele Vorteile. Aber: Wrestling ist mehr als reine Show – wir kämpfen nicht nach Drehbuch! Eigentlich wird gerade bei uns in Deutschland der sportliche Aspekt großgeschrieben. Die Vorurteile kommen wohl vor allem daher, dass bei Wrestling jeder sofort an Fernsehprodukte wie „World Wrestling Entertainment“ (kurz: WWE) denkt. Dort wird viel Wert auf die Geschichten gelegt, die um die Matches herumgesponnen werden. Teilweise ist das alles sehr absurd.

Face2Face: Wie sieht der Alltag eines Wrestlers aus?
Bernd Föhr: Die Tage, an denen Matches abgehalten werden, laufen immer ähnlich ab: Frühmorgens steigt man ins Auto, holt Mitfahrer ab und verbringt dann erstmal eine lange, lange Zeit auf der Autobahn. Es sind oft weite Reisen, die man auf sich nimmt, um irgendwo für zehn bis 15 Minuten vorm Publikum zu stehen. Nach der Show tritt man oft direkt den Rückweg an. Das ist so einer der Flüche der Branche. Ich war schon etliche Male in München oder in Hamburg, ohne etwas von der Stadt gesehen zu haben.
Aber man nimmt natürlich Dinge ins Privatleben mit: Ich habe im Ring gelernt, mich immer und gegenüber jedem respektvoll zu verhalten, akzeptiert man sich dort nicht, kommt es in der Regel sofort zu Streitereien. Diesen Respekt vor anderen habe ich mir auch für meinen privaten Alltag angewöhnt.

Face2Face: Was hast du bisher so alles im Ring erlebt?
Bernd Föhr (lacht): 2006 habe ich gegen einen ziemlich bekannten Holländer gekämpft. Der kam in den Ring und erzählte, wie toll Holland sei, um schließlich die holländische Nationalhymne zu singen. Da das kurz nach der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland war, bin ich raus und habe angefangen, die Fans auf meine Seite zu bringen – einfach, indem ich Fußballlieder gesungen habe. Dem habe ich ganz schön die Show gestohlen.
Und einmal hat mich ein zwei Meter großer Amerikaner von einem Balkon geschmissen. Wir sind aus dem Ring raus, die Treppe hoch und haben auf einem Balkon weitergekämpft. Tja, und da hat der mich dann runtergeworfen. Ich bin etwa drei Meter tiefer in einen Haufen Tische geflogen, das war ziemlich schmerzhaft.
Wirklich toll war auch, als ich zu Anfang meiner Karriere als relativ unerfahrener Kämpfer gegen einen sehr bekannten Amerikaner gekämpft habe. Mit etwas Glück habe ich den Kampf für mich entschieden – und die ganze Halle ist ausgerastet und hat gejubelt. Wenn 300 Leute in der ganze Halle anfangen, für dich zu feiern, vergisst du das nicht – deswegen liebe ich Wrestling.

Wer jetzt Lust hat, sich mal ein Wrestlingmatch anzuschauen: Am Sonntag,  12. Februar kämpft Bernd Föhr in Mannheim in der alten Seilerei, Einlass ist ab 15 Uhr. Karten dafür gibt es hier.

Vorschau: Nächste Woche schreibt Anja über Olympia 2012 – über die Vorbereitungen, über Hoffnungsträger und über London als Olympiastadt.

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Über Johannes Glaser

Jahrgang 1987. Geboren und aufgewachsen in Speyer. 2008 nahm er ein Studium der Germanistik, zunächst mit Nebenfach Geschichte, später dann mit Nebenfach Soziologie in Mannheim auf. Seit 2013 studiert er Kulturanthropologie und Ethnologie in Mainz. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Wirtschaft&Politik-Redaktion bei Face2Face verdingt er sich als Redakteur bei einer Fachzeitschrift, als Pressetexter, Ghostwriter und als Schriftsteller. Geprägt durch Überlegungen radikaler Konstruktivisten und Überlegungen von Robert Anton Wilson zu Semantik und Wahrnehmung interessiert er sich für alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens als Basis diskursiver Sinnstiftung. Skeptisch gegenüber dem Gedanken des Zugangs zu „tieferer Realität“ und „objektiver Wirklichkeit“ begreift er den Politikbetrieb als Manifestation semantischer Realitäten und befasst sich so – bei Face2Face seit April 2011 – nicht nur mit der Tagespolitik selbst, sondern auch mit ihrer medialen Aufarbeitung und entsprechenden Rezeptionspraktiken.

4 Gedanken zu “„Wir kämpfen nicht nach Drehbuch!“ – Wrestler „Bernd FUCKING Föhr“ im Interview

  1. Starkes Interview mit einigen Wahrheiten, die viele Leute nicht sehen wollen wenn es um diesen leider in Deutschland nicht besonders akzeptierten Sport geht.

    Ist die Olympiade nicht die fast vierjährige Pause zwischen den jeweiligen Spielen (Sommer und Sommer sowie Winter und Winter)?
    Und die Spiele selber “Olympische Spiele”?

  2. Das stimmt, die Olympiade ist der Zwischenraum! Da ist meinem Kollegen leider ein kleiner Fehler unterlaufen – ich schreibe über die Olympischen Spiele!
    Vielen Dank für den Hinweis!

  3. Sehr gutes Interview! Ich denke der Sport ist wirklich viel zu unterschätzt …man sollte den Aktiven viel mehr Respekt entgegen bringen!

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