“Rock am Ring” – The next generation

 Teil 1 (Autorin: Selin Güngör)

 25 Jahre hat es schon auf dem Buckel und dieses Jahr wurde es 26 – „Rock am Ring“ ist eines der beliebtesten und größten Festivals in Deutschland. Am vergangenen Wochenende ging es in die nächste Runde und wir von Face2Face waren hautnah mit dabei.

 Mit vielen bunten Ständen, Bumgee-jumping und der Jägermeister Hochseilbar, Massen an Essen, Bier und Musik öffnete der Nürburgring Freitag den 3.6.2011 seine Pforten für zahlreiche Besucher. Nach dem großen 25-jährigen Jubiläum war „Rock am Ring“ laut der offiziellen Homepage nicht ausverkauft. Am Line Up lag es sicherlich nicht, da auch in diesem Jahr wieder Top-Bands am Start waren. Bei der Auswahl dieser Bands spielen Trends definitiv eine entscheidende Rolle und so ist klar, dass letztes Jahr die Klassiker im Bereich Hip Hop und Rock n Roll, dieses Jahr die besten der Genres Hardcore und Pop geehrt wurden.

 „I once smelled a bad smell in my room, and when looking into my PC I found a dead mouse skeleton in it. From that moment on, my friends called me “dead mouse”. But in IRC your nickname can only be eight digits long, so I called myself “deadmau5″, while the 5 means a S. And I just kept it“, erklärt DJ und Entertainer „Deadmau5“ seinen Künstlernamen laut Wikipedia.

 Um ein Uhr morgens ging es los an der Alternastage und zahlreiche Zuhörer waren, nach einem langen, sonnigen Tag immer noch anwesend um ihn zu bestaunen. Die Bühne war riesig und leer, in der Mitte ein gigantisch großer DJ-Pult und jede Menge Monitore für seine Laser-Grafik-Animationsshow. Mit dem ersten Ton, jubelten die Menschen los und ein Mensch unter einem Laken kam zum Vorschein. Es war „Deadmau5“ der zu seinem Thron rannte, seine Mäusemaske aufsetzte, loslegte und über 1000 Partywütige tanzten los. Der Platz an dem wenige Stunden zuvor, Rock und Pop Bands den Staub aufgewirbelt hatten, glich zu diesem Zeitpunkt einer riesigen Open-Air-Disco und jegliche Müdigkeit und Anspannung fiel von den Menschen ab. Neben dem klassischen Progressive und Elektro House den er auflegte, holte er noch einen Liveact auf die Bühne, der mit Dubstepbeats die Bühne rockte. Der Zustand der totalen Befreiung hielt bis halb drei in der Frühe an.

 Der Samstag kam schneller als man wach werden konnte und somit auch schon das nächste Highlight. „Coldplay“ gaben sich und den Zuschauern die Ehre auf der  Centerstage. Nach einer langen Livepause, traten sie das erste Mal wieder in Deutschland auf und verblüfften wie immer alle. Mit einer genialen Lasershow, Luftballons, Schmetterlingen und wunderschöner Musik beglückten sie die Festivalbesucher bis zum Ende und selbst die Regenmassen hielten die Fans nicht davon ab bis zum Ende zu bleiben und gemeinsam zu träumen.

 Die Headliner in diesem Jahr waren „System of a Down“. Das letzte Mal spielten sie vor fünf Jahren in Deutschland. Seitdem war es um die Band still geworden, doch mit ihrem Live-Auftritt am Sonntag zeigten sie, dass sie immer noch gemeinsam auf der Bühne Spaß haben und teilten ihre Freude mit den Ringrockern. Bei keiner Band wurde so viel gesprungen, getanzt, geklatscht, gekrischen wie bei „System of a Down“. Mit ihren berühmtesten und beliebtesten Songs eroberten sie die Herzen zahlreicher neuer, entfachten das Feuer der alten Fans und gaben einem gelungenen Wochenende einen krönenden Abschluss.

 Die Besucher dieses Jahr gingen zufrieden und glücklich nach Hause, so wie auch wir entspannt – stinkend aber strahlend – den Weg in die Heimat antraten.

Teil 2: Liebe und Wahnsinn am Nürburgring (Autor:) Johannes Glaser

 Vier Meter über unseren Köpfen baumelt ein fleischfarbener Salut an Sigmund Freud fröhlich in der Sonne: ein aufblasbarer Gummipenis, der aus der bunten Zeltstadt um uns herum frech heraussticht. Darunter: Wir, etwa 20 Azubis, Schüler und Studenten aus Speyer und Umgebung, bewaffnet mit hunderten Litern Bier, unzähligen Flaschen Schnaps und drei Wasserpfeifen. Grasgeruch liegt in der Luft und eine Bierbong nach der anderen wird verputzt. Der Wahnsinn ist ausgebrochen, und wir sind mittendrin – bei „Rock am Ring“ 2011.

 Das am häufigsten gebrauchte Wort auf Campingplatz B5 ist „EHEC“, wie in „Ich geh jetzt mal aufs Dixi, mir ‘ne Dosis EHEC besorgen.“ Aber Gedanken über den vermeintlichen Killervirus macht sich hier niemand. Alle sind gut gelaunt, ausgelassen und vor allem auch betrunken oder durch ganz andere Substanzen angeheitert. Es gibt kaum Streit, stattdessen herrscht eine fast spürbare Nächstenliebe. Selbst das benachbarte FDP-Camp reagiert gelassen, als irgendjemand die selbstgebastelte FDP-Flagge inklusive Flaggenmast neutralisiert: An Stelle der Flagge hängt dort nun ein nicht weniger provokanter Campingstuhl in luftigen Höhen, mit Klebeband um eine riesige Metallstange gepanzertaped.

 Es ist, als würden alle Leute hier plötzlich ihre Masken fallen lassen, befreit vom Alltagstrott liegen soziale Zwänge und gesellschaftliche Ungleichheiten längst im Straßengrabenurinal, begraben von unzähligen Bierdosen und anderem überkommenem Müll. Würden Hippies die Welt regieren, es könnte kaum anders aussehen.

 Ausgestattet mit vier Paletten Bier á 24 Dosen, drei Flaschen Wein, drei Flaschen „Captain Morgan’s Spiced Gold“ und etwa einem Kilo Shishatabak treibe ich durch ein Leben, das so verrückt ist, dass selbst meine Semesterferien nichts Vergleichbares liefern könnten. Brille und Handy habe ich längst in den Tiefen meines Zeltes verloren, der exzessive Alkoholkonsum und die tägliche Dose Gemüseravioli machen meiner Verdauung ordentlich zu schaffen – geduscht hat hier in letzter Zeit wohl auch kaum jemand. Was unangenehm klingt ist hier Standard und stört nach dem ersten Guten-Morgen-Bier um neun auch keinen mehr. Selbst an den Rändern des Festivals, an denen noch einigermaßen Ordnung herrscht, stört sich keiner am Chaos: Das Absperrband, mit dem eine Freundin ausgesprochen anarchisch die Straßenverkehrsordnung untergräbt, wird nicht etwa abgerissen, es wird gleichermaßen von Rockern wie auch von Securities als Limbolatte zweckentfremdet.

 So plätschern wir in tiefem Frieden fünf Tage lang durch einen einzigen langen und wunderschönen Augenblick, in dem das Gestern und das Morgen zu einer diffusen Parallelwelt verschmelzen, die uns erst in einer weit entfernten Zukunft wieder einholen kann. Solange wir Bier haben, solange wir das Camp haben, solange wir uns haben, kann nichts unseren Frieden stören. Und so erscheint selbst der Trip zum nahegelegenen Konzertgelände müßig, zu harmonisch ist es hier. Es ist kaum denkbar, dass es dort oben an den Bühnen irgendwie besser sein könnte als hier unten.

 Heute, eine halbe Woche später sitze ich wieder in Speyer und ziehe Bilanz: Ich habe viele tolle Konzerte erlebt, insbesondere der Auftritt von „Coldplay“, bei dem sich das Gewitter direkt über unseren Köpfen geradezu psychedelisch anmutend mit der Lightshow und den Nebelmaschinen gepaart hat, ist mir unter die Haut gegangen. Doch war bei weitem keine Band so toll wie das, was auf den Campingplätzen passiert ist: ein fünf Tage andauerndes, wahnsinniges, aber wunderschönes Paradies aus Zelten, Bier und Liebe. Würde man den Gesundheitsaspekt ausblenden, es wäre wohl der perfekte Gesellschaftsentwurf.

Vorschau: Nächste Woche nimmt Johanna das neue Album der “Arctic Monkeys” unter die Lupe.

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